Sonntag, 26. Februar 2012

Kopf aufkrempeln! Aufwachen!

Es war einer dieser Tage, von denen man hätte wissen müssen, dass sie schief gehen. Bei denen man irgendwann ziemlich sicher weiß, dass es auch so kommen wird und sich trotzdem hartnäckig einredet: Heute nicht.

Schon gestern zum Beispiel, der allsamstägliche Austausch mit den Eintrachtlern auf dem Mainzer Wochenmarkt: Optimismus war gar kein Ausdruck. „E klar Sach wird des – und dann simmer so gut wie dorsch.“ Ja. So wäre es wohl gewesen...

Heute, beim Aufwachen: Vogelzwitschern, gähnende Katz  und ein erwartungsvolles Kribbeln im Bauch. Sogar mein Mit-Adler, der nicht zum Überschwang neigt, sieht den kommenden Ereignissen vorsichtig zuversichtlich entgegen. Heute Nacht hat der Wind aufgefrischt; erste mahnende Worte schlage ich in selbigen.  Überhaupt: Man muss die Zweitliga-Anstoßzeiten nehmen wie sie fallen und  - haha - nutzen solange es sie noch gibt  - unser kleiner Adlertrupp hatte sich deshalb zum Brunch verabredet und um halb eins komme ich auf die glorreiche Idee – "Maaaaan, dass ich da nicht eher drauf gekommen bin" - , dem Ganzen auch noch ein Adler-Setting zu geben: Eintracht-Teller, Eintracht-Tischsets, Eintracht-Servietten, Gläser, Adler-Girlande (...woisdienochgleich...ah..daissieja...)  – alles angerichtet für eine Mini-Aufstiegspartie. „Das war der Tag, an dem wir die entscheidende Hürde Richtung Aufstieg genommen haben.“ So oder so ähnlich dachte ich mir das. Wie gesagt: Ich hätte es besser wissen müssen…

Um ca. zehn nach 1 klingelt das Telefon. Adler-Anruf aus Paderborn. Aus tausend Kehlen schallt mir über ein paar hundert Kilometer Entfernung das Europa-Lied entgegen, ich schalte den Lautsprecher an, nehme Aufstellung vor dem Fernseher (Armin Veh gibt dort gerade sein Vor-dem-Spiel-Interview) und singe lauthals mit. Ein erhebendes, frohes, fast ein wenig transzendentesGefühl. Spätestens in diesem Moment hätte ich ... Aber ich glaub, das sagte ich bereits....

Es muss ungefähr fünf nach halb Zwei gewesen sein, als mir der Müsli-Löffel im Mund stecken bleibt. Zehn Minuten später – ich beiße gerade in ein Fleichwurstbrot - fällt das 2:0 und mir ist der Appetit fürs erste vergangen. Was. Machen. Die. Denn. Da?

Der nächste Angriff der Paderborner rollt. Oka klärt. „Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung“, albert mein Mit-Adler, was mich auf dem falschen Fuß erwischt und kurz vor fuchsteufelswild macht. Auch noch witzig. Haha. Das kann ich jetzt grad gar nicht vertragen. Selbstverständlich – aber s e l b s t v e r s t ä n d l i c h – werden wir dieses Spiel noch drehen. "Jaja. Is ja schon gut." Vielleicht sollten wir damit anfangen, indem wir Gordon Schildenfeld aus dem Spiel nehmen? Das geht so nicht. Ihm gelingt nichts, nichts. Immer zu langsam, immer der falsche Ball, gerne auch mal unbedrängt. Ins Aus.

Schildenfelds Verunsicherung scheint die gesamte Abwehrreihe mit zu reißen. Bamba Anderson: Überhastet. Hibbelig. Sebi Jung, der eigentlich ganz ordentlich mit viel Offensivdrang begonnen hatte: Vollkommen von der Rolle. Die Paderborner dagegen hellwach und konzentriert. Jaja, man weiß  inzwischen, dass die nicht umsonst da oben stehen – aber das hätte ich ihnen im Leben nicht zugetraut. Das sieht gut aus, richtig gut. Sie sind aggressiv, lassen uns nicht ins Spiel kommen – im Gegenteil: Sie spielen selbst. Aber – neinneinnein. Wir. Eintracht. Wir werden nicht einknicken. "Seht doch selbst." Wir lassen uns nicht aus der Spur bringen. Rennen weiter an. Freistoß. Yeah. Der Benni. Und jetzt nicht nachlassen. Druck aufbauen. Weiter anrennen, dann kommen die auch ins Trudeln. Vor der Halbzeit noch den Ausgleich und alles wird gut. Rode, mit unbändigem Willen, setzt sich auf rechts durch, zieht den Ball nach Innen – da kommt Meier, nein, den kann er nicht bekommen. Doch, er rutscht, sein Bein wird länger, länger. Drin. Der Ball ist drin.

