Montag, 5. März 2012

Von bösen Gespenstern und guten Geistern

In der Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich schlecht geschlafen. Spät ins Bett, im Morgengrauen bin ich bereits wieder wach, tappere durch die Wohnung, füttere die Katzen. Alles ist still, alles schläft. Ich fröstele, ziehe mir eine Kapuzenjacke über. Setze mich an meinen Schreibtisch, sehe aus dem Fenster. Kahle Zweige, Nebeldunst. Vögel zwitschern. Sitze. Schaue. Blättere. Irgendwann gewinnt die Müdigkeit überhand, ich packe mich noch einmal ins Bett…

Drei Stunden später muss dann alles ganz schnell gehen. Aaaargs. Verdammt doch wieder so spät. Duschen. Schnell noch eine Tasse Kaffee, ein Toast. Mir ist ein bisschen übel. Und spätestens jetzt kann ich mir nichts mehr vormachen: ich habe Schiss, richtiggehend Schiss vor diesem Spiel.

Spät wie immer brausen wir los und sind erstaunlich früh am Stadion. Die Schlangen am Eingang sind überschaubar, die Kontrollen sehr körperbetont. „Kommen Sie ein Stück näher“, dirigiert der Ordner, den vor mir stehenden, offensichtlich im Stadionbesuch ungeübten älteren Herrn. Der Mann zögert kurz, und lässt sich mit dem ganzen Gewicht seines Oberkörpers nach vorne sinken und umarmt den Ordner. Hihi. So war das sicher nicht gemeint, der Ordner grinst schief, schiebt den Herrn ein wenig zurück. Ach so.

Die Mannschaftsaufstellung der Eintracht. Wie erwartet mit Amedick. Mit Matmour  - und wir brauchen einen Moment bis wir kapieren, dass das was wir gehört haben nicht mit den Bildern übereinstimmt, die wir sehen. Das da ist zweifelsohne eine 8 und keine 21 und da muss wohl kurzfristig irgendetwas mit Karim Matmour passiert sein.

Eine Serie soll heute gestartet werden. Eine Reaktion gezeigt. Und es ist zunächst kaum zu glauben, dass das was sich da abspielt, tatsächlich das Spiel sein soll, von dem im Vorfeld die Rede war. Warum um des Himmels willen ist diese Mannschaft so verunsichert wie sie es offensichtlich ist? Nervös. Übervorsichtig. Wie schon in Paderborn – gleich zu Anfang (und auch ohne Schildenfeld) ein, zwei unnötige Bälle sinnfrei ins Seitenaus – und danach: Nichts mehr. Sie mühen sich erkennbar, aber nichts gelingt. Kein Pass kommt an. Kein Spielaufbau. Kein energisches Nachsetzen. Cottbus gewinnt die Zweikämpfe. Cottbus macht das Spiel, äußerst mittelmäßig, aber das reicht vollkommen aus, um uns den nicht vorhandenen Schneid abzukaufen.

Bereits nach einer viertel Stunde stellt die Eintracht die Kombinationsversuche weitgehend ein und fängt an, lange Verzweiflungsbälle in die Spitze zu spielen. Daraus ergibt sich die ein der andere Chance. Wenn Meier einen dieser Bälle erwischt und mitnehmen kann, blitzt einen Moment Gefahr auf. Ein schöner Angriff aus der Abwehr heraus, mit wenigen Bällen über Amedick, Rode, Köhler (schööönes Pässje) auf Rode –aaaaaahdasisses – aber der Cottbuser Torwart ist da. Es gelingt uns zu keiner Sekunde Druck aufzubauen, nachzusetzen, einem Angriff gleich den nächsten den nächsten den nächsten folgen zu lassen. Einzelaktionen. Zufall. Stattdessen setzt sich Cottbus in unserer Hälfte fest, wir schaffen es kaum mal bis zur Mittellinie. Ballverluste. Die Abwehrreihe, Anderson, Amedick (!) steht – nach anfänglichen Unsicherheiten – zunehmend sicher. Aber sobald wir uns der Mittellinie nähern, ist es vorbei. Stolperer. Pässe in die Beine des Gegners. 32. Minute – schon wieder eine Ecke für Energie. 6:0 das Eckenverhältnis. Sechs zu Null. Unglaublich.

