Sonntag, 30. Dezember 2012

Rotundschwarze Jahresschnipsel (Teil 2)


„Mehr Transparenz!“ – dafür weniger Durchblick? – soll es im kommenden Jahr überall und auf allen Wegen – hier und hier und hier und hier – geben. Nicht nur die Dinge, sondern auch die Debatten darüber werden immer transparenter - da ist es gut, dass es immer mehr Transparenzagenturen und Transparenzstellen gibt, die für Transparenz in der Transparenz sorgen. Ihr habt Glück: Gerade noch rechtzeitig, bevor das Jahr 2012 sich endgültig verabschiedet, meldet sich die vollkommen eklektische, intransparente rotundschwarze Schnipselstelle mit weiteren Jahresschnipseln 2012.

Januar und Februar-Schnipsel gibt es bereits – hier!

Und jetzt also weiter mit dem März und dem April.

März

Bei der CeBit in Hannover dreht sich alles um Wolken und wir hoffen, dass wir mit der Eintracht nicht doch noch aus allen fallen. Nach der Klatsche in Paderborn starten die Ostwochen. Zuerst kommt Cottbus ins Waldstadion, auch der wieder genesene Martin Fenin ist mitgereist und besucht Frauke und Beve vor dem Spiel auf der Waldtribüne – eine Welle von Sympathie und Zuneigung schwappt ihm entgegen. Mensch, Maddin. Im Spiel rettet die Eintracht mit Ach und Krach einen Punkt über die Ziellinie – in Rostock soll es wieder besser werden. Wird es auch – wir gewinnen mit 5:1, was einmal mehr beweist, dass das Ergebnis nicht immer etwas über das Spiel aussagt. Nach einer 2:0 Führung in der ersten Halbzeit erzielen die Rostocker in der 63. Minute den Anschlusstreffer und das Spiel steht Spitze auf Knopf, bevor dann in der letzten Viertelstunde (77., 84. und 87.Minute) die Treffer zum klaren Sieg fallen. Jubel. Jubel. Jubel.

In den Rewe-Filialen wird bereits der Adler-Uffstiegs-Schoppe verkauft, während die Eintracht an die „Selbstreinigungskräfte in der Kurve“ appelliert und sich mit einer Anti-Pyro-Aktion (= 50.000 Euro für die Knochenmarkspenderdatei, wobei sich die Summe bei jeder Untat um 1.000 Euro verringert) in die Nesseln setzt. Wer nicht hören will, muss fühlen? Fragt sich nur wer. Kreative Ideen hat auch das Sport-Gericht des DFB: Es nimmt Auswärtsfans in Sippenhaft und verhängt Auswärtsfahrverbote für Fans der jeweiligen Mannschaft. Beim Besuch der Dresdner im Waldstadion bleibt dementsprechend der Gästeblock leer, gelbundschwarze Farben im Stadion sind verboten, wilde Szenarien von all dem, was passieren könnte, werden gezeichnet. Ich mag Dynamo nun wirklich nicht, bastele mir aber – jetzt erst recht, es geht ums Prinzip - ein gelbundschwarzes  Schleifchen. Unser Block ist gesprenkelt mit Dresdnern, die man zwar nicht an gelbundschwarzen Klamotten, aber unschwer am Dialekt erkennt. Lachen. Grinsen. Schulterklopfen. Fußballfans wie du und ich. Kurz nach Anpfiff in der Ostkurve: Eine Menschenwelle von links, die aus den benachbarten Blocks in den Block hinter dem Tor drängt. „Dünamou“ skandieren sie. „Dynamo“, echot es ihnen aus der West entgegen. Wechselseitiger Applaus. Geht doch. Und das Ergebnis des Spiels – 3:0 für die Eintracht – kann sich auch sehen lassen.

Die Stimmung im Waldstadion beim Dresden-Spiel war beeindruckend – das Spiel der Eintracht bei Union Berlin eine Woche später wird zu einer Demonstration, ach was: zu einem Fest - gegen den DFB und Pro vereinsübergreifender Solidarität und Fankultur. Eigentlich dürften an diesem Montagabend im März keine Frankfurter im Stadion sein – sie sind aber da und werden von den Berlinern eiserneinträchtlich willkommen geheißen. „Die Mauer muss weg!“ Intoniert das ganze Stadion, die Ordner greifen nicht ein, als die  mitgereisten Eintrachtler friedlich den Gästeblock entern.  Die 11 Freunde berichten über „das friedlichste Event seit Woodstock.“ Die Eintracht gewinnt mit 4:0.

Passend zu den ostdeutschen Wochen der Eintracht läuft in Leipzig gerade die Buchmesse, in einer Buchbesprechung erfahre ich Wissenswertes über den Kokovorismus, eine Zurück-zur-Natur-Bewegung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ihre Anhänger sich fast überwiegend von Kokosnuss ernähren, um so der Erleuchtung näher zu kommen.  Alles hängt von der Verdauung ab – und vom Kopf, weil der der Sonne (und dem Tor) am nächsten ist (und vermutlich auch deshalb, weil er die größtmögliche Ähnlichkeit mit einer Kokosnuss aufweist). Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel muss dann wohl „O Herr schmeiß Kokosnuss vom Himmel“ heißen – vielleicht ja nicht die schlechteste Lösung.

