Donnerstag, 27. Oktober 2011

Wutsch und weg

Mittwochabend. Pokalspiel gegen den FCK. Es ist kurz vor 11. Seit Beginn der zweiten Halbzeit der Verlängerung sitze ich, nach vorn gebeugt, zusammengekrümmt, fast erstarrt. Eintracht, Eintracht. In den ersten 15 Minuten waren wir - wie in den ersten 45 regulären Minuten -   klar überlegen. Haben unser Heil nach Vorne gesucht. Haben Druck gemacht. Wollten vorlegen. Wie während der regulären Spielzeit hat es auch jetzt nicht geklappt. Ob jetzt nach hinten raus der Mut fehlen wird?

Irgendwie weiß ich, dass es kein Elfmeterschießen geben wird. Das eine Tor wird fallen, so oder so, und ich habe ein dumpfes Gefühl in welche Richtung das sein wird. Noch zwei Minuten. Getümmel im Strafraum, direkt vor uns. Die Situation ist geklärt. Doch nicht. Djakpa muss hingehen. Kann nicht mehr. Sie bekommen den Ball nicht weg. Ein Lauterer kommt zum Schuss, ein Eintracht-Bein oder Körper ist dazwischen, der Ball kommt aufs Tor. Oka bleibt stehen, geht raus. Weiß nicht. Der Ball kullert merkwürdig verdreht. Er ist drin. Er ist drin. "Neiiiiiiiiiiiiiiiiiin." Das war ich, die da aufgejault hat. Und obwohl ich den Stich am Ende fast schon erwartet hatte, bin ich jetzt erstaunt wie hart er trifft und wie weh er tut.

Ziehe mir meine Kapuze übers Gesicht, will nichts mehr sehen und hören – sehe und höre aber doch. Eintrachtler, die abwandern. Aus dem Augenwinkel zwischen den vorm Gesicht hängenden Haaren hindurch: Oka, der versucht die Jungs noch mal nach vorne zu treiben. Zwei Minuten Nachspielzeit. Die Jubelgesänge aus der Lauterer Kurve schwappen über mich hinweg. „…Frankfurt, Frankfurt, zweeeeite Liga, oh ist das schön, euch nicht mehr…“ Das ist der Moment, in dem ich merke, dass es nass von meinen Wangen tropft. Dumme Gans, denke ich. Aufstieg ist wichtig. Abhaken. Nicht unterkriegen lassen. Trotzdem. Übernächtigt. Durchgefroren. Ausgeträumt. Wieder einmal. Die Tränen tropfen weiter. So ein Spiel verlieren, ist immer auch: Ein Stück Welt verlieren. Eben noch da, jetzt wutsch und weg.

Flashback

Doch. Wir sind früh losgefahren gestern, richtig früh.  Es nützt uns aber nix. Stau. Kein normaler rund-ums-Stadion-Stau, sondern Stau bereits kurz hinter Flughafen. Stau beim Abzweig zum Stadion. Stau auf dem Zubringer zum Waldparkplatz. Stau Richtung Stadtmitte. Als wir und der Stau um kurz nach halb Acht ungefähr auf Höhe Waldparkplatz stehen ist es viertel vor Acht. Die Chance, noch rechtzeitig zum Anpfiff im Stadion zu sein, tendiert gegen Null. Dunkle Nacht, blinkende Lichter. Hupen. Sirenen heulen. Ein Feuerwehrwagen bahnt sich seinen Weg. Es riecht nach Heftpflaster und Rauch. Seitlich postierte Polizeikolonnen. Verschwommene Silhouetten auf der Fußgängerbrücke. Hochgezogene Schultern. Dunkle Jacken Die blinkenden Lichter verschwimmen. Was mach ich hier eigentlich? Für einen Moment verrutscht die Wirklichkeit. Als ob wir uns den Weg durch ein Bürgerkriegsterrain Richtung Stadion bahnen. Stuck inside of Mobile with the Memphis Blues again.

Parken, endlich. Ganz hinten, am Ende der Mörfelder Landstraße. Lauflauflauf. Bäume, Menschen, Bratwurststände rasen an mir vorbei - und dann sind wir auch schon da. Heute nicht auf der Gegengeraden, sondern hinter dem Tor. Kurz orientieren: Der Lauterer Block dampft, hinter dem Tor marschiert gerade eine Polizeieskorte mit blinkenden Leuchtstäben auf. Das Spiel läuft bereits, das scheint aber niemanden zu interessieren, weil in den Reihen vor uns alle Blicke – zum Teil mit Ferngläsern bewaffnet – Richtung Lauterer Block gehen, um ja nicht zu verpassen, was die Fan-Unholde heute wieder gräusliches anrichten. Fotos. Videos. Geil. Haaallo – da vorne spielt die Musik.

