Donnerstag, 18. August 2011

Frankfurt 1919/20: Eine prima Saison*

Ende Juni findet in jedem Jahr das Mainzer Johannisfest statt. Es steht im Zeichen Gutenbergs und der Buchdruckerkunst – zum Fest gehören neben Wein und Rummel auch eine Kunstmeile und ein großer, von mir heiß geliebter Bücherflohmarkt in der Innenstadt. Jedes Jahr entdecke ich irgendetwas Besonderes – in diesem Jahr war es ein schmales braunes Bändchen - „Frankfurter Theater Almanach“, war darauf zu lesen.,„1919/20 – Opernhaus, Schauspielhaus, Neues Theater – Amtliche Ausgabe“. Ich blätterte ein wenig.  Fließtexte in Sütterlin, Zeichnungen, vergilbte Fotos des Ensembles, viele Anzeigen. Irgendwie spannend. „Was wollen Sie dafür haben?“ „12 Euro.“ Gekauft.

Zu Hause legte ich das Heftchen erst einmal zur Seite, ein paar Tage später  fiel es mir wieder in die Hände, ich schaute es mir genauer an, blieb hängen, las, lächelte, wurde regelrecht aufgeregt. Mensch, Mensch – da hatte ich einen richtigen kleinen Schatz nach Hause getragen.

Fotos, Zeichnungen, betulich-geistvolle Betrachtungen, Ensemblelisten, die Programme der drei Bühnen - aber vor allem die Fülle von Kleinanzeigen, zum Teil liebevollst gestaltet – mit jeder Seite, die ich umblätterte, entstand vor mir ein Bild der Stadt Frankfurt, so wie es nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein muss: Sich allmählich wieder formierendes städtisches Leben, trotzig den Reparationszeiten abgerungenes bürgerliches Selbstbewusstsein, reges Kulturleben, aufstrebender Handel, neue Warenwelten, Einzug der industriellen Fertigung ins innerstädtische Leben, Geld als Kulturgut, städteübergreifender Warenverkehr, erstes vorsichtiges internationales Flair – ein Streifzug, ein Potpourri, Puzzlesteinchen einer versunkenen Welt.

Obwohl Urhesse und Ur-Eintrachtler bin ich beileibe kein Kenner der Stadt Frankfurt, schon gar nicht der Stadtgeschichte. Habe mir einfach mal einen Stadtplan neben den Almanach gelegt, geblättert, getupft, hier und da versucht eine Spur ins heutige Frankfurt zu verfolgen - alles nicht nicht sehr wissenschaftlich, sondern einfach nur so. Vielleicht hat der ein oder andere Leser dieses Blogs Lust, mit mir auf Zeit- und Städtereise zu gehen, die vorrangig in die Frankfurter Innenstadt führt - rund um Zeil, Roßmarkt, Goethestraße und Goetheplatz, Eschersheimer und Eschenheimer Tor, Kaiser- und Neckarstraße bis zum Hauptbahnhof.

Ein frierender Herr im Mantel unter einem Kronleuchter, ein Herr im Frack vor einem Kachelofen, seine Gattin mit Dackel im Schaukelstuhl „Kinder habt es aber bei euch schon warm“, steht in der Sprechblase. Aha – kein Wunder – die Gastgeber beziehen ihre „Hausbrandkohlen und Centralheizungskoks bei Piepmeyer und Oppenhorst.“ In der Neckarstraße war das – also mitten im heutigen Bankenviertel, in der Nähe der Dresdner Bank, die damals, vor neunzig Jahren, ihr Hauptgeschäft an der Gallusanlage 7 hatte, während die Wechselstube sich Am Rossmarkt 14 befand. „340 Millionen Mark Aktienkapital und Reserven“. „Aufbewahrung und Verwaltung von Wertpapieren“. „Versicherung gegen Kursverlust bei Auslosungen.“ Bei Bedarf kann man „Koffer usw im Stahlgewölbe“ einlagern. „Weitere Auskunft wird gern an den Schaltern erteilt.“

Erholung gefällig? Wie wäre es mit einem Taunus-Ausflug – nach Bad Homburg, zur Saalburg, nach Oberursel oder Hohemark. „Bequemste Fahrgelegenheiten“ bieten die „Elektrischen Bahnen, Linien 24 und 25.“ Sie halten Am Schauspielhaus, an der Hauptwache und am Eschenheimer Tor und verkehren „meist halbstündlich“.

