Dienstag, 15. Oktober 2013

Rotundschwarze Randgänge: Buchmesse 2013

Früher war ich regelmäßig, seit ein paar Jahren leider überhaupt nicht mehr auf der Buchmesse. Dieses Jahr war ich wild entschlossen, mir die Messe einmal wieder anzuschauen. Während der Fachbesuchertage klappte es dann leider doch nicht. Egal, dann eben am ohnehin fußballfreien Samstag. Wird schon nicht so voll sein. Gesagt, getan. Mit der S-Bahn mache ich mich von Mainz aus auf den Weg, um mich vor Ort mit einer Freundin zu treffen.  

Die Anfahrt ist bei mir ja immer ein eher spezielles Thema und auch der Weg zur Buchmesse gestaltet sich schwieriger als gedacht. In Rüsselsheim ist erst einmal Ende der Fahnenstange.  „Personenschaden“ vermeldet der Zugführer in bestem Bahn-Deutsch. Und wie geht es jetzt für uns weiter?  Bus-Shuttle nach Raunheim, dort dann wieder in die S-Bahn und weiter nach Frankfurt. Oder zumindest so ähnlich. Im Pulk bewegen wir uns treppauf, treppab. Zur Bushaltestelle. Zum Parkplatz vor der Bahnhofshalle. Wieder zurück. Nein, das ist der falsche Bus. Ein Gefährt taucht auf, wird in Sekundenschnelle von den zuvorderst Stehenden geentert, setzt sich proppenvoll in Bewegung.  Wir stehen. Und stehen. Und stehen. Erste Solidargemeinschaften werden gebildet. Wir teilen Pfefferminzdrops und Müsli-Riegel. Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf. Da. Die Meldung von einer jetzt doch wieder fahrenden S-Bahn schwappt durch unsere Gruppe. Kehrtmarsch. Treppe. Bahnsteig. Einsteigen. Was, wenn das nicht stimmt? Wer weiß, wo die S-Bahn uns hinfährt?  Hysterisches Gickeln. Die Türen schließen. Die Heizung qualmt. Wir stehen wie die Heringe und werden immer lustiger. Luft, Luft. Da, endlich ein Ruck geht durch die S-Bahn. Die Spannung steigt ins Unermessliche. In welche Richtung wird sie sich in Bewegung setzen? Yeah.  Lauter Jubel im Waggon. Alles paletti – Frankfurt, wir kommen!

Nur knapp drei Stunden nachdem ich im rheinhessischen Hinterland gestartet bin, erreiche ich die Messe. Hallo, hallo und dann marschieren wir los. Auf der Buchmesse gibt es aus meiner Erfahrung zwei unterschiedliche Strategien: Ganz gezielt einzelne Stände, Verlage und Programmpunkte abarbeiten – oder sich grob orientieren und einfach durch die Gänge treiben lassen. Wir entscheiden uns für letzteres. Natürlich habe ich das eine oder andere im Hinterkopf, dass ich auf jeden Fall gerne sehen möchte – ein paar der ganz großen Verlage, ein paar der ganz kleinen. Hanser, Matthes + Seitz, Galliani, Blumenbar, Wallstein  – wir werden sehen.

Es ist voll, sehr voll an diesem Publikumssamstag, bunt und laut und gleichzeitig irgendwie lautlos. Rollbahnen transportieren die Besucher von Halle zu Halle und Stockwerk zu Stockwerk. Glasdächer. Aussichtsterrassen. Chrom. Wir sind alle am gleichen Ort und wandeln trotzdem jeder in seiner eigenen Welt. Mein erster Eindruck ist verwirrend: Nach all den Vorberichten hatte ich eine überwiegend digitale Messe erwartet, bei der das gedruckte Buch eine eher  untergeordnete Rolle spielt. Das Gegenteil ist der Fall. Bücher sind gegenständlich und gegenwärtig – mehr als noch vor ein paar Jahren. Weniger Schnickschnack, dafür kreative, buchzentrierte Messeaufbauten. Bücherburgen. Bücherpuzzles. Bücherwände. Bücherstapel.  Überall Leseecken.  Lesenischen. Kleine und große Bühnen. Weniger Pracht- und Kunstbände, dafür mehr Buch. Auch ohne übermäßig digitale Präsenz wirkt das alles  frisch und modern. Animierte Screens, das WLAN-Zentrum für Blogger fügen sich nahtlos in die Bücherlandschaft. Ein sehr heterogenes Publikum ist hier unterwegs. Viele Familien, kleine Gruppen, mehr Frauen als Männer, überdurchschnittlich viele junge Leute. Von Krise des Buchmarktes kann zumindest äußerlich keine Rede sein.