"Jaaaaaaaaaaaaaaaa." Na also."Sag ich doch. Gedreht. Wir haben das Ding gedreht." Und dann ist auch schon Halbzeit.

Jetzt bin ich wieder so weit, dass ich noch ein Käsebrot essen kann. Alles klar. Jetzt fängt das Spiel wieder von vorne an. Raus kommen, gleich das dritte Tor hinterher und ab dafür. Pauseninterview mit dem verletzten Paderborner Abwehrorganisator  Gonther („Das ist doch der, der nächste Saison gerne bei uns spielen würde…?“ „Mmh..."). Aha, in der zweiten Halbzeit ist der SC in der Regel stärker als in der ersten? Ich zucke kurz ich zusammen. Ach, was. Wir auch. Und dann geht es auch schon weiter.

Allerdings nicht bei uns. Die Mannschaft ist gegenüber dem Spiel vom letzten Samstag nicht wieder zu erkennen. Was für ein Leistungsabfall.  Kaum zu glauben. Kein Mumm, kein Aufbäumen. Hilflos. Seltsam kraftlos. Stand die Abwehr in der ersten Hälfte schlecht - jetzt schwimmt sie, keine Ordnung, kein sauberer Ball – fünf, sechs, sieben Versuche bis ein Angriff geklärt werden kann. Immer wieder landet der Ball vor den Füßen eines Paderborners, wird der Ball zum Gegner geklärt. Gestochert. Gewuselt. Am Ball vorbei getreten. Verkehrt zum Ball gelaufen. Der Ball dem Gegner vor die Füße gespitzelt. Den Ball erobert und gleich wieder verstolpert. Sich gegenseitig über den Haufen gerannt. Den Ball über den Rist rutschen lassen. Mit den Armen gerudert. Den Ball abprallen lassen. Einfach stehen geblieben. Teilweise sieht das aus wie Slapstick.

Allen voran – "Huch, immer noch im Spiel?" "Ja, irgendwie schon..". - Gordon Schildenfeld, aber auch die linke Seite von Heiko Butscher wird zum Gefahrenherd. Immer einen Gedanken, einen Schritt hinterher. Wie war das doch gleich? „In der Defensive wird der Aufstieg entschieden.“ Wenn man sich das Spiel heute anschaut, kann man nur wünschen: Hoffentlich nicht. Obwohl auch unsere Offensive heute nicht gerade zum Träumen einlädt.  Nichts zu sehen von Spielaufbau, von Kombinationsfußball, von Präzision, von Ordnung und Laufwegen. Von Matmour. Von Hoffer. Von Lehmann. Sinnfreie lange Bälle, Ballverluste.  Sebastian Rode zerreißt sich fast. Alex Meier versucht, das Spiel anzukurbeln, zeigt an: Hier, hierhin muss der Ball.

Es nützt nichts. Unser Spiel wird zunehmend hilfloser. Das Erschreckende: Die Paderborner kämpfen uns nicht nieder, brauchen sie gar nicht - sie spielen uns einfach an die Wand. Schon wieder dieser Meha. Uff. Oka. Jetzt aber.Eintracht! Nein, uns gibt es heute nicht. 3:2. Verdammt. Jetzt muss doch aber ein Ruck…Mo kommt. Das 4:2 – d u   l i e b e s  b i s j e. Bamba und Schildenfeld rücken auf, Butscher hängt. Der Paderborner sieht die Lücke, stellt durch. Wir stehen. Nein. Kein Abseits. Bis wir „Worscht“ gesagt haben, haben die Paderborner sie schon gegessen. Langsam wird das fast ein bisschen peinlich.

Ich gebe die Unverwüstliche. Eine halbe Stunde haben wir noch. Das reicht noch. So geht dieses Spiel nicht aus. Wir biegen das noch mal. "Glaubst du das im Ernst?" Ähem. Frag mich doch nicht so was.

Rob Friend kommt. "Echt?" Ja. Rob Friend. Dann auch noch Djakpa. Gut so – Butscher nach Innen, schlechter kann es nicht werden. Schlussoffensive. "Was?" „Ach so, du meinst die der Paderborner…“ 

89. Minute: Rob Friend dotzt der ball noch einmal vom Kopf übers Tor. Ich will es nicht wahr haben. Wartet nur ab. "Jetzt, jetzt fällt das dritte Tor." "Und in der Nachspielzeit der Ausgleich."  Wird schwierig, so in der eigenen Hälfte... Halbherziges Ballgetändel. Djakpa. Langer Ball. Djakpa, springt in den Mann. Körpersprache. Hängende Arme und Köpfe. Nein. Es ist längst klar: Diese Truppe wird heute gar nichts mehr reißen. Die Paderborner sind es, die die letzet Chance des Spiels haben. Oka, Oka klärt. Abpfiff.