Die Eintracht hat sich offensichtlich vorgenommen, das Spiel von Beginn an zu dominieren und früh ein Tor zu machen. Nach holprigem Start rollt der Ball nach etwa 10 Minuten fast so flüssig wie in den letzten Spielen. Meier zeigt die Laufwege, ist leichtfüßig, dirigiert den Spielaufbau. Huch, das hab ich von ihm so noch nie gesehen. Doppelpass Meier - Hoffer. Kurze Flanke in den Strafraum, Meier lässt den Ball sanft und genau getimt über den Hinterkopf in den Rückraum rutschen. Dort lauert Idrissou, zieht ab. Trapp fischt ihm den Ball vom Fuß.

Hier, hierhin muss der Ball. Meier zeigt die Gasse. Die Lauterer Abwehr ist aufmerksam, die überwiegend von links durchgestellten Bälle bleiben ein ums andere Mal hängen, immer ein Lauterer Fuß dazwischen. Idrissou auf Hoffer. Die Riesenchance. Rechts steht Idrissou frei vorm Tor. Hoffer muss, er muss den Ball nur noch rüberlegen. Muss er? Ich denke schon, und gegen jede andere Mannschaft hätte er es wohl auch getan.

Macht nichts. Die nächste Chance kommt bestimmt. Unermüdlicher Mo Idrissou. Hammer, wie überlegen wir sind. Dieses Spiel müssen, das werden wir gewinnen. Die Lauterer kommen kaum in unsere Hälfte. Anderson und (!) Schildenfeld stehen eng. Trotzdem aufpassen, wenn die Lauterer mal vor unser Tor kommen, ist es immer gefährlich.

Eintracht! Eintracht!

Schräg vor mir sitzt eine Familie, die zur Hälfte aus Lauterern (Vater und kleiner Sohn) und aus Eintrachtlern (Mutter und größerer Sohn) besteht. Alle vier in vollem Fan-Ornat. Was für ein Schicksal… Die Stimmung bei der Lauterer Fraktion ist entspannt; die haben anscheinend ihren Frieden damit gemacht, dass sie hier heute nichts reißen werden. Der kleine Bub spielt mit seinem Schal und seiner FCK Zipfelmütze; die beiden Eintrachtler hingegen wirken angespannt, sind genervt. „Jetzt hör doch endlich uff mit dem Gekasper.“

Vor der Halbzeit noch das 1:0 machen. Bitte. Vor der Halbzeit noch das 1:0,. Aber irgendwie fehlt jetzt die letzte Entschlossenheit. Mir ist, als spüre ich wie sich ein Hauch von Frust über die Mannschaft legt. Verdammt. Eigentlich.

In der zweiten Hälfte scheint der Faden gerissen. Die Eintracht müht sich, aber es kommt kein richtiger Spielfluss mehr auf. Das Spiel ist zerfahren und hektisch. Kein Druck mehr; häufig vergebliches, unkonzentriertes Bemühen. Fehlpässe. Zaudern. Jetzt gewinnen die Lauterer die Zweikämpfe. Alex Meier taucht ab. Idrissou ackert zunehmend vergebens. Abseits. Schon wieder abseits. Meint der Schiedsrichter.

Djakpa, der schlackert und rennt, Bälle verliert und wieder zurückerkämpft, stochert, sinnfrei passt, rennt, plötzlich genial links außen vorbei ist, nur um den Ball in die Füße eines Lauterers zu spielen und wieder zurückschlackert. „Bub – tu dir nix,“ würde man ihm am liebsten zurufen. Für Hoffer kommt Friend, der sich nicht wirklich in Szene setzen kann. Und der unkonventionelle, aber spielstarke Matmour kommt  für den auch heute mitunter fast schon genialen Rode (allein die Szene Mitte der zweiten Halbzeit, als er sich im direkten Zweikampf auf rechts durchsetzt, sich in den Mann und dann mit Ball um die eigene Achse dreht, den Ball ganz eng führt und aus der Bewegung heraus drei Meter Raum zwischen sich und seinen direkten Gegenspieler legt, bevor der den Ball abspielt ).

Plan A – frühes Tor und schon in der ersten Halbzeit alles klar machen – ist gescheitert. Plan B –  dann halt in der zweiten Halbzeit noch einen draufsetzen –  gibt es nicht, und wenn doch, dann funktioniert er heute nicht. Noch eine viertel Stunde.

Ein junger Mann mit FCK-Schal, der grade Biernachschub geholt hat, grüßt im Vorbeigehen einen Kumpel mit Eintrachtmütze. „Heah“, pfälzert er „Heah du wisst scho, dass ihr des noch verliiiiere duut.“ Eine kalte Hand greift nach meinem Herz. Was, wenn er recht hat? Abpfiff. Also doch. Verlängerung.

Caio kommt für Meier. Tatsächlich Caio,über den und zu dem wirklich alles gesagt ist; ein erledigter Fall, der mich trotzdem immer noch irgendwie anrührt, mit seinem Kindergesicht und seinen erstaunten Kulleraugen. "Ich? Heute darf ich wirklich mal wieder mitspielen? Oooooh..." Das wäre doch eine Geschichte. Caio, der die Eintracht vor zwei Jahren mit seinem verschossenen Elfer aus dem Pokal gekegelt hat, schießt uns in die nächste Runde. Oder er legt Sebastian Jung den Ball so genial vor, dass dieser gar nicht anders kann als den Ball im Tor zu versenken. Leider. Diese Geschichte wird nicht geschrieben.

