Dienstag, 6. Dezember 2011

Nachts im Stadion

Als ich vor geraumer Zeit angefangen habe, regelmäßig über die Eintracht bzw. über das Leben mit ihr zu schreiben, war meine größte Befürchtung, dass ich zu nah an etwas, was mir sehr wichtig ist, heranrücke. Beschreiben, erzählen, wissen wollen, verstehen, analysieren, kritisch einschätzen, dumm käsen - trotz allem ist da eben doch dieser unverbrüchliche Kern, dieser Zauber, den ich mir bewahren möchte und der von all dem unberührt bleibt und bleiben soll. So, wie wenn man als kleines Kind auf den Boden stampft und sagt: Trotzdem. Mir doch egal, dass ich es besser wissen müsste, dass die Welt böse und der Fußball „modern“ ist. Meine Eintracht. Trotzdem!

Weil das so ist, erlaube ich mir – zumindest manchmal - manche Dinge bei der Eintracht gar nicht so genau wissen zu wollen. Weil das so ist, halte ich die Augen offen und schaue hin (doch, muss man!), passe aber auf, dass ich mich nicht selbst austrickse. Geheimnisse ruhen lassen, Träume bewahren, die Unmittelbarkeit des Erlebens, den Augenblick, bewahren. Würde mir jemand den Vorschlag machen, irgendwo Bob Dylan persönlich zu begegnen – nie, nie würde ich das machen - zumindest nicht als „Fan“. Wenn es sich zufällig ergäbe, irgendwo, in einer Kneipe (soll ja vorkommen, dass der Mann am Rande seiner neverending tour nachts durch die Straßen läuft) – ja, das vielleicht schon. „Hey, Bob“ – mehr nicht. Oder vor ein paar Monaten, in dieser schrecklichen Rückrunde als der Eintracht das Wasser schon bis zum Hals stand. Da hatte ich das Angebot das Spiel der Eintracht gegen die Kölner für eine Wochenzeitung zu twittern und hinter den Kulissen dabei zu sein. Es war verlockend. Aber wie hätte das gehen sollen? Mein Platz war in dieser Situation bei meinen Mit-Adlern im Block. Ich habe abgelehnt. Was für ein Glück...

Gestern Abend war Weihnachtsfeier im Eintracht-Museum und da habe ich zumindest eine kleine Hürde übersprungen, um die ich bisher einen Bogen gemacht hatte: Ich war in der Spielerkabine und im nächtlichen Stadion. Das ist doch gar nicht soooo außergewöhnlich, wird manch einer jetzt vielleicht sagen. Stadionführungen, viel länger und ausführlicher, als die, die wir gestern gemacht haben, gibt es ja regelmäßig. Auch nachts. Ja, so ist das. Trotzdem.

Die Reden waren gehalten, die anwesenden Gäste – Dieter Lindner, Oka Nikolov, das Museumsteam mit freundlichem Beifall bedacht. Würstchen mit Kartoffelsalat. Kühle Getränke. Nette Gespräche. Beve führte noch ein kurzes improvisiertes Gespräch mit den – ebenso wie Oka! - frischgebackenen Museumsfördermitgliedern Uwe Bindewald und Alex Schur. Jetzt also.

Matze Thoma führt die kleine rotundschwarzundweiß gesprenkelte Truppe – auch Gerre, der Tankard-Sänger, ist dabei - nach draußen, leichter Nieselregen. Keine richtige Stadiontour, nur ein kurzer, improvisierter Ausflug ins nächtliche Stadion für uns Weihnachtsfeiergäste. Wir marschieren zum Business-Lounge-Eingang und machen uns auf den Weg durch die Katakomben. Ich halte ein wenig Abstand zur Gruppe. Nein, habe im Moment kein so rechtes Interesse an Parkplätzen und Business-Logen, will - so farbig und interessant Matthias Thoma auch erzählt – auch sonst nichts erklärt bekommen, will einfach nur kucken und alles auf mich wirken lassen. Kahle Treppen. Schmale Gänge. Wir nehmen den gleichen Weg, den sonst die Mannschaften und Betreuer vor dem Spiel nehmen. Nach unten. Links. Rechts. „Kabine Team Eintracht Frankfurt.“ Hier geht’s lang.  Right down Santa Claus Lane. Wir machen einen Zwischenstopp in der Umkleide unserer Jungs, die sehr nüchtern und unpersönlich aussieht – schwarze Sitze, Stauraum darüber, darunter. Hier ist das also, wo Franco Lionti vor dem Spiel Trikots, Schuhe, Handtücher fein ordentlich für jeden Spieler zurechtlegt. Im hinteren Eck ein paar Massageliegen, einige Eintracht-Poster. Wessen Platz es wohl war, auf dem ich gesessen habe?