Über dem Stadion liegt eine merkwürdige Stimmung, fast eine Art kollektiver Paralyse. Die Mannschaft – so viel war bereits nach wenigen Minuten klar – wird heute keine Funken versprühen. Und ebenso deutlich wird jetzt: Das Stadion willkannwird ihr nicht dabei helfen. Eine Art stille Verzweiflung überkommt mich. Unsere Kurve schweigt. Das kleine Häuflein Cottbuser singt murmelnd vor sich hin. Wehre mich gegen mich selbst. Eintracht. Eintracht. Irgendwann wird mein trompetenartiger Ruf, der so oft einsam durchs Stadion schallt, als Tondokument im Eintracht-Museum aufbewahrt werden: Die, die immer so  geschrien hat.

Drei Minuten vor der Halbzeitpause habe ich das Gefühl: Ich kann nicht mehr. Bin moralisch am Ende. Das war’s, denke ich. Wie sollen wir dieses Spiel gewinnen? Da hatte ich also recht mit meinen Befürchtungen. Heute vergeigen wir den Aufstieg. Kann mir keiner erzählen, dass nach einer Niederlage heut nicht alles vorbei ist. Diesen Knacks stecken wir, stecken die Jungs da unten auf dem Platz, nicht weg.

Halbzeit. Pfeifkonzert. Wie ich das hasse. Eintracht. Eintracht. Rufe ich, um die Welle von Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung zu besiegen, die sich in mir breit gemacht hat. Das kann, das darf doch alles nicht wahr sein. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Angst vom Spielfeld auf die Ränge und von den Rängen zurück aufs Spielfeld schwappt. Wir haben uns verdient. Wir trauen uns gegenseitig nicht. "Hey", sagt mein junger Mit-Adler. "Hey", sagt sie "komm – wirst sehen, irgendwie werden wir das Ding am Ende gewinnen. Das sind so Spiele, die am Ende ganz wichtig sind." Balsam. Ich merke, wie ich mich innerlich aufrichte. If I can’t make it, I know my Baby will. Sie hat recht. So wird es sein. „Nicht schlapp machen,” simse ich in die Welt. “Elend. Zäh. Schlecht. Aber am Ende drei Punkte.“

Ich witsche noch einmal nach draußen und praktiziere mein Halbzeit-Sieg-Beschwörungsritual. Es hat vor langer Zeit – in der Rückrunde der letzten Saison – seine Heilkraft verloren und wurde abgeschafft, jetzt wird es wiederbelebt. Hat etwas mit drei Mal an einer bestimmten Stelle auf und ab gehen, sich siebzehnmal im Kreis drehen, mit Beschwörung des Adler-Geistes und stiller Besinnung mit Blick auf den Wald zu tun. Psssst. Geheim.

Drinnen geht es weiter. Armin Veh hat gewechselt und so schade das gerade für Amedick ist – die Wechsel sind richtig. Goldrichtig. Links hinten jetzt Djakpa der einmal mehr zeigt, dass er – wenn er sich an die taktischen Vorgaben hält – ein richtig guter linker Läufer sein, eben nicht nur lange Bälle schlagen, sondern auch – technisch sehr ansprechend – Bälle halten und kurz kombinieren kann. Vorne drin jetzt Mo Idrissou, der – körperlich wieder präsenter - wesentlich dazu beiträgt, dass wir jetzt eine Art Pressing spielen. Da steht jetzt tatsächlich eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz. Als sei der Aufstiegsgeist in sie gefahren. Sie schütteln die Unsicherheit ab, nehmen ihre Herzen in die Hand. Plötzlich ist da Körperspannung, Willen, Konzentration. Jetzt machen WIR das Spiel. Und wir gewinnen die Zweikämpfe. Beine, Körper, die immer noch irgendwo dazwischen sind. Rode. Meier. Schwegler. Jung. Rode, immer wieder Rode. Die Angriffe rollen aufs Tor, der Ball läuft. Zunehmend viele Fouls der Cottbuser. Freistöße. Das Spiel wird schneller. Weiter. Immer weiter. Geduld haben. Konzentriert bleiben. So wird dieses eine Tor irgendwann fallen. Es wird fallen. Oder? ODER?

