Sonntag, 1. April 2012

Durch die Nacht mit Attila

Freitag Abend. 10 vor 9. Ich sitze im Auto, bin auf der Heimfahrt aus dem Waldstadion. Bin allein – meine Mit-Adler haben es heute nicht mit ins Stadion geschafft. Grade fängt es an zu nieseln, die Straße glänzt nass. Schrumm, schrumm, macht der Scheibenwischer. Flogging Molly und Lucinda Williams singen von den Factory Girls und dem „Whiskey on Sunday“. Und ich fahre so vor mich hin, froh, matt, ein bisschen hungrig, fast ein bisschen unwirklich rolle ich über die Autobahn.

Freu mich aufs Heimkommen, so viel zu erzählen. Das Herz hüpft, ebenso wie die Gedankenfetzen, die durch meinen Kopf wirbeln. Ganz vorne. Wir. Yep.Yep. War das schon der Aufstieg? Wer soll uns in dieser Form schlagen? So überlegen. Was für ein Tor, was für ein Tor. Wenn die Fürther jetzt auch noch morgen in Aue…? Hihi. Der kleine strahlende Paul fällt mir ein, der allen DK-Nachbarn zum Abschied die Hand geschüttelt und frohe Ostern gewünscht hat. Ostern. Stimmt - is ja auch schon nächste Woche. Radieschen. Kresse. Mensch, muss unbedingt dran denken, morgen Brekkies für die Katzels zu kaufen, die sind fast alle. Erwin Strittmatter fällt mir ein, mit dem ich mich in der vergangenen Woche intensiv beschäftigt habe. „Die Poeten sind dazu bestellt, den Sinn und die Schönheit aller Dinge und Menschen hochzuhalten, ohne nach ihrem Nutzen zu fragen." Ja, so ist das. Freu mich auf das kalte Bier, das zuhause auf mich wartet. Bob huscht durch meinen Kopf. So genial. Er kommt, tatsächlich, er kommt auch diesen Sommer. Berlin. Bonn. Bad Mergentheim. Juli. Da sind wir dann schon aufgestiegen.

Langsam. Langsam. Der letzte Aufstieg. Da ging es bis zum letzten Spieltag. Wacker Burghausen. Vorher waren wir noch beim 80. Geburtstag meiner Tante Lisabeth zum Mittagessen. Ach, Mensch. Die Tante. Vor drei Jahren ist sie gestorben. Drei Jahre jetzt auch schon… Attila fällt mir ein. Vorhin im Stadion. Als Herr Lawischka wie immer vor dem Spiel seine Adler-Stadionrunde gedreht hat, immer an der Bande entlang, auch direkt vorbei bei uns. Da war so ein Moment. Sie waren schon vorbei und dann, im Abgang, dreht Attila sich noch einmal um und sieht mich an. Doch – echt. Genau mich. Es sah aus, als ob er lächelt.

Und wie ich so vor mich hindenke und summe, taucht plötzlich vor mir ein großer, schwarzer  Bus auf, ein wohlbekanntes Gesicht schält sich allmählich aus der Dunkelheit. Attila – hey – der Mannschaftsbus der Eintracht. Wo fahren die denn jetzt noch hin? Huch. Hurra. Überhole. Drücke kurz, ganz kurz auf die Hupe. Wedle mit meinem Schal. Vielleicht haben sie den Adler-Bebber auf dem Auto schon gesehen? Wer weiß, ob da überhaupt noch jemand drin sitzt, sie sehen mich ja doch nicht. Aber hey…hallo…ihr… ich war da. Grad eben. Sieg. Und schon bin ich vorbei. Lächle. Die Straße ist nass. Der Verkehr stockt, huch, eben war doch noch alles frei. Bin jetzt schon hinter Rüsselsheim, langsam kommen wir wieder ins Rollen und da plötzlich,  taucht er wie aus dem Nichts  wieder neben mir auf. Der Mannschaftsbus. Is ja ein Ding. Attila da bist du ja wieder.

Dachte ich vorhin im Stadion, dass er mich anlächelt? Jetzt habe ich das Gefühl, er zwinkert mir zu. Ich spinne. Is doch nur ein Foto. Reibe mir die Augen. Doch tatsächlich er zwinkert. Der Stau hat sich inzwischen aufgelöst, wir nehmen wieder Fahrt auf. Der Eintracht-Bus schert nach rechts ein. Ich bleibe hinter ihm. Meine irgendwie abgedrehte, schwebende Stimmung. Der zwinkernde Attila. Meine Neugier ist geweckt: Wo will der Bus hin? um diese Zeit, nach dem Spiel. Nach Mainz?

Bischofsheim. Gustavsburg. Mainz-Innenstadt. Meine Strecke. Der Eintracht-Bus immer noch vor mir. Das gibt’s doch gar nicht. Doch, doch. Kein Zweifel. Da, im Dunkeln, irrlichtert nach wie vor das Gesicht von Attila. Eine seltsame Magie scheint von ihm auszugehen. Die Nacht, die nasse Straße, blinkende Lichter auf der Gegenfahrbahn. Die dunkle Rückfront des Busses. Attila, dessen Porträt über der Straße zu schweben scheint.  Das muss ich fotografieren. Mist. Mist. Handy-Akku alle. Weisenau. Großberg. Jetzt sind wir schon an der Abfahrt Hechtsheim. Harxheim. Attila immer noch vor mir. Hier muss ich runter, zögere, ob ich vielleicht doch weiter auf Attilas Spur bleibe und entscheide mich dann doch für die Vernunft, blinke, hupe noch einmal kurz. Wohin Attila, wohin fährst du…?