Es dauert eine Weile bis ich so eine Art Flow für das Geschehen entwickele und sich  aus dem Gesamtbild einzelne Eindrücke heraus schälen . Beim Schlendern durch die Gänge vermischen sich Gespräche  und Gedanken mit Bildern, Büchern, Menschen,  Erinnerungen, Gedankenfetzen. War das da eben Julie Zeh? Baaah. Schon gleich halb drei. Sind die Stände eigentlich nach einer bestimmten Logik sortiert? Oh, beim Beltz-Verlag  steht ein lebensgroßes Grüffello, mit dem man sich fotografieren lassen kann. Axel Scheffler ist ein wunderbarer Zeichner. Wimmelbücher. Wummelkisten. Hey, du Da. Gibt es eigentlich auch etwas Neues von Philipp Wächter? Beim Ehapa-Verlag hat sich eine  lange Schlange hinter einem Signiertisch gebildet.  Conrad Ferri und Jean-Yves Didier sind – wie ich der Veranstaltungsliste am Stand entnehme -  gerade zu Gast und jetzt weiß ich also auch, dass es ein neues Asterix-Team gibt, das in die Fußstapfen  der großen Uderzo/Goscinny treten will. Der neue „Asterix bei den Pikten“  erscheint Ende Oktober. Mutig.

Wenn ich einen Trend erkenne, dann den zu gemalten und illustrierten Geschichten, wobei dem traditionellen Comic bekanntermaßen ja längst der Rang von der Graphic Novel abgelaufen worden ist.Gezeichnete Romane, die sich häufig mit komplexen Gegenwartsthemen beschäftigen -  Krieg, Demenz,  Depression, Ängste  -  und meistens mit sehr grafischem Strich gezeichnet sind. Auch immer mehr Klassiker gibt es als Graphic Novel. Sind dann ja eigentlich fast so etwas wie gezeichnete Cover-Versionen.  Apropos Bilder: Die Messe ist ohenhin getupft mit - überwiegend jungen - Menschen, die als  Mangafiguren verkleidet sind. Grüne, blaue, rosa Glatthaar-Perücken. Flächig grau, schwarz oder weiß geschminkte Gesichter, Tüll und Rüschen-Kleider, knallbunte Ganzkörperkostüme, Fantasy-Tiere, Schnorchel und Taucherbrillen, schwarze Uniformen, Hörnchen auf dem Kopf, Schleier und Schleifchen.  Eine Inszenierung, bei der alle Akteure unabhängig voneinander agieren. Kein Hey-hallo-du-auch-hier-geiles-Kostüm, sondern autarkes, scheinbar zufälliges  Nebeneinander. Ein über das Messegelände verteilter Flashmob. „Cosplay Gathering“ nennt man – wie ich im Nachhinein gelesen habe – diesen Trend. Auf europäischer Ebene gibt es sogar einen Wettbewerb, bei dem das authentischste Kostüm gekürt wird. Schräg, witzig. Und irgendwie verdammt lost das. In meinem Kopf singt Hank Williams.

„Unverständlichkeit ist im Zeitalter universaler Mediengleichheit eine Art des ästhetischen Widerstandes“, habe ich neulich irgendwo gelesen. Yep, da ist was dran.