Wer ins Theater geht, der braucht geeignete Kleidung.  Die „Gebrüder Robinsohn“ (leider ohne Straßenangabe) sind das „Erste Haus für Damen-Moden“,  als Spezialität des Hauses gelten „Abend-Kleider, Theater-Mäntel und Hüte“. Eher alltagstauglich gibt sich Odenheimer, in der Kaiserstraße 5. Dort gib es "Kleider, Mäntel, Blousen und Pelze". Und wer auch hier  nichts findet, der kann sich ja gleich nebenan bei  M. Gerstel"Hüte, Mäntel, Pelze" – umschauen.

Etwas besonderes bietet Wilhelm Schuster, "Oberfriseur" der Städtischen Bühnen. Er hat sein Geschäft  in der Eschersheimer Straße 174. Schuster fertigt „künstlerisch-ausgeführte Bühnen und Straßen-Perücken“ und übernimmt „Festzüge und Vereinsaufführungen jeder Art“: „Moderne Haararbeiten, Perücken Verleih-Institut.“

Zur Dame von Welt gehört zweifelsohne auch die richtige Pflege - sie bekommt sie mit der Creme Mouson, die in der Seifen- und Parfümfabrik Mouson in der Waldschmidtstraße hergestellt wurde - also dort wo heute der  Mousonturm steht. Creme Mouson ist das "vollkommenste, feinste Hautpflegemittel von unvergleichlicher Wirkung" und "macht rissige fleckige Haut überraschend schnell glatt und weich." Die Creme gibt es in Tuben und Milchglasdosen und ist überall erhältlich. Eine Alternative bietet die Creme Christa, die in zartlila Tuben oder tiegeln in "Apotheken, Drogerien, Parfümerien" zu erstehen ist. Auch sie eine "vollkommene Hautpflege". Ideale Ergänzung: Das "Pinofluol Fichtennadel Kräuter Bad", das "seit Jahren" "Gesundheit und Schönheit des Körpers " fördert. Bestellt werden kann es in Berlin, bei den Chemischen Fabriken Westphal und Co, die gerne auch Gutachten liefern, weswegen es wichtig ist, bei Anforderung die genaue Abteilung (F.T.7) anzugeben.
Pianos Flügel und Phonola kann man bei  L. Lichtenstein und Co erwerben. Lichtenstein hat seinen Sitz an der Zeil 104, firmiert als Hoflieferant, verkauft Klaviere von Bechstein und Steinway, ist aber auch selbst als Klavierbauer tätig. Am Kaiserplatz 17 kann man sich bei Schlesicky-Ströhlein vor dem Theaterbesuch „vollkommene Theatergläser“ besorgen (die man heute noch vereinzelt für bis zu 700 Euro bei eBay ersteigern kann), gleich um die Ecke – in der Töngesgasse - hat Franz Hirsch, der Inhaber der Johann Heussen Schirmfabrik seinen Sitz. Hier gibt es "Stockschirme, Sonnenschirme, Spazierstöcke“, aber es gibt auch neue Überzüge für vorhandene Gestelle und es werden Reparaturen entgegen genommen.

