Samstag, 14. Juli 2012

Hey, hey Woody Guthrie

Mir ist nicht bekannt, dass mein Vater eine besondere Beziehung zu Amerika oder gar zur Folkmusik hatte. Wenn ich an Woody Guthrie denke, denke ich trotzdem immer auch an ihn und an mein Elternhaus. Eine Szene, ein kurzes Gespräch, Bilder, die möglicherweise nicht einmal direkt miteinander zu tun haben, sich aber in meiner Erinnerung miteinander vermischen und übereinander schieben.

Flashback

Mein Vater lebte lange Jahre und bis zu seinem Tod vor sieben Jahren allein in dem Haus, in dem wir -  er und später auch ich - aufgewachsen sind. Ein einfaches, ein bisschen aus der Zeit gefallenes Haus. Mein Vater nutzte zwei Zimmer im unteren Stockwerk - der Wohnraum lag nach hinten zum Garten. Im Frühjahr und Sommer waren die Fenster immer weit geöffnet, davor der große Kirschbaum. Der Tag, an den ich mich im Zusammenhang mit Woody Guthrie erinnere, war irgendwann in den 1990er Jahren, heiße Sommertage, schwüle Nächte. Ein Sonntagmorgen. Ich sehe auf einen Sprung bei meinem Vater vorbei. Es ist schwül und dämpfig. Mein Vater erzählt, dass er nicht einschlafen konnte heute Nacht – viel zu warm - und schließlich noch einmal den Fernseher eingeschaltet hat. Da lief ein Film, der ihn zunächst nicht besonders interessierte und ihn dann doch immer mehr in seinen Bann gezogen hat. Um was ging es? Amerika. Weites Land. Güterzüge, die durch staubige, weite Landschaften fahren. Woody Guthrie? Ja, genau.

Und da sitzen wir jetzt also am Tisch. Mein Vater hat uns einen Kaffee gemacht. Es hat angefangen zu regnen, der Regen pratschelt auf die Blätter des Kirschbaums. Wir reden: Über Amerika und die Sehnsucht nach Freiheit. Wüste. Eisenbahnen. Arbeitslosigkeit. Mut und Verantwortung. Träume. Über Jack London (den mein Vater sehr liebte).  Einsamkeit. Aufbrechen und Weggehen. Und darüber, dass es auch in schwierigen Zeiten lohnt, das Kreuz gerade zuhalten.

Mein Vater war nie ein großer Reisender, die Umstände waren nicht so. Eine seiner weitesten Reisen führte ihn 1988 mit der Eintracht zum Pokalendspiel nach Berlin. Das Zimmer, in dem wir sitzen, ist klein und ein wenig verschubst, aber die Welt ist groß und weit. Auch deshalb, weil Künstler wie Woody Guthrie von ihr singen und erzählen.

Flashbackende

Heute vor hundert Jahren wurde in Okemah, Oklahoma, Woodrow Wilson „Woody“ Guthrie geboren. Woody Guthrie war ein amerikanischer Folkmusiker, aber er war viel mehr als das, eigentlich alles, was man in Amerika sein und werden kann, außer Präsident und Bankdirektor: Schildermaler. Hobo. Radiomoderator. Poet. Verfasser von Kinderliedern. Schriftsteller. Gewerkschaftsaktivist. Gesprächspartner am Kamin von Franklin D. Roosevelt. Durch Schicksalsschläge aus einer zunächst behüteten Kindheit gerissen. Unruhiger Geist, ewig Suchender. Liebender Vater, der trotzdem seine Familie für ein Leben in Freiheit im Stich gelassen hat. Der große Sturm, der in den 1930er-Jahren aus dem mittleren Westen eine Staubschüssel, eine Dust Bowl, machte, die Farmer vertrieb und in Armut und Elend stürzte, sind untrennbar mit dem Namen von Woody Guthrie verknüpft. Dust Bowl Balladeer wird er genannt. This maschine kills facists stand auf seiner Gitarre. Bound for Glory – seine Autobiografie, auf deren Grundlage auch der Film entstand, den mein Vater damals gesehen hat – erzählt die Geschichte, die manch einer Jahre später mit „On the Road“ gelesen haben will. Jack Kerouac, die Beat-Generation, das Folk Revival in den 60er Jahren – ohne Woody Guthrie alles nicht denkbar. Sein treuester und untreuester Nachfolger war Bob Dylan, sein „Song to Woody“ ist Dank und Abschied zugleich.  Neben Hank Williams und Robert Johnson ist Woody Guthrie auch heute noch der Geist, der über der amerikanischen Musikszene schwebt und sie inspiriert. Wilco, die amerikanische Independent Folkband hat Ende der 90er Jahre zwei CDs mit unveröffentlichten Woody Guthrie Songs aufgenommen.  Wie es heißt, liegen davon noch ein paar mehr im Keller.

Woody Guthrie erkrankte Anfang der 50er Jahre an der von seiner Mutter vererbten Nervenkrankheit Chorea Huntingon. Er starb im Oktober 1967 in New York.

 

Kommentare:

  1. Ein berührender Eintrag, Kerstin. Einer deiner schönsten.

    Liebe Grüße vom Kid

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  2. Hier noch etwas vom teuen und untreuen Nachfolger:

    …………
    You can either go to the church of your choice
    Or you can go to Brooklyn State Hospital
    You'll find God in the church of your choice
    You'll find Woody Guthrie in Brooklyn State Hospital

    And though it's only my opinion
    I may be right or wrong
    You'll find them both
    In the Grand Canyon
    At sundown

    Bob Dylan, Last thoughts on Woody Guthrie, 1963

    Gruß, C.

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  3. Hobos sind Reisende im Geiste. Vielen Dank für diese Geschichte, Kerstin, die alles beinhaltet, was mein Leben, Denken & Fühlen inspirierte. Wunderschön!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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