Einigermaßen zusammengedonnert sehen wir uns an und der Wahrheit ins Auge. Aus. Verloren. So schwach. Einfach so untergegangen. Kann man das verstehen? Im Moment erst mal nicht. Wenigstens „nur“ 4:2. Wenigstens hat Pauli auch Punkte gelassen. Das heißt noch gar nichts. Wir bleiben vorne dabei. Wir haben das leichteste Restprogramm.... Die andern müssen noch... Wir...

Flashback

In dieser Woche, am Mittwoch,  ist mir etwas Kurioses passiert. Ich fuhr auf der Autobahn, rechte Spur. Der Verkehr war ziemlich dicht, das Fahrtempo auf der rechten Spur – also da, wo ich war – 90 oder 100 km/h, auf der linken ein bisschen darüber. Ich hänge hinter einem Laster, links ist gerade ein blauer PKW dabei, mich zu überholen, nähert sich, ist auf gleicher Höhe, fällt dann wieder zurück, gibt dann wieder Gas, zieht an, gleiche Höhe und wird dann wieder langsamer. Huch, denke ich. Hat der ein Problem mit dem Wagen? Oder ist das jemand, den ich kenne, und der sich bei mir bemerkbar machen will? Jetzt ist der Fahrer wieder mit mir auf gleicher Höhe, ich schaue nach links und denke, ich seh nicht richtig: Der Fahrer liest Zeitung. Blöd-Zeitung. Er hat die Zeitung auf dem Lenkrad ausgebreitet, ist leicht nach vorn gebeugt, liest konzentriert, blättert um. Vielleicht liest er ja grade über die Beckhams von Frankfurt? Unfasslich. Kann das gar nicht glauben. Ich muss eine Erscheinung gehabt haben. So was gibt’s doch gar nicht. Schaue noch mal hin. Doch tatsächlich: Es stimmt. Der Mann liest Zeitung.  Hilfe.

Nehme den Fuß vom Gas, prompt zieht der Zeitungsleser neben mir wieder an, schwenkt dabei allerdings gefährlich nach rechts, weiter nach rechts, nimmt Kurs auf den Lastwagen…

MIIIIIIEPMIIIIEPMIIIIIEP… Ich haue mit voller Wucht auf meine Hupe- zuck – in fast letzter Sekunde zieht das blaue Auto wieder nach links, auf die Überholspur. Ich hoffe, dem Fahrer ist die Zeitung vor Schreck aus der Hand gefallen.

Flashbackende

Jetzt also noch mal:

MMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEPPPPPP!



Kommentare:

  1. Danke Kerstin für diesen Eintrag.

    Wie du bin ich optimistisch in die Halbzeitpause, was dann kam, war unverständlich. Ich hätte das nicht erwartet :(. Muss man mal eine Nacht drüber schlafen...

    LG Nicole

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  2. Ende der ersten HZ dachte ich, dass da noch was drin ist. Leider Fehlanzeige. Da kam leider gar nix mehr. Und was war bloß mit der Abwehr los? Das Flah Gordon in der Regel ein Unsicherheitsfaktor ist, ist kein Geheimnis aber das auch Bamba und Butscher sich derart übertölpeln lassen, war schon schmerzlich anzusehen.
    Naja, Mund abwischen und weiter. Cottbus wartet und da muss ein 3er her.

    PS: Stimme ging an Herrn Rode. Für mich der beste Mann seitens der SGE. Gallig, giftig unterwegs und hat wenigstens nachgesetzt, wenn der Ball verloren ging...

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  3. Hupen bringt nichts, Kerstin. Die Lahmen und Blinden sind auch noch taub und hören doch selbst den Schuss nicht mehr.

    Grüße
    Rüdiger

    PS: Paderborn war gut, sehr gut. Die holen aus ihren begrenzten Möglichkeiten wirklich alles raus. Würde ich da jetzt ansetzen und mal vergleichen, was bei uns aus den vorhandenen Möglichkeiten gemacht wird, sehen wir fast so schlecht aus wie gestern auf dem Platz.

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  4. Spannender Text! :)

    Ehrlich gesagt, habe ich auch gedacht, dass die Eintracht uns in der zweiten Hälfte überrennen wird... Man kennt es ja, psychologischer Vorteil und so. Deswegen ist die Leistung vom SCP auch so hoch zu bewerten. Viele Verletzte. Eine kleine Schwächeperiode. Eine gut aufgelegte Eintracht, die im Derby den FSV überrollte, usw. pp.

