Sonntag, 18. August 2013

Klatsche. Klatschen. Am Klatschesten.

Samstag, zwanzig nach Vier. Halbzeit im Spiel der Eintracht gegen Bayern. In mir nagt noch die Wut und der Hader über das nicht gegebene Tor von Alex Meier, trotzdem bin ich froh und erleichtert. Was ich bisher gesehen habe, war ein ganz normales Fußballspiel. Zwar am Ende vermutlich eines von der Art „achtbar aus der Affäre ziehen“ und am Ende mit leeren Händen da stehen, aber mehr, viel mehr  als ich, als viele von uns, sich vor dem Spiel zu erwarten getraut haben. Und wer weiß – vielleicht ist ja sogar noch mehr drin. Ach, was: Vielleicht? Da ist noch mehr drin.

Gerade habe ich kurz mit meinem Mit-Adler telefoniert, der – wie jedes Jahr  gegen die Bayern – konsequenterweise („Muss ich nicht haben.“)   zu Hause geblieben ist. „Die sind heute zu packen“, sagt er. „Wir müssen mehr dafür machen konsequenter drauf gehen. Die kochen auch nur mit Wasser.“  Und: "Das war kein Abseits."

Bin mir ziemlich sicher, dass wir in der zweiten Hälft zulegen werden. Erst mal kompakt und sicher stehen - das war nach den 6 Toren letzte Woche am wichtigsten. Die Bayern kommen lassen, um sie über die Außen/durch schnelle Seitenwechsel zu überraschen.  Leider spielen wir unsere Kontermöglichkeiten nicht konsequent aus, die Bälle kommen häufig unpräzise. Im Spiel Mann gegen Mann ziehen wir in der Vorwärtsbewegung meistens den Kürzeren. Aus der Defensive heraus sieht es besser aus – auch dort werden im Spielaufbau viele erste Bälle verloren, aber es  ist (fast) immer ein Zweiter, ein Dritter da, der den Fehler ausbügelt, den Ball zurückholt. Ein bisschen mehr darf da schon noch kommen.

Jetzt läuft also die zweite Halbzeit. Alex Meier hat vor dem Anpfiff noch einmal kurz Zwiesprache mit Herrn Gagelmann gehalten. Nein. Das. War. Kein. Abseits. Die Bayern spielen jetzt einen gepflegten Triple-Stiefel hereunter, machen nicht mehr als ihrer Auffassung nach nötig. Sie haben das Spiel im Griff. Irgendwann werden  sie das zweite Tor machen.

Aber sie haben die Rechnung ohne uns gemacht. Wir halten  jetzt energischer dagegen. Trapp mit ein, zwei, drei überragenden Reaktionen auf der Linie. Schröck strahlt auf der Sebi Jung-Position eine gehörige Portion Bissigkeit und Aggressivität aus. Alex Meier schaltet sich immer öfter in den Spielaufbau ein, öffnet das Spiel, lange Bälle, Seitenwechsel. Täusche ich mich? Irgendwie scheinen alle in der Halbzeit ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Hebel umgelegt. Warum sollen wir uns eigentlich kleiner machen als wir sind? Hey. Hallo. Wir können es noch. Wir können Fußball spielen, brauchen uns vor nichts und niemandem zu fürchten.  Brust raus, Kopf hoch. 

Auffallendstes äußeres Merkmal: Aus der Abwehr werden die Bälle auf einmal nicht mehr lang nach vorne geschlagen, sondern aus der Gefahrenzone herauskombiniert. Hey, hallo die Herren Bayern.  Wir können auch was mit dem Ball anfangen.  Wir machen uns nicht ins Hemd, bloß weil da Ribery und Müller und Mandzukic auf uns zurollen.

Der Bayern-Block hat während des bisherigen Spiels für Bayern-Verhältnisse auffallend konsequent und lautstark supportet. Es wirkte ein bisschen wie eine Trotzreaktion. Direkt nach dem Anpfiff waren auch einige Transparente entrollt worden, die das Dauerkarten-Aus und die Auf-Ultras-können-wir-verzichten-Haltung des FC Bayern anprangern. Ebenfalls auffallend, dass sie sich dabei ohne groß zu Zaudern an hessischem Liedgut versuchen: Von „Eurobbaabogaal“ über „Rom, London oder Mailand“ bis zu (tatsächlich) „Schwarz und weiß wie Schnee“  (aus dem bei den Bayern so etwas wie „Oheoheohe – hier kommt der FCB“ wird)  - alles dabei. Immerhin lassen sie die Finger von unserer Pipi. Inzwischen sind sie zu „Hey Super Bayern“ übergegangen. Ja, und?

