Donnerstag, 7. März 2013

Spieler der Stunde: Drunter und drüber geschüttelt.

Jetzt wissen wir also endlich auch,  wie es nach einem Spiel in der Kabine der Eintracht zugeht:  Unglaublich trendy und lustig und drunter und drüber. Also ich brauch keinen Harlem Shake, mich schüttelt es manchmal ganz von selbst. Zum Beispiel beim Anblick von Lothar Matthäus, der in der Halbzeit der CL-Spiele verkündet, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf die Wahrheit hat. Ja, ja, die Wahrheit. Mit der ist das so eine Sache.

Bei Licht besehen, wissen wir ziemlich wenig. Wahr oder nicht wahr? Drunter oder drüber? Stay oder go?  Das sind so Fragen. Vielleicht sollten wir ernsthaft noch einmal die Überlegung in Angriff nehmen, dass Eintracht Frankfurt künftig nur noch in der Hinrunde am offiziellen Spielbetrieb teilnimmt und einen entsprechenden Antrag beim DFB stellen. Dann können wir uns jede Menge Aufregung sparen und es bleibt in der Rückrunde ausreichend Zeit, um zu diskutieren, zu kommentieren, sich nach neuen Vereinen umzuschauen, lustige Interviews zu geben, „realistische Chancen“ zu sehen und Perspektiven zu suchen, ein bisschen auf und ab durchs Land zu fahren, Listen zusammen zu stellen und über Abgänge und Neuzugänge für die nächste Saison, pardon: die nächste Hinrunde, zu diskutieren.

Hier ein Streiflicht auf die Wahl zum Spieler der Stunde nach der Heimniederlage gegen Gladbach.

Der SdS hat es tatsächlich geschafft. Er steht der Mannschaft in nichts nach und ist jetzt bereits zum dritten Mal an der 40 Stimmen-Hürde gescheitert – jedesmal ein bisschen deutlicher. Am letzten Wochenende haben sich sage und schreibe 32 Adler an der Wahl zum Spieler der Stunde beteiligt  (wg. nicht auszuschließender Doppelstimmen vielleicht auch noch ein paar weniger) und so ist es also mit der Mannschaft und dem SdS so wie mit dem Herr und seinem Gescherr: Beide tun sich zunehmend schwer. „Adlermüdigkeit“ oder gar „Adlerverdrossenheit“  würde man in der Politik konstatieren, aber das ist natürlich zu starker Tobak. Wir sind jung und entwicklungsfähig. Die Sonne scheint und dann ist sie auch schon wieder weg. Manchmal kann halt alles sehr schnell gehen.

Jedenfalls: Schnell oder langsam. Viel oder wenig: Wahl ist Wahl. Herzlichen Dank an alle, die auch nach Niederlagen helfen, den SdS am Leben zu halten.  Jede Stimme zählt, sie fällt  sogar bei wenigen Stimmen besonders ins Gewicht und es gilt, im Einzelfall zu entscheiden, ob es sich hier möglicherweise um Proteststimmen handelt. Die Wege der Stimmabgeber sind unergründlich und die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Hintergründe. 

Lustigerweise haben – was sehr selten vorkommt - fast  alle Spieler, die auf dem Platz gestanden haben, auch mindestens eine Stimme bekommen. Alle, außer dreien, die dann eben auch besonders auffallen.  Einer davon ist  Srdjan „De“ Lakic, was uns aber nicht weiter wundern sollte, weil wir jetzt ja wissen, dass der Mann gar nicht fit sein kann, weswegen eigentlich Karim Matmour hätte spielen sollen, der aber Magen-Darm hatte, was dann wiederum seinem Trainer auf den Magen geschlagen ist. In der ersten Halbzeit, in der Lakic auf dem Platz stand, hinterließ er einen verwirrenden Eindruck. Er lief hier hin und da hin, war auch oft beim Mann, was aber nicht ins Gewicht fiel, da jede Ahnung körperlicher Präsenz fehlte. Der zweite Spieler ohne Stimme ist Pirmin Schwegler. Möglicherweise sollte damit seine Auffassung, die Eintracht habe in der zweiten Halbzeit die bisher beste Saisonleistung gezeigt, mit Nichtachtung gestraft werden. Der dritte im Bund der Stimmenlosen  ist Stefano Celozzi, der es an zwei Spieltagen geschafft hat, zur personifizierten Systemalternative zu werden.

Jetzt aber zu denen,  die einige spärliche Tropfen aus der Stimm-Gießkanne abbekommen haben. Kevin Trapp hat eine Stimme bekommen, weil er - besonderer Dank an denjenigen, der diese gute Tradition auch in dieser Woche aufrecht erhalten hat -  immer mindestens eine Stimme bekommt und weil er den einen Ball, der auf sein Tor kam und den er halten musste, gehalten hat. Zwei Stimmen für Bastian Oczipka,  die ich nur schwer erklären kann, obwohl eine der Stimmen von mir selbst stammt. Ich glaube, ich habe deshalb für Bastian Oczipka gevotet, weil er  eigentlich das gleiche macht, was er bisher gemacht hat, nur anders. Und weil man ihm das – dialektisch gesehen – nicht übel nehmen kann. 