Auch Kaufhäuser gab es schon.. W. Fuhrländer Nachf. an der Zeil 72-78 zum Beispiel, oder das "Moderne Warenhaus", das "Kaufhaus Hansa" gleich nebenan (Zeil 90-94), bekanntermaßen eine "vorteilhafte Bezugsquelle für sämtliche Bedarfs- und Luxusartikel."  Nicht wegzudenken aus der Frankfurter Stadtgeschichte ist ohnehin das Kaufhaus M.Schneider, das  im Jahr 1919/20 als „erstes Haus für Manufaktur und Modewaren, für Damen-Putz, Damen- und Kinderkonfektion, Wohnungs- und Hoteleinrichtungen“ inserierte. M. Schneider wurde im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, mit neuem Sortiment aufgebaut und war bis zum Jahr 1998 ein fester Anlaufpunkt in der Frankfurter Innenstadt, bevor es dem weichen musste, was man wohl "modernes Konsumverständnis" nennt. "Ein Kaufhaus stirbt" - in der "Zeit" habe ich einen wunderbaren „Nachruf“ gefunden.

„Vornehm geht die Welt zugrunde“, hat meine Oma immer gesagt. Und auch im Frankfurt an der Wende zur Weimarer Republik scheint es eine gewissen Rolle gespielt zu haben, das alles recht vornehm zu ging. Bei Philipp Niederhöfer in der Goethestraße 35 kann man z. B.„vornehme Wohnungseinrichtungen“ erwerben. Und bei R. Sitzmann am Roßmarkt, im Germaniahaus, ist „stets ein eleganter Handschuh vorrätig“. Die dazu passende „geschmackvolle Damenbekleidung“ gibt es bei Max Braunthal, Zeil 112, direkt neben der Hauptpost.

Übernachten, ach was: „vornehm“ übernachten konnte (und kann) man im Fürstenhof Carlton-Hotel, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. „Eines der schönsten neuzeitlichen Häuser“. „200 Zimmer, 60 Badezimmer. Fließendes Wasser und Fernsprecher in jedem Zimmer. Vornehme Speiseräume, große Halle“. Ja sogar „Fünf-Uhr-Tee.“  Really distinguished, isn't it?

Ganz wie später bei der Familie Hesselbach wird die kulturbeflissene Vornehmheit aber auch von einem eher praktischen als poetischen Sinn eingerahmt – man muss ja sehen, wo man bleibt. So wirbt auf der ersten Umschlagseite die „Rex-Konservenglasgesellschaft Bad Homburg“ für ihre „Konservengläser“, „Einkoch-Apparate“ und „Fruchtsaft-Apparate“ – die sind „überall beliebt“ und „millionenfach bewährt“. Sogar „Staatspreise, Große Preise und silberne und goldene Medaillen“ hat das Unternehmen für seine Erzeugnisse erhalten. In manchem Haushalt war dann wohl auch statt vom "einwecken" (mit dem Weck-Glas) vom "einrexen" die Rede.

Auch  J.A. Henckels am Rossmarkt 11 - eine Dependance des Zwillingswerk Solingen – gibt sich fein, und trotzdem rustikal. Dort finden sich„Tafelbestecke in Elfenbein, Perlmutt, echt Silber und Alpakka-Silber“, neben „Hummer- und Austergabeln, Krebsbestecken, Geflügelscheren und Nussknackern“ und „Zigarrenabschneidern“, aber eben auch “Näh- und Nagelpflege Etuis, Rasierpinsel und Werkzeugtaschen“. Ein schönes Beispiel für  die Koalition des Höheren mit dem praktischen Sinn sind auch Pfeil's Weinstuben in der Alten Rothofstraße 10. Dort bekommt man "preiswerte Weine", die aber - nur das niemand auf falsche Gedanken kommt - aus "ersten Häusern" kommen , dazu gibt es eine  "gute zeitentsprechende Küche." Die Speisekarte würde mich sehr interessieren.