Fängt es in der Kurve an? Oder doch auf dem Platz? Irgendwo entzündet sich der Funke, springt hier hin, da hin und breitet sich aus.  Klatschpappen? Brauchen wir nicht. Unsere Klatschen haben mit unserem Klatschen eines gemeinsam: Sie sind self made. Oheoheohe, schallt der Gesang durchs Rund und dazu ein gleichmäßiges, rhythmisches Stakkato. Klatsch. Klatsch. Immer lauter. Immer mehr Blocks fallen ein. Die Menschen stehen. Eintracht Frankfurt Ohe. Die Klatschwelle rollt. Wird lauter. Gewaltiger.  Klatsch. Klatsch. Klatsch. Wie ein Sog. Es zieht das ganze Stadion mit. Die komplette Gegengerade steht, die Hälfte der Haupttribüne. Oheoheohe. Nur die SGE. Und wir klatschen, klatschen, klatschen die Mannschaft nach vorne. Es ist ein bisschen wie fliegen. Das Klatschen füllt das Stadion, schwappt auf den Platz und wieder zurück, steigt in den Himmel. Macht uns stark, so stark. Und wenn Srdjan Lakic, wenn Taka, wenn Gagelmann, ja, wenn – dann hätten wir einen Punkt im Waldstadion behalten. Mindestens.

Vom Bayern-Block ist jetzt nichts mehr zu hören. Wir haben sie niedergeklatscht. „Super Bayern Super Bayern“, intonieren sie nach dem Abpfiff und es klingt jetzt fast ein bisschen albern. Super Doppel Mega Triple. Ei, von mir aus.

Das Spiel ist aus. Kein Last-Minute-Tor. Kein Elfmeter. Einfach nur verloren. Wir stehen mit leeren Händen da. Kein Grund, zufrieden zu sein. Zwei Spiele, null Punkte, bereits 7 Gegentore – das sieht erstmal nicht gut aus. Und doch: Vor dem Spiel hatte ich mir so etwas wie eine klare Ansage erhofft – und die habe ich bekommen. Nach dem, was ich gestern gesehen habe, wage ich die Prognose: Wir brauchen uns vor dieser Saison nicht zu fürchten. Wir werden diese ersten ungemütlichen Wochen überstehen – erstmal hinten, dann noch eine Weile nicht ganz vorne dabei sein, aber uns Stück für Stück wieder nach oben schieben. Und da ist ja auch noch Europa. Da werden wir schon mitmischen, jetzt, wo wir sogar noch einen Stürmer haben (mal sehen, ob das Einkaufs-Modell „1 aus x“ - möglichst viele Stürmer kaufen und hoffen, dass irgendwann einer davon tatsächlich einschlägt -  am Ende funktioniert.)

Das  Spiel am Samstag war mehr als ein „achtbar aus der Affäre ziehen“. Es war wie die Erneuerung eines Versprechens zwischen uns und der Mannschaft: Das, was wir letztes Jahr erreicht haben, war nicht das Ende – es war ein Anfang. Doch. Echt wahr: Ich freue  mich auf den Weg, der vor uns liegt. Still going strong!

Nachtrag

Zum Abschluss noch einen kleinen Gruß an den Herrn, der beim Anmarsch aufs Stadion hinter uns her gestürmt kam.  Mit  einem „Tschuldigung“ griff er nach Nicoles Unterarm, drückte einen Kuss auf das dort befindliche Adler-Tattoo  und entschwand wieder in der Menge. Ein witziges Intermezzo, ein gutes Omen und kein Zweifel: Oh, ihr Adler nah und fern - irgendwie haben wir wohl alle einen an der Klatsche. Und das ist gut so ,-) 

Kommentare:

  1. Still going strong!
    Das gilt auch für dich!

    Ich konnte das Spiel leider nicht live oder per Stream verfolgen und habe mir deshalb nach alter Sitte das Spiel erst in der Zusammenfassung in der Sportschau angesehen, ohne vorher das Ergebnis zu kennen. Aber selbst dort ist die Stadionstimmung rübergekommen.
    Obwohl die Mannschaft sich deutlich verbessert hat, bin ich immer noch von dem Saisonstart angefressen, hoffe aber auch, dass es noch deutlich besser werden wird.

    Liebe Grüße aus der Diaspora.

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  2. ... sorry das ich es nicht mitbekommen habe...
    gibt´s kein Spieler der Stunde mehr?

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  3. @Mark: Es kann, es muss, es wird besser werden. Und ja, lieber Peter, in diesem Fall habe ich ihn dann - den schwarzen Peter. Habe mit mir gerungen und nicht ganz leichten Herzens entschieden, dass es den SdS in der bisherigen Form nicht mehr geben wird. Das wackelige Umfrage-Tool, die ausführliche Auswertung bei - hoffentlich lange - noch mehr Spielen in dieser Saison ist in der notwendigen zeitlichen Nähe zum Spiel nicht zu schaffen. Freut mich sehr, dass du nachfragst - ich bin am Überlegen, ob aus dem Spieler der Stunde vielleicht der Spieler des Monats wird?!