Eine  Messe besucht man vor allem deshalb, um Neues zu entdecken und bleibt doch immer auch an bereits Bekanntem hängen, zumindest mir geht das so. Von den Ständen grüßen Lieblingsbücher und Autoren wie gute Freunde, die einen festen Platz im Leben haben und die man überraschend in ungewohntem Zusammenhang trifft. Ach, du auch hier. Freu mich jedes Mal, wenn ich einen entdecke. Da ist Hermann Lenz, der großartige, aber wohl unbekannteste Chronist des vergangenen Jahrhunderts. Dieses Jahr hat sich sein Geburtstag zum  hundertsten Mal gejährt hat und  war doch nur ein regionales Ereignis, z.B. eine Vortragsreihe in der Volkshochschule Künzelsau. Vermutlich hätte es ihn amüsiert.  Immerhin hat der Suhrkamp Verlag zum Jubiläum einen der Eugen-Rapp-Bände  („Neue Zeit“) noch einmal neu als Hardcover aufgelegt.  Auch Georg Büchner feiert in diesem Jahr Jubliäum.  Die äußerst lesenswerte Büchner-Biografie des – inzwischen emeritierten – Mainzer Germanisten Hermann Kurzke fällt aus dem bisherigen Rezeptionsrahmen und eröffnet einen neuen Blick auf einen eher suchenden jungen Künstler.  (Auch die gerade in Darmstadt eröffnete biografische Büchner-Werkschau steht für dieses Jahr noch auf meinem Plan ). Nächstes Jahr steht dann der hunderste Geburtstag von Arno Schmidt ins Haus. Er hat (fast) am gleichen Tag Geburtstag wie Alex Meier und ich muss noch darüber nachdenken, ob das etwas bedeutet und wenn ja, was. Bei Rowohlt rührt mich eine ganze Wand voller „Tschik“, der hochgelobte und erfolgreiche chaotisch-poetische, wunderbar witzige Aufbruchs- und Entwicklungsroman  von Wolfgang Herrndorf. Wie so viele habe auch ich das Buch nach Herrndorfs Tod vor einigen Wochen noch einmal gelesen. "Es war ein toller Sommer, der beste von allen." Was bleibt.

Auf der Bühne im Comic-Forum mosert Leo Fischer, der scheidende Chef-Redakteur der Titanic, über das Caricatura-Museum in Frankfurt. Nie habe da irgendwas geklappt, wenn  man eine gemeinsame Veranstaltung geplant hatte. Und gleich um die Ecke erzählen zwei mir unbekannte Herren auf einer Bühne etwas über den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. „Und das nennen wir heute die Weimarer Klassik.“ So ist das wohl.

Shades of grey war gestern, jetzt ist Sasha Grey – hoho  – in aller Munde (oder ist das ein Anagram?) Ganze  Stellwände voll mit bunt und billig gemachten Pappbänden. Mein lieber Freund Bernd fällt mir ein. „Ich wollt ich hätt‘s geschribb“,  pflegt der mit Blick auf die Millionenumsätze in solchen Fällen zu sagen. Na ja, vielleicht doch lieber nicht. .

Wohl dem Verlag, dessen Autorin kurz vor der Messe mit einem Nobelpreis veredelt wird. Bei  S.Fischer hat sich um die Bücherwand  mit Alice Munro-Bänden eine kleine Traube gebildet, ausschließlich Frauen, was wohl mit der Berichterstattung der letzten Tage zusammen hängt, die für manch männlichen Leser anscheinend nicht ambitioniert genug klingt: Eine sympathische, alte Dame, die neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter am Küchentisch Alltagsgeschichten über Frauen verfasst hat. Auch ein befreundeter Buchhändler berichtet, dass es überwiegend Frauen sind, die in der Folge des Nobelpreises nach Munro fragen. Ich habe noch nie etwas von ihr gelesen und bin gespannt. Jonathan Franzen rückt sie in die Nähe von Tschechow. Wow.  Ein großer Vergleich und eine Reihe, in die  vor vielen Jahren bereits eine andere, inzwischen kaum noch beachtete  große Schriftstellerin gestellt worden ist: Die Neuseeländerin Katherine Mansfield. At the Bay. In a German Pension. Unbedingt mal wieder lesen.

Wohin wir auch gehen, überall scheint irgendwie und irgendwo Reinhold Beckmann zu sein. Wenn man ihn nicht sieht, hört man seine Stimme.  In Halle 3 hat er eben noch ein Interview zum Thema Reinhold Messmer geführt (Der ist in diesem Jahr  70 geworden, oder?).  Um 16 Uhr 30 wird er in eigener Sache im ARD-Forum erwartet.

Der Himmel ist dich bewölkt, ein feiner, nasser Regen fällt, trotzdem zieht es uns jetzt nach draußen. Früher – so erinnere ich mich – war hier draußen befreites Gebiet, eine  Art  mehr oder weniger improvisierter Floh- und Künstlermarkt. Heute ist im Innenraum zwischen den Messehallen eine offizielle Freifläche für Veranstaltungen. Ein Kinderzelt, eine Openair-Bühne. Wortwürfel als Sitzgelegenheiten.  Bänke. Würstchenstände. Coffee to go. Die Wurst, die auf dem Grill liegt, sieht blässlich und wenig verlockend aus, aber sie schmeckt erstaunlich gut und die Currysauce darüber ist heiß und würzig. Eine ellenlange Signierschlange führt ins Zelt. Wer ist dort gerade zu Gast? Guido Maria Kratschmer. Ist das nicht ein Tatort-Kommissar. Nein, ein Modeschöpfer.  Rund um  die Wasserkanäle, die das Freigelände wie Adern durchziehen, unter den Bäumen, auf zierlichen Brücken, drapieren sich Trupps von Cosplayern.

