Sonntag, 23. September 2012

Letzte Minuten und Wahnsinnsaussichten


Am Donnerstagabend, vor dem Spiel der Eintracht in Nürnberg, waren wir in Darmstadt und haben in der Centralstation ein großartiges Konzert gehört. Calexico. Wilder, weher,  melancholischer Texmex.  Aye aye aye.  Ein Hauch von Alamo. Gitarren und Mariachi-Trompeten schwappen über uns hinweg, all the pretty horses und bei der ersten Zugabe wird es ganz still: „Waiting for a miracle.“

Freitagabend. Es gibt verschiedene Orte, an denen ich die letzten Minuten von Eintracht-Spielen verbringe, wenn ich nicht im Stadion bin und es vor dem Fernseher nicht mehr aushalte. In den vergangenen Jahren waren das vorrangig die Minuten, in denen es darum ging, überlebensnot-wendige Punkte zu holen (doch: Auch die Punkte, die wir in der letzten Aufstiegssaison geholt haben, waren  in diesem Sinne überlebens-notwendig).  Ich kreise um die Tanne oder den kleinen Teich im Garten, immer rundherum, rundherum. Oder ich knie auf dem Sofa, mit einer Decke über dem Kopf – immer so, dass ich zwar nicht alles sehen muss, aber kann, wenn ich will. Immer in Hörnähe zum Spiel und Mit-Adler(n).

Noch fünfzehn Minuten zu spielen. Wir führen 2:1. Noch. Und direkt in die Drangphase der Nürnberger hinein, durchfährt es mich wie ein Stich. Es ist, als ob ich jetzt gerade erst merke, wie sehr ich diesen Sieg will. Will. Will. Unbedingt will.  Die drei Punkte. Die Tabellenführung. Den Auftakt-rekord. Diesen Sieg noch. Erst mal. Bitte. Nein, heute geht es nicht ums Überleben. Heute geht es einfach nur um eins: Wir, die Eintracht muss weiterfliegen. Sie müssen, siewir wollen und  werden das Ding jetzt durchbringen. 

Die letzten fünf Minuten des Spiels verbringe ich hinter dem Schrank -  da ist so eine schmale Lücke, zwischen Schlafzimmer-schrank und Fenster, da passe ich gerade dazwischen. Das Schlafzimmer liegt schräg gegenüber dem Wohnzimmer und da stehe ich nun, in die Ecke gequetscht, und höre meinen Mit-Adler stöhnen. Tickere einem Adlerfreund, der das Spiel heute  nicht sehen kann: „Ecke, noch eine Ecke…“ Schiele um selbige und simse: „Baaaaaaaaaah…Milimeter rechts am Tor vorbei…“  Halte es hinter dem Schrank nicht mehr aus, witsche nach Drüben, sehe Zambrano, der sich auf dem Boden wälzt. Renne nach draußen. Dann, endlich, der Aufschrei von Drinnen. Aus. Aus. Aus.  Dieter Hecking mit hochrotem Kopf. Pirmin Schwegler mit seinem Kopfverband läuft durchs Bild. Dahinter humpelt Occéan. Tatsächlich. Wir haben es geschafft. Can't believe. Vier Spiele in Folge gewonnen. Un.Ge.Schlagen. Da wird der Adler in der Pfanne verrückt. So genial. So geil. So...aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa....

Der Samstag.  Wir fahren „in die Stadt“, was im rheinhessischen Hinterland so viel wie „Mainz“ bedeutet. Überlege kurz, ob ich meinen Eintracht-Schal umbinde, aber nein, haben wir nicht nötig. Irgendein Eintracht-Utensil habe ich sowieso immer an und bei mir, der Adler am Auto zeigt, wo wir fußballerisch hingehören – und noch mehr Flagge zeigen, muss man dann, wenn man im Elend steckt und nicht dann, wenn man obenauf ist.

Bei uns im Auto, auf dem Rücksitz, liegen immer stapelweise und ziemlich unordentlich jede Menge CDs, die beim Fahren gerne mal ins Rutschen kommen. Heute, zufällig ganz obenauf: „Poetry of the Deed“ von Frank Turner.  Auf der Rückseite der Satz: „We are what we believe.“

Wie so oft, wenn ich besonders traurig oder besonders froh bin, fühle ich alles durcheinander. Bin ganz still und gleichzeitig vollkommen überdreht.  Heribertkoboldartig vergnügt („Wir haben das verdient, verdammt, wir haben das endlich mal wieder verdient…“) und ungläubig („Das kann doch nicht wirklich wahr sein…“). Fassungslos. Staunend. Überschwänglich.  Nachdenklich. Hibbelig.  Neugierig. Gespannt bis in die Haarspitzen. Wie das wohl weitergeht? Ja, wie?  Kaum fünf Minuten, in denen nicht einer von uns die Stille oder das Gespräch unterbricht, infantil vor sich hin kichert, den Kopf schüttelt  und/oder einen unzusammen-hängenden Satz vor sich hin stammelt. „Und als dann auch noch Occéan ausgefallen ist…“ „Wie der Meier den Ball noch mitnimmt…“ „Wenn der Rode da nicht auf der Linie…“ „Und immer in der Vorwärtsbewegung…“ „Wie der Inui die alle stehen lässt…“ „Mensch, der Jimmy…“ „Dass die das Ding echt über die Zeit gebracht haben…“  „Die sind so gut… einfach richtig gut…“ "Wie lange ist das her...?" „Wenn ich an Dienstag denke, könnte ich jetzt und hier auf der Stelle verrückt werden.“  Menschenskinders. Kerle, Kerle. Deutscher Meister. Nur die Sge.

