Montag, 7. Februar 2011

Die Frage aller Fragen

Gestern, nachdem das Spiel in Freiburg abgepfiffen worden war, war es bei uns im Wohnzimmer, wo wir uns das Spiel in einer kleinen Adler-Gruppe angeschaut hatten, zunächst still. Fast schon unheimlich still. Und dann brach es fast gleichzeitig aus allen Ecken los. „Hast du gesehen…“ „Hätten wir nicht…“ „Eigentlich können wir doch…“ „Was hat…“ „Wäre besser gewesen, wenn…“ „Ich versteh einfach nicht….“  Und schließlich: „Warum…?“

Flashback

Es ist schon ein paar Jahre her. Wir sitzen in einem kleinen Schulungsraum, fünf oder sechs Leute, eine Pinnwand, zwei Flipcharts. Meeting. Wir sind das Teilprojekt eines großen Projekts in einem großen Konzern und haben die Aufgabe, eine Präsentation unserer bisherigen Ergebnisse vorzubereiten. Wir sind eine sehr gemischte Gruppe, unterschiedlich alt, unterschiedliches Hintergrundwissen, alle sehr engagiert, zwei Frauen, drei Männer, – darunter Herr B., ein kluger, schon weißhaariger älterer Herr.

Heute sitzen wir schon eine ganze Weile zusammen, diskutieren und reden uns die Köpfe heiß. Also wir hier, in unserem Teilprojekt, wir wüssten ja schon, was Sache ist und wie man das Thema anpacken müsste – aber natürlich sind wir abhängig von dem, was die anderen machen und planen. Und da scheint es leider im Argen zu liegen. Oder doch nicht? Wir wissen es nicht. Immer häufiger kreisen wir in unserer Diskussion um einzelne Punkte, die wir nicht verstehen. Oder doch: Wir verstehen das alles schon ganz gut, wir wissen ja, was wir wollen und wie es gehen könnte - aber uns fehlen einfach ein paar entscheidende Informationen.

Die Flipcharts sind vollgekrakelt, die Diskussion dreht sich im Kreis. Einem von uns - Herrn H. – wird das schließlich zu bunt. „So geht das nicht – ich gehe jetzt rüber und versuche rauszufinden, was die anderen eigentlich machen.“ Ja, gute Idee, das. Wir pflichten ihm bei. Natürlich. Das wird das Beste sein. Gehen Sie rüber. Machen Sie das! Recht hat er.

Und dann - die Szene, die sich mir eingemeißelt hat für alle Ewigkeit. Wie ein Sinnbild für das große Rätsel des Lebens, um das wir verzweifelt ringen und doch niemals lösen können.

Herr H. springt auf. Er trägt ein etwas zu enges Sakko. Seine Rockschöße flattern. Er eilt zur Tür, greift nach der Klinke, die Tür ist bereits einen Spalt geöffnet, fast ist Herr H. schon auf dem Weg nach draußen, da – die Stimme von Herrn B. Ein eindringlicher, fast schon verzweifelter Ruf, der hinter Herrn H. her fliegt, sich in seinen Rockschößen verfängt und nun, ein wenig zittrig, im Raum zu schweben scheint. „Und fragen Sie auch warum…“

Flashbackende

Warum? Die Frage aller Fragen. Auch gestern. Warum spielen wir im Moment so wie wir spielen? Warum haben wir das Fußballspielen verlernt? Warum sehen wir alle, was unser Trainer und die Mannschaft nicht sehen? Oder sehen sie alles richtig und uns fehlen einfach die entscheidenden Informationen?

Herr H. kam damals übrigens unverrichteter Dinge wieder zurück. Keiner da. Ich fürchte, auch wir werden die Antwort auf unsere Fragen vorerst verschieben müssen. Zumindest bis zum nächsten Samstag.

Kommentare:

  1. Und was spricht der Dichter?

    "Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
    Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
    Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
    Und ein Narr wartet auf Antwort."
    Heine

    Hauptsache wir gewinnen gegen Leverkusen (I said that). C.

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  2. Ooooh. Staun. Höhere lyrische Weihen. So schön, so wahr. Vielen Dank dafür.

    Und von wegen Hauptsache - du weißt ja: "Keep your head up and always carry a light bulb"

    lgk :-)

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  3. Es ist wie mit der Orakel-Kuh: Man muss nur die richtige Frage stellen. :-) "Warum" gehört aber seit ein paar Jahren nicht mehr zu den Fragen, die ich mir oder anderen häufig stelle. Zu oft habe ich Ausflüchte oder eine andere Antwort erhalten, die am Ende auch keine war.

