Donnerstag, 13. Februar 2014

About : Schmidt

Mit der deutschen Nachkriegsliteratur ist es so eine Sache. Eine Art Triumvirat – Böll, Grass, Walser – ist im Literaturkanon übrig geblieben, die Gruppe 47 beschäftigt hauptsächlich die Akademiker und der Rest führt mehr oder weniger eine Rand- oder Schattenexistenz.  Von einer relativ lebhaften literarischen Szene, die auch nachfolgende Schriftstellergenerationen mitgeprägt hat, ist im öffentlichen Gedächtnis nicht sehr viel übrig geblieben. Zu  den Autoren, die sich zumindest eine Nische erhalten haben,  zählt  sicher Arno Schmidt, der bis heute auf eine kleine Schar „Eingeweihter“  zählen kann und in den 70er und 80er Jahren bei jungen Intellektuellen – oder solchen, die es gerne sein wollten -   eine Kultfigur war, obwohl – oder weil – er alles dafür tat, keine zu werden.  „Mein Elvis hieß Arno“ beschrieb der Literaturwissenschaftler Kurt Scheel anlässlich des  Schmidt-Jubiläums in der TAZ seine Zeit als Mitglied des „Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikats“.  Junge Männer – die Arno Schmidt-Leserinnen sind deutlich in der Unterzahl -, die den 2 Kilogramm schweren Raubdruck von „Zettels Traum“ durch die Heide trugen und daraus deklamierten.  Schmidt selbst wollte von dererlei Unfug nichts hören und sehen und verweigerte jeden Kontakt. Unfreiwillig waren es die „Anhänger“ Schmidts, die später – nach Schmidts Tod – zusätzlich als Munition dienten, um Schmidt endgültig zu „enttarnen“. Vom „Hätschelkind des Literaturbetriebs“  war in den 80er und 90er Jahren zu lesen, vom „Bornierten Bluffer aus Bargfeld.“  

Arno Schmidt war so etwas wie ein Totalverweigerer, einer, der nicht dazu gehörte und nicht dazu gehören wollte. Als er zum Vorsprechen bei der Gruppe 47 geladen wurde, lehnte er dankend ab („Bin kein Mannequin.“).  Statt Geld von wohlwollenden Spendern anzunehmen, hungerte er lieber – und erwartete selbstverständlich, dass seine Frau Alice dabei unerschütterlich an seiner Seite blieb und ihn unterstützte. Sie tat es. Um sein Haus in Bargfeld, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte, zog er einen hohen Zaun mit einem massiven Tor. Die Bäume und Büsche rund ums Haus wuchsen immer höher. Jan Philipp Reemtsma – Förderer der späten Jahre, Gründer der Arno Schmidt Stiftung, Geisteswissenschaftler und Mäzen – verdankt es vorrangig seiner Hartnäckigkeit, dass er  - nachdem er mehrfach abgeblitzt war – schließlich doch Zutritt zum Haus in Bargfeld erhielt. Dabei hat sicher auch nicht geschadet, dass er sich in seiner Promotion mit Wieland – einem von Schmidts Lieblingsschriftstellern – beschäftigt hat.

Mit dem Erscheinen von „Zettels Traum“  im Jahr 1970 war Schmidt endgültig zum Kult geworden – ein Buch, an dem er zehn Jahre gearbeitet hat und das wohl kaum jemand am Stück und komplett gelesen hat oder haben kann. (Zum 100. Geburtstag liegt jetzt – kaum vorstellbar – erstmals eine Übersetzung ins Englische vor.)  1500 großformatige Seiten, dreispaltig, eine Collage aus Zitaten und Beobachtungen.  Eine Mammutaufgabe. Ein Buch, das gar nicht zum Lesen gedacht ist? „Sie lesen Zettels Traum?“ soll Arno Schmidt einmal gesagt haben. „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“

Hundertzwanzigtausend Schnipsel – kleine, winzige und winzigste Zettel, sortiert nach Stimmungen, Beobachtungen, Orten, Plätzen, Tageszeiten. Momentaufnahmen – fein säuberlich  mit einer Pinzette in Karteikästen sortiert, unzählige  sorgfältig beschriftetete Reiter. 2006, bei der wunderbaren Arno Schmidt-Ausstellung im Marbacher Literaturarchiv, konnte man die Zettelkästen sehen. Schnipsel über Schnipsel. Beindruckend und ein kleines bisschen unheimlich. Ein Wahrnehmungsoverkill. So viel Welt auf engstem Raum.

