Mittwoch, 20. Februar 2013

Der "Spieler der Stunde" als déjà vu

Das Spiel gegen Dortmund hat mich ein bisschen erschüttert.  Leider hat dieser Stimmung auch die  Gewissheit und der Zauber der bisherigen Wahnsinnssaison  nicht so recht Paroli bieten können. Ich war ja nicht erschüttert trotz, sondern gerade weil wir bisher so großartigen Fußball gespielt haben. Und jetzt das  -  ein Klassenunterschied.  Voller Optimismus, fast mit Siegesgewissheit war ich ins Spiel gegangen. Und dann: Nicht den Hauch einer Chance. Erst ein bisschen  mitgespielt, dann untergegangen. Gegen zehn Mann. Boah.  

„Das Deja vu  ist ähnlich“, hat Bruno Hübner gesagt  als er in der Halbzeitpause von der Sky-Reporterin auf  den Zwischenstand von 0:2 angesprochen wurde, der doch stark an das Halbzeitergebnis vom Hinspiel erinnerte. Hat mich seine Antwort zunächst vor allem wegen der sprachlichen Schieflage amüsiert, weiß ich jetzt: Der Mann musste das genau so und nicht anders sagen, um den Nagel auf den Kopf zu treffen. Das erinnerte zwar von fern an ein Déjà vu, war aber am Ende nicht mal ähnlich, eher „von weitem ganz entfernt“ wie meine Oma in solchen Fällen zu sagen pflegte. Ungefähr so ähnlich wie wenn Heino einen auf Rocker macht. Das da im September, dieses Wahnsinnsspiel, dieser Funkenschlag, dieser Ausbruch – das war vollkommen überraschend, unwiderstehlich, überwältigend, magisch. Spätestens jetzt wissen wir: Man soll das Déjà vu nicht vor der zweiten Halbzeit loben. Und noch ein Satz geht mir durch den Kopf, den Armin Veh in der Pressekonferenz vor dem Spiel launig zum Besten gegeben hat. Es ging um die Taktik, um eine mögliche Sonderbewachung für Götze und Reus.  Ach was, wir doch nicht. „Wir spielen im Raum und fangen es auf.“ Und so war es dann ja auch. Fast.

Spieler der Stunde  an diesem 22. Spieltag ist Carlos Zambrano, von dem ich heute in Facebook ein wunderbares Foto gesehen habe. Zusammen mit Alex Meier war er bei einer Autogrammstunde in Egelsbach. Sie sitzen an einem Tisch und in der Mitte vor ihnen hat eine Mutter oder ein Vater  – wahrscheinlich den Fotoapparat im Anschlag  – ihr Baby platziert. Das sitzt jetzt da, ist mit irgendetwas beschäftigt, schaut nicht einmal in die Kamera  - und  hinter ihm grinsen Carlos Zambrano und Alex Meier. Das heißt: Grinsen tut eigentlich nur Carlos Zambrano, der insgesamt den Eindruck macht, als ob er dem „Gegenstand“, der da vor seiner Nase platziert worden ist, durchaus etwas abgewinnen könnte. Alex Meier dagegen schielt zu dem Kind, als ob er fürchte es könnte jeden Moment explodieren. Wenn man nicht wüsste, welcher von den beiden Jungs selbst Kinder hat – spätestens nach diesem Foto bleibt keine Frage offen.