Seppl Rode wird nächste Woche in Hannover nicht dabei sein, weil er gegen Gladbach seine fünfte gelbe Karte bekommen hat. Außerdem zwei Stimmen bei der Wahl zum SdS. Genauso wie Sebastian Jung, einmal mehr der bessere der beiden Sebastians, der noch viel besser hätte sein können, wenn ihn öfter mal einer von seinen Mitspielern frühzeitig entdeckt hätte, wie er da einsam auf der rechten Seite winkte. Eine Stimme für Stefan Aigner, dessen Kopfball drin hätte sein könnenmüssen, ebenso wie der von Alex  Meier der ebendeshalb eben auch eine Stimme erhalten hat. Insgesamt drei Stimmen für unsere Innenverteidigung, die noch dazu sehr gerecht verteilt sein: Eine für Carlos Zambrano,  bei dem A und O(jemine) einmal mehr sehr dicht nebeneinander lagen, zwei für Bamba Anderson, der sich im Spielverlauf immer mehr und immer wieder nach vorne einschaltete, zeigte, dass er einen feinen Ball spielen kann, und den ich – huch – zwei Mal sogar auf der linken Seite in Strafraumhöhe erspäht habe.  

Und damit wären wir auch schon bei Platz 2, der dieses Mal mit drei Stimmen zu haben war und – wie ich finde – in einer fast anmutigen Geste  an die Mannschaft geht.  Sie haben es versucht in der zweiten Halbzeit, das kann keiner in Abrede stellen und ich wünsche mir sehr, dass dieses klamme und bange Gefühl, dass ich seit letzten Freitag spüre, mich täuscht und unser Kapitän recht behält:  „Die Mannschaft lebt.“ „Wir haben immer noch eine sehr gute Ausgangslage, die schenken wir nicht hier.“   Wären wir ja auch schon blöd, aber im Leben ist halt nichts auszuschließen.

Bei aller Streuung der Stimmen gab es am Ende der Abstimmung einen klaren Sieger, der nicht zufällig ganz vorne steht. 18 und damit 53% der Stimmen für Takashi Inui – den Spieler,  der als einziger am Freitagabend gesprungen ist – nicht  über die 40-Punkte-Hürde, aber im Strafraum über das 11-Meter-gerecht ausgestreckte Bein von Harald  Nordveit.  „Wenn er da fällt, gibt’s en Elfer und des Ding is drin,“ analysierte mein DK-Adlerfreund  messerscharf bereits  Zehntel-Sekunden nach der Situation. Auch Heribert Bruchhagen und Armin Veh und viele andere haben das so gesehen, manch einer hat es bedauert, dass Taka „zu grün“ ist, um sich hinfallen zu lassen, wenn er gefoult wird, „zu brav“, „zu anständig“. Mmh.

Trotzdem war  Inui für mich – und wie ich vermute zumindest auch für 18 andere – am letzten Freitag der Einzige, der die Hoffnung genährt hat, dass wir am Ende vielleicht doch noch einen Punkt aus diesem Spiel mitnehmen können. „Wenn einer heute ein Tor macht, dann Inui“, sprach ich in der Halbzeitpause, fast hätte ich recht behalten. Merkwürdig genug war an diesem Tag kein anderer  unserer technisch versierten Spieler in der Lage, individuelle Akzente zu setzen. Lost in Systemzwang?  Inui war der einzige, der es schaffte, das System (hoho) abzuschütteln. Der wach und mutig wirkte und - klein wie er ist - eine Art Körperspannung ausstrahlte. Der  zu merken schien, dass es nicht reichen würde, den Ball hin und her zu schieben und auf die Lücke oder den Zufall zu hoffen.  Nicht alles ging glatt,  aber er versuchte es, oft auch einmal allein und wenn so etwas wie Überraschung und Spielwitz aufblitzte, dann bei ihm.

So ganz sicher scheint mir im Moment die Sachlage nicht. Aber falls  - also: FALLS - Eintracht Frankfurt beabsichtigt, die Rückrunde zuende zu spielen, stellt sich als nächstes natürlich die Frage, wie wir es schaffen wollen, beim nächsten (oder übernächsten oder überübernächsten) Anlauf über die 40 Punkte-Hürde zu kommen. Schließlich können wir uns die Tore ja nicht aus den Armen (hoho, hoho) schütteln. Seppl Rode ist bereits mit einem Vorschlag nach vorne geprescht: Man könnte im Training vielleicht ein bisschen öfter den Abschluss üben. Das klingt  vielversprechend, machen wir. Und ansonsten halten wir es einfach wie Tom Destry, der im Western „Destry rides again“ nach Bottleneck gekommen ist, um dort aufzuräumen. Wegen  seiner ungewöhnlichen Methoden nimmt ihn zunächst kaum einer so richtig für voll, aber er lässt sich nicht beirren und setzt sich am Ende doch durch, indem er es einfach macht wie die Briefmarke: Er bleibt so lange dran bis er sein Ziel erreicht hat! 