Vor hundert Jahren ging Karl May in die ewigen Jagdgründe ein. Ich blättere noch einmal im Kapital und wundere mich, dass nach 50 Seiten immer noch keine Indianer auftauchen.  Markus Lanz wird neuer DFB-Präsident,  Wolfgang Niersbach wird Bundespräsident und Joachim Gauck wird Nachfolger von Thomas Gottschalk. Wetten, dass?

Endlich. Am Ende des Monats ist die Eintracht Spitzenreiter. Und am  Samstag nach dem Freitagabend-3:0-Heimsieg gegen den VFL Bochum (je ein Tor von Mo, Alex und Jimmy)  ist es zum ersten Mal in diesem Jahr warm genug für ein Frühstück im Freien.

April
Fortuna Düsseldorf kommt ins Schlingern – fast sieht es so aus, als ob die in der Rückrunde mit dem Hintern alles wieder kaputt machen, was sie in der Vorrunde gut gemacht haben. Nicht, dass mich das irgendwie beunruhigt –   aber auch der Aufstiegsweg der Eintracht bleibt holpriger als erhofft. Sieben, sechs, fünf Spieltage vor Saisonende schon alles klar machen  - daraus wird nichts. So ganz glatt und einfach wird uns die Rückkehr in die erste Liga dann doch nicht gemacht.   In Duisburg klappt gar nichts – die Eintracht verliert mit 2:0. Auch im folgenden Heimspiel gegen Ingolstadt langt es nur zu einem Unentschieden. 30. Spieltag, zwei Punkte bis zur Spitze, immer noch 5 Punkte vor dem Relegationsplatz. Was soll da noch schief gehen? Und doch:  Da ist sie wieder die leise Panik.  „Der eine pfeift, der andere hält sich den Kopf“, kommentiert Heribert Bruchhagen die Unmutsbekundungen im Stadion.  Ich gehöre eindeutig zur „hält-sich-den-Kopf-Fraktion.“ 

Günther Grass  sorgt sich darum, dass Europa geistlos verkümmert und tritt auch selbst gleich den Beweis an – er schreibt ein wichtiges Gedicht und veröffentlicht es in allen großen Tageszeitungen.  Pirmin Schwegler  dagegen lässt Taten sprechen und verlängert frühzeitig seinen Vertrag bei der Eintracht. O du Pirmin.

Levon Helm, großartiger Drummer, Sänger, Mitbegründer von „The Band“ und eine der Stimmen Amerikas,  hat seinem Krebsleiden noch viele Jahre abgetrotzt – jetzt stirbt er. Wide River to cross.

In einem vollkommen abgedrehten Spiel gewinnt die Eintracht  ihr Heimspiel gegen Aue. Das Stadion hüpft,  Schals grinsen, die Welle wogt. 4:0.  Alex Meier, Fußballgott, wird nach dem Spiel hier im Blog zum 10. (zehnten!) Mal in dieser Saison zum Spieler der Stunde gekürt.  Jetzt kann uns nichts mehr passieren, wir sind so gut wie, ach was: Wir sind durch.

Der Frühling bricht aus. Die Bäume sind noch kahl, aber der Himmel ist blau. Während Greuther Fürth am Bornheimer Hang mit einem 1:1 den Aufstieg klar macht, verbringen mein Mit-Adler und ich einen schwebend aus der Welt gebeamten Nachmittag nebenan auf der Dippemess. Drei Tage später gewinnt die Eintracht mit  3:0 bei Alemannia Aachen. Back where we belong. Jetzt. Wirklich.  Wieder da. Beobachte den  überschwänglichen Jubel vor dem Bildschirm. Alex Meier wird auf Händen vom Platz getragen. Kreischen. Jubeln. Tanzen. Lachende Fäuste recken sich in den Himmel, glückliche Fahnen, wehende Gesichter.  In all dem Jubel werde ich ganz still. Abends löse ich das Versprechen ein, dass ich mir vor der Saison selbst gegeben habe:  Mit wehendem Eintracht-Schal drehe ich bei Nieselregen mit dem Auto eine Runde durch Straßen und Gassen des bereit schlafenden, rheinhessischen Örtchens, in dem ich lebe. Der kleinste Autokorso der Welt. Einmal zum Rand der Welt und zurück. Die Adler fliegen wieder. Der Waldmeister blüht.


***Fortsetzung folgt umgehend ***

Direkt weiter mit Mai und Juni? Hier!

Kommentare:

  1. Viel passiert. So viel, dass man schnell vergessen könnte. Dabei lohnt sich das Erinnern. Danke, Kerstin.

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