Es wird schon leicht dämmrig. Tarapp tarapp die Zeit wird knapp. Wir wenden uns Richtung Brasilien. Unten in der Halle befindet sich das ARD-Forum mit einer großen Bühne für Interviews und Diskussionsrunden, im Stockwerk darüber befindet sich die Ausstellungsfläche des brasilianischen Ehrengastes. Aus dem brasilianischen Restaurant duftet es verlockend nach Chili und Gewürzen, aber wir hatten ja schon unsere Bratworscht und lassen uns zu keinem weiteren Aufenthalt verlocken.  Weiter, weiter.



Die brasilianische Etage hätte mit etwas gutem Willen auf der letztjährigen Dokumenta auch als Kunstwerk durchgehen können. Labyrinthisch ineinander verschlungene, deckenhohe Rauminstallationen. Textfragmente. Informationsstellwände. Hängematten, in denen Menschen mit Kopfhörern baumeln. Eine Liege- und Leselandschaft aus Kissen und weichen Polstern, wo man ganz entspannt "in embryonaler Haltung" in Büchern schmökern kann. Manch einer nimmt die Entspannung zu wörtlich und ist beim liegenden Lesen sanft entschlummert. Apropos Bücher - wo sind die Überhaupt? Nach einigem Suchen entdecken wir die fast ein bisschen spärlich gefüllten Regale an einer Seitenwand. Wir überlegen, welche brasilianischen Autoren wir überhaupt kennen? Paolo Coelho, den Lieblingsfeind des ARD-Bücherexpperten Denis Scheck. Bernardo Carvahlo, der gerade ein Interview auf der Bühne gibt. A senhora fala portugués? Leider nein. Fernando Pessoa? Nein, der ist Portugiese. Mein Mit-Adler erzählt mir abends noch von Clarice Lispector, einer der Begründerinnen der brasilianischen Moderne, so etwas wie die brasilianische Virginia Woolf. Zwei ihrer Romane und ihre Biografie sind soeben bei Schöffling erschienen. Wenn ich das mal vorher gewusst hätte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Antiquariatsmesse? Internationale Verlage? Zumindest bei der englischen, amerikanischen, spanischen Gegenwartsliteratur hätte ich gerne vorbeigeschaut, aber die Zeit ist einfach zu knapp. Da wir beide beruflich mit dem Thema Bildung befasst sind, entscheiden wir uns,  zumindest noch kurz in der Wissenschaftshalle vorbeischauen. Das „Cyber-Klassenzimmer“ der Zukunft verspricht – so zumindest mein Eindruck – mehr als es hält. Habe neulich über einen Modellversuch an einer Schule gelesen: Tablets mit inhaltlich strukturiertem Lernstoff für die einzelnen Klassenstufen, interaktive Lerngruppen, Projekt-Plattformen, strategische Lern-Apps. Hier sehe ich vor allem Touch Screens zur Darstellung von Lerninhalten. Ja, ganz nett. Möglicherweise habe ich hier aber auch zu flüchtig hingeschaut.

Nebenan erfahre ich, dass  zwei der drei (!) Brüder Boateng  es nicht nur in die Bundesliga, sondern alle zusammen es auch ins Schulbuch geschafft haben.  Das Buch ist (auch) dazu gedacht,  im Unterricht eingesetzt zu werden, um eine "mehr-modulige", auf zwei Wochen angelegte Unterrichtseinheit zum Thema Rassismus, sozialer Absturz und Integration zu begleiten. Die Handbuch-Reihe von Metzler mit Materialien und Aufsätzen zu einzelnen Schriftstellern und Philosophen, schätze ich sehr. Blättere ein wenig. Benjamin. Celan. Mörike. Heine. Kafka. Heidegger. Auch ein Ernst Jünger-Handbuch wird es demnächst geben. Im Komparatistik-Handbuch entdecke ich den einen oder anderen Namen von Bekannten und Freunden. Und  dann haben wir sogar noch eine Begegnung mit einem  Schwarzen Loch.  Im Schäffer-Poeschel-Gesamtverzeichnis 2013 sind die Neuerscheinungen ab Juni 2013 nicht mehr, im Gesamtverzeichnis 2014 noch nicht enthalten.  Schreiben im Niemandsland. Und die Bücher gibt es doch. Um so schlimmer für die Tatsachen.

