Sonntag, 1. Dezember 2013

Ohooo, wir waren alle in Bordeaux (Reise-Schnipsel)

Noch bevor der Wecker um halb vier klingelt, bin ich wach. Bordeaux. Heute. Die Tasche ist gepackt. Duschen. Mein Mit-Adler hat mir eine Täschchen  mit Proviant gepackt. Das rheinhessische Hinterland still und dunkel. Um 5 Uhr sitze ich in der S-Bahn Richtung Frankfurt. Mir gegenüber:  Männer in Orange, auf dem Weg zur Arbeit in Kelsterbach.

Wie konnte ich denken, dass ich das Gleis nicht finde, an dem unser Zug abfährt? Überall mehr oder weniger müde, erwartungsfrohe Adler. Nicole, Zoë und Rosa warten schon. Zoë schläft im Stehen. Am Gleiseingang eine Kette Polizisten. Taschenkontrolle. Raus damit. Alles? Alles. „Das ist Unterwäsche.“ Ok. Ich darf passieren. Adlertrupps am Bahnsteig, die meisten in Orange. Plastikkannister mit Äppler. Paletten mit Europaschobbe. Bierkästen. Der Zug wird voll. Und das in jeder Hinsicht.

Am Vierertisch uns gegenüber vier Youngster um die Zwanzig, die schon ordentlich vorgeglüht haben. Auf dem Tisch Äppler und Bierdosen. Gröl. Ohohoho. Kurz hinter Frankfurt entkorken sie die erste Bordeauxflasche. Oopsala. Wie lange werden sie das durchhalten? Diana schaut bei uns vorbei. Bei ihr im Waggon ist Party. Wir knabbern an mitgebrachten Broten. Aaah. Mandarinen habe ich auch dabei. Vielleicht könnte ich mir – statt Mützje - eine auf den Kopf setzen?

Nach dreiviertel der Strecke hätten wir nichts gegen eine kurze Gesangspause, aber der Nachbartisch kennt kein Erbarmen und schon gar keine Ermüdungserscheinungen. Gerade kreist eine Wodkaflasche. Es riecht nach allerlei, was man lieber nicht röche. Ein Adler-Kollege schwankt im Vorbeigehen mächtig in unsere Richtung. Tschschschuulligung. Ok, ok. Alles fein, so lange du uns nicht vollkotzt.

Draußen schält sich allmählich das Licht aus dem Dunkel. Kahle Landschaft. Kurz vor Paris erstaunliche Neuigkeiten vom Nachbartisch. „Im nächsten Abteil – da sitzen Voll-Asos. Was die da in sich rein schütten. Unmöglich.“ Und dazu der Kommentar des Freundes: „Also ich sauf erst so richtig in Bordeaux.“ Ja, dann.

Zwischenstopp in Paris. Mit der Metro vom  Gare du L'Est zum Gare Montparnasse Bienvenue. Mit zehn ist Rosa kein Kind mehr und muss voll bezahlen. Aha. Studiere die Metro-Karte. Port d'Italie. Les Halles. St. Jacques. Kribbeln. Unterirdisch laufen wir treppauftreppab von der U-Bahn-Station zum Bahnhof. Aus allen Gängen schallen Gesänge. Auch wenn keine Adler zu sehen sind, hört man sie. Wir haben noch Zeit bis zum Anschluss-TGV. Krabbeln nach oben. Hinaus. Da ist die Pariser Luft, Luft, Luft. Vor dem Bahnhof werden gerade die Stände für einen Weihnachtsmarkt aufgebaut. Eine kleine französische Fahne weht im Wind. Wir tappern gegenüber in ein kleines Bistro. Deux Cafes crèmes, deux chocolates. Hurra: WLAN-Anschluss. Und dann geht es auch schon weiter.

Ruhe ist die Abwesenheit von Lärm. Im TGV sitzen wir in einem überwiegend mit Franzosen besetzten Abteil. Stille senkt sich über uns und die Welt. Rosa erkundet den Zug. Fanclubs aus Berlin, aus Stuttgart. Ein putziger Berliner Adler, der eigentlich aus Hochheim kommt, macht auf dem Weg vom und zum Bistro immer mal wieder bei uns Halt und unterhält uns mit Lebensweisheiten. Französisch? Ganz einfach. Er hatte Französisch-Leistungskurs. Deswegen weiß ich jetzt auch, was ich sagen muss, wenn mich ein Franzose anspricht und ich ihn nicht verstehe: „En francais chaque phrase est un poèm.“ Die französischen Mitreisenden lächeln gerührt und beifällig.