Eine eher untegeordnete Rolle spielt - zumindest im hier gehobenen kulturellen Selbstverständnis - die Gesundheitsvorsorge. Immerhin wirbt Bad Salzschlirf mit dem „Salzschlirfer Bonifacius“-Wasser, das hervorragend gegen Gicht wirkt. Auch findet sich die ein oder andere Kleinanzeige zur Fußpflege oder für Halspastillen. Und die bei Galenus, Chemische Industrie, hergestellten Leciferin-Tabletten helfen irgendwie gegen alles und werden gar posierlich in Szene gesetzt: Eine alte Dame mit Haube sitzt auf einem grün umkränzten Bänkchen, ein feiner Herr mit Spazierstock und Zylinder reicht ihr ein Fläschchen, das – so ist zu vermuten – das wohltuende Präparat enthält. „Zum Aufbau des geschwächten Körpers und der Nerven." „Hervorragend für Schwächezustände und nervöse Erscheinungen.“ Das könnte man doch auch als Eintrachtler (statt Ebbler) manchmal ganz gut gebrauchen. Kostet nur 3 Mark - und hat sogar noch einen Zusatznutzen: „Zur Verlängerung des Lebensabends“.

Im Frankfurter Kunstgewerbehaus bei Franz Link in der Kaiserstraße gibt es „Antiquitäten, Kunstgegenstände und Gemälde“ , aber auch „Beleuchtungskörper“ und „Echte Antike Möbel“. Echt modern geht es dagegen gleich um die Ecke in der in der Braubachstaße 24/26 zu. Dort haben die "Jupiter Kunstlichtwerke" ihren Sitz und es gibt „Cameras – schon von 10 Mark an bis zu besten Ausführungen von Zeiß, Goerz, Voigtländer, Ernemann, Busch, Nettel , Rietschel usw." Aber das ist längst nicht alles – vorrätig sind  z.B.auch "Vergrößerungs-Apparate, Projektions-Apparate" und sogar „Kino-Apparate – für Theater, Ärzte, Krankenhäuser, Vereine, Amateure, Familien-Kinos.“

Überhaupt: Jede Menge kuriose Produkte gibt es in den Anzeigen des Almanach zu bestaunen, z.B. das „Deckelwasserschiff Caldor“, in dem ich einen Vorfahren des Dampfdrucktopfes vermute. „Heißwasser umsonst“ ist zu lesen. „Viel 1000 fach bewährt!“ Und: „Darf in keiner Gasküche fehlen.“ Caldor ist überall erhältlich, hergestellt wird es bei der „Monitor Gesellschaft für Gasverwertung“ mit Sitz in der Mainzer Landstraße 144.

Auch sehr nett ist „Gramola“, die „Bühne im eigenen Heim“, die man bei  S. Grünwald an der Zeil erstehen kann. „Nach des Tages Arbeit sich an guter Musik zu erfrischen, ist auch dem Unmusikalischen möglich, wenn er das edle Gramola oder eines unserer anderen Instrumente spielt.“ Alle „erschienenen Grammophon-Aufnahmen werden bereitwillig vorgeführt.“ Und in der illustrierten Preisliste finden sich - hört, hört  - „Urteile hervorragender Musiker“.

Musikalische Unterhaltung im eigenen Heim scheint in der Saison 19/20 schwer im Kommen. gewesen zu sein.  Auch bei Eduard Schaaf in der Goethestraße 35 gibt es – was immer das sein mag – „Klavier-Spiel-Apparate".  Herr Schaaf hat besondere Referenzen zu bieten, schließlich darf er sich "Fürstlich Lippescher Hoflieferant" nennen. Noch ein Stück moderner ist das Städtische Schwimmbad - es wirbt mit „Elektrischen Bädern“ und das, was da im Hintergrund einer Dame, die in einen Bademantel gehüllt ist, zu sehen ist, lässt  mich nicht singen, sondern eher für einen Moment das Blut in meinen Adern gerinnen:  Ein Kasten, in dem ein verkabelter Stuhl steht, mit nach vorne geöffneter, verschließbarer Tür und Öffnung für den Kopf. Das hat etwas bedrohliches, ist aber wohl einfach nur eine frühe Form der Sauna. Hoffe ich mal.