„Bei tollen Spielen und großen Siegen einen Spieler der Stunde zu wählen ist einfach. Bei Niederlagen wird es diffiziler. Zwar gibt es in der Regel schon den einen oder anderen Spieler, der trotzdem aus dem Team herausragt, weil er sich vielleicht mehr als die anderen gegen die Niederlage stemmt, weil er durch seinen Einsatz (noch) Schlimmeres verhindert – der oder diese Spieler setzen sich dann am Ende bei der Wahl verdientermaßen auch durch. So auch dieses Mal.“  Wenn ihr jetzt beim Lesen kein „déjá vu“ gehabt haben solltet, sagt mir bitte dringend Bescheid, dann muss ich – noch ernsthafter als ich es ohnehin bereits tue – über die Einstellung der Wahl zum Spieler der Stunde nachdenken. Denkgefängnis – hatten wir alles schon. Und kaum versieht man sich, wird aus dem déjà vu ein Murmeltier. Voll im Trend habe ich diesen Absatz nämlich von mir selbst abgeschrieben -  er war hier im Blog bereits vor vier Wochen zu lesen, bei  der Kür des Spielers der Stunde nach dem 18. Spieltag. Wie dieses Mal hat die Eintracht auch damals verloren (2:1 gegen Leverkusen), wie  damals haben sich unterdurchschnittlich wenige Adler an der Abstimmung beteiligt (damals 36 dieses Mal sind es drei mehr)  - und wie  damals hat sich auch an diesem Wochenende Carlos Zambrano mit einer beherzten und engagierten Leistung bei der Wahl durchgesetzt. 15 Stimmen  (38 %) für ihn, relativ dicht gefolgt von Sebastian Jung, der in Dortmund sein Herz in die Hand genommen und versucht hat, zu alter Stärke zurückzufinden. Der sich mühte, Dampf über die Außenbahn zu machen, dadurch mit dazu beitrug, dass unsere Abwehr alles andere als kompakt stand und allzu leicht von den grandiosen Dortmundern ausgehebelt werden konnte, gleichzeitig aber auch das ein oder andere  Mal für einen Anflug von Gefahr vor dem Dortmunder Tor sorgte. Mit t 11 Stimmen  hat Sebi Jung  jedenfalls für dieses Mal die derzeit gern verteilte „Der-ist-doch-sowieso-schon-mit-dem-Kopf-woanders“-Arschkarte eindeutig an Seppl Rode (nur 1 Stimme) abgegeben.  

Noch ein paar andere versprengte Stimmen gilt es zu dokumentieren:  Drei davon gingen an Kevin Trapp, der damit weiterhin der einzige Spieler bleibt, der immer, tatsächlich immer und bei jedem Spiel ein paar Stimmen abbekommt. 5 Stimmen für Bamba Anderson, der kongeniale IV-Partner von Carlos Zambrano, der gegen Marco Reus nicht immer glücklich aussah, die Stimmen aber trotzdem verdient hat (ein Lob, dem – wie dem ewig Strebsamen dann eben doch  der Hauch des „Vergebens“ anhaftet). Zwei "Jetzt-erst-recht"-Stimmen für die Mannschaft, eine Aufmunterungsstimme auch für Olivier Occéan, der mit einer einzigen Szene  in diesem Spiel fast mehr Aufmerksamkeit erregt hat als in ca. 15 Spielen vorher. Ja, Armin Veh hat recht: Lakic hätte den Ball, den Occéan ihm aufgelegt hat, rein machen müssen. Jetzt hat er Rücken. Das will mir nicht so recht gefallen – von wegen „déjà vu“.

Was bleibt? Von einem Tag, einem Spieltag, einer Saison, einem Leben in Erinnerung? Dieses Thema hat mich in den vergangenen Tagen – nicht ganz zufällig – beschäftigt. Merkwürdigerweise gehören dazu häufig auch eine Reihe kleiner versprengter Details, die sich ins Gedächtnis gegraben haben und einem ein Leben lang begleiten.

Mini-Flashback
Ich bin mit dem Auto unterwegs, fahre Richtung Sommerdamm. Ein Herr im PKW neben lässt seine Scheibe herunter, bedeutet mir, dass er mich etwas fragen will – wie kommt man denn am besten in die Innenstadt?  Ich überlege einen Moment, erkläre: Geradeaus, dann links, dann gleich wieder rechts. Die Ampel springt auf grün – danke, danke - wir fahren los. Im Rückspiegel sehe ich, wie der Herr mit seinem Auto abbiegt – Mist, eine Straße zu früh – ich hupe, zu spät, fahre weiter, biege ab – und plötzlich fällt mir auf: Mensch, war ich doof. Eigentlich fahre ich genau in die gleiche Richtung, in die der Herr wollte – nur in einem anderen Bogen.  Noch Stunden später ärgere ich mich. Maaaan… hätte ich nur…
Mini-Flashback-Ende

Im Laufe der Jahre ist mir diese vollkommen belanglose Geschichte merkwürdigerweise immer wieder einmal eingefallen, inzwischen hat sie fast schon Symbolcharakter. Wenn ich mich (was durchaus nicht ganz selten vorkommt) mit etwas letztlich Nebensächlichem quäle, von dem ich glaube, ich hätte es noch besser oder ganz anders machen müssen, fällt sie mir ein und hilft mir aus meinem Loch heraus:  „Und dabei hätte ich nur sagen müssen: Fahren Sie mir einfach nach …“

Hinterher ist man eben immer schlauer. Beim déjà vu und auch sonst. Oder um es mit dem Räuber Hotzenplotz zu sagen: „Einem Räuber wird heutzutage auch nichts mehr geschenkt.“ Warum sollte es der Eintracht mit Europa anders gehen?