Ankunft in Bordeaux. Ein altehrwürdiger Bahnhof. Sandstein. Säulen. Der Bahnhofsvorplatz sonnenüberströmt und orange getupft. Unser Hotel, das Au Faisan, liegt hinter einer Baumreihe direkt gegenüber. Das Zimmer ist sauber, klein und schmal, im Bad ist  zwischen Dusche, WC und Waschbecken grade mal so Platz zum Stehen. Voll in Ordnung für eine Nacht. Hohe Fenster und ein winziger Balkon mit Aussicht auf den Bahnhofsvorplatz. Schööön.  Wir hatten Verspätung. Merke jetzt doch, dass ich müde bin. Egal. Ohoho. Schnell etwas Wasser ins Gesicht, warme Stadionklamotten anziehen und dann auf in die Stadt.

Vor hundert Jahren war ich schon einmal in Bordeaux. Erinnere mich an weite Plätze, viel Grün, schöne alte  Häuser. Kleine Bistros. Ja, genau so. Trotz der Kälte stehen überall noch Tische und Stühle vor den Restaurants. Jedes vierte Geschäft scheint ein Friseurladen zu sein.  Ladenbesitzer stehen vor ihren und dann – der ehrwürdige Place de la Victoire mit den Resten der alten Universität.  Baaah. Alles, alles in Orange. Eintracht-Fahnen wehen. Die Stimmung ist entspannt, fröhlich, laut. Musik über Lautsprecher. Ladenbesitzer haben Stände aufgebaut, verkaufen Getränke. Gemischte Trupps  aller Art. Junge, mittelalte, Ältere. Dick, dünn. Fanclubs. Kaum Kinder. Relativ wenig Frauen. „Gruppenfoto, Gruppenfoto.“  Schallt es von überall her. Auch wir machen eins, ei nadierlisch, das muss festgehalten werden. Rosa sorgt überall für Aufmerksamkeit. So klein und schon auswärts dabei. Das kann Nicole gar nicht haben. „Die war schon öfter auswärts als du.“ Ääächt? Cool.

Überall wird gesungen. Ohoho.... Eurobbabogaaal... Oka Nikolov schalalala... Die Sonne scheint bei Tag und Nacht. Erstaunlich genug: Erst war er jung, jetzt ist er alt - der Uwe Bindewald. Und damit die Franzosen, die ja bekanntlich französisch sprechen, auch etwas davon haben, wird das Hurra Hurra den Gegebenheiten angepasst. Von Augenzeugen übermittelter O-Ton eines Gesprächs zwischen zwei Adlern: "Was müsse mer da singe?" "Salut. Ca Va." "Ah so. Da muss ich sehe, dass isch mer des für heut Abend noch druffschaff."


Wir schlendern über den Platz. Das Abendlicht fängt sich zwischen den Gebäuden. Der Himmel ist lila und rot gefärbt. J’ai faim. Zoë a faim. Rosa a faim. Et Nicole aussi. In einem Seitensträßchen finden wir ein Mini-Bistro, hier gibt es Sandwiches und Americaine und Merguez (huhu, Zoë).  Ich esse ein französisches Panini. Lecker. Im Nebenraum singen Eintrachtler. Die Dame hinter dem Tresen ist unglaublich freundlich und flink. Kann gar nicht schnell genug, Sandwiches und Saucisse und Getränke über den Tresen reichen. Das Geschäft ihres Lebens.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden, der Zug zum Stadion formiert sich. Böller knallen. Rote Dampfwolken steigen in den Himmel. Der Place de La Victoire ist jetzt fast menschenleer, übersät von Müll, Flaschen und Scherben. Kein wirklich schöner Anblick.

Wir gehen in etwas Abstand hinter dem Zug her, der zunächst durch eine breite Geschäftsstraße führt.Unten kleine Läden, oben drüber Wohnungen mit ziselierten Balkonbrüstungen. An einigen Balkons sind Deutschlandfahnen befestigt, andere haben rotundschwarze Luftballons aufgehängt. Menschen an den Fenstern. Einige stehen Spalier.Ein Hauch von Rosenmontagszug. Eine elegant gekleidete Französin spricht Nicole an. Sie ist beeindruckt. Merveilleux.  Orange, orange wohin man sieht. Eine kleine grauhaarige Dame huscht, nachdem der Zug vorbei ist, aus ihrer Apotheke und fegt mit einem Besen die Flaschenscherben von ihrem Eingang.

