Montag, 17. Dezember 2012

Rotundschwarze Jahresschnipsel (Teil 1)

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr wieder mehr schnipseln. Leider – hat nicht geklappt. Zum Abschluss des  Jahres soll es wenigstens ein paar rotundschwarze Jahresschnipsel geben. Und hier kommt auch schon Teil 1.

Januar

Das Jahr beginnt – wie jedes Jahr – mit fliegenden Adlern und mit Rippscher und Kraut und geht heiter weiter: Im Hessischen Fernsehen werden die besten Hessenwitze gekürt und die sind so lustig, dass man es im Kopf kaum aushält. Draußen toben wilde Winterstürme, die Eintracht nimmt an den Hallenturnieren in Mannheim und in Höchst teil und scheidet beide Male bereits in der Vorrunde aus. Maaaan, ist das lustig.  Zum Trotz wünscht sich unser Trainer, dass es in Frankfurt verdammt noch mal ruhig ein bisschen euphorischer zugehen könnte und reist mit seiner Truppe ins nahegelegene Wintertrainingslager in Katar.  Da lacht der Scheich – trotzdem  läuft im wüsten Camp schief,  was schief laufen kann. Als Trainingsgelände muss vorübergehend ein Bolzplatz herhalten, Armin Veh droht mit Abreise,  aber wir hoffen unverdrossen, dass vielleicht doch noch ein Hubschrauber landet, aus dem Patrick Helmes steigt. Stattdessen kommt Heiko Butscher, der ist zwar kein Stürmer, aber ein netter Kerl und das ist doch auch ganz schön. Pirmin Schwegler bricht sich beim Konditionstraining auf der Treppe einen Zeh und fällt für mindestens 4 Wochen aus. Na prima. Zum Trainingslagerabschluss gewinnt die Eintracht mit 1:0 gegen Katars Olympiamannschaft. Schafft die Euphorie rechtzeitig zum Rückrundenstart vielleicht doch noch den Durchbruch?  Bruno Hübner findet: „Im Grund genommen können wir nur an uns selber scheitern.“ Ja, ja – im Grunde genommen ist der Löwe ein harmloses Wesen. Ich entwickele ein Euphorie-Mikado (= wer zuerst euphorisch wird, hat verloren), schließlich sogar einen Euphorie-Laktattest (= wär doch gelacht, wenn wir den nicht alle bestehen würden).

Im letzten Testspiel vor dem Rückrundenstart trifft die Eintracht im Waldstadion auf den FC Lausanne. Ein paar tausend Fans verlieren sich im Waldstadion, darunter drei Fans aus Lausanne, die extra angereist sind. Sonny Kittel deutet in einem Kurzeinsatz an, was er kann– ich bin erkältet, es ist schweinekalt, die Eintracht verliert mit 1:0 und trotzdem fahre ich froh und kämpferisch nach Hause: Wir packen das!

Draußen hagelt es – und im Netz hagelt es Preise für die Eintracht-Blogger: Stefan Kriegers Blog G-Eintrag „1000 Meisterwerke“ wird zum Sportbloggerbeitrag des Jahres 2011 gekürt, Beve landet mit seiner Recherche zu Franziska "1899" van Almsick auf einem ebenfalls sehr feinen Platz 3.
  
Josef Skvorecky, der wunderbare tschechische Autor, stirbt (Tipp für alle, die ihn noch nicht kennen: Unbedingt „Die Feiglinge“ lesen). Völlig überraschend verstirbt auch Willi Entenmann, der so etwas wie der schwäbische Charly Körbel ist. Einfach so, während eines Skiurlaubs.

Ach ja, fast vergessen:  Caio. Fällt durch den Laktattest. Das ist es, was ich echt hessischen Humor nenne.