Weiter zur Mixed-Zone – dort wo die Mannschaften und die Einlaufkinder sich vor dem Spiel aufstellen und in der Halbzeitpause/nach dem Spiel die Interviews gemacht werden. Die Eintracht und das Schiri-Team kommen von links, die Gastmannschaft von rechts. Jetzt öffnet Matze Thoma die Tür zum (heute nur verkürzten) Spielertunnel. Per Knopfdruck ein Hauch von Live-im-Stadion-Feeling - Fangesänge, Stadiongeräusche während wir durch den Spielertunnel zum Spielfeld gehen. Sieben, acht rote Stufen nach oben. Da sind wir.

Das Stadion liegt still im Halbdunkel. So vertraut, so fremd. Auf der Gegentribüne leuchtet der Adler, dicke Wolken am Himmel, der Rasen ist mit einem Band abgetrennt. „Betreten verboten!“ Wir gruppieren uns rechts vor der Haupttribüne, dort wo eigentlich die Bank der Eintracht steht. In dieser Saison ist das Team auf die andere Seite gewechselt – rechts war der Abstieg, aufgestiegen wird links! Während Matthias Thoma die Dachkonstruktion erklärt, zieht es mich nach drüben, zur Eintracht-Bank. Vorsichtig, ganz vorsichtig (darf man das?) lasse ich mich auf einen der Sitze gleiten. Ui. Die sind ja richtig bequem. Stehe schnell wieder auf – wer will schon auf der Ersatzbank Wurzeln schlagen? In unsere Gruppe ist Bewegung gekommen, Kameras klicken. Leise Gespräche. Lachen. Da kommt auch schon das Zeichen zum Aufbruch. Vorbei. Vorbei. Unsere „Tour-Guides“ Frauke und Matze treiben ihre Schäfchen wieder zusammen.

Ich stehe noch einen Moment, ganz alleine vor dem Spielertunnel, in Höhe der Mittellinie. Schaue in den Himmel. Ein bleicher, wolkenverhangener Mond hinter dem Videowürfel. Ein paar Regentropfen wehen mir ins Gesicht. Fühle mich froh und weit. Nein, kein überschwappender Gänseschauer, aber ein kleines, stilles Glück. So ist das also, nachts im Waldstadion.

Vielen Dank an das Museums-Team. Vielen Dank an den Weihnachtsmann. I’ll keep it with mine.


PS: Das musste jetzt heute erst einmal sein - die Auswertung zum "Spieler der Stunde" gibt es dann morgen.

Kommentare:

  1. Grad ein paar Minuten nachdem ich meinen Text eingestellt hatte, bin ich auf einen Bericht von staycold gestoßen, der letzte Woche die komplette Stadiontour mitgemacht hat. Hier:

    http://staycoldhc.blogspot.com/2011/11/xxxwanderlustxxx.html

    :-)

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  2. N'abend.

    Is ja witzig. Hab eben deinen schön geschriebenen Artikel gelesen und dann seh ich, dass du mich verlinkt hast. Man dankt ;-)

    So ein Besuch im Waldstadion abseits des Spielbetrieb hat schon was für sich. Vor allem der Spieleraufgang mit dem Live-im-Stadion-Feeling (wenn auch nur auf Knopfdruck) hat schon Gänsehautcharakter. Jedenfalls bei meiner Wenigkeit...

    KEEP UP THE GOOD WORK!