Wir nehmen einen Seitenweg, stoßen dann wieder auf die orangene Adlerkarawane. Sind jetzt ganz vorne und nutzen die Gelegenheit uns noch einmal in einem Hotelbistro aufzuwärmen. Sehr schick und edel. Ein Seminarhotel. Das Foyer verglast, Sessel, gedämpftes Licht. Trinke - na was wohl - eine Orangina. Draußen vor dem Fenster zieht der Eintrachtzug vorbei. Ein Strom, nicht enden wollend.  Immer mehr Adler schwappen ins Foyer herein. Bier her, Bier her. Der distinguierte Kellner ist freundlich, aber man sieht förmlich die Schweißperlen auf seiner Stirn, während er im Akkord Bier in Pappbecher füllt. Six? Vingt et un. Das ist happig. Vielleicht ein Sonderpreis? Scheint aber nicht abzuschrecken, die Scheine fliegen förmlich über den Tresen. Ein kräftiger Eintrachtler drängt sich nach vorne. Une question. Ob ich wohl – une bouteille de Vodka? Non, pas de bouteille, das dann doch nicht. Schnell noch mal zur Toilette, dann drängeln wir uns nach draußen. Zoe und Nicole entdecken im Foyer Christoph Preuß. Meeeensch. Foto? Klar, gerne.

Die Flutlichtmasten des Stadions strahlen schon von fern vor dem schwarzen Nachthimmel. Wir reihen uns ein in den Pulk, der jetzt Richtung Stadion strömt. Vorne ist offensichtlich nur ein Tor geöffnet. Die Menge kommt ins Stocken. Wir stehen. Von hinten drängt es. Alles orange. Salut, ca va – die Frankfurter sind da. Von hinten drängt es nach. Drei schwankende junge Adler sorgen sich um Rosa. Keine Panik, wir passen schon auf. Einer der Jungs erklärt sich zum persönlichen Rosa-Beschützer und blockt die Umstehenden ab. Sehr nett. Wir lachen, aber allmählich wird die Lage dann doch ein wenig mulmig. Vorne tut sich immer noch nix, von hinten drängen immer mehr Eintrachtler nach. Vorne kracht ein Böller. Rauchschwaden. Maaaan. Macht doch auf da vorne.

An den Fenstern immer noch vereinzelte Franzosen. Hinter mir reckt sich eine Faust. Hitler. Schreit es in mein Ohr. Das ist jetzt nicht wahr. Doch, gleich noch einmal, grölend laut und vernehmlich. Hitler. Und gleich hinterher in Richtung Fenster: „Verpiss dich du Fettsack. Hier ist jetzt Deutschland einmarschiert.“  Der Franzose verschwindet rasch hinter den Fensterläden. Rundherum betretene Gesichter. Kann mich im Pulk zwar kaum bewegen, aber trotzdem nicht an mich halten. Dreh  mich um und schaue in ein grinsendes, rotes Gesicht. „Halt dein Maul. Mach halblang.“ Tatsächlich. Er ist still. Pah, sag noch mal einer, ich sei nicht furchteinflößend.

Endlich scheinen die Ordner vorne zu kapieren, dass hier grade was kurz vorm Kippen ist. Sie öffnen die Tore. Der Pulk kommt in Bewegung, es drückt von hinten, wir lehnen uns gegen den Druck, stolpern nach vorn, kommen ins Laufen, hoffentlich geht das gut, noch ein paar Meter, heey, langsam, langsam und dann schwappen wir ins Stadion. Keine Kontrolle, kein nichts. Habe nicht einmal jemandem meine Karte gezeigt. Sie bleibt für den Rest des Abends unbesehen in meiner Hosentasche.


Was für ein schönes, altmodisches Stadion. Wie so vieles hier aus hellem Sandstein. Rundbögen, kleine Treppenaufgänge, aber keine Zeit zum Schauen, hinein in unseren Block. Wow. Die Eintracht Blocks sind schon fast gefüllt. Das halbe Stadion, eine einzige orangene Fläche. Wir drängeln uns durch, suchen unsere Platze, ah da sind sie ja. Block 21. Die Ränge sind sehr flach.  Schalensitze, heute als Stehsitze umfunktioniert. Warum eigentlich? Wenn wir alle unten stehen würden, hätte das doch den gleichen Effekt. Egal, es is wie es, wir stehen lieber unbequem. Unter lautem Jubel schreitet Peter Fischer die Kurve ab. Klatscht. Nimmt den orangenen Schal, das Mützje, die ihm zugeworfen werden. Er geht zurück. In seinem Rücken knallt und dampft es. Fischer zuckt zusammen. Sehe förmlich die Denkblase über seinem Kopf: „Verdaaammt. Menno.“

Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Wir singen „Im Herzen von Europa“. Unser Lied schwebt über dem Stadion. Eintrachtschals. Ein wunderschöner Moment.

