Montag, 31. Januar 2011

"Was sind das für Zuversichten?"

Am Sonntag morgen, viel zu früh für einen Sonntag, wache ich kurz auf. Die Sonne blinzelt durch die Ritzen des Rolladens und bevor ich mich noch einmal umdrehe und einkuschele, huscht mir ein Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht sollten wir heute nicht ins Stadion gehen.“ Bevor ich mich darüber wundern kann, dass ich das seit hundert Jahren zum ersten Mal und tatsächlich gedacht habe, bin ich schon wieder eingeschlafen und als ich zwei Stunden später dann wieder – und diesmal richtig – aufwache, ist der frühmorgendliche Gedanke nur noch eine ferne Erinnerung.

Die Welt draußen ist sonnig und kalt. Der Himmel blau. Noch Zeit für ein spätes Frühstück, ein Blick in die Zeitung und ins Netz, kurz nochmal die Katze durchgeknuddelt – und dann: Ärmel und Kopf aufkrempeln. Auf in die Welt.

„Flaues Gefühl,“ simst es aus der Ferne. Und auch bei uns im Auto ist auf dem Weg Richtung Waldstadion die Stimmung eher verhalten. Mir ist – wenn ich’s recht bedenke - sogar regelrecht mulmig, aber ich will nicht unken - Nein. Nein. Nein. – und vertraue fest darauf, dass sich meine gewohnte jetzt-erst-recht-Zuversicht einstellen wird, je näher wir dem Stadtwald kommen. Aber: Nichts. Stehe zwar in der Schlange am Eingang, aber irgendwie auch neben mir, höre einem jungen Mann zu, der seiner Begleiterin etwas vom Pferd – von wegen „was ich alles schon erlebt hab“ - erzählt. Der Herr rechts neben mir ist mit seinem iPhone beschäftigt. Aha, der VFB liegt auch zehn Minuten vor Schluss noch gegen Freiburg hinten. Und dann sind wir auch schon im Stadion. Europalied. Die Mannschaften kommen. Und da schwappt sie doch noch über mich, die Welle und ich denke „Hey. Verdammt. Das da, das ist die Eintracht. Meine Eintracht. Alles Quatsch, was so geschwätzt und geschrieben wird. Alles gut.“ Die Mannschaftsaufstellung. „Oka…“ „NIKOLOV“ , „ Sebastian…“ „JUNG“. Höre ich mich rufen. „Alexander…“ „ MEIER“, „Ca…“ „IO“, „Martin…“ „FENIN“, „ Patrick…“ „OCHS“ (War ich das? Ich kann nicht anders…). Weiter. „Maik…“ „FRANZ“, „Marco…“ „RUSS“, „Pirmin…“ **blank** Nein, das „SCHWEGLER" heute wirklich ohne mich.

Altintop tatsächlich auf der Bank. Fenin spielt einzige Spitze. Kann das sein? Es kann. Na ja, wir spielen ja immerhin gegen den Tabellenletzten. Schauen wir mal. Und was wir sehen, sieht überraschend gut aus. Das System mit einer Spitze ist zwar erkennbar suboptimal - Martin, der kein Mittelstürmer ist, müht sich, aber hängt in der Luft; das Spiel wird zu eng, alles über die Mitte, keine Spielverlagerung, kein Druck über die Außen - aber Gladbach ist schwach, sehr schwach und wir gewinnen schnell ein Übergewicht. "60% Spielanteile. Torschüsse - SGE: 7, Borussia Mönchengladbach: 1" ist auf dem Videowürfel zu lesen und dann wird es wohl so sein. Caio wirkt wacher als je. Boah. Der Freistoß. Boah. Der Schuss aus 20 Metern,der übers Tor streicht. Boah. Die Bogenlampe von links. An den Pfosten. Patrick Ochs legt – wie immer in den letzten Wochen - in den ersten zwanzig Minuten los wie die Feuerwehr. „Der will sich nichts nachsagen lassen und ein gutes letztes Spiel für die Eintracht machen.“ Sage ich. „Der will zeigen, dass er sich von dem Geschwätz nicht beeindrucken lässt und weiter alles für die Eintracht gibt.“ Sagt mein junger Mit-Adler. Kann so oder so sein.

Ein Stück weiter links neben uns in der Reihe sitzen heute drei Gladbacher, die sich im Zehn-Minuten-Abstand mit leerem Becher bzw. gefüllter Blase an uns vorbei raus und mit entleerter Blase bzw. neu gefülltem Becher – wahlweise Kaffee , Glühwein, Bier – an uns vorbei wieder hinein quetschen. Mein junger Mit-Adler schlägt vor, dass wir in der Halbzeit – als Service – zwei ambulante Hinweisschilder basteln und je nach Bewegungsrichtung einsetzen:


In der Halbzeitpause erinnern wir uns an das, was wir beim Frühstück über den möglichen Spielverlauf georakelt hatten: Entweder wir gewinnen klar – oder es steht bis kurz vor Schluss noch 0:0 und dann schießt Gladbach das Tor. „Jetzt mal den Teufel net an die Wand“, schimpft Thomas, unser DK-Sitznachbar und ich verschwinde noch mal kurz nach draußen.

