Montag, 29. August 2011

Ein langer Weg für Johann Wolfgang Duck

Da sitze ich nun im Waldstadion. Sonntag nachmittag, es ist noch viel vom Sonntag übrig, zehn vor Vier. Sitze, merke, wie der Ärger über die verschenkten Punkte allmählich abebbt. Milchig grauer Himmel, Sonnenstrahlen. Typisches Zwischendrin-Wetter. Unten auf dem Platz läuft sich die Mannschaft aus – links herum drehen die, die durchgespielt haben ihre Kreise - Alex Meier, Gordon Schildenfeld, Benny Köhler, heute wieder in der Rolle des Sündenbocks - in der rechten Hälfte machen die Ersatzspieler Steigerungssprints – ich beobachte Fenin, Caio – übers halbe Feld, gehend wieder zurück, übers Zweidrittelfeld, wieder zurück, übers ganze Feld.

Es sind viele, immer wieder neue, immer wieder gleiche Geschichten, die ein Fußballspiel – davor, während, danach – erzählt. Von Erwartungen, Enttäuschungen, Toren, Bratwurst, An- und Abwesenheiten ,verpassten Chancen, glücklichen Momenten, Menschen. Heute z.B. die von Martin Fenin, der vor ein paar Minuten, als das Stadion sich bereits leerte, noch einmal in die Kurve gelaufen ist. Er recht sein Trikot nach oben, schüttelt Hände. Abschied? Es ist wie bei dramaturgischen Effekten im Film oder in der Fotografie: Die Kamera zeigt das Licht, das aus einem geöffneten Türspalt auf den Fußboden fällt, wir hören Stimmen. Wir sehen im Dunkeln von der Straße aus ein erleuchtetes Fenster, einen Schatten. Was dahinter passiert, bleibt unserer Phantasie überlassen.


Jetzt ist das Stadion fast leer, hier und da noch einzelne Grüppchen, rotundschwarze Tupfer. Zwischen den Stuhlreihen und auf der Laufbahn liegen Papierflieger. Der da drüben, der war vorhin vom Oberrang bis hinunter aufs Spielfeld gesegelt und ist dort kopfüber, ein paar Meter neben der Eckfahne im Rasen stecken geblieben. Benny Köhler hat ihn herausgezogen und zur Seite geworfen.

Auf dem Videowürfel flimmern Spielberichte, Braunschweig hat gegen Pauli gewonnen, jetzt kommt die Eintracht. Auch die Spieler unten werfen im Laufen immer wieder einen Blick nach oben. Sehen Chancen über Chancen. Hören von 70% Ballbesitz. Drückender Überlegenheit. Von Alex Meier, der denkt und lenkt.

Ich bin träge, sitze einfach nur da wie das Loriot-Männchen, denke und mache gar nichts, lasse die Eindrücke über mich hinweg fluten. Bin gestern spät zu Bett, war heute schon früh auf den Beinen, heute ohne Mit-Adler unterwegs, vormittags beim Geburtstagsbrunch eines lieben Menschen, dann - heute also nicht verspätet, sondern geplant zu spät - erst zur zweiten Halbzeit im Stadion. „Da steht es sicher schon 3:0.“ Anfahrt durch die Frankfurter Innenstadt, Sachsenhausen, Museumsuferfest , Menschen, Autoschlangen, Hupkonzert, kein Vorwärtskommen. Hier rund ums Stadion dann alles friedlich und still. Kein Verkehr. Die Straßenbahn steht. Die improvisierten Verkaufsstände der fliegenden Händler verwaist. Die Grillroste leer. Als wäre ich Backstage und das Konzert hätte bereits begonnen. Ich gehe zügig, renne aber nicht, bin via SMS, Kurztelefonate bestens über den Stand des Spiels informiert. „Vor der HZ noch ein Tor, sonst wird’s bitter,“ lautet die letzte Nachricht. Es ist wärmer als ich dachte. Wolkenfetzen. Ein paar einzelne Regentropfen. Bei Bratwurst Walter sitzen zwei Männer auf den leeren Bänken, hören Radio. Null null. Signalisiert mir einer. Hey - Danke. Ich weiß.

Auf dem Videowürfel jetzt Armin Veh im Interview. Er ist nicht unzufrieden. Der Rasen ist schlecht. Es wird ein langer Weg. Keine Ahnung, warum mir gerade jetzt der rote Laster mit der Aufschrift „Brieftaubenreisegemein-schaft e.V.“ einfällt, den ich heute morgen auf der Autobahn überholt habe. Seit wann reisen Brieftauben im Auto? Wohin und warum? Sie haben doch Flügel, um zu fliegen.