Die Mannschaftsaufstellung- Stadionsprecher: Joselu. Wir: Lu -  die Mannschaften laufen ein. Wir werfen die bereitgelegten Choreobänder. Es rieselt rotundschwarz und silbrig. Anpfiff. Die orangene Wand reckt die Hände in die Luft, skandiert Gesänge, klatscht rhythmisch. Es ge eh - SG Eintracht Frankfurt. Schwarz weiß rot, das sind unsere Farben - was angesichts der orangenen Kulisse und der türkis farbenen Trikots einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

Jetzt sind hier keine einzelnen Adler mehr, es ist eine bis ins Detail durchorganisierte Menge. Was für eine grandiose Inszenierung. Alles wie am Strich gezogen. Ich stehe und schaue aufs Spielfeld. Mir wird kalt und fröstelig ums Herz. Hier stehe ich, im Stadion von Girondins Bordeaux. Da unten spielt meine Eintracht. Europa. Endlich. So lange auf diesen Moment gewartet. Ich müsste schweben, fliegen. Versuche zu fühlen, was ich fühle. Und spüre: Nichts. Stehe stumm und starr, will rufen, kann nicht, will nicht mitsingen, die Arme in die Luft strecken.  Sehe diese Wahnsinnskulisse, sehe, was da abgeht, aber ich kann es nicht fühlen. Eintracht. Eintracht, schreit es in mir, und ich fühle mich so fern und vereinzelt wie lange nicht im Stadion. Wir sind nicht hier, um Fußball zu kucken. Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir da sind. Schon ok. The lonely crowd.

Das Spiel ist bescheiden, zumindest so weit ich etwas davon sehe. Kaum, dass wir mal vors gegnerische Tor kommen. Sebi Jung verhungert auf rechts. Rode zirkuliert sinnfrei. Freu mich, dass Kempf spielt. Wunderbar, wie Zambrano ihn absichert, wie Schwegler sich immer mal wieder mit zurückfallen lässt.

Rosa kapituliert irgendwann. Sie sieht nichts und setzt sich hin. Ein kleines, zusammengekauertes, aber tapferes Figürchen mit über den Kopf gezogener Kaputze. Ein grauhaariges Ehepaar – sie mit Eintracht-Bommelmütze, er mit Eintracht-Schal – tut es ihr gleich. Der alte Herr, sicherlich schon siebzig, steigt ab und und zu auf seinen Sitz, um einen Blick aufs Spielfeld zu erhaschen.

Halbzeit. Kine. Michelle. Sabrina. Frank. Birgit. Alle wollte ich anfunken und treffen. Mein Handy streikt. Daraus wird wohl nichts.

Dann doch noch das Tor. Wie eine Explosion, reiße die Arme in die Luft, umarme Nicole, fest, ganz fest. Doch noch. Unser Tor. Die Zentnerlast, die den Jungs da unten vom Herzen gefallen ist, ist bis hier oben zu hören. Wie in einer Woge wird der Jubelknäuel vom Feld zum Block geschwappt, jubelnd in Empfang genommen. Die orangene Wand reckt die Arme. Stehe still. Ein paar Tränen kullern. Wir haben es geschafft.

Rückfahrt in der S-Bahn. Wir stehen eng gequetscht. Eintrachtler zwischen Girondins. Einzelne Gesichter. Eine junge Frau mit Brille. Zwei Adler mit orangenen Mützen und schwarzweißen Schals. Stehe neben einem jungen Mann mit Wuschelkopf, runder Nickelbrille und Girondins-Schal. Wir grinsen uns an. Er zeigt mit dem Daumen nach oben. Am nächsten Halt zwängt sich ein Trupp französischer Teenies in die Bahn. Sie kommen offensichtlich von einer Mottoparty oder einem Flashmob, tragen gestreifte Bademäntel, Pyjamas und Schlafmützen. This old world is a funny place to be. (Woody Guthrie)