Die Geschäfte rund um den Goetheplatz und die Goethestraße verheißen Kultur und Beschaulichkeit – Am Goetheplatz 4 gibt  es bei A.Müller Sohn frische Blumen, direkt nebenan bei H.Trittler (Inhaber Paul Schlitz) werden Kunstgraphiken an- und verkauft, im ersten Stock kann man sich das „Graphische Kabinett“, als ständige Ausstellung ansehen.. Moderne Kunst, aber auch alte Meister, gibt es gleich gegenüber in der Goethestraße 3, beim Kunsthandel Ackermann und Sauerwein. einem - wie ich jetzt weiß - legendären Frankfurter Antiquariat. Es wurde von  Johanna Ackermann und Walter Sauerwein betrieben, einem Kunsthändlerehepaar, das 1933 von Frankfurt nach München übersiedelte  und auch als Sammler - Käthe Kollwitz, Expressionismus - von sich Reden machte.

Mit Lektüre aller Art kann man sich an der Zeil 134 in der  Buchhandlung für „Universitäts-Wissenschaften und Lehrmittel“ mit „umfangreichem Lager aller wichtigen Erscheinungen des literarischen Weltmarktes“ versorgen, inklusive Opern- und Theaterführer. Besonderer Clou: Der Zeitungs-Abonnement-Service: „Abonnements auf alle in- und ausländischen Zeitschriften werden angenommen und gewissenhaft ausgeführt.“

Wem das Theater im Theater nicht genügte, der konnte es sich nach Hause holen. Was bei Fontanes Jenny Treibel der Künstler Vogelsang, das waren in Frankfurt vielleicht Gretl und Willi Sodlewski - 1. Solotänzerin und 1. Solotänzer am Frankfurter Opernhaus. Die beiden bieten „Unterricht in modernen und Phantasietänzen, Mimik und rhythmische Tanzkunst". Auch für die „Einstudierung von Tänzen für Privatfestlichkeiten“ stehen sie zur Verfügung.

Dass Frankfurt bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine äußerst aufstrebende und rührige Stadt war, bezeugen die Anzeigen öffentlicher und städtischer Unternehmen, die sich im Almanach immer wieder eingestreut finden. Wer auf sich hält und/oder im Geschäft sein und  bleiben will, ist per Telefon erreichbar. Telefonanlagen und Telefonzellen für privaten und öffentlichen Betrieb bietet die Frankfurter Privat Telefon-Gesellschaft – entsprechend viele Geschäfte in Frankfurt sind bereits per Telefon (Hansa xxx) erreichbar. Die Stadtkämmerei (Paulsplatz 6) annonciert „baureifes Gelände in den verschiedensten Lagen des Stadtbezirkes und der Vororte“. Das Gelände liegt zum Teil in „sehr reizvoller Wohn- und Waldlage. Die Preise sind angemessen. Die Zahlungsbedingungen günstig.“ Das „Städtische Arbeitsamt“ in der Großen Friedbergerstraße 29 vermittelt „männliche und weibliche Arbeitskräfte aller Art“ für „Industrie, Gewerbe, Handel, Land- und Hauswirtschaft“. Auch eine „Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung“ gibt es bereits.

Wie gut, dass im nahen und weiteren Umfeld Arbeitsplätze entstehen – z.B. bei „Automobil Benz und Cie“ in Mannheim. Oder im nahegelegenen Taunus, in der  „Motoren-Fabrik Oberursel AG“. „Dieselmotoren, Kleinmotoren. Zuverlässigste und billigste Betriebskraft. Unabhängig von Kohlenzufuhr." Seit dem 31. Mai 1910 konnte man mit der Linie 24, der neu eröffneten Lokalbahn-Strecke, vom Frankfurter Schauspielhaus direkt nach Oberursel-Hohemark zur Fabrik fahren. 1978 wurde die Strecke in das Frankfurter U-Bahn-Netz integriert.