    Danke für die schön erzählte Geschichte aus dem Leben.

    Gruß vom Kid

    PS: Sehr schön, celtix.

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  4. Keine Antwort, es gibt irgendwie keine Antwort.

    Ich werde auch am Samstag keine bekommen, fürchte ich.
    Ich hatte sogar schon laut überlegt, ob es Sinn macht, ins Stadion zu gehen.
    Rosa hat das ernst genommen und heute gleich ihre Oma gefragt, ob sie mit ihr geht... Nettes Kind. Sie stellt auch keine Fragen. Für sie ist (noch) alles ganz klar und selbstverständlich. Die Eintracht ist die Eintracht und mal gewinnt sie, mal verliert sie, mal spielt sie unentschieden.
    Das ist ja alles kein Grund zu zweifeln und Fragen zu stellen.

    Liebe Grüße
    Nicole
    (meine Tipps werden auch immer schlechter, da habe ich mich dem Niveau der Mannschaft wohl angepasst... das ärgert mich!)

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  5. Für sie ist (noch) alles ganz klar und selbstverständlich. Die Eintracht ist die Eintracht und mal gewinnt sie, mal verliert sie, mal spielt sie unentschieden.

    Rosa ist ein kluges Kind, Nicole. Sie sollte sich das bewahren und wir sollten vielleicht von ihr lernen. :-)

    Lieber Gruß vom Kid

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  6. Liebe Nicole, das hört sich an, als sei Rosa bereits jetzt am Gipfelpunkt dessen angekommen, was man unterm Strich über den eigenen Verein wissen kann - Kid hat recht: Kluges Kind (naja – bei der Mama :-).

    Und selbstverständlich geht ihr ins Stadion am Samstag – du hast das ja eigentlich gar nicht ernsthaft in Frage gestellt, stimmt’s? Ich hoffe darauf, dass die Mannschaft irgendwie selbst von Innen heraus ein „Schluss mit lustig“-Gefühl entwickelt und ein Zeichen setzt – in welche Richtung auch immer. Leverkusen hat eine feine, aber sehr instabile Mannschaft und – wie wir – einen Trainer, der schnell mal beleidigt ist – wir werden sehen, was diese Konstellation für uns bedeutet. Es wird neue Fragen geben, und vielleicht ja doch die ein oder andere Antwort.

    Lieber Kid, ich glaube ja: Die Frage nach dem „Warum“ ist die kindlichste aller Fragen - nicht investigativ, im Sinne von „Sag die Wahrheit…“, sondern staunend, suchend, neugierig, hilflos…und, yep: Man lernt, nicht mehr auf jedes „Warum“ auch eine Antwort zu bekommen, geschweige denn einen "Sinn" zu finden. Weiterfragen und weitersuchen, auch weiterhin (wie bei Heine) ein Narr bleiben - das muss man trotzdem, doch. Ganz bestimmt. On the way to find out. Ende offen.

    Vielen Dank für eure Anmerkungen und ganz herzliche Grüße in alle Richtungen. K.

    PS an Nicole: Bei unserer Mannschaft kann ich es nicht sagen – aber du und deine Tipps, ihr kommt garantiert wieder raus aus der Flaute!!! (Hey… verstehe, dass dich das ärgert, aber kuckma wie lange ich da hinten rumgekraucht bin. Du wirst eine Serie hinlegen. Das gleicht sich alles aus im Laufe einer Saison ,-) Nur unsere C-Willi – die wankt und weicht nicht, immer vorne weg – beeindruckend :-)!!)

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  7. Liebe Kerstin,

    damit

    Die Frage nach dem „Warum“ ist die kindlichste aller Fragen - nicht investigativ, im Sinne von „Sag die Wahrheit…“, sondern staunend, suchend, neugierig, hilflos…

    hast du natürlich völlig recht. Und es schön beschrieben.

    Gruß vom Kid

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  8. Natürlich bin ich am Samstag im Stadion, Kerstin. Kneifen gilt nicht ;-).

    Und tippen werde ich auch weiter. Und nehme mir C-W als großes Vorbild. Sie geht immer voran. So jemanden braucht jedes Team! Ja, muss ich wohl bei mir auf bessere Zeiten hoffen. Danke für den Zuspruch!

    Liebe Grüße
    Nicole

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