„U u u u u“ intoniert der Cottbuser Block als Djakpa, direkt vor uns, in der Nähe der Gästekurve einwirft. Maaaaaaaaaaan. Wie ein Mann springt unsere Ecke auf: Habt ihr sie noch alle? Schnauze! Idioten! Djakpa, Djakpa. Ach, wie tut es gut, dass wir zumindest hier mal alle einer Meinung sind.

Und dann fällt es. Tatsächlich. Sebi Jung sieht den rechts im Halbfeld vollkommen frei stehenden Rode. Der legt sich den Ball einen Tick zu weit vor, erwischt ihn wieder, legt ihn an seinem Gegenspieler vorbei, zieht ihn – fast von der Außenlinie – nach Innen vors Tor. Wow. Und da steht Hoffer. Tor – ein Schrei wie aus einer und doch aus tausend Kehlen. Tooor. Tooor. Toooor.

Der Rest ist Zittern.

Die noch sehr kleine Tochter eines Sitznachbarn ist seltener Gast im  Stadion. Heute ist sie mit dabei, sitzt – von wegen besserer Sicht – leicht erhöht neben mir und hat die meiste Zeit des Spiels damit zugebracht, die Blümchen auf ihrem Schal zu bewundern und leise vor sich hin zu summen. Die letzte Spielminute läuft. Zusammengekrümmt kauere ich auf meinem Sitz, sehe wie die Cottbuser noch einmal vors Tor kommen, sehe Oka, der den Ball hat. Nicht hat. Fallen lässt. Hilfe. Nachsetzt. Er hat ihn. Hält ihn fest. Hat ihn.

Bei dieser Szene hatte auch die kleine Elena sich kurz von ihren Blümchen abgewendet und aufs Spielfeld geschaut. Ich drücke sie kurz. Hey. Geschafft. Jetzt haben wir es geschafft. Durch ihre Brillengläser kichert sie mich an: „Hihi - ich mach das immer mit dem Knie.“ Und so erfahre ich also bei dieser Gelegenheit ganz nebenbei, dass sie selbst Fußball spielt und – wie Oka - im Tor steht. Ich lache, der Schiedsrichter pfeift ab und ich fühle, wie es mir heiß und kalt durch den Körper rieselt. Das hier heute, dieses Spiel , war ein entscheidender Schritt Richtung Aufstieg. Meine Knie wackeln und mir ist schlecht. Wir waren grottenschlecht, waren kurz davor uns aufzugeben, haben uns am Riemen gerissen, das Spiel in die Hand genommen und getan, was getan werden musste.

Das sind die Spiele, die man gewinnen muss, wenn man aufsteigen will. So wie wir! Eintracht!

Kommentare:

  1. „U u u u u“ intoniert der Cottbuser Block als Djakpa, direkt vor uns, in der Nähe der Gästekurve einwirft.

    drecksvolk. bei lazio vs as rom gings wohl auch hoch her. kloses laziofans bepöbelten juan. gegenhalten. was sonst?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. HappyAdlerMeenz5. März 2012 um 15:36

      war irgendwie gestern ein komisches Spiel.Erste Halbzeit grottenschlecht.Zweite Haobzeit besser.Trotzdem musste man bei jedem Gegenangriff die Luft anhalten.Den Konter in der Nachspielzeit von Hoffer muss man mit einem Tor abschließen.Das sind Chancen die nutzt eine gute Mannschaft.Eine gute Mannschaft sind wir noch nicht.Da haben Fürth und dia anderen was voraus.
      Manchmal bin ich sowas von unsicher ob wir es packen.Ich wünsche es mir so sehr.

      Löschen
  2. Ähnliche Gefühle, irgendwie Bauchweh gehabt. Denk so vor mich hin, dann Beschlussfassung: Nix Stadion. Sonntag früh immer noch angsthäsig. Sonntag kurz vor Anpfiff mit der Entschuldigung, ich könnt ja noch ein bisschen am aktuellen Superwichtig-Eilprojekt bosseln, ins Büro. Dort natürlich als erstes stream gesucht =). Keine 10 Minuten später eher so =((((, daher beschlossen, ernsthaft zu arbeiten.
    Zufrieden mit der Punktausbeute, missgestimmt, dass es nach allerlei Informationen aus allerlei Kanälen wohl wieder kein Spiel der Eintracht war, wie sie es eigentlich können könnte. Beim abendlichen Telefonat mit dem Lieblingsneffen den Befehl erhalten, nicht zu schimpfen. Na dann, halt ich mich halt dran. Euphoriemodus vorübergehend aus, Meckermodus erst recht.