Gegen sechs Uhr fangen die Hallen an, sich allmählich zu leeren. Es war ohnehin ein trüber, milchiger Tag, unmerklich, fast übergangslos ist das Grau jetzt fast schon in  Dunkelheit übergegangen, hinter den Glasfronten verschwimmt der Ausblick. An den Messeständen eine Art Happy Hour-Stimmung. Gläser klirren. Dort wird eine Flasche Rotwein geöffnet, hier mit Sekt angestoßen.

So vieles, das wir gesehen und noch mehr, das wir verpasst haben.  Bei Galliani hätte ich gerne vorbeigeschaut und vielleicht einen Blick auf Sven Regener erhascht. Aber der ist bestimmt  sowieso schon voll magic mysterymäßig mit Karl Schmidt auf dem Weg ins Fluxi. Den Aufbau-Verlag habe ich zwar gesehen, aber Blumenbar und die „Die Ordnung der Sterne über Como“  verpasst, obwohl das Buch von Monika Ziener – wenn schon nicht den deutschen Buchpreis – dann doch  zumindest den Preis des schönsten Buchtitels dieses Bücherherbstes verdient hätte. Den Historiker Johannes Fried, dessenBuch über Karl, den Großen vor wenigen Wochen erschienen ist, hätte ich gerne auf dem „blauen Sofa“ erlebt, am FAZ-Stand sehr gerne Clemens Meyer (der mit „Im Stein“ auf der Short List für den Deutschen Buchpreis vertreten war) zugehört. Auf die Diskussion  „Katar 2022 – Die WM im Land der Fußballverrückten“ habe ich dagegen gerne verzichtet. Ach so, es ging um Brasilien 2014. Na, dann.  Das ewige Non-Groupie Uschi Obermeyer („Expect nothing“ – sie hat ja so recht), Ulrich Noethen. Uwe Seeler. Rudi Gutendorf. Pepe. Harald Glööckler.  Auch Henryk M. Broder und Wolfgang Niedecken waren da.  Morgen kommt Henni Nachtsheim. Alles ohne uns.

Bepackt mit Literaturbeilagen, Prospekten und voll von Eindrücken treten wir den Heimweg an.  Die Rückfahrt mit der S-Bahn verläuft problemlos. Der ein und die andere der heute am frühen Nachmittag mit Angereisten ist jetzt auch wieder dabei. Mir gegenüber sitzt ein junges, kostümiertes Pärchen. Beide mit weiß geschminkten Gesichtern. Augen mit schwarzem Kajal umrandet. Der junge Mann trägt einen grauen, wie mit Puder überstäubten Anzug, das Mädchen einen gebauschten Tüllrock, Stiefeletten, eine wild aufgebauschte Frisur, in die eine rote Rose gesteckt ist. Bluttropfen im Mundwinkel. „Mangas???“ „Nein, Victorian Punks.“ Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Ich noch nicht ganz ,-)
PS: Dringende Bitte meines Mit-Adlers: „Du darfst in deinem Blog-Eintrag zur Buchmesse nicht vergessen, die  Cooper-Neuübersetzung zu erwähnen.  Und James Agee, „Let us now praise famous man“, das gibt es jetzt endlich auch in deutscher Übersetzung. Und dann natürlich der neu aufgetauchte Roman von Woody...“

Er hat recht - here we go:
James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner, Hanser 2013
James Agee/Walker Evans:  Preisen will ich die großen Männer, Andere Bibliothek 2013
Woody Guthrie: Haus aus Erde, Eichborn 2013

Hiermit sehr gerne erledigt :)

Kommentare:

  1. Sehr schöner Bericht über den Rundgang, das macht Lust, im nächsten Jahr auch mal wieder zur Buchmessezeit nach Frankfurt zu kommen, um die Buchmesse zu besuchen.
    Außerdem sind ja auch noch einige Dinge erwähnt, die den Lesebedarf bei mir ergänzen werden. Zum Beispiel mal wieder Arno Schmidt zu lesen, zu dem ich einen besonderen Bezug habe, da ich mehrere Jahre in Bargfeld wohnte.