Bei aller Betriebsamkeit lässt es sich nicht verleugnen, dass der Krieg gerade erst vorbei ist und – obwohl alle um Normalität und Aufbruch bemüht sind – bei den Menschen in Stadt und Land seine Spuren hinterlassen hat. Das verraten die vermischte Kleinanzeigen. Bei Wildhirt und Eilbrecht in Offenbach gibt es z.B. „Krankenselbstfahrer“ und „Krankenfahrstühle“. Die „Extension GmbH“ in der Eschersheimer Straße 102 überschreibt ihre Anzeige „Fort mit dem Korkstiefel“. Und verspricht: „Durch unsere Prothese wird jede Beinverkürzung verdeckt und unsichtbar ausgegeglichen. Jeder normale Schuh verwendbar.“ Ganzseitig inseriert „Herbst und Bangel“, das chirurgisch-orthopädisches Spezialhaus in der Neuen Mainzerstraße. „Anfertigung künstlicher Glieder“, „künstliche Augen“ – das klingt nicht gut.

Jetzt, im Frieden, war der Frankfurter auf Sicherheit bedacht - das zeigt z.B. die sehr prominent platzierte Anzeige von Subdirektor D. Gans, der am Rossmarkt 17 eine Versicherungsagentur betreibt. "Unfall- und Haftpflicht-Versicherungen", aber auch - aha, man ging auf Reisen – "Reisegepäck-Versicherungen" und „lebenslängliche Eisenbahnunfall-Verscherung“. Herr Gans hat „erste Referenzen“ und „sichert kulanteste Schadensregulierung und kostenlose fachmännische Beratung.“

Auf Beratung setzt auch Fritz Baselt  in der Schillerstraße 14, der in einer ganz anderen Branche tätig ist: Er betreibt ein Musikalienhandlung. Dort gibt es „alle Klassiker, gebunden und ungebunden“. „Alle Neuheiten, Opern und Operetten“,“ Klavierauszüge, Potpourris und Walzer, Gesänge und Texte.“ Und als Zusatzplus: „In schwierigsten Fällen beste Beratung auf Grund meiner 40-jährigen Beratung.“ Was da wohl so schwierig gewesen sein könnte?
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Hauptbestandteil des Almanachs sind kunstsinnige Texte, die auf die Theatersaison einstimmen, zumindest kurz müssen sie hier auch gewürdigt werden.“Der Ruf nach de komischen Oper“ beschäftigt z.B. Dr. Karl Holl, der die „geniale Erscheinung Richard Wagners“ und seine Ernsthaftigkeit, als den Punkt ausmacht, der der Entwicklung der komischen Oper entgegensteht. „Haben wir denn in den letzten Jahrzehnten vollständig den musikalischen Humor verloren?“ Dr. Bernhard Diebold stellt einige Seiten später „Die Künstler des Frankfurter Schauspielhauses“ vor: „Das Theater versammelt in sich die Ungebärdigen, Unabhängigen, die es im schematischen Getriebe der geldwirtschaftlichen Interessensphäre oder der Bürokratie einfach nicht aushalten - es fordert den Künstler.“  Ernst Legal, der Intendant des Nassauischen Landestheaters berichtet mit mahnenden Worten über „Die Geburt des Bühnenbildes“, das dem Werk zu dienen habe. Walther Müller-Waldenburg beschäftigt sich mit „Der Arbeit des Schauspielers“ und  Dr. Hermann Burger erörtert die Frage, ob man „ein Drama vor der Aufführung lesen soll“ (wenn ich ihn recht verstehe: Eher ja, aber vielleicht auch manchmal eher nicht oder lieber danach, wichtig ist: „Es kommt nicht so sehr auf die augenblickliche, sondern auf die schichtweise tiefer sinkende Wirkung an.“ Fritz Zech beschreibt die „Trösterin Musik“, die besonders jetzt zu ihrem Recht kommt, wo der ehemals „soviel gepriesene Idealismus zum Teil in sein diametrales Gegenteil umgeschlagen ist“.