Auf dem Markt einkaufen: Salat. Tomaten. Oliven. Käse.  Menschenauflauf vor dem Theater – dort wird heute mit einem Fest eine neue Spielstätte eröffnet – Deck 3, eine Studiobühne  –  im Glaskuppeldach des ehrwürdigen Mollerbaus, wo sich bisher ein Restaurant befunden hat.  Die Eröffnung steht unter dem  Motto „Gipfelstürmer“ und  wird vom Deutschen Alpenverein  begleitet. Gipfelstürmer? Ich lade meinen Beutel mit Kartoffeln und Karotten bei meinem ohnehin schon schwer bepackten Mit-Adler ab, schließe mich  dem Besucherstrom an und kraxele 127 Stufen in die Höhe, dem Himmel entgegen. Was soll ich sagen: Eine Wahnsinnsaussicht von dort oben. Über Mainz. Fast bis zum Taunus. Und wenn ich ganz genau hinschaue, erkenne ich sogar Europa.




Kommentare:

  1. Der Himmel ist die Grenze.

    Euphorischer Gruß vom Kid

    PS: Calexico - sehr schön.

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  2. Herrje, welche Leistung!23. September 2012 um 19:00

    Das war nicht gut für´s Nervenkostüm. Während der ersten Halbzeit auf der A30 unterwegs; außer der Durchsage des Halbzeitergebnisses im Autoradio: Nichts. Die letzte halbe Stunde dann Videotext; aus irren Augen auf die Mattscheibe starren, bei jedem leichten Flackern halb vom Stuhl rutschen und erst wieder normal atmen können, als die Ergebnisfarbe endlich weiß wird.

    These: Der Stadionbesuch ist die nervenschonendste und damit gesündeste Art, ein Spiel zu verfolgen, egal, wie weit der Weg ist.

    Spieler der Stunde: Sebastian Rode. Habe zwar keine Szene in bewegten Bildern gesehen, hätte ihn aber auch schon in Spiel 1, 2 oder 3 wählen können, was ich nicht tat, jetzt aber tue.

    Übrigens meinte ein guter Freund (BVB-Anhänger) vor einigen Tagen zu mir: „Ja, so ging das bei uns vor ein paar Jahren auch los…“

    Schönen Gruß und schönen Dank,
    Frank

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  3. Ich war während des Spiel auf der Diplom-Feier einer Freundin, die in einem (sehr leckeren und empfehlenswerten) portugiesischen Restaurant in Mainz stattfand.

    Leider gibt es dort keinen Internet-Empfang, weswegen ich auf SMS von Freunden aus dem Stadion in Nürnberg angewiesen war. Bei jeder SMS habe ich kurz gezögert sie zu lesen, weil ich ja nie wußte für wen ein Tor gefallen ist. Als das Tor für die Nürnberger gefallen ist, habe ich so gezittert bis die erlösende SMS kam: "Endstand 2:1!! Sieg!!"

    Von meiner Cousine, die großer FCK-Fan ist, habe ich heute beim Familien-Kaffee gehört: Bei uns wollte damals auch niemand an den großen Erfolg glauben, aber deswegen sind Wunder auch Wunder, weil niemand damit rechnet. Für mich ist es schon ein Wunder einen so tollen Saisonstart miterleben zu dürfen, vor allem weil ich einer Generation angehöre, die noch nicht allzu viele Eintracht-Erfolge (bewußt) miterleben durfte...

    Gegen den BVB glaube ich eigentlich nicht an einen Sieg, aber irgendwie ist es jetzt auch dieses "Ich will aber unbedingt gewinnen"-Gen geweckt, von daher tippe ich 3:1 für uns :)

    Liebe Grüße & einen schönen Sonntag noch!

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  4. Calexico & Tabellenführung ... Geht kaum besser, oder?

    Viele Gruesse & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  5. Hihi, diese kleinen Sätze, so dazwischen hingesagt... So mache ich das auch. Unglaublich das alles. Aber ja, wir haben das verdient, wir dürfen das genießen, so lange es dauert. Wir haben das verdient, ja. Ja. Ja.

    Habe das Spiel in Dijon bei Regen im Straßencafé, aber trocken unter der Markise, dank SMS-Liveticker meiner Tochter verfolgt. Mann war ich nervös gegen Ende... Da musste dann noch der 3. Cognac rein und endlich die erlösende SMS: Geschafft!