Ich lechze nach einem Bier. Kurz vor zwölf. Das Bistro neben unserem Hotel hat  bereits geschlossen. Das glaub ich jetzt nicht. Im Bahnhof ziehen wir uns ein Wasser, eine Cola, eine Orangina für die Nacht. Nicole, Zoe und Rosa drängt es ins Hotel, allein will ich jetzt auch nicht mehr losziehen und so bin ich wahrscheinlich der einzige Adler in ganz Bordeaux, der an diesem Tag keinen Tropfen Alkohol getrunken hat. Sitze auf meinem Hotelbett, schaue auf den Bahnhofsvorplatz, der eben noch leer war und sich merkwürdiger Weise immer mehr füllt. Von fern Eintracht-Gesänge. Knabbere an meinem letzten Proviantbrot. Bin müde und froh und irgendwie auch ein bisschen wehmütig und nachdenklich, alles durcheinander. Hannover on my mind.

Packe mich ins Bett. Die Nacht ist kalt, die Bettdecke  steif, türme alles, was ich an Wolldecken finden kann, oben drauf. Ziehe mir eine Strumpfhose, eine Jacke an. Friere immer noch. Bon nuit. Schlafe.

Überstürzter Aufbruch am Morgen. Muss am Samstag und Sonntag arbeiten und hatte noch am Mittwoch nach einer früheren Rückfahrtmöglichkeit gesucht, aber inzwischen die Hoffnung aufgegeben.  Nix da – Birgit und die Xing-Adler machen es möglich. Um halb acht klingelt mein Handy, dass – Zoë sei Dank – wieder funktioniert. Bin noch im Halbschlaf. Wie was? Birgit ist dran. Los, ab unter die Dusche. Du kannst mit uns mit fahren. Wir wollen los. Arrgs, hilfe, wie was, cool, aber, hey, doch na klar, aufspring, renn, hechel, pack. Achduschreck, mein Portemonnaie is weg. Hilfe. Nein, da ist es ja. Wie komme ich zum Treffpunkt am anderen Ende von Bordeaux. Taxis erst in einer dreiviertel Stunde. Die rettende SMS: Wir kommen und holen dich. Bah, Mensch, echt. Wahnsinn. Um kurz vor halb neun stehe ich vor dem Hotel. Rauchende Adler. Ei guude wie? Und da kommt auch schon der Mini-Bus der Xing-Adler. Hallo, hallo, ich sitze. Wir fahren los, über die Garonne-Brücke. Au revoir, Bordeaux.


Eine bunt gemischte Truppe, Björn und Katharina, Mark, Michael hat seinen Sohn Niklas dabei. Sogar ein befreundeter Clubberer, Olli, ist an Bord und natürlich Birgit, die ich jetzt endlich auch persönlich kennen lerne und doch irgendwie längst kenne. Witzig, cool. Kein Fremdeln, Eintracht verbindet.  So viel zu schwätzen und zu erzählen. So viel erlebt. Mark und Michael haben eine Kerze in der Kathedrale angezündet. Aha, deshalb ist das Tor gestern doch noch gefallen. Die Sonne scheint. Die Landschaft ist schneebedeckt. Das Massif Centrale leuchtet im Sonnenschein.

Gesprächsweise sind wir inzwischen bei Rostock, Kaiserslautern und Reutlingen angelangt, bei Uwe Bein, Jay-Jay Okocha und Jörg Berger, trotzdem führt irgendwann am frühen Nachmittag kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Wir haben uns vergurkt. St. Etienne und Lyon sind nicht ganz unsere Richtung. Alla, macht nix. Dann haben wir ein bisschen länger was von unserer Tour de France. Oder ist das da etwa schon der schiefe Turm von Pisa. Wir könnten vielleicht doch noch über Paris fahren. Oder nochmal zurück nach Bordeaux? Dann könnte Michael auch noch seinen Döner bekommen.

Es dämmert. Es wird dunkel. Wir passieren eine Mautstation. Noch eine. Noch eine. Zwischendurch halten wir an Raststätten. Raucherpause, versorgen uns mit Getränken und Nahrung. Man weiß ja nie. An einem Parkplatz entdecken wir ein winziges schwarzundweißes Kätzchen. Das muss jemand ausgesetzt haben. Es ist tiefschwarze Nacht. Niklas hat eine Taschenlampe dabei. Wir wollen sie aufstöbern, mitnehmen, miezmiez, aber sie taucht nicht wieder auf. Schweren Herzens geben wir die Suche auf. Weiter, weiter.  Der nächste Halt, die nächste Raststätte.  Wohin wir auch kommen, wir sind immer noch in Frankreich. Wie in einer endlosen Zeitschleife. Irgendwann geht das Zeitgefühl verloren. Wo sind wir und warum. Welcher Tag ist heute. Die Stimmung wird immer ausgelassener. Vielleicht sollten wir gleich weiterfahren nach Turin?