Wenn ich nicht ganz sicher wüsste, dass all diese Texte fast hundert Jahre alt sind und dass in ihnen vom Theater die Rede ist - fast könnte man meinen, es ginge um Fußball und um die Frankfurter Eintracht dieser Tage:  Vollkommen humorfrei. Früher mal wild und ungebärdig, an ein großes Ziel hingegebene Künstler, heute ohne jeden Idealismus. Stadien, die längst nicht mehr ausschließlich oder zumindest vorrangig dem Fußball dienen. Von schichtweise tiefer sinkender Wirkung gar nicht zu reden - bevor  wir ein Spiel gesehen haben, haben wir es schon so lange seziert und hin und her gewendet, dass sich da gar nichts mehr setzt, schon gar nicht unbefangen.

Humoristisch erzählt Heinrich Muth über die Leiden vor der Uraufführung (das klingt fast so wie wenn ich zu Hause vor einem Spiel im Karré springe)  und von Otto Ernst Sutter habe ich erfahren, was ein „Juchhe“ ist:  Nicht nur ein Freudenschrei, sondern insbesondere die oberen Ränge im Theater werden so bezeichnet. Er ist der Auffassung, das „wer nie auf dem Juchhe gesessen, nie einen Juchhe-Platz in heißem Ringen sich erstritten hat“, der hat einen wesentlichen Teil des Theatergefühls verpasst.. Mmh, das wär doch auch mal eine Idee für die Bezeichnung der Oberränge (obwohl ich persönlich  im Stadion ja lieber nah dran am Geschehen bin).  Juchhe – das wird in Frankfurt übrigens, wie der Autor vermerkt, mit Betonung auf der letzten Silbe ausgesprochen - also: Juchhé, genau so wie der Frankfurter auch den Namen seines berühmten Dichterfürsten ausspricht: Goethé also. Aha.

Das Theaterprogramm der verschiedenen Bühnen in der Saison 1919/20 schlägt einen weiten Bogen vom Urfaust bis zur Pension Schöller (mit „Sondervorstellung für die kriegsbeschäftigte Arbeiterschaft"), von Mozart-Opern bis zur Fledermaus, von Klassikern wie dem Faust über die bereits etablierte Moderne (Schnitzler, Shaw) bis zu den „junge Wilden“ wie Hauptmann und dem skandalträchtigen Wedekind. Allein das wäre mehr als genug Stoff für einen weiteren Text.

Fast rührend mutet die lange, lange Liste all der Menschen an, die an den drei Bühnen arbeiten und wirken. Mit vollständigem Namen, Adresse und Tätigkeit sind sie  von A bis Z in kleinster Schrift auf vielen Seiten aufgelister: Schauspieler, Sänger, Kleiderableger, Maschinisten, Feuerwehrleute, Kehrpersonal, Logenschließer, Generaldirektoren, Büro- und Theaterdiener, Bassisten, Inspizienten, Tänzer, Beleuchter, Tapezierer, Malergehilfen, Hilfsmaschinisten, Violinisten, Schneider, Souffleusen, Repetitoren, Buchhalter, Eleven, Theaterdiener. Von „Abel, Wilhelm Adolf, Chorsänger, Niederrad“ über „Adler, S. Logenschließerin, Gaustraße 7“ zu „ Thomas, Helene, Kehrfrau“ und „Zeiß, Dr. Karl, Generalintendant Untermainkai“ bis zu „Zwick, Wilhelm Versenkungsmeister“ in der „Biebergasse 10“.

Von Eintracht Frankfurt war im Almanach leider nicht (oder nur indirekt ,-) die Rede. Aber auch ohne die Eintracht kann Frankfurt ganz schön spannend sein.