Februar

In diesem Monat erlebe und lerne ich allerlei, dass ich vorher noch nicht wusste. Z.B. weiß ich jetzt, dass es professionelle „Seatfiller“ gibt, die engagiert werden, um bei offiziellen Veranstaltungen  Lücken zu füllen, wenn anwesende Promis – z.B. bei der Oscar-Preisverleihung – mal raus  müssen. Ebenso neu war mir, dass es Menschen gibt,  die im fahrenden Auto, bei ziemlich hohem Tempo  – auf der Überholspur – Zeitung lesen. Echt wahr, ich hab das gesehen.

Draußen ist es klirrend kalt und auf dem Main treiben Eisschollen. Alex Meier hat  in Vertretung des verletzten Pirmin Schwegler die Kapitänsbinde übernommen. Helmes ist vom Tisch, die  Eintracht gewinnt trotzdem zum Rückrundenauftakt am (!) 20. Spieltag  ihr Spiel gegen Braunschweig.  Sonny Kittel, der eigentlich im Kader ist, muss in letzter Sekunde gestrichen werden – irgendwer hat vergessen, dass nach der Verletzung die Spielberechtigung erneuert werden muss. Aaaargs.  Wie bei der Eintracht hat Michael „mit-mir-wäre-die-Eintracht-nicht-abgestiegen“ Skibbe auch bei Hertha BSC ganze Arbeit geleistet, was den Berlinern jetzt auch auffällt. Man trennt sich.

Dort, wo Hertha nicht hin will – in der zweiten Liga – geht der Kampf um den Aufstieg allmählich in seine entscheidende Phase. (Noch)-Tabellenführer Fortuna Düsseldorf hat bereits 11 Tore durch Elfmeter erzielt. Armin Veh  macht höflich darauf aufmerksam, dass er das merkwürdig findet, erfreut die Fußballwelt mit der Wiederbelebung des Begriffs „Rotzlöffel“ und  zieht damit den Unwillen von Fortuna Düsseldorf auf sich. Veh ist das egal, nicht egal ist dagegen das Ergebnis des Spitzenspiels in Düsseldorf: Die Eintracht führt bis zur 89. Minute. Dann fällt der Ausgleich. Durch Elfmeter.

Munter geht es weiter. Auch im zweiten Stadtderby – dieses Mal kein Hauswärts-, sondern ein Heimspiel im Waldstadion -  hat die Eintracht gegen den FSV klar die Nase vorn und gewinnt mit 6:1 -  – ein Tor ist schöner als das andere.

Christian Wulff tritt als Bundespräsident zurück. was zum Glück nichts daran ändert, dass vor 200 Jahren Charles Dickens geboren wurde. Bei Dickens gibt es nix Halbes – alles ist entweder abscheulich, gräßlich und abgrundtief  (böse, traurig, elend, niederschmetternd) – oder der Himmel hängt voller Geigen (tiefe, tiefe Liebe, überbordende Mildtätigkeit, unfassliche Güte, überschwängliches Glück,). Kein Wunder, dass das Buch zur Eintracht ebenfalls von Dickens stammt: Great Expectations.

Eine Woche nach dem glanzvollen Sieg gegen den FSV fahren 4.000 Eintrachtler mit zum Europapokalspiel beim SK Slavia Paderbornska, der sich ebenfalls immer noch hartnäckig im Aufstiegsrennen behauptet. Die Eintracht-Kurve ist  in Gold getaucht, der Europapokal wird geschwenkt – und die Eintracht hat nichts zu melden , ist mit 4 Gegentoren noch gut bedient.  Eigentlich hätten wir heute den entscheidenden Schritt in Richtung Aufstieg machen können. Eigentlich. Wir werden doch nicht tatsächlich noch mal ernsthaft in die Petroullie, also: Bre-d, kommen?

An Fastnacht überlege ich zunächst, ob ich als Fee gehe, entscheide mich dann aber doch für Rotkäppchen Mit dem habe ich außer den rotundschwarzen Farben noch etwas Weiteres gemeinsam: Wir fürchten uns nicht im dunklen Wald. Also: Meistens.


