Donnerstag, 12. April 2012

"Der eine pfeift und der andere hält sich den Kopf"

Hat Heribert Bruchhagen zu den Reaktionen nach dem Spiel gegen Ingolstadt gesagt. Und es gibt keinen Zweifel: Ich gehöre eindeutig zur „hält sich den Kopf“-Fraktion. Gestern direkt nach dem Spiel, da war so ein Moment, in dem alles wieder da zu sein schien und über mir zusammenschlug: Das Grauen der letzten Rückrunde. Die Zweifel. Die Hilflosigkeit. Ich saß  auf meinem Sitz, die Beine hochgezogen, damit die hinausströmenden Menschen gut an mir vorbei kommen konnten. Den Kopf – aha, da isser – auf die Knie gelegt. Mein wild flatterndes Herz. Erschöpft. Zitterig. Ängstlich. Habe die letzten 45 Minuten angeschrien gegen die wachsende Mutlosigkeit, das leise Geknoddere und das minütlich wachsende Hab-ichs-doch-gleich-gesagt- Gestänkere rund um mich her. Eintracht. Eintracht. Jetzt, genau jetzt brauchen sie uns. Eintracht. Eintracht.

Die zurückliegenden 90 Minuten wirbeln durch meinen Kopf und dazwischen schwirren tausende von Fragezeichen. Warum? Wieso? Hätten wir nicht…? Müssten wir..? Weshalb können wir eigentlich nicht...? Woran liegt es, dass…? Warum nicht einfach…? Wir werden doch nicht…? Wieder…? *** Die Ingolstädter, die tief und kompakt stehen, richtig gut eingestellt sind. Zwar mitunter über die Mittellinie kommen, aber – zumindest in der ersten Hälfte - konsequent nie mit aufrücken, sich bei Ballverlust sofort in die eigene Hälfte zurückziehen.*** Gleich zu Beginn, nach 5, 10 Minuten – diese Riesenchance der Eintracht. Mo Idrissou, Meier im Getümmel vor dem Ingolstädter Tor. Köpfen sich gegenseitig an. Wenn der drin gewesen wäre. Ganz anderes Spiel. Wenn. Dann. *** Das kleine, eng zusammengedrängte und streng bewachte Häuflein Ingolstädter Fans im Gästeblock. Mit-Adler: „Das erinnert mich an die 25 singenden Ahlener vor sechs Jahren.“ Damals haben wir…  ruhig! RUHIG!! RUHIG! *** Die Eintracht, die versucht, die Ingolstädter weiter zu „bespielen“. Kein Drive. Immer wieder hintenherum. Statt in die Breite ab durch die Mitte. Zu langsam. Es fehlt an Aggressivität. Durchsetzungswillen. Statt Druck aufzubauen, nehmen wir immer wieder selbst das Tempo heraus. *** Geduld haben, weiter, immer weiter. Eigentlich ja kein schlechter Ansatz. Aber die Ungenauigkeiten nehmen zu. Und je länger es dauert, desto deutlicher sieht man sie, die Glocke der Verunsicherung über dem Stadion - erst hängt sie noch ziemlich weit oben im grauen Himmel, dann senkt sie sich immer weiter ab, immer weiter und schließlich klebt sie wie ein Dach über uns.