Hölderlin ist vor über 200 Jahren zu Fuß und in der Kutsche von Frankfurt nach Bordeaux gereist, um dort eine Stelle als Hauslehrer anzutreten und seine Liebe zur Frankfurter Bankiersgattin Suzette Gontard zu vergessen. Ein halbes Jahr später tauchte er, vom Wahnsinn umnebelt, wieder im Schwäbischen auf. Ganz so ergeht es uns nicht. Um kurz nach Zehn haben wir unseren ersten Zwischenstopp in Bruchsal erreicht. McDo lockt freundlich, danach verteilen wir uns sternförmig. Um 11 sind wir in Stockstadt bei Marc – umsteigen bitte – weiter geht es nach Frankfurt, wo wir Birgit absetzen. Dicke Umarmung. Menschenskinners. Was für eine witzige, schräge Art sich kennen zu lernen. Wie es der Zufall so will, wohnt Micha - wie ich – im Rheinhessischen Hinterland und so lande ich nachts um Eins, knapp 48 Stunden nachdem ich aufgebrochen bin, direkt vor meiner Haustür. Danke, danke!

Die Nacht ist klar, ein überwältigender Sternenhimmel spannt sich über die Welt. Vor der Haustür erwartet mich mein Mit-Adler und drinnen ein kaltes Bier. Endlich.  Bin müde bis zum Anschlag und kann trotzdem nicht aufhören zu erzählen. Stell dir vor.. So viele einzelne Momente, Erlebnisse, Gesichter, Gedanken und Gefühle. Bin froh und weiß ganz sicher, dass es richtig war, dabei gewesen zu sein. Etwas Wichtiges ist mir nebenbei  klar geworden. Wir sind viele  - und viele sind zusammen stark, vor allem dann, wenn jeder dabei auch noch er selbst bleiben kann.




Kommentare:

  1. Allerbesten Dank, liebe Kerstin, jetzt kann ich die beeindruckenden Fotos und Videos, die im Forum verlinkt sind, um einiges plastischer sehen. Und sollte le pauvre Holterling tatsächlich je wahnsinnig gewesen sein, dann war sein Wahnsinn kristallklar, verglichen mit unserer ... hm, was war nochmal das Gegenteil von Wahnsinn? Bestens grüßend - ak aka Matthias

    AntwortenLöschen
  2. Danke für deinen schönen Bericht Kerstin. Kleine Berichtigung: Die Kerze in der Kathedrale haben Micha und ich angezündet - und es hat geholfen. ;-) Das nächste Mal gehts ohne Riss im Raum-Zeit-Kontinuum nach Turin...oder wohin auch immer. ;-) Viele Grüße von einem der Fahrer. Mark :-)

    AntwortenLöschen
  3. Lieber Matthias, selbstverständlich war Hölderlin nicht wahnsinnig. Oder vielleicht doch. Aber egal - lieber so wahnsinnig als anders "normal".

    Heeeey Mark, das ist aber nett - freu mich sehr, dass du hier nicht nur vorbeigeschaut, sondern auch einen Kommentar da gelassen hast. Die Sache mit der Kerze wird sofort korrigiert - Ehre, wem Ehre gebührt ,-) Micha hat schon angekündigt, dass er mir auch noch das Foto schickt. Ja, Turin, Turin, Turin wir fahren nach.... Aber erstmal gewinnen wir gegen Sandhausen und Hoffenheim ,-)

    Einträchtlich, K.

    AntwortenLöschen
  4. Ja, so war es, genau so. Gerade zum zweiten Mal mit Genuss gelesen und mich mal wieder, wie so häufig hier, gefreut über den wunderbaren Ton.

    Im biblischen Alter meine erste Auslandsauswärtstour, gelungen, ob mit oder ohne Umwege.

    Ich freu mich auf viele weitere Begegnungen, schräge oder rechtwinklige, egal.

    Und nach meinem gestrigen Ausflug nach HAN jetzt erst recht:
    EINTRACHT. WIR. IMMER. ALLE.

    Die Sarroise

    AntwortenLöschen
  5. Wann hast du das geschrieben, fleißige Kerstin? Ich hatte zwar drauf gehofft, aber dass du es trotz Arbeitsstreß und Restmüdigkeit schaffst, so einen schönen Bericht zu schreiben, das ist klasse!