Herzlichen Glückwunsch, Takashi Inui. Ich freu mich auf das nächste Tor, das du schießen wirst. In Hannover, aus bedrängter, elfmeterreifer Situation, in der du dich nicht fallen lässt, sondern stehen bleibst, abziehst und triffst. Nicht drunter oder drüber, sondern mittenrein. Dann bin ich gerührt und nicht geschüttelt. Oder beides.

Kommentare:

  1. Zu dem Spiel Juventus Turin ( alte Dame )vs. Celtic Glasgow schrieb der Guardian: "The Old Lady cleared her throat, and sang." Ich kenne das von einem zeitlosen Sänger und unsere Diva schafft so etwas auch.

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  2. Schön, dass du das nun doch online gebracht hast, Kerstin.

    Klingt auch nicht sooo brummelig. Nur so ein bisschen vielleicht.

    Tja, es bleibt ein wenig Skepsis für den Rest der Hinrunde. Ich will nicht wissen, wie es sich erst anfühlt, wenn die Jungs auch am Sonntag kein Tor schießen.
    Das darf nicht sein. Kann nicht sein.

    LG Nicole

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  3. Da isser ja, der SdS, auch wenn 40 Stimmen sich so - naja - wie 2. Wahl anfühlen, also so mit irgendwo versteckt einem kleinen Schönheitsfehler. Egal, Inui also, passt (mir sowieso, da er für mich so wunderbar das Kindchenschema trifft, Augen vom Oczipka hin oder her, die Damen :=).

    Und ansonsten bin ich zur Zeit ganz froh über meine frühe Entscheidung, mir die Adlerendorphine sorgfältig zu rationieren. Hilft mir über die momentan etwas ruppigere Phase. Methode Eichhörnchen halt.

    Ja, unsere Diva wird sich räuspern und singen (herrliches Pathos, danke, owladler, fürs Posten). Dann werden wir sehen, obs für die Hauptpartie reicht oder nur fürn Chor.

    Auf gehts, Trappobambacarlitoinuiodersonstwer, schieß ein zwei drei Tore.

    LG, die Sarroise

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  4. @ owladler: Reine Poesie :) Ich hoffe sehr, dass du recht hast, für mich fühlt sich das im Moment so an als ob die Diva einen Frosch im Hals stecken hat, aber für einen Blues wird die Stimme auf jeden Fall reichen.

    @Nicole: Ich hab den Text "entgrummelt" und wünsche mir jetzt fast ich hätte ihn gelassen wie er war. Ich bin so genervt und sauer über dieses Veh-Theater. Nicht vorrangig weil er vielleicht geht, sondern weil er mit dem dezidiert indifferenten Verhalten, das er da im Moment ja regelrecht zelebriert, auf gutem Wege ist, alles was scheinbar gut war, wieder kaputt zu machen. Er ist Medienprofi genug und weiß, welche Spekulationen er damit befeuert - und er muss wissen, wie sich das auf die Mannschaft und auf den weiteren Saisonverlauf auswirkt. Überspitzt hört und sieht sich das für mich so an, als ob er die Eintracht seiner persönlichen Eitelkeit "opfert" - er hat für sich das Gefühl, dass er aus der Mannschaft herausgeholt hat, was er für das Optimum hält und den Rest innerlich abgehakt. Ob die Mannschaft genug innere Stärke hat, sich mit Leistung dagegen zu wehren und ihm und uns das Gegenteil zu beweisen? Am Ende bleiben dann ein paar feine Spiele, die zumindest kurzzeitig wieder belebte Hoffnung auf glorreiche Zeiten und die allerallerallerbeste Hinrunde seit hundert Jahren. Hurra...:( Aber vielleicht kommt ja doch alles anders. Und im Schneegestöber von Hannover fangen wir damit an ,-)

    @Sarroise: Waren ja sogar nur schlappe 32 - nicht nur für die Mannschaft ist die 40er-Hürde derzeit zu hoch ,-) - Freu mich, dass du die Optimismusfahne schwingst, ich war mit der Endorphinausschüttung etwas unvorsichtig, Nachschub ist dringend notwendig. Schönes Bildsche übrigens :)

    Hey ho, hey ho wir sind vergnügt und froh...

    lg in alle Richtungen, K.

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  5. Der Text ist gelungen und gut und dennoch hätte ich noch lieber die gegrummelte Version veröffentlicht gesehen und gelesen. Gerade denen, die sich in sybillinischen Phrasen ergehen, darf man gerne mal etwas Handfestes entgegen setzen. Und sei es nur im Internet vor sich hingegrummeltes. :-)

    LGvK

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