    Lg von K.

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  4. Die samstägliche Vorstellung lässt hoffen. Und das ist gut so!

    Kleine Schritte nach dem ersten Absturz sind nicht nur nachvollziehbar, sondern auch angebracht.

    Über Deine Performance kann man nur sagen, daß sie immer gut war & ob mit oder ohne SdS immer Sternstunden bleiben werden, Kerstin.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  5. Sorry. Ich bin nach einem 0:1 (eine Niederlage ist eine Niederlage ist eine Niederlage) weit von derart positiven Deutungen entfernt.

    Gegen Bayern kann man praktisch nicht enttäuschen. Selbst wenn man verprügelt wird, dann sind es eben die mega-super-Triple Bayern gwesen. So what. Dennoch war ich die ersten 40 Minuten entsetzt. Das sah nach Pokalspiel eines Viertligisten gegen die Bayern aus. Alle Mann zitternd hinten drin, bei Ballbesitz Befreiungsschlag.

    Ja, das war nach dem Berlin-Desaster halbwegs verständlich. Aber in dieser Form war es mir peinlich. Die 2. Hälfte war erträglicher, weil die Bayern nur verwalteten und wir zart anfingen, Fußball zu spielen. Mehr nicht. Dass wir bei korrekten Pfiffen sogar einen Punkt geklaut hätten, stimmt, wäre nach dem Spielverlauf aber ziemlich bizarr gewesen.

    Nein, ich male nicht schwarz für die Saison. Das Team kann viel mehr und wird es auch noch zeigen. Aber das Bayern-Spiel sollte man jetzt nicht positiv überinterpretieren. Ich glaube auch nicht ernsthaft, dass die Spieler Selbstvertrauen aus einer Niederlage schöpfen. Das müssen sie sich in Aserbaidschan holen.

    Viele Grüße
    Dave Mitchell

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  6. @Fritsch: Schritt für Schritt und dann mal sehen ob wir auf dem Weg ein paar Sterne zu fassen kriegen.

    @Dave Mitchell: Danke für deinen ausführlichen Kommentar – freut mich! Bei der Einschätzung des Spiels sind wir im Übrigen gar nicht sooo weit auseinander. Dass es fußballerisch noch viel, viel Luft nach oben gibt, dass es Scheiße ist, sich über eine Niederlage gegen die ach-so-super-Bayern auch noch freuen zu müssen – alles richtig. Trotzdem: Das – aus meiner Sicht – Wunderbare am Samstag war, dass wir uns während des Spiels gemeinsam wieder aufgerichtet haben. Nach dem Berlin-Desaster war die Mannschaft – und waren wir! - geschockt, fassungslos – kaum einer, der vor dem Spiel nicht das Schlimmste erwartet hätte. Das hat man in der ersten Halbzeit gemerkt, wir waren, nun ja, ziemlich zurückhaltend, peinlich kann ich das nicht finden.

    Nach einer guten halben Stunde fing es an, da haben wir ganz vorsichtig angefangen, uns frei zu spielen, dann das Tor, die Halbzeit und dann: Von Minute zu Minute konnte man (so zumindest mein Eindruck) sehen, wie der Glaube in die Köpfe und Beine auf dem Platz und in den Blocks zurückgekehrt ist. Das Klatschen, das war fast wie eine Teufelsaustreibung, wir haben uns den Frust und die Zweifel weggeklatscht. Ein Wechselspiel zwischen Mannschaft und Stadion. Auf einmal wurden die Bälle nicht mehr hinten raus gedroschen, es wurde kombiniert, im Mittelfeld mehr Raumgewinn, weiter aufgerückt, ansatzweise so etwas wie Druck aufgebaut. Für mich stand das „Huch-es geht ja doch“ und „Mensch, warum haben wir bloß dran gezweifelt, dass wir noch Fußball spielen können“ fast wie in Sprechblasen über den Köpfen. Das war bemerkenswert und für mich ein ziemlich beeindruckendes Erlebnis. Sich die Saison nicht nehmen lassen, bevor sie überhaupt angefangen hat. Darauf kam es an.

    Baku. Wie das kribbelt. Baaaaaaah….

    Einträchtlich-europäisch, K.

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  7. Dave, das wäre mein Kommentar gewesen. :-) Trotzdem schön, Kerstin, was du erlebt und beschrieben hast. Ich habe es allerdings trotz Mitklatschen nicht so empfunden, was auch daran gelegen haben kann, dass ich meinen Platz direkt neben dem Bayern-Block hatte.

    Liebe Grüße

    Kid

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