Donald Duck (sprich: Duck!!) genauer gesagt: das Mickey Mouse-Heft in Deutschland wird in diesen Tagen 60 Jahre alt. Deswegen habe ich neulich nach Donald-Zitaten gegoogelt, um sie – bei gegebenem Anlass – mal in einem Spielbericht zu verwurschteln. „Wenn man dauernd gewinnt, macht’s viel mehr Spaß.“ - Das würde ich besonders gerne häufig verwenden. Wenn ich jetzt so vor mich hin auf das Spielfeld blicke passt heute dann aber leider doch besser: „Wie das rinnt und rieselt! Dahin, dahin! So zerinnen die Träume, so verrauscht das Glück!“ Noch passender: "Vielleicht wenn ich mich hier hinsetze und auf die Sumpfhühner starre, die im Sumpf rumsumpfen, vermeide ich allen Ärger.“  Oder ganz einfach: "Grummel. Gulp. Bla bla. Grmpf. Iiiieks."

Ich glaube, ich suche doch lieber Zuflucht bei Goethe, der ja heute Geburtstag hat. Wie wäre es mit: „Da sitz ich nun, noch ohne Tor...“ Und als hoffnungverheißende Perspektive: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen."

Ich gebe mir einen Ruck und stehe auf, steige die Treppe nach oben und fühle mich als käme ich von einer langen Reise. Traumverloren. Als ich gekommen bin, war es rund um Stadion leer, jetzt wieder. Aufräumarbeiten. Hier noch ein einsamer Biertrinker. Dort ein Kind mit einer Eintracht-Fahne. Was für ein Kontrast zu den bunten, wogenden , singenden Menschenmengen, die ich hier vor einer Woche erlebt habe. Filmkulisse. Cut. Der Wagen mit den Fischbrötchen, Fanshop-Wagen, alles bereits geschlossen. Still steht sie da, die kleine „Waldtribüne“ des Eintracht-Museums. Am Gitter vor dem Ausgang, aus dem die Mannschaftsbusse kommen werden, hat sich ein Häuflein Aufrechter versammelt. Fotos. Lachen. Rufe.

Ich hab das manchmal – mein Herz wird weit und froh, auch wenn es scheinbar grade keinen Anlass dazu hat. Wieder kein Heimsieg. Kein Tor. Nix. Hilf- und einfallsloses Spiel. Genöle. Gepfeife. Schuldzuweisungen. Hey. Wer hat gesagt, dass es einfach werden würde? Da sind wir jetzt und da kommen wir zusammen wieder raus. Wisst ihr was? Ich freu mich darauf, rauszufinden, wie es weitergeht. Freu mich, auf den ersten, zweiten, dritten Heimsieg. Will wissen, wo die Reise hingeht,  mit dieser zusammengewürfelten Truppe, diesem ewig muffeligen Trainer, diesem zähen Auf und Ab, das es geben wird. Bis zum Aufstieg. (Aber nur, wenn jetzt endlich diese blöde Transferperiode zuende geht. Und wenn Martin Fenin vielleicht doch noch bleibt ,-)

Ich schlendere gemächlich zurück, durch den Wald. Hey, hallo. Nicht vergessen, liebe Brieftaubenreisegemeinschaft: Alles, was Flügel hat – fliiiiiiiiiiiiiiieg!

Kommentare:

  1. Schön geschrieben Kerstin, danke!

    LG Nicole

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  2. Ich bin Donaldist - sozusagen. Es gibt da ein schönes Taschenbuch, in dem das wahre Leben des Donald D. beschrieben wird. Autor Martin S. Gans ist natürlich ein Pseudonym - die Geschichte ist zu brisant, um sie unter dem echten Namen zu veröffentlichen ... ,-)

    Aber dein Eintrag hat mir auch gut gefallen! :-)

    Gruß vom Kid

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  3. Claus Rettemeier

    hab das Paderborn-Spiel in meiner heimischen Steh-Kurve miterlebt - und war froh wieder dort untergebracht zu sein. Weil unser "Auswärts-Spiel" gegen den FSV Bornheim - da musste ich auf der Gegentribüne Platz nehmen. (Sitzen - das ist aber nichts für mich!). Ich habe es zwar genossen, mal als Beobachter rüberzuschauen was in unserer Kurve überhaupt so los ist...(Aber lieber ist mir: ich bin mitten dabei !)
    Leider war das Ergebnis 0:0 schlechter - als die Woche davor 4:0 .
    Soll ich jetzt vielleicht doch lieber auf die Sitz-Tribüne ausweichen ? Dem Erfolg zuliebe ?
    Aus Aberglaube macht man ja so einiges...
    Aber nein: meine beiden Stehplatzdauerkarten gebe ich niemals her.
    Die gelten in der 2. Liga genau so viel wie in der 1. Und wir steigen wieder auf !

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