„Sie hatten Grenzen in sich und um sich gezogen; sie maßen und wogen. – Aber das Maßlose? Das nicht zu Wiegende ? (Da er keine Grenzen in sich fand, haßte er alles, was Grenze und Grenzpfahl war, und wer sie errichtet hatte; die Kugel mehr als die Fläche.“ (Der Rebell)

In seinem Text „Die Umsiedler“ gibt Arno Schmidt eine Momentaufnahme von seiner ersten Schriftstellerstation nach dem zweiten Weltkrieg („Und das ist das sogenannte Existieren, das wir jetzt tun.“) Als Flüchtling aus Schlesien wurde er zunächst in den Rheingau nach Gau-Bickelheim verbracht, wo man sich noch heute (wie im Geburstagsdokumentarfilm auf Arte zu sehen und zu hören war) an den „Faulenzer“ erinnert, der immer auf seiner Schreibmaschine herumhackte, statt sich in den Weinbergen und Äckern nützlich zu machen.  Gau-Bickelheim liegt nicht weit entfernt von dem kleinen Ort, in dem ich lebe  - naheliegend also auch für eine kleine Erkundungstour. Ein harmloses, sehr kleines und eher putziges, heute noch von Landwirtschaft und Weinbau geprägtes Dorf inmitten von Weinbergen – für Arno Schmidt war es ein Graus. Bigotte Bauern, einfachste Unterkunft, allgegenwärtige katholische Devotionalien. Fußball. Für Arno Schmidt der Inbegriff von menschlicher Verblödung: „Hinter uns die Urlaute balltretender Menschheit." (Na ja, Fehler muss der Mensch und also auch der Schriftsteller haben...).

„Als sie dann bei Bingen vom Rhein abbogen, wurden Gesichter flach und lagen wie die fruchtbare öde ringsum, manchmal trüb, der platte Erdenbach, bucklige Runddörfer, geduckt, dächerwanzig, krötig.“

„Ja, ja in kleinen Nischen standen bunte Marien und Jesusse, Gips mit Ölfarben : drei Mark pro Kitsch, blieben angeblich manchmal in Feuersbrünsten unversehrt, bedauerlicherweise.“

"Die Männer kommen bis Montag in den ‚Römer‘, die Frauen in die ‚Krone‘.
„Der Steg schwankte grau über den Bach, (platte Wolkenlarven trafen sich da über jenem Wiesberg),
Wind schwang die Grasrassel, regsam, ohne Leben.“
"Siehst du sonst noch einen Baum?" und sie wies angewidert zur Binger Chaussee.
"Aber der nimmt doch vom guuden Boden weg", emporte ich ironisch,
dasselbst können doch Runkeln wachsen!"
                                 
Vom Rheingau verschlug es Arno Schmidt nach Darmstadt, wo er sich auch, sagen wir mal, nicht so besonders wohl fühlte. "Lieber tot in der Heide als lebendig in Darmstadt", schrieb er an Helmut Heißenbüttel. 1958 zog er dann schließlich nach Bargfeld, dem Ort der untrennbar mit seinem Namen verknüpft ist und bleiben wird.  In dem Haus, in dem er mit seiner Frau Alice : Alizze bis zu seinem Tod lebte, und  in dessen Garten beider Asche begraben ist. Der Unergründliche, Unbeirrbare, Schroffe, Arbeitswütige, Unbedingte, Maßlose, Asketische („Mein Ideal ein Zimmer ohne Tür mit zwei Fenstern ohne Vorhänge.“- Schlüsseltausch -), vielleicht sogar ein wenig Unheimliche, der im persönlichen Umgang – so berichten die wenigen Menschen, die ihn persönlich kannten – ein zwar sehr dezidierter, aber auch charismatischer und ausgesprochen freundlicher Mensch gewesen sein muss.  Allein sein zurückgezogenes und  kompromissloses Leben, die Symbiose von Leben und Werk bietet Stoff für Mythen und Geschichten, war aber noch häufiger Anlass ihn und sein Werk als gestört, fanatisch, skurril, elitär oder unverständlich abzutun.