    Diese Reise werden wir nicht vergessen, wir haben unsere persönliche kleine Spur hinterlassen, uns in Bordeaux auf unsere Art verewigt. Ich habe ja immer Heimspiel in Frankreich, deswegen war das für mich besonders wichtig. Als Eintrachtfan in meiner zweiten Heimat ein Europapokalspiel miterleben, das musste einfach sein. Und irgendwie ist schon auch Stolz dabei, dass wir Frankfurter so eine Kulisse aufbieten können.

    Bin froh, dass wir diese Reise gemeinsam erlebt haben.

    Nur die Sarroise habe ich immer noch nicht kennengelernt...


    A plus!

    Nicole

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ooch, da bin ich inzwischen ganz zuversichtlich. Muss nur mal meinen Trampelpfad (S-Bahn) verlassen und mit der Straßenbahn anrollen, dann wird das was :-)

      Löschen
  6. Danke für diesen wundervollen, emotionalen und amüsanten Bericht. Durch Nicole und Zoe hab ich schon ein kleinen Einblick bekommen, aber Dein Bericht hier ist einfach der Hammer.
    Ich selber bin nur noch selten im Stadion, aber das hat leider ganz private Gründe und um so schöner ist es, auf diese Weise die Reise nach Bordeaux mitzuerleben :)

    Liebe Grüße von Katja, den Adler im Herzen :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Katja,
      freu mich so sehr, dich hier zu lesen. Du warst mit deinem Herzen, aber auch in unseren Gedanken dabei. Nicole hat mir auf der Fahrt von Frankfurt nach Paris von dir, von euch, von Amelie, von Schalke erzählt und wir haben ganz fest an euch gedacht - ihr wart also mit dabei, ganz sicher! Unbekannterweise eine ganz feste Umarmung und herzliche Adlergrüße, Kerstin

      Löschen
  7. Wir hätten wohl irgendwie tauschen sollen....??
    Ich erprobt von Giesheimern Auswärtsfahrten fuhr im FuFa-Bus für Rentner... **lach**
    Und hatte Angst vor Langeweile.
    Sooo schlimm war es dann doch nicht, aber es gab weder Gesang noch (übermäßigen) Alkohol.
    Doch ebbes Gesang gab es, aber wirklich mäßig...
    Und ich, die anfänglich auch sehr skeptisch war angesichts der orangefarbenen "Verkleidung" fand das Ganze dann doch sehr schön.
    Bzw. ein "Ganzes"...
    Jeder irgendwie mit einer Mütze in Schwarz wäre längst nicht so aufgefallen, finde ich.
    Und ich war auch gleich euphorisiert im Stadion sowie sicher, dass wir gewinnen.
    Letzteres ist meinem eigenen Eintracht-Optimusmus geschuldet und ersteres wohl dem Umstand, dass ich, als der Marsch losging und das dann wohl doch kleine Chaos, damit beschäftigt war meinen Senf und meinen Pineau ins Hotel zu schleppen und so den Marsch verpasst habe.
    Aber es war einfach "geil", wie gestern auf der FuFa-Versammlung alle Nasse lang auch vom Vorstand Axel Hellmann, betont, es war geil mit dem "geilsten Verein der Welt" unterwegs zu sein...
    wib

    AntwortenLöschen
  8. Oh, bitte nehmt ein "s" bei der Nase weg...
    wib

    AntwortenLöschen
  9. "...Wir sind nicht hier, um Fußball zu kucken. Wir sind hier, um zu zeigen, dass wir da sind..."
    Das trifft es ganz gut, ich musste mich auch ab und an zwingen, um dem Spiel zu folgen. Das ist es wohl auch ungefähr, was Herr Bruchhagen in der Ansprache zu seinem 10-jährigen meinte: Wir dürfen nicht vergessen. das das Spiel im Mittelpunkt steht... Bei den vielen Stunden, die wir abdienen, darf aber auch eine solche Feierstunden mal dabei sein. Dieses Spiel hat uns die Mannschaft erstritten, aber wir hatten es uns verdient.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin immer da, um Fußball zu gucken, immer....
      wib

      Löschen
  10. Als ich das erste Mal zur Eintracht ging, stand das Spiel nicht nur im Mittelpunkt - es gab nichts anderes. Die Bratwurst vor dem Spiel einmal ausgenommen.