    Gruß oli

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  3. Sehr atmosphärisch dein Bericht. Das hat sicher was, diese Art von Tour. Ich hätte die gleichen (oder die selben?) Bedenken wie du. Aber es reizt dann schon.
    Rosa hat mal eine "normale" Führung mit ihrem Hort gemacht. Allerdings hat sie über Kabinen etc. nicht so gesprochen. Sie hatte 2 Themen: 1.: sie kannte als einzige alle Spieler, sehr cool war sie da, 2. sie bekam ein Autogramm von Sebi Jung :), das war wegweisend.

    Ich finde es ja schön, dass die Auswechselspieler wenigstens bequem sitzen. Aber nach Ende der 1. HZ müssen sie ja eh weg davon und warten sichaufwärmenderweise neben dem Tor auf DEN Moment.

    Dann schaue ich mal auf den Link.

    LG Nicole
    PS: nun verstehe ich auch das Foto bei Facebook ;-)

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  4. Danke für diese so einfühlsamen Impressionen mit halbgeöffneten Augen ;-)

    Also ich will ja alles immer ganz, ganz genau wissen, bis ins letzte kleine schmutzige Detail, in der Hoffnung, dass der Zauber, der mich seit so vielen Jahren gefangen hält, auch der schnödesten Realität standhalten kann ... oder aber diese mich alternativ endlich von diesem verfluchten Bann befreit, in den mich diese seltsame wunderbare Eintracht gezogen(oder gar geschlagen?) hat.

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  5. Meine Eintracht. Trotzdem! Besser kann man wohl das Dasein als Eintracht-Fan nicht beschreiben.

    Danke für Deine Texte. Sie lesen sich wunderbar und erzeugen bei mir meist heftiges Nicken und ein Lächeln.

    LG
    Nicola

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  6. @ stay cold: hey, danke. Ja, bin auch froh, dass ich da war – und hab mich auch darüber gefreut, dass ich auf dem Weg zurück *g auf deinen Blog und den Parallel-Bericht gestoßen bin. Ich schau da jetzt öfter mal vorbei!

    @ Nicole: Ich denk, man muss für sich den richtigen Moment finden und trotz kuckundmach bei sich bleiben – doch, lohnt sich, echt. Soooo, Sebi hat Rosa den Weg gewiesen. Feiner Bub, feines Mädchen :-)

    @ Johannes: Du hast natürlich recht. Natürlich muss man nicht nur halb, sondern ganz genau hinsehen. Und natürlich hoffe auch ich, dass die Eintracht 2011 auch dem genauen Hinsehen standhält - nicht nur wg. des „Meine Eintracht. Trotzdem.“, sondern tatsächlich (klappt leider nicht immer…) Nicht immer kann man (und darf man) das ausblenden, diese Entwicklungen und Situationen gibt, bei denen man sich fragt, warum man sich das immer noch und immer wieder antut. Ich kann (noch?) nicht anders, weil die Eintracht so lange ich denken kann, Teil meines Lebens ist – und weil der oben beschriebene Zauber im persönlichen Erleben eben immer noch da ist, nicht immer, aber noch oft genug - nachts im Stadion,-), bei der Begegnung mit Spielern und Adlern, am Rand eines Spiels, während eines Spiels, unterwegs mit der Eintracht. Ich weigere mich, jedes persönliche Eintracht-Erlebnis durch das, was ich weiß (von wegen…. Geht ja nur ums Geld, Söldner… „wir“ ist nicht mehr,… eh alles hohl und doof und funktionalisiert….) zu relativieren. Die Sache zwischen der Eintracht und mir, die war – bei allem gemeinschaftlichen Erleben im Stadion – immer vor allem etwas sehr Persönliches, ist Teil von mir. Da, wo ich das schützen und bewahren kann, tue ich es. Wenn dieser Kern dann irgendwann nicht mehr da ist – tja, dann , mmh...

    @ Nicola: Oh, wie mich das freut. Schön, dass du hier mitliest!!

    Vielen Dank fürs Lesen, Loben und Kommentieren und Abrunden!! Lg in alle Richtungen!

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