Als ich wieder zurückkomme (hallo Fräulein Adler :-) läuft das Spiel bereits und, was soll ich sagen, es ist auf den ersten Blick klar zu erkennen, dass es kommen wird, wie es kommen muss - und so kommt es.

Nichts. Gar nichts geht mehr. Die Gladbacher immer noch schwach, aber mit erkennbar mehr Willen und Energie, die den Unterschied ausmachen. Und als in der 87. Minute Ioannis Amanatidis und Halil Altintop für Maik Franz und Georgios Tzavellas auf den Platz kommen und die DK-Besitzerin vor mir (die aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund der Auffassung ist, sie sei ein Eintrachtler) anfängt wie eine Verrückte mit ihrem Eintracht-Schal zu wedeln und „AmanatidisAmanatidisAmanatidis“ zu kreischen, packt mich ein solcher Zorn, dass ich am liebsten irgendetwas werfen, zertreten oder würgen würde. Tue ich aber nicht. Stattdessen stiere ich nach dem Abpfiff zunächst unter mich, dann noch eine Weile auf das sich leerende Spielfeld und verlasse dann gesittet den Block, reihe mich ein  hinter einem Trupp singender und hüpfender Gladbacher. Schnell. Schnell. Weg hier. „Hast du verstanden warum der den Amanatidis und den Altintop nicht schon 20 Minuten früher bringt?“ Höre ich im Vorbeigehen einen Gladbacher (!) zu einem anderen Gladbacher sagen. Hilfe. Das muss ich mir jetzt wirklich nicht mehr anhören. Wir beschleunigen nochmal unsere Schritte. Ab durch die Mitte und in den dunklen Wald.

Abendliche Adler-SMS aus der Ferne: „Nach DEM Spiel geht der Ochs bestimmt zu Schalke.“ "Grmpfffffff", denke ich, und: „Hey“, sagt mein Mit-Adler, „das ist doch eigentlich eine geniale Idee  -Statt wie bisher nur im Sommer und im Winter könnte man nach jedem Bundesligaspieltag ein Transferzeitfenster einrichten." Mal sehen, was sich so getan hat. Gewinner. Verlierer. Grund genug, die Lage neu zu überdenken. Vereine und Spieler könnten jede Woche neue Perspektiven entwickeln. Cool.

Gleich mal ausprobieren. Im Fernsehen flimmern die Nachrichten. Ach, heute war Pokalauslosung. Schalke muss im Halbfinale nach München. Also wohl doch kein Internationaler Wettbewerb für die Schalker in der nächsten Saison. Wenn wir in der SMS-Logik bleiben: Hurra, die Chancen, dass Ochs bei der Eintracht bleibt, sind wieder gestiegen.

Wir gehen schlafen.

Und tatsächlich. Heute morgen dann die Nachricht: Patrick Ochs bleibt. Natürlich nicht, weil Schalke im Pokalhablfinale nach Bayern muss, sondern weil er bei der Eintracht als Kapitän in der Verantwortung steht  und es bei uns grade sportlich nicht so gut läuft.

Da haben wir wohl für dieses Mal noch mal Glück gehabt.

Scheiß Spiel, das. In jeder Hinsicht. Oder um es mit meiner Oma zu sagen: "Was sind das für Zuversichten?"

Kommentare:

  1. @ P.O.
    ...ich finde , daß er besser GAR nichts gesagt hätte , als dieses: '...in der jetzigen Situation die SGE net im Stich...blablabla...' ...
    Es läßt sich nämlich ohne große Anstrengung nachvollziehen , wer warum net irgendwo hinwechselt... (Farfan etc.)

    Es bleibt ein fader Beigeschmack...
    (Irgendwie , als wenn man sich mit einem guten Freund net WIRKLISCH gestritten hat , aber auf einmal irgendwie alles anders ist , und keiner weiß,warum...)

    Das nachgeschobene Facebook-Dementi von Paddy kommt irgendwie so schief daher,wie die bestürzende Schwegler-Aussage...

    Eine schöne Woche noch..!

    Mfg aus HB...
    (Weserbembel)

    AntwortenLöschen
  2. Im Moment sieht es so aus, als wäre das völlige Hohldrehen von den Finanzplätzen auf die Bundesliga übergesprungen. Was z.B. Wolfsburg veranstaltet, ist ein aktiver Beitrag zum Kollaps (Schalke genauso). Diese Mischung aus geistiger Beschränktheit (vulgo Idiotie), Größenwahn und zuviel Geld hat etwas Irres. Irgendwann gehen wir wahrscheinlich alle wieder zu einem Dorfclub um die Ecke, wo man sein Bier vielleicht wieder aus einer richtigen Flasche kriegt und nicht diese Plastikbecherbrühe. Das sind doch Zuversichten. (Danke für "The Band"; Robbie Roberson mag ein Arsch sein, aber gute Songs hat er geschrieben.) C.

    AntwortenLöschen
  3. Zuversicht fand ich jedenfalls schon immer schöner als Perspektive. :-)

    Danke für den Eintrag und den Song!

    Gruß vom Kid

    PS: Es ist keine Überraschung für dich, wenn ich dir verrate, dass die regulären Scheiben von The Band und die Solosachen von Robbie Robertson Teil meiner Sammlung sind, oder? :-)

    AntwortenLöschen
  4. @Weserbembel: Schön, dass du wieder da bist