    Kerstin, besonders schönes, dichtes Stimmungsbild. Merci für den Beitrag, auch wenn Dir wahrscheinlich nicht so ganz danach war.

    LG, die Sarroise

    AntwortenLöschen
  3. N'abend,

    Echt schade, dass die Kurve mittlerweile so schnell verstummt, wenn es auf dem Rasen nicht auf Anhieb läuft. Ist nicht gerade förderlich...

    In punkto Bloglob kann ich mich meinem Vorschreiber anschließen. Hut ab. Macht immer wieder Spaß...

    AntwortenLöschen
  4. schön merkwürdiger stimmungsbericht entsprechend der gefühlslage. mir ging es ähnlich. danke fürs in worte fassen.
    meine stimme geht heute an amedick. ich hab ihn ganz ordentlich gesehen und mir hat es leid getan, dass er opfer der taktischen wechsel wurde.
    aber letztendlich war es ja gut so.

    AntwortenLöschen
  5. Ist wirklich schwierig, diese Stimmung am Sonntag zu beschreiben. Am Ende war dann Erleichterung. Egal wie, Hauptsache die 3 Punkte. Und die Hoffnung, dass wir oben bleiben. Und dass diese merkwürdige Verunsicherung aufhört.

    Ich glaube, Schwegler hat eine Zeit gebraucht, um reinzufinden. Nun ja und es war ja alles anders geplant, mit Matmour halt. Lehmann stand neben sich, vielleicht alles irgendwie nur dumm gelaufen in Halbzeit 1.

    Hmm, ich dachte eher zur Halbzeit, Butcher müsste weichen. Dann hätte Amedick doch auch weiter spielen können? Djakba auf links außen und fertig. Warum eigentlich nicht? Naja, iiiigal, wie Rosa immer sagt.

    Danke Kerstin, dein Bericht ist so schön, persönlich und stimmungsvoll.

    AntwortenLöschen
  6. @ Beve: Ja. Was sonst.

    @Happy Adler: Es WAR ein komisches Spiel, aber wir haben es nach Hause gebracht. Ich denke, das war nicht nur wegen der Punkte wichtig, sondern für die so gern beschworene „Psyche“ (die der Mannschaft, aber auch unsere ,-)). Wir werden damit leben müssen, dass die Mannschaft so ist wie sie ist – leicht zu verunsichern, immer irgendwie gefährdet. Aber wir werden es schaffen. Wir sind zu gut, um nicht aufzusteigen!

    @Sarroise: Recht hat er, der Lieblingsneffe. Wir müssen da jetzt einfach durch und wenn unsere Mannschaft ängstlich ist – dann müssen zumindest wir stark sein. Oder so…

    @Stay Cold: Wir haben zwischendurch sogar gemutmaßt, ob es da irgendeine Aktion – Support-Boykott – gibt. Schon krass…

    @Pia: Schön merkwürdig – wie so manches ,-) Amedick sehe ich ähnlich wie du – von der Leistung her hätte man eigentlich Bamba rausnehmen müssen und innen dann mit Butscher/Amedick spielen. Aber ob es wirklich sinnvoll gewesen wäre, die Innenverteidigung komplett neu aufzustellen. Na ja. 3 Punkte. Alles gut.

    @ Nicole: Wie gesagt – ich glaub nicht so recht daran, dass die Verunsicherung so richtig aufhören wird. Deswegen war es ja am Sonntag so wichtig, dass sie sich selbst einen Tritt in den Hintern gegeben haben. Ich find auch, dass man Schwegler (vielleicht auch wg. Nebenmann Lehmann) die fehlende Spielpraxis angemerkt hat – in der zweiten Hälfte sah das schon wieder viel besser aus. Iiiiiiiiegal? Und was sagt Rosa nach dem Aufstieg? Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii.

    Danke euch fürs Lesen, Loben und Kommentieren! Freut mich sehr!! Lg in alle Richtungen, K.

    AntwortenLöschen