***to be continued***

Kommentare:

  1. Ein sehr gelungener Rückblick aus einer schönen subjektiven Perspektive.Danke!
    Das macht neugierig auf die weiteren Schnipsel.

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  2. Sehr schön, sehr schön, das macht Bock auf weitere Schnipsel. Ich denke mir dann den Fussball und insbesondere die Eintracht raus und begreife alles als Allegorie :-)

    Gruss

    Achim

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  3. @Marc: Das freut mich - und dann wollen wir in den nächsten Tagen doch mal sehen, wie das Jahr so weiter geht...

    @Achim: Ohhhh, du hier, das ist auch sehr schön, sehr schön :) Und bei den Schnipseln mitohne Eintracht bist du schon auf dem richtigen allegorischen Weg, da ist es nämlich ganz genau so wie mit dem Leben ohne Eintracht: Geht nicht. Life and Life only. Wie schrieb bereits Goethe in den Wahlverwandtschaften: "Hättest du unsere Eintracht gesehen..."

    Danke euch sehr für eure Kommentare!

    lgk

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  4. Mir würde etwas fehlen ohne Deine Schnipsel. Danke!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  5. Oh, es wird wieder geschnipselt. Das ist ja schön. Finds großartig, dass Du Dir im allenthalben laufenden Jahresendmarathon dafür die Zeit nimmst. Danke Dir sehr.

    LG, die Sarroise

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  6. Es schnipselt wieder. Is des schee!

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  7. Wuah, habe ich doch glatt erstmal die Schnipsel übersehen gehabt. Endlich mal wieder und auch im Rückblick schön!

    Hihi, an dieses Freundschaftsspiel gegen Lausanne erinnere ich mich gut. Ich stand da mit Zoe, wir hatten uns kurzfristig entschlossen hinzugehen, es war so was von kalt und einer neben uns rief ständig "Lauf aaaan, lauf aaaan!" Hatte ich noch nie gehört dieses "Lauf an" und das hat uns noch lange begleitet, unser running gag.

    Hach und die 6 Tore gegen den FSV an meinem Geburtstag, danach noch irgendwie sehr lustig Pirmin Schwegler getroffen. Er war ja verletzt und kam von oben aus einem normalen Block, es hatte sich eine größere Menschentraube gebildet. Ich versuchte, die immer noch eher kleine Rosa hochzuheben, damit sie ihn sehen kann und plötzlich bildeten die Menschen so eine Gasse, damit das Kind was sieht und wir beide standen ad hoc ganz allein vor ihm... Hat er cool und total nett gelöst, mit uns geplaudert und uns genötigt, ein Foto zu machen, mir war das erst eher peinlich ;-)

    Danke Kerstin, ich liebe deine Schnipsel!

    Liebe Grüße
    Nicole

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  8. Und mir würde was fehlen, ohne eure Schnipsel-Kommentare. Die Zeit - liebe Sarroise - ist mir dann leider doch ein bisschen unter den Fingern zerronnen, aber ich hoffe, dass ich es jetzt doch noch schaffe, die Schnipsel vor dem Jahreswechsel zu vervollständigen.

    Wie du meine Schnipsel, liebe ich deine Schnipsel-Ergänzungen. Lauf aaaaan - das hab ich auch noch nie gehört, wird sofort ins Repertoire aufgenommen - und danke für die Rosa-und-Pirmin-Geschichte - das putzige Foto kenne ich ja schon und jetzt also auch die Geschichte dazu. Feiner Kerle, der Pirmin :)

    Ich hoffe sehr, dass ich es nächstes Jahr schaffe, nicht erst am Jahresende, sondern zwischendurch - wie "früher" - auch mal Wochen- oder monatsweise zu schnipseln - so viel Kurioses, Schönes, Witziges, Aufgeschnapptes - mein Notizbüchlein ist immer voll, die Welt ist voller Schnipsel (und nicht nur davon *gg ,-)

    lg in alle Richtungen, K.

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