    Sehr schön finde ich, dass in diesem Blog die Bandbreite der Themen so weit gespannt ist. DANKE!

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  2. Echt? Du hast in Bargfeld gewohnt – das ist ja ein Ding. Schön da, oder? Einsam, weit, flach. Arno Schmidt, ja!!! Hab mir auch grad die „Seelandschaft mit Pocahontas“ mal wieder nach vorne geholt. Und im Januar zum 100. Geburtstag wird es dann mit Sicherheit hier im Blog auch noch etwas speziell zum Thema Arno Schmidt geben.

    Vor ein paar Jahren gab es eine fast schon überwältigend schöne Schmidt-Ausstellung im Literaturarchiv in Marbach. Warst du da zufällig auch? Hab grad mal gegoogelt und dazu diesen Review in der FAZ gefunden:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ausstellung-arno-schmidt-allerdings-1305097.html

    Freut mich sehr, wenn gerade auch die Randgänge hier im Blog Leser finden. So ist der Blog im Kern ja eigentlich gedacht – liegt aber in der Natur der Eintracht-Sache, dass für anderes nicht so viel Zeit und Platz bleibt, bin da auch immer ein wenig unsicher von wegen Leseerwartung. Das Danke gebe ich deswegen sehr gerne zurück!

    Einträchtlich-schmidtsch, K.

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    1. Du hast mich auf die Idee gebracht, Seelandschaft mit Pocahontas wieder zu lesen. Da ich das Buch nie besessen hatte, bin ich in die hiesige Bibliothek gegangen und habe dort eine neue Ausgabe ausgeliehen, die mit Aquarellen von Felix Scheinberger illustriert ist - eine wirklich wunderbare Ergänzung des Textes.
      In der Marbacher Ausstellung bin ich leider nicht gewesen, aber nach Bargfeld fahre ich immer mal wieder.
      Auch wenn dies zu einem älteren Beitrag gepostet ist, hoffe ich das es noch gelesen wird.

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    2. Hier geht nix verloren ,-)) - schon gar keine Kommentare zu älteren Einträgen, da freue ich mich immer besonders.

      Die Pocahontas-Ausgabe, von der du sprichst, kenne ich nicht, habe mir aber grade mal ein paar Zeichnungen von Scheinberger angeschaut - sehr filigran und gleichzeitig irgendwie widerborstig, schön!! - mal kucken, ob ich irgendwo die Pocahontas-Zeichnungen aufstöbere.

      Arno Schmidt hat ja auch viel fotografiert und irgendwie ist die Landschaft auch in seinen Texten. Fast kommt es mir vor als ob ich schon mal in Bargfeld war. War ich nicht, werde ich aber sicher irgendwann mal nachholen.

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  3. Besonders amüsant ist es, die Textteile zu lesen, in denen Arno Schmidt Begebenheiten aus Bargfeld schildert, wenn man die Personen oder Familien kennt, die in seinen Erzählungen auftauchen, z.B. in "Kaff". Ich glaube allerdings, dass keiner der dortigen Dorfbewohner seine Texte wirklich gelesen hat, da er ansonsten wohl einen sehr schweren Stand gehabt hätte. jJedenfalls waren in der Stadtbücherei von Eldingen, dem Nachbarort, Arno-Schmidt-Bücher dank einer Buchspende der Stiftung zwar zahlreich vertreten, aber nie ausgeliehen.
    Ansonsten ist dort eine sehr schöne verträumte Gegend, viel Landschaft.

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  4. Die Marbacher Ausstellung war wirklich ein stilles Wunder. Und die Bargfelder sollten stolz darauf sein, in so großartigen Werken wie Kaff auftauchen zu dürfen. Die Landschaft da hat er jahrelang gesucht. "Es braucht Männer in Norddeutschland zu leben; that's me" hat er an Alfred Andersch geschrieben. (Wenn ich mich richtig erinnere.) Danke für den schönen Bericht. Wenn Raum und Zeit dafür bleiben: mehr davon. Gruß, C. PS. Celtix kann sich den neuen Asterix nicht so recht vorstellen, beim Teutates!