Meine Beziehung zu Arno Schmidt ist eher zufällig und punktuell. Bargfeld und die karge Heidelandschaft haben für mich - obwohl ich noch nie dort war - den Zauber eines poetischen Raumes. Ich liebe vor allem die frühen  Texte Arno Schmidts, habe zu vielem, das ihn beschäftigte, überhaupt keinen Bezug oder eine komplett andere Sichtweise, stehe seinem Leben staunend und fasziniert,  häufig verwirrt und verwundert, manchmal ein wenig erschreckt, aber nie gleichgültig gegenüber.  Finde seine Texte provozierend, häufig selbstgefällig,  übers Ziel hinaus, bei aller Modernität manchmal sogar muffig, irritierend, verblüffend komisch und - häufig einfach nur zauberhaft, zart und wahrhaftig. Wer Sprache, wer Literatur liebt und in Deutschland groß geworden ist,  kann an Arno Schmidt nicht vorbei. Oder? Nein, ich glaub das geht nicht.

 „Der Künstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk; im zweiten Fall besieht man sich den defekten Rest besser nicht : man hektokotylisiert ein Bruchstück nach dem andern, und löst sich so langsam auf.“ (Seelandschaft mit Pocahontas)

Eine merkwürdig, kauzige, unnahbare Persönlichkeit. Ein „Wortarbeiter“. Durchdringer. Einzelgänger. Mein liebstes: Seine unfasslich schönen poetischen Beschreibungen von Natur, Stimmungen und Landschaften.

„Das Verlässlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut. Alles andre wechselt und gaukelt.“ (Seelandschaft mit Pocahontas)

In einer ganz frühen Schrift („Der Rebell“) beschreibt Schmidt sich selbst als Kind. Es ist der 23. Dezember, Vorweihnachtstag, und der kleine Junge, der Arno Schmidt einmal war, sitzt in der Küche, beobachtet die Mutter beim Spülen und Kochen und läuft durch den Garten. Er ißt sein Frühstück in der „ganz morgenhellen blanken Küche“. „Die große Sonne war rein gelb und rot aufgegangen und schien durch die gefrorenen Scheiben.“ Die Fenster sind gefroren, der kleine Junge läuft durch den Garten „bis ans flache Ufer eines weiten, gefrorenen Sees, auf dessen Rand die rosige Sonne rollte.“ Er schlendert „behaglich, untätig“ in der Wohnung umher „frei!“. Das Fenster steht offen. „Ein kalter, eisfrischer Morgenwind kam herein und ließ ihn niesen, bis er lachte.“ Es wird Abend, es schneit. „Wohlig baumelte der Mond im wirbelnden Gestiebe.“

Seine Schreibweise: Kein Selbstzweck, sondern Notwendigkeit – der Weg, um den Kern der Dinge zu entbergen, sie zum Sprechen zu bringen. Ein Sich-Verlieren in Gedanken, Assoziationsketten, Sprachspielen und Bildern. Die Begriffe auf sich selbst zurückführen und sich von ihnen mit nehmen lassen. („Herausfinden, wie die Dinge heißen und nicht wie sie genannt werden.“) Ver-rückt werden.  Aufblitzende Wahrheit. Momentaufnahmen. Gedanken- und Wahrnehmungsprotokolle.

„Ein Hund tummelte wild geradeaus. Junge Burschen nahmen allerlei heldische Stellungen ein, vor halbwüchsigen Geliebten.“

Schon die Titel seiner Bücher sind Wort- und Bildcollagen. Rätselhaft und schön. Seelandschaft mit Pocahontas.  Abend mit Goldrand.  Kaff auch Mare Crisium. Aus dem Leben eines Fauns. Kühe in Halbtrauer – ein Titel, der mir als: Sammler schwarzundweißer Kühe und Mitbewohnerin eines schwarzundweißen Kätzchens immer wieder besonders nah. Mit Blick auf den schwarzundweißen Verein des rotundschwarzen Herzens trifft die Halbtrauer zudem sehr präzise einen wunden Kern.