    Trotzdem denke ich, dass ihr es packt. Was ich so in Foren gelesen habe, staunt man in FF über den SC Paderborn und dessen Leistung, gönnt ihm den Erfolg. Sie ist nicht von der Hand zu weisen, diese ungewöhnliche Demontage. Zum Glück sorgten keine diffusen Schiri-Entscheidungen für Diskussionen (lieben Gruß an die NRW-Landeshauptstadt!).

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  5. du liebes bissje. genau. obwohl, das ist noch viel zu harmlos.

    viele grüße

    beve

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  6. Gut geschrieben und dürfte in etwa das wieder spiegeln, was alle Frankfurt Fans an dem Tag gedacht haben. Aus Düsseldorf Sicht kann ich sagen, dass ich mit dem 2:2 zufriedener gewesen wäre. So ist die Spitzengruppe wieder zu dicht zusammen gewachsen und der krampf geht weiter. Mir wäre lieber Paderborn wäre weg vom Fenster. Aber Fußball ist ja bekanntlich kein Wunschkonzert.

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  7. Was für ein versemmelter Sonntag. I'm not amused.
    Das war nicht nur ein "bisschen" peinlich, sondern hatte in Teilen was von amateurhaftem slapstick. Mir fehlten Hingabe, Selbstmotivation, ja sogar die professionelle Eitelkeit (so vorgeführt sollte doch keiner vom Platz gehen wollen) in weiten Teilen der Mannschaft.

    Also jetzt, Autohupen einpacken, alle die Schiffssirenen raus, am besten die mit eingebautem Blitzlichtgewitter (für die Halbblinden).
    AUFSTEHEN.JETZT.

    Dann erwisch ich mich gestern auch noch dabei, dass ich mich für die Bornheimer freue.

    LG, BB

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  8. ...Und die grosse Bahnhofsuhr in Paderborn
    hatte keine Zeiger...

    WAS für ein Bild !

    MFG aus HB...i.

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  9. @Nicole: Auch nach zwei Tagen drüber schlafen, fühlt es sich immer noch scheiße an.

    @StayCold: Ob es mit Mund abwischen getan ist? Drei Punkte gegen Cottbus müssen jedenfalls her. Nicht nur gegen Cottbus.

    Wg. Rode: Ich auch. Und: Meier (muss gestehen: Ich hab die "Quote" nach oben getrieben und zwei Mal abgestimmt – einmal vom PC, einmal vom Laptop…*g)

    @Rüdiger: Doch! Es muss! Und ja: Genau das ist offensichtlich unser Problem

    @ angelpunkt: Hey – freu mich, dass du hier vorbeigeschaut - und dass du einen Kommentar da gelassen hast. Ja, ihr habt uns offensichtlich genau auf dem Fuß erwischt, der uns hoffentlich am Ende nicht wirklich noch zum Verhängnis wird. (Nein, wird er nicht! Warnschuss zur rechten Zeit.) Das war wirklich ziemlich beeindruckend, was ihr da gezeigt habt.

    Ich hatte, ehrlich gesagt, gedacht, der Tiefschlag gegen Greuther Fürth sei das Ende des Paderborner Höhenflugs. Aber dass ihr euch nicht nur wieder berappelt, sondern auch so straighten Fußball spielt – hätt ich nie im Leben für möglich gehalten. Bin gespannt, ob ihr bis zuzm Ende mit oben dabei sein werdet. Spätestens seit Sonntag halte ich das nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich.

    @ Beve: Yo...

    @Maximilian Schröder: Ui. Cool. Auch noch ein Düsseldorfer :-) Freut mich sehr.

    Ja, mir wäre ein Unentschieden auch lieber gewesen ,-) Keine schöne Vorstellung, dass das alles vielleicht bis zum Mai Spitze auf Knopf stehen wird. Mal sehen, wer zuerst abreißen lassen wird. Paderborn glaub ich nicht.
    @Sarroise: „So geführt sollte doch keiner vom Platz gehen wollen“ – sollte man meinen. Mmh. Und über den Sieg des FSV hab ich mich auch gefreut. Vielleicht hatte das 6:2 ja dann am Ende doch auch für den FSV was Gutes.

    Danke für eure Anmerkungen und Grüße in alle Richtungen!

    Miiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeepppppppppppp!

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  10. @i: Zum Glück nur eine Momentaufnahme **hope**. Danke für das Foto - ich werd das (wenn ich darf?) nachher gleich noch hier einklinken1!

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