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  5. "Bücher sind gegenständlich und gegenwärtig" ... da ist so wahr wie schön, meine Gute. Und der Grund warum sich Verkriechen mit Schmidt, Mann & Munro immer so schön, gegenwärtig & traumbehangen anfüllt. Kopfkino der ganz besonderen Art. Vielen Dank, Kerstin!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  6. Ach ja, der Letzte Mohikaner ... hat mich damals in endlose Grübeleien verstrickt, wer wohl schneller sei: der diesseits und jenseits aller Messbarkeit um sein Leben sprintende Schoschone oder 10,0-Armin Hary.

    Depressionen, Ängste... Bei drei Kandidaten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis sind Depressionen die Hauptdarsteller, inklusive des schließlich ausgezeichneten Ungeheuers, das einen müden Orpheus mit der Asche seiner ermüdeten Eurydike am (müden?) Ararat stranden lässt. Oder war's der Ätna? Nö, Empedokles wäre besser gewesen, die eiserne Sandale still rests. Vesuv? Egal, Hauptsache Schichtstufengebirge.

    *Notiz an mich* - Eine Kurze Geschichte der Depression, unbedingt schreiben, sofort, credo quia absurdum.

    She did it again. It was happening again. Wer einmal auf der BuMe neben Derrick gepinkelt hat, während Harry draußen naihrwisstschon, den kann solch schöne und atmosphärisch dichte Schilderung nicht unberührt lassen. Obwohl mittlerweile fast schon unberührbar. Aha, eine Sache wäre noch zu toppen: ich mag weder Coelho noch Scheck. Jedenfalls nicht den Denis.

    Großen Indianergruß - Der Letzte Kadabra. Der Allerletzte.



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  7. @Celtix: Mit diesem Nick hast du jede, aber auch jede Berechtigung dem neuen Asterix zu misstrauen.

    @Fritsch: Mit der Gegenwärtigkeit und Gegenständlichkeit von Büchern ist es vielerorts ja leider nicht mehr so weit her. E-Reader und E-Books mögen praktisch sein (wobei „praktisch“ so ziemlich das letzte Adjektiv ist, das ich mit einem Buch assoziieren würde), aber sie sorgen halt auch dafür, dass Bücher immer weniger da, sondern nur noch „da“ sind. In vielen Wohnungen gibt es schon gar keine Regale mit Büchern mehr, fast fängt es an, dass es schon ein bisschen anrüchig und verschroben ist, wenn man mit "echten" Büchern lebt. Staubfänger. Eine Belastung für die Umwelt. In einer Reihe mit: Du rauchst? Du isst Fleisch? Was willst du denn mit den vielen Büchern? Beim „Projekt Gutenberg“ gibt es einen USB-Stick für 34,99 Euro, auf dem sind 10.000 Autoren mit 30.000 Werken der Weltliteratur vertreten. Von A wie Aischylos bis Z wie Zola. Hilfe… Da zieht sich in mir alles zusammen. Die Abschaffung der Geschichte... aber das ist ein anderes Thema ,-)

    @Kadabra, allerletzter: Vielleicht ist es kein Wunder, dass es in einer Welt, in der es immer mehr Ängste und Schrecken gibt, auch immer mehr Menschen gibt, die Ängste haben und immer mehr Geschichten, die darüber berichten. Auch ich mag Paolo Coelho ebenso wenig wie Denis Scheck – aber mit seinem Urteil liegt der Herr Scheck meistens nicht ganz daneben. Und mit dem Allerletzten ist es so eine Sache. „The Last one now will be later the first.“ Obwohl… wenn ich da an den Mohikaner denke.

    Jetzt muss ich doch mal kucken, ob Harry den Wagen schon vorgefahren hat. Einmal Waldstadion, bitte! Sieg!

    Danke sehr für die bunten Kommentare!

    Einträchtliche Grüße in alle Richtungen, K.

    PS: Beim Stichwort Empedokles fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor einigen Jahren mal gelesen habe, ich glaub, im Hohl-Spiegel. In irgendeinem Stadtheater stand „Der Tod des Empedokles“ auf dem Spielplan. In der örtlichen Tageszeitung wurde aber - nachweislich und echt!! - als Titel „Der Tod des M.P. Dokles“ angekündigt. Der Pressesprecher des Theaters legte – nicht ganz zu Unrecht ,-) - Einspruch ein, die Ankündigung wurde am nächsten Tag korrigiert: „Tod dem Empedokles“. Kommentar des Autors: „Die Aufführung war auch so.“

    PPS: Handgestoppt!

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