* Die Überschrift des Eintrags ist dem Titel eines wunderbaren Buches von Josef Skvorecky entlehnt.

Kommentare:

  1. Oh Kerstin, da hast du wirklich einen Schatz erstanden!

    Ich merke: Ich habe keine Ahnung von Frankfurter Stadtgeschichte. In unserer Familie ist mein Bruder für Geschichte zuständig.

    Danke für die Einblicke, das muss irre viel Arbeit gewesen sein. Ich bewundere dich :)

    LG Nicole

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  2. Sehr schöner Bericht, Kerstin! Vielen Dank!
    Nachdem ich von der Frankfurter Privat-Telefon-Gesellschaft gelesen hab, hatte ich direkt die Vermutung, dass das der Ursprung meiner Ausbildungsfirma gewesen sein könnte. Und siehe da, dem ist so: http://watch-wiki.org/index.php?title=Telefonbau_und_Normalzeit.
    Und vor allen Dingen das Gründungsjahr: 1899! Yeah ;-)
    Zur Firma Robinsohn hab ich folgendes gefunden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Frankfurt_Am_Main-Zeil-Ansicht_von_der_Hauptwache_nach_Osten-1910.jpg
    Demnach kann man davon ausgehen, dass die wahrscheinlich auch auf der Zeil waren.

    Wenn du mal wieder in Frankfurt bist, schau dir mal am Holzgraben die Reste des Kaufhauses Wronker an (parallel zur Zeil) http://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus_Wronker

    Viele Grüße,
    Pia

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  3. Toller Bericht, Kerstin. Da hast Du in der Tat einen kleinen Schatz erstanden.
    Beim Lesen musste ich daran denken, dass ich früher im Teeniealter ab und zu mit meiner Oma noch im Restaurant des Kaufhauses M.Schneider essen war, als krönender Abschluss eines gemeinsamen Einkaufsbummels auf der Zeil.

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  4. @ Kid
    wir hätten uns da treffen können bei M. Schneider, da war ich auch immer mit meiner Oma nach dem Einkaufen, haha. Herrlich! Unvergessen!

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  5. Ein ganz wunderbarer Eintrag, der mich daran erinnert, mich endlich mal den Büchern über Frankfurt zu widmen, die ich vor Jahren erworben habe. Gruß vom Kid

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  6. Ich danke euch sehr, dass ihr euch die Zeit zum Lesen genommen habt, mir hat das Büchelchen so viel Spaß gemacht - ich musste es einfach in Worte fassen. Eigentlich hatte ich vor noch einen kleinen Stadtplan zu zeichnen, aber das ist gar nicht so einfach und braucht mehr Zeit Vielleicht ergänze ich den irgendwann noch.

    Vielen Dank, Pia für die Ergänzungen und Links. Das Kaufhaus Wronker schaue ich mir ganz sicher mal an.

    Ach, Kine. Ein Satz und ein ganzer Erinnerungsschub. Mit Oma im Kaufhaus M. Schneider - das klingt wie Nesthäkchen. Du auch Nicole? Hihi. Das "ki" von Kine hat dich an Kid denken lassen - aber wer weiß, vielleicht war der ja auch da.

    Ja, Kid. Ich hab da auch noch so ein paar Dinge liegen, für die ich mir irgendwann mal mehr Zeit nehme...

    Frankfurt ist die schönste Stadt der Welt. Vielleicht nicht immer und überall. Trotzdem :-)

    lg in alle Richtungen!!

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  7. Hallo!
    So ein wunderschöner Artikel! Vielen, vielen Dank!

    Herzliche Grüße, Sascha!

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  8. Hallo Sascha - freut mich sehr, dass du den Eintrag aufgespürt hast und dass er gefällt. Danke dir sehr, dass du einen Kommentar da gelassen hast :-)

    Herzliche Vorweihnachtsgrüße, Kerstin

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