    Und für mich ist das noch immer so. Das Spiel, das Spiel und nicht anderes als das Spiel. Und die Bratwurst. Heute allerdings erst nach dem Spiel und nicht mehr davor. :-)

    Ich danke dir für den kurzweiligen und interessanten Reise- und Erlebnisbericht, Kerstin. Beim Lesen schwankte ich zwischen "gut, dass ich nicht dabei war" und "da wäre ich gerne dabei gewesen".

    LGvK

    AntwortenLöschen
  11. sehr schön, crashkurs frankreich in achtundvierzg stunden, inklusive ausgesetzter katzen. und owladler hat recht, manchmal, aber nur manchmal ist fußball im rahmen solch einer reise nicht die alleinige hauptsache.

    viele grüße

    beve

    AntwortenLöschen
  12. @Sarroise: So soll es sein, von mir aus auch rund :) Jetzt erst recht. Und heute Abend fangen wir damit an!

    @Nicole: Heeeey....Bin auch sehr froh, dass wir zusammen unterwegs waren – ganz sicher nicht das letzte Mal :) Es war richtig, richtig schön mit euch. Fast sind wir ja schon ein eingespieltes Team - und immer die Extremtouren *g.. Und der Text... ja, irgendwie musste das sein, dann halt in Nachtschicht ,-) Du solltest in deinem nächsten Leben übrigens unbedingt Französin werden, aber nur, wenn du gleichzeitig Adler bleibst :)

    @wib: Vor ein paar Wochen hätte ich auch gesagt – yep, klar, kein Problem, da gewinnen wir. Am Donnerstag war ich mir da nicht sicher, nach der ersten Halbzeit zwei Mal nicht. Was e Glück, dass das Tor dann noch fiel. Nase. Nase. Nase *g. Echt – Hellmann fand es auch am Montag noch geilgeilgeil, obwohl er da schon wusste, was auf die Eintracht zukommt? Ui
    .
    @Kid: Ich hatte viele wunderbare, witzige, herzerwärmende Erlebnisse und Begegnungen und mittendrin auch ein paar sehr merkwürdige, fast schon beklemmende Momente. Fußball war wenig und Eintracht nicht überall. Am Ende bin ich trotzdem einfach nur froh, dass ich dort und dabei war.

    @Owladler: Jaaaaaa. Aber ,-)

    @Beve: Heimspiel für Nicole – Französisch Crash-Kurs für mich ,-) Das Kätzchen hätte ich sehr gerne mitgenommen, es wird die Nacht wohl nicht überlebt haben.

    Als ich als kleines Mädchen das erste Mal im Waldstadion war, war ich überwältigt davon, dass da so viele, vollkommen verschiedene Menschen waren, alle wegen der Eintracht und habe in mein Tagebuch so was wie „Was für ein Erlebnis, unter so vielen fußballbegeisterten Menschen ein Spiel der Eintracht zu sehen.“ geschrieben. Als Studi im F-Block war es cool, dass da so viele unterschiedliche Menschen waren, jeder anders, alle zusammen Eintrachtler – Rentner, Knodderer, Kids, Studenten, Schüler, Ausländer, immer auch ein paar Gästefans. Fand die Orange-Kaos-Aktion vorher überflüssig – war skeptisch, aber hey, von mir aus, ohne mich, aber schon ok. Hinterher macht es mich nachdenklich: Wenn wir unsere Farben tragen, sind wir als Adler unübersehbar, aber wir bleiben erkennbar auch Einzelne. Kappen, Bommelmützen, schwarz, weiß, rotundschwarz, Trikots, neue, alte, unterschiedlichste Shirts, mancher nur mit Eintracht-Schal oder Handschuhen. Im Stadion in Bordeaux war – nach meinem Erleben - in orange alles eins, keine Einzelnen mehr, nur eine anonyme orangene Masse, in der wir alle nebeneinander standen, jeder ganz allein. Ich war selbst überrascht wie mir das im Stadion regelrecht in die Knochen gefahren ist, wie ein Hammer, es hat mich fast erdrückt. Als seien wir als wilder bunter Haufen durch eine Schleuse gegangen und hinterher als uniforme Orangene rausgekommen – zum Glück hat das auch umgekehrt funktioniert, hinterher waren wir wieder der bunte Haufen, der wir sind.

    Freu mich über sehr über eure Anmerkungen und Kommentare – einträchtliche Grüße in alle Richtungen! K.

    AntwortenLöschen
  13. Eintauchen & dabei sein hat sich niemals besser angefühlt, liebe Kerstin! Und danke ist eigentlich ein zu schwaches Wort für diese Mitnahme. Ein grandioser Bericht. Vielen, vielen Dank!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    AntwortenLöschen