Noch ein paar Kilometer auf der Rheinhessenstraße. Harxheim, Mommenheim. Da bin ich, biege in unsere Straße, geradeaus, kleine Kurve – und denke das Herz bleibt mir stehen. Da. Attila. Der Bus. Direkt vor unserem Haus. Das bilde ich mir jetzt ein. Das IST NICHT WAHR. Vorsichtig, ganz vorsichtig rolle ich heran. Steige aus. Wache ich? Träume ich? Was ist das denn für eine abgespacte Geschichte. Magic. Attila – was willst du mir damit sagen? Gehe auf den Bus zu, will ihn anfassen – genau in diesem Moment ruckelt er, setzt sich in Bewegung. Wartet doch, will ich rufen, hey, bleibt doch, Eintracht.  Bringe aber keinen Laut heraus. Attila lächelt. Dann ist er weg der Eintracht-Bus.  Plopp. Wie nicht gewesen. Die Straße liegt vollkommen still.

Unsere Haustür geht auf. Mein Mit-Adler tritt heraus: Spitzenreiter, Spitzenreiter.

Kommentare:

  1. Wohin Attila, wohin fährst du…?

    Attila hat sich auf den Heimweg gemacht - zurück in die 1. Liga.
    Und dabei hat er nur einen Umweg gemacht. Dorthin, wo eine wohnt, die ihn die ganze Zeit begleitet und letztendlich immer an diese Rückkehr geglaubt hat. Ehre, wem Ehre gebührt. :-)

    Gruß
    Rüdiger

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  2. HappyAdlerMeenz1. April 2012 um 15:11

    Mir ist das auch schon passiert,ich sehe den Bus, greife zum Handy und rufe meinen Neffen an.Hi Andy eben habe ich den Bus gesehen.
    Wir sind schon alle etwas verrückt,aber positiv verrückt.
    Nächsten Monat bin ich 53 Jahre Eintrachtfan.Trotz einigen Enttäuschungen war es eine schöne Zeit,die ich nicht missen will.
    Freue mich auf das Spiel gegen 1860.Wir werden schon am Eingang singen, da bin ich jetzt 100% sicher,weil wir in Aachen alles klar machen.

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  3. "Drinking buttermilk all the week and whiskey on a sunday": vielleicht können wir ja schon bald im Namen Attilas die Buttermilch auch mit einem erstklassigen Schluck vertauschen! Slainte, C.

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  4. Reality is mind-made, desire-made - an (nuclearly) arising paradigm ;-)

    best, ak

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  5. Liebe Kerstin ,der Eintrachtbus fährt immer zu denen heim,
    die den Adler ganz tief im Herzen tragen !!
    Der Große von dem Kleinen DK Mitadler wünscht dir drei Punkte zum Osterfest !!
    Denk an mich , wir müssen gegen Aachen nicht mehr rechnen !

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  6. Boah Kerstin, bist Du wahnsinnig ? Habe gerade eine Megagänsehaut ( oder weil bald Ostern ist Hühnerhaut..?) . Du schreibst so wunderschön, so poetisch. Könntest auch wie Henni Nachtsheim mal einen Sammelband veröffentlichen : meine Geschichten mit der Eintracht - Traum und Realität .
    Hoffe, dass unser Traum des Aufstieges bald Realität wird. Möchte nicht mehr so lange warten und doch noch zittern müssen.
    Liebe Grüße und schöne Ostern
    Simone

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  7. Spitzenreiter nicht nur tabellarisch. Spitzenreiter auch hier. Immer wieder. Immer wieder. Danke für die Geschichte & all die anderen Geschichten.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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  8. Sehr schön geschrieben-WOW-,da bekommt man wirklich Gänsehaut pur.
    Danke und wie Kid so treffend sagt-*Ehre wem Ehre gebührt!*

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  9. @Rüdiger: Oh, da gibt es noch ein paar Mehr denen Ehre gebührt. Oh ja. Oh ja.

    @Dieter: Du bist unglaublich: 53 Jahre schon Eintrachtler – und Du weißt tatsächlich noch tag genau wann es angefangen hat? Ich will ja nix sagen, aber du bist halt en rischdische Narr ,-))).. Ja. Wir werden singen. Und hüpfen. Und überhaupt.

    @Celtix: Leider. Mag keinen Whiskey. Aber es wird sich ein anderer erstklassiger Schluck finden lassen :)

    @ak: I don’t know if I am really real

    @Großer vom kleinen DK-Mitadler: Ooooh wie nett. Glaubst gar nicht, wie ich mich freue dich hier zu lesen. Schon gegen Aachen… das wär der Hammer… Wann und wie auch immer – wir werden es auf jeden Fall zusammen im Stadion feiern. Liebe Grüße auch an den kleinen Adler und euch allen viel Spaß in Amsterdam. Wir sehen uns.

    @Simone: Freut mich sehr, dass der Text dir so gut gefallen hat..hey..danke. Und ein bisschen halten wir noch durch… nur ein bisschen…

    @Fritsch: Der eine erzählt Geschichten mit Worten, der andere mit Bildern. Sie sind überall versteckt, man muss sie nur aufsammeln. Danke!!

    @ Anonym: Vielen lieben Dank.

    Es ist ein schöner Gedanke, dass nicht nur wir mit dem Adler, sondern er auch mit uns ist – und dann solltet ihr also immer gewärtig sein, dass der Bus in den nächsten Tagen auch vor eurer Haustür steht. Gut aufpassen !!

    Hab mich sehr über eure Kommentare gefreut – euch allen eine schöne Vorosterwoche! K.

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