Arno Schmidt war vor allem auch Entdecker und Bewahrer, verdiente seinen äußerst kärglichen Lebensunterhalte als Übersetzer – z.B. der Werke von Edgar Allen Poe, für Alfred Anderschs Radio-nachtprogramm verfasste er Radio-Essays über Herzensautoren  So viele, fast vergessene Dichter und Schriftsteller, die er wieder ins Blickfeld gerückt hat: Fouqué, Wieland, Karl Philipp Moritz, der – wie der große, fast vergessene Hermann Lenz – später in Peter Handke einen weiteren Fürsprecher fand. Texte, Literatur, die als Staffelstab weitergegeben werden.  Karl Mays Landschaften „enttarnt“ er in „Sitara oder der Weg dorthin“ als „eine Landschaft, aus Hintern erbaut.“  Befreites Denken.  „Cooper, Wieland, Jean Paul.Moritzcervantestiekundsoweiter.“

Klammern. Auslassungszeichen. Gedankenstriche.  Doppel : Punkte, die in seinen Texten aus der Satzzeichenschattenexistenz herausgelöst und zum Bedeutungträger erhoben werden (Tatsächlich habe ich selbst schon einmal geträumt, ich sei ein Fragezeichen und einmal, ich sei ein Punkt). Einer, der sich traute, den Dingen ihre inhärente Wahrheit zu entbergen. Von Innen auf das Außen blicken, Sprache zum Sprechen bringen.  Fanatisch, fast besessen. Kartographiert, fotografiert. Wunderschöne, stille, karge Schwarzweiß- Fotos von Bäumen und Wegen, vom Himmel über der Heide.

Seelandschaft mit Pocahontas, meine Lieblings-Arno-Schmidt-Geschichte  –  tatsächlich zum Verrückt werden schön. Es ist nicht die Summertime in Northern Michigan, und es ist nicht Kid Rock, der am See lustige Sachen raucht, allerlei ausprobiert und mit seiner Freundin nackt im Gras liegt. Es sind zwei nicht mehr ganz junge Männer in der Nachkriegszeit, überall noch die Spuren des Krieges, im Herz, im Kopf und auf eine gleichzeitig spießige und verwegene Art voller Lust auf Leben.  Zwei Wochen Urlaub am See, zwischen Schilf und Pension und Nachthimmel. Zwei Männer, zwei Frauen, die sich zufällig finden.  Büro. Schreibmaschinen. Bilder im Kopf wie aus UFA-Filmen der 1950er Jahre.  Der Wirtschaftswunderfreund Ernst nimmt die rundliche Annemarie. Der kluge, aber ziemlich abgebrannte Joachim, der Ich-Erzähler,  wählt die Magere,  Hakennasige, die für drei, vier verzauberte Tage zur indianischen Prinzessin wird. Pocahontas.  Eine Sommerliebesgeschichte,  mit schaukelnden Liebesnächten im Boot, Sternenhimmel, Gewitterregen, Unterwäsche, die auf der Leine im Hotelzimmer trocknet, karierter Bettwäsche, spitzen Knochen, Verschämtheit und Lust. Von fast brutaler Direktheit, voller Zärtlichkeit und Hingabe an den Moment.

„Legt nicht aus : lernt und beschreibt. Zukunftet nicht : seid. Und sterbt ohne Ambitionen : ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser (trotz Lessing!) : aber dieser Sommersee, dieser Dunstpriel, buntkarierte Schatten, der Wespenstich im Unterarm, die bedruckte Mirabellentüte.“ „…allein sein, Seebesitzer…“ „Der Himmel gespickt mit Sternen; ein lachsrotes Ei stand auf dem Horizont; linke Kante verwaschen, unten drin ein schwarzes Ornamentenband: Mondaufgang hinter Pappeln.“ „Der Nebel schmeckte kalt und gut zum Schnaps.“

Arno Schmidt starb 1979 mit 64 Jahren. Am 18. Januar 2014 jährte sich sein Geburtstag zum hundersten Mal.

Nachtrag:
Zur Erinnerung an Arno Schmidt  gibt es bis Mitte des Jahres 2014 allerlei Veranstaltungen – z.B.  eine wissenschaftliche Tagung in Weimar, eine Art Lesetour – u.a. mit Jan Philipp Reemtsma -, die in verschiedenen Städten in Deutschland Station macht, einige Aufführungen von Schmidt-Texten, die fürs Theater bearbeitet worden sind. In Celle startet am 3.Mai eine Ausstellung  „Arno Schmidt. 100“,  gleich um die Ecke, in Bargfeld gibt es – ebenfalls ab Mai – eine Ausstellung mit Arno Schmidt-Fotografien. Übersicht der Veranstaltungen? Hier! 

Kommentare:

  1. Hoho, in Bingen lob ich mir doch den Stefan George, der wirklich die Indianer gemocht hat. So wie im übrigen auch Franz Schubert, dem noch auf dem Sterbelager nach dem 'Lederstrumpf' verlangte. Aber ich schweife ab.