*** Das Tor. Fast wie aus dem Fußballlehrbuch, das Jürgen Klopp vielleicht einmal schreiben wird, Kapitel „Der zweite Ball“. Der Eintracht-Angriff ist eigentlich schon abgewehrt. Umschaltphase der Ingolstädter in die Vorwärtsbewegung. Ein Ingolstädter hat auf links den Ball unter Kontrolle, sucht den kurzen Pass zum Nebenmann, ein einfacher Ball, er geht einen Meter mit dem Ball am Fuß. Alex Meier stört, der Ingolstädter will den Ball an Meier vorbeilegen, spielt überhastet, der Ball prallt an Meiers Bein, der schaltet blitzschnell, passt auf Seppl Rode, der sich rechts anbietet, der flankt – Mo. Tor.*** Der Ausgleich. Wie aus dem Nichts.*** Nur noch die Eintracht, die spielt, kämpft. Mo. Sonny. Alex. Knapp vorbei. Zu spät. Raus. Daneben. Ballverlust. Die Ingolstädter werden mutiger, wittern ihre Chance. Konter. Hilfe. Uff. Geklärt. Weiter. Weiter. *** Die zunehmende Unruhe im Stadion. Pfiffe. War-doch-klar-die-sin-mim-kopp-woanners-widder-fort-de-ball-des-is-halt-keine-spitzenmannschaft-mer-könnt-ja-auch-mal-en-schritt-laufe-immer-hinnerum-mir-sin-net-im-training-sie-wolle-ja-abber-sie-könne-net.*** Ich: Eintracht. Eintracht. *** Die Panik, die erst leise, dann wie eine Welle in mir hochkriecht. Werden wir am Ende froh sein müssen, wenn wir zumindest den einen Punkt hier behalten. Fünf Minuten vor Schluss, noch einmal Ecke für die Ingolstädter. Noch eine. Mein Kopf an der Schulter meines Mit-Adlers.

Der nette, ruhige Herr, der heute links neben mir gesessen hat, und Henni Nachtsheim sind es, die mich in die Wirklichkeit zurück beamen. Mein Sitznachbar tätschelt meine Schulter. Hey. Komm. Wir haben immer noch 5 Punkte auf Düsseldorf. Und Henny singt: Ganz egal wo du stehst, egal wohin du gehst. Das Lied habe ich heute schon einmal gehört, vorhin, als ich hoffnungsfroh ins Stadion geeilt bin, vorbei an der Waldtribüne, wo gerade zusammengeräumt wurde und Musik aus dem Lautsprecher schallte. Und das auch noch gestreift. 

Yep. Ich richte mich auf. Klar packen wir das. Klar, packt IHR das, ihr da unten auf dem Platz. Kein Grund jetzt auf der Zielgeraden noch in Panik zu geraten. Letztes Jahr war letztes Jahr und Jetzt ist Jetzt. Abschütteln. Alles, was da in den Knochen, im Kopf, auf dem Gemüt hängt. Wegfegen. So ist Fußball. Einfach mit zehn Punkten Vorsprung in die letzten Spiele? Wer will denn so was? Aufstieg muss auch ein bisschen weh tun, erkämpft, erlitten werden. Ihr gebt alles - und wir tun das auch.  Herz in die Hand und gemeinsam über die nächste Hürde. Drei Punkte gegen Aue. Eintracht!


Die Fotos am Rande des Spiels hat Happy Adler Mainz gemacht und zur Verfügung gestellt. Danke schön!

Kommentare:

  1. Wenn wir nicht alle die letzte Rückrrunde in Hirn, Herz und Knochen hätten, würden wir mit fünf Punkten Vorsprung und einem Heimspiel gegen Aue ruhiger schlafen. Nerven behalten (und vielleicht mal ein paar Ecken trainieren) - das wird schon. Sieg! Gruß, C.

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  2. Ich stimme dir und Celtix zu. Letztes Jahr war letztes Jahr. Aber das steckt in Hirn, Herz und Knochen. Hoffentlich nur bei uns.

    Und ja, es wird schon. Es muss.

    Gruß
    Kid

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  3. der zweite ball - schöne wendung. ich fasse mir derweil immer noch an den kopf.

    und grüße euch

    beve

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  4. 3 Punkte gegen Wismut Aue und die Welt ist wieder in Ordnung...prophezeie ich jetzt mal in meinem jugendlichem Wahnsinn....

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  5. Morgen kommen die Ecken - ich seh sie schon förmlich, wie sie kopfgerecht in den Strafraum segeln. Morgen sind Hirn, Herz und Knochen frei - auf dem Platz und daneben. Morgen holen wir nicht nur die zweiten Bälle, sondern auch die ersten. Und morgen ist die Welt wieder in Ordnung. Da stimme ich zu, in meinem nicht mehr ganz so jugendlichen Wahnsinn.

    Einträchtliche Grüße in alle Richtungen!

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