Herzlichen Glückwunsch, Carlos Zambrano! Und: Freiburg, wir kommen!

Kommentare:

  1. "Man soll das deja-Dingens nicht vor der zweiten Halbzeit loben." Like. Meine Stimme ging an Sebastian Jung. Freiburg ist wichtig ,-)

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  2. Dejagah äh - vü-Erlebnisse bringen meist nix Gutes,grad wenn's um die Eintracht geht,so ist jedenfalls meine Erfahrung.
    Ich habe mich von der Theorie befreit,bei der Wahl SdS den positiv Auffälligen immer zu nehmen,daher habe ich den Rode gewählt, und Du bist genau drauf angesprungen.Schön,dass wir einer Meinung sind.

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  3. Ach so,zum Thema verpasste Gelegenheit hätte ich auch noch was: mich hat mal vor Jahren ein Porschefahrer nach dem Weg gefragt und ich war so beschäftigt,ihm den zugegebenermaßen komplizierten Weg zu beschreiben,dass ich nicht gemerkt habe,dass er in meine Nachbarschaft wollte. Wäre ja auch mein Weg gewesen.Und wer war's?Jürgen Hingsen,ein damals ziemlich bekannter 10-Kämpfer. Ich hätte mich einfach reinsetzen sollen,mitfahren und vom armen,verdutzten Jürgenzu guter Letzt ein Autogramm erpressen sollen.Sacradi!

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  4. Ein schönes Zitat zum Schluss, wobei ich hoffe, dass in zehn Jahren nicht eine Diskussion darüber geführt wird, ob man noch Räuber sagen darf, ohne damit Menschen, die abseits des Gesetzes stehen, zu diskriminieren und ihre mögliche Resozialisierung zu verhindern ... Wenn hier Sprache verbogen bis verboten wird und von anderen über Twitter und SMS hemmungslos reduziert wird, bin ich froh, dass einige diese neue Sprachlosigkeit noch nicht erfasst hat. Und da es nicht einfacher wird, die Laudatio auf den Spieler der Stunde zu halten, sage ich doppelt gerne: Danke, rotundschwarz.

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  5. Genau. Das Dejagadingens lebt ja davon, dass es - wuppdich - da und dann auch gleich wieder fort ist und wenn es Dejadingens wie Sand am Meer gäbe, dann wären sie ja auch keine mehr, zumal das, was Herr Hübner meinte ohnehin eher so was wie eine Parallelität der Ereignisse und am Ende gar nix war.

    @briegel: Was e Geschicht. Mein "Fahren Sie mir einfach nach" heißt bei dir also "Rutsch rüber Jürgen" - eieiei. Das kenn ich. Wahrnehmungsslowburn. Echt wahr Jürgen Hingsen? Der Mann, der gerne mal den Stab hinunterrutschte statt sich mit ihm nach oben zu befördern und der - trotz mobiler psychologischer Betreuung - nach dreimaligem Fehlstart im 100 Meter Lauf schon ausgeschieden ist, bevor er den Zehnkampf überhaupt begonnen hat - hoffentlich hat er (ohne dich als Beifahrer) den Weg gefunden ,-))

    Und wg. Rode: jajajaja - nicht nur das Spiel auch das Ergebnis der Wahl zum Spieler der Stunde muss man lesen können *gg

    @ Kid: Es wird nicht nur der Sprache, sondern auch den Bildchen an die Gurgel gehen - schau ihn dir doch an, den Räuber Hotzenplotz - unrasiert, zu dick, barfuß, in verlumpten Klamotten, südländisches Aussehen - da wird doch klar der Eindruck erweckt, als wären alle armen Menschen mit Migrationshintergrund potenzielle Wegelagerer. Das Negerkind, mit dem die kleine Hexe zum Fasching geht, wird ja auch nicht nur sprachlich, sondern auch bildlich aus dem Buch eliminiert. Ausgetippext. Fort. Nie dagewesen.

    "Die kleine Hexe ließ sich nicht bange machen." Versuchen wir, es ihr nachzumachen ,-)

    Danke euch sehr für eure Anmerkungen und Geschichten! lgk

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