Flashbackende.

Mein Mit-Adler zieht mich vom Sitz hoch. "Auf, weiter geht’s." "Wer weiß, für was es gut ist."  Was man sich in solchen Fällen halt so sagt. Ich wische mir die Tränen weg. Drücke mein Kreuz durch. Hey. Das bringt uns nicht um. Das doch nicht. Das nicht.

Atomaufstieg jetzt. Erst recht!

Kommentare:

  1. Und jeder, der sagt, Fußball ist doch nur ein Spiel, der versteht es einfach nicht.

    Es geht weiter. Ja. Aber gerade gegen Lautern, wird noch weiter weh tun.

    Mir schmerzt es immer noch, daß wir gegen den Stadtrivalen zu Hause verloren haben. Das geht nicht weg. Und ich hatte keinen Aufstieg als Trost.

    AntwortenLöschen
  2. Wunderbar. Vielen Dank. Wenn Niederlagen zu so etwas führen,...
    Ach nein, lieber doch nicht. Trotzdem danke.

    ...deep inside my heart, i know, i can´t escape...

    AntwortenLöschen
  3. Ich hatte so Angst vor einem Rückstand und kam er in der 119.
    Sie habe alles gegeben, es hat nicht sollen sein.

    AntwortenLöschen
  4. Ich stimme owladler zu. Das ist ein wunderbarer Text.

    Zufriedene Dichter schreiben schlechte Verse, heißt es. Ich glaube nicht daran, dass in Wut oder Zorn die besten Sachen geschrieben werden, es ist sind Trauer, Leid und Verzweiflung oder überschäumende Freude und Glück. Dieses erneuten Beweises hätte es allerdings nicht bedurft.

    Als ich nach dem Gegentor diese dumpfe Gefühl im Magen spürte, gerade so, als hätte mir einer einen Schlag verpasst, wurde mir bewusst, dass der Abstand gewachsen ist, aber doch nicht so groß wie ich zuletzt glaubte.

    Danke.

    Gruß vom Kid

    AntwortenLöschen
  5. Danke Kerstin für deinen schönen und emotionalen Bericht.

    Ich hatte ab Mitte der 2. Halbzeit Angst, dass wir einen blöden Gegentreffer fangen. Und danach keine Zeit mehr ist und irgendwann keine Kraft mehr, noch auszugleichen. Dass es so kurz vor Ende noch passiert, das hätte ich nicht gedacht, da war ich gedanklich schon beim Elfmeterschießen. Dabei das Ende in Aachen vor dem geistigen Auge...

    Nun haben die Mädels und ich spontan gedacht, dass wir doch nach Ingolstadt fahren sollten, schnell zurück ins Ligaleben. Aber bisschen spät wohl, so ohne Karten. Ich hoffe noch.

    LG Nicole

    PS: Kid, das hätte mich auch gewundert, dass da nicht nochmal ein Gefühl hochkommt. Irgendwann. Lass' es mal zu. So ein bisschen.

    AntwortenLöschen
  6. Klasse Musik - die hier reingestellt wurde.
    "Greatful Dead" - da kommt das alte "Woodstock-Feeling" wieder auf - und das hilft die Niederlage vergessen zu machen !

    Claus Rettemeier

    AntwortenLöschen
  7. ohne worte...

    ...'schmecke' jede minute vom mittwoch...

    danke aus hb...

    p

    AntwortenLöschen
  8. @nedfuller: So ist das. Manches geht nie weg.

    @owladler: Und eigentlich wollen wir das ja auch gar nicht. Weglaufen, mein ich.

    @HappyAdler: Ja, aber...

    @Kid: Lieber Kid. Ach Mensch...

    @Nicole: Wie oben geschrieben – ich wusste irgendwie, dass es kein Elfmeterschießen geben würde. Auf nach Ingolstadt – weiter, immer weiter.

    @Claus Rettemeier: Ja, die Deads. Auch ohne Woodstock-Feeling - einfach feine Musik. Ob es die Niederlage vergessen macht? Weiß nicht. Aber es hilft ein bisschen...

    @hbi: p zurück gekullert

    Danke fürs Vorbeischauen, fürs Lesen und Loben und für eure Gedanken und Ergänzungen. Hätte auch lieber einen Glückstext geschrieben und mit euch zusammen gefreutgejubeltgeschwebt. Bald wieder. Doch. Bestimmt.

    lgk

    AntwortenLöschen
  9. Mit Parkeasy können Sie privat und günstig in der Nähe des Frankfurter Flughafens parken und mit dem Shuttle-Service zum Flughafen Frankfurt fahren.

    Parken beim Flughafen Frankfurt

    AntwortenLöschen