    Schöner facettenreicher Text, liebe Kerstin, dem ich mit Vergnügen durch seine Windungen folge, aber nach wie vor bekennen muss, an eine wirklich belebende Schmidt-Lektüre keine persönliche Erinnerung zu haben, ungeachtet etlicher Versuche. Ich glaube schon, dass man aus dem eng Umgrenzten zu den Sternen kommt, wenn man im Kleinen, Alltäglichen mit Haut und Haaren aufgeht, ohne jegliche Spekulation und auf die Gefahr hin, "in Nacht verloren" zu gehen. Und wer schafft es schon, wie Jean Paul im gleichen Atemzug die Schau des Luftschiffers Gianozzo mit der Perspektive des in die Ackerfurche geduckten Hasen zu realisieren? Beides zusammen ergibt vielleicht den "großen Blick von Nirgendwo" (A-topia?), dem ich im Bargfeld'schen leider niemals begegnen durfte.

    Aber das ist nur eine ganz persönliche Erfahrung und vielleicht auch Unfähigkeit; entscheidend schwerer wiegt die Tatsache, dass es solche Leben gegeben hat.

    Fast unmerklicher Übergang: AUSWÄRTSSIEG übbermorsche!!!

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  2. Ich kann deine Schmidt-Vorbehalte gut nachvollziehen. Je nachdem von welcher Seite man draufschaut, wird das Weite, das man in Schmidt-Texten finden kann, spießig und das Wilde besserwisserisch, vielleicht sogar kleingeistig - nein, das dann doch nicht, obsessiv, ja, das schon. Und doch liegt gerade in diesen Widersprüchen eben auch der Zauber. Dieses ganz bei sich und gleichzeitig in der Welt sein. Ich bin beileibe kein uneingeschränkter Schmidt-Aficionado, (meine Herzensautoren sind weniger verquast), kenne dazu auch viel zu wenig, und doch ist da etwas, das ich liebe und dass ich so nur bei ihm finde.Mir geht es mit Jean Paul übrigens ein bisschen wie dir mit Arno Schmidt - ich kann mich nicht in ihm verlieren. Ich erkenne die Größe, die Abgründe im Grotesken, die Verwegenheit, das verschwiemelt-geist- und gedankenvolle, aber ich kann mich darin nicht verlieren, er macht mich eng statt weit, ungeduldig statt still, er rührt mich und gleichzeitig habe ich das Gefühl, weglaufen zu müssen. Vielleicht sind es zwei Seiten einer Medaille. Arno Schmidt fühlte sich Jean Paul ja verwandt.

    Dank dir sehr für deine Anmerkungen und Gedanken. Auswärtssieg ,-)

    PS: Franz Schubert hat auf dem Sterbebett nach dem Lederstrumpf verlangt? Echt?

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  3. Vielen Dank für deinen tollen Text über Arno Schmidt!
    Seine mäandernde Form wird ihm gerecht und die Zitate sind gut und klug ausgewählt.
    Da ich selbst ein paar Jahre in Bargfeld gewohnt habe, lernte ich auch einige Menschen kennen, die ihn vor allem abseits der Literatur kannten. Er war als freundlich-umgänglich und etwas verschroben bekannt.
    Auf jedenfall werde ich im Frühjahr mal wieder nach Bargfeld reisen.

    P.S.: es heißt Mare Crisium

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  4. Freut mich, dass der Text dir gefällt. Herzlichen Dank für deine Anmerkungen und den Hinweis - Mare Crisium, ja klar, Mensch dabbisch, wird sofort korrigiert. Bargfeld, das Thema hatten wir ja schon einmal. War selbst noch nie da, kenne aber z.B. die Fotos von Arno Schmdt - Ort und Landschaft haben für mich - wie oben geschrieben - einen poetischen Zauber. Ich hoffe sehr, dass ich es in diesem Sommer schaffe hinzukommen. Der Schmidt-Geburtstag und die beiden Ausstellungen wären ein guter Anlass.

    Und nicht zu vergessen: Auswärtssieg (wobei: Schon bei einem Unentschieden wäre fantastisch).

    lgk

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  5. danke fürs näherbringen eines fremden autors. gehört? klar - aber nie näher damit beschäftigt. auswärtssieg passt immer!

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