    Nun lasse ich also Zoe den Spieler des Tages wählen. Und ich bin froh, am Dienstag wieder im Stadion zu sein. Da ist die Uffreschung noch am erträglichsten. Finde ich.

    LG Nicole

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  6. calexico. schade, hab erst zu spät gemerkt, dass sie spielen, sonst wäre ich auch dort gewesen. hinter dem schrank. sowas aber auch.

    gruß

    beve

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  7. Ich stelle mir gerade den Trampelpfad rund um die Tanne vor, der durch das Umkreisen in den vielen spannenden Schlussminuten der vergangenen Jahre entstanden sein muss :-)

    Erstaunlich: in unserer Zuschauergruppe war am Freitagabend nach dem Anschlusstreffer keine Unruhe zu spüren. Das Auftreten der Eintracht bereitet uns anscheinend so viel Freude, dass wir uns nicht mal über ein Unentschieden geärgert hätten.

    Und noch erstaunlicher die Erkenntnis: Dienstagabend, BVB... an einen Heimsieg zu glauben, ist keine Spinnerei :-)

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  8. Ja, Flagge zeigt man besonders in der Niederlage, im Sieg nicht unbedingt. Gegenbeispiel: Am Tag nach der CL-Finalniederlage des FCB sind Bayernfans aus Mainz bei meinem Geburtstag aufgekreuzt. Zu fünft. Alle im 05er-Ornat X-(

    Nochmal Dank fürs Tickern von hinterm Schrank und sonstwo :-)

    Frank

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  9. Hast Du denn auch unsere Fischadler ausmachen können, da oben von Plattform 128, Augurin? Es gibt keinen glückverheißenderen Anblick als diesen. Bei Habicht und Geier laufen wir morgen besser erst garnicht auf, auch nicht bei Krähe und Rabe, wenn sie von rechts kommen. Hühner taugen nur, wenn sie gut fressen. Oder gefressen werden.

    Jedenfalls: raus aus dem Grübelgarten morgen, ein beherzter Blick in den Himmel: Scharen von Fischadlern, und dann nichts wie ab zum Waldstadion, wo die mittlerweile japanerlosen Majabienen keinen Punkt saugen werden, keinen einzigen! HEIMSIEG nämlich!!!

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  10. Oooooh, was für ein schönes Bild sich aus euren Kommentaren zusammenpuzzeln lässt. . Freitagabend kurz nach 22 Uhr. Frank-Herrje sitzt im Auto, KastelSGE beim Portugiesen, Nicole in einem Restaurant in Dijon und Frank-Grabi in einem Hotel an der Mosel. Ich stehe hinter dem Schrank, Fritsch hält Stellung in Berlin, Kid im Frankfurter Hinterland und Matthias im Schwäbischen – und wir alle hängen – so wir nicht wie Jazzy und Beve vor Ort im Block in Nürnberg sind – an irgendeinem Tropf, der uns Nachrichten vom Spiel der Eintracht bringt. Im Netz, per SMS, am Bildschirm. Im Radio. Oder alles gleichzeitig.

    @Kid: Und manchmal geht es hinterm Horizont sogar noch weiter.

    @Herrje: Das hat er gesagt, der Dortmunder? Menschenskinders. Kerle, Kerle.

    @KastelSGE: Vielleicht gehörst du ja bald auch zu DER Generation, die in ein paar Jahren dann der nächsten Generation erzählen kann, wie das damals war, in dieser Wahnsinnssaison, in der die Eintracht….

    @ Fritsch: Nein, besser geht fast nicht.

    @Nicole: Du hast recht – im bin zwar auch schon im Stadion (fast) unter meinen Sitz gekrochen – aber es ist erträglicher.

    @ Beve: Sie kommen noch einmal - nach Wiesbaden in den Schlachthof. Im November!!!

    @Jazzy: Mit dem Trampelpfad liegst du ziemlich richtig. Und an einen Sieg zu glauben ist nicht mal nicht gesponnen, sondern fast schon… ach, das sag ich jetzt nicht… jedenfalls: Unfasslich.

    @Frank: Kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue, dich hier zu lesen. Tatsächlich: Es gibt doch immer NOCH einen Grund mehr die Bayern und die 05er nicht zu mögen. Und wg. Tickern: Es hat mich zwar fast zerrissen, aber es hat Spaß gemacht – bei DEM Spiel und DEN Adressaten :-)

    @Anonym: Ich habe gespäht, aber leider keinen Benni entdecken können – der ist hier wohl schon durch. Hihi. Was ist der Unterschied zwischen dem BVB und der Eintracht? Der BVB ist japanerlos – und bei uns ist der Japaner los. Und nicht nur der.

    Mann o Mann, bin ich hibbelisch.

    Fliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieg…. (und dann ist der Himmel voller Sterne. Und Fischadler).

    Eintracht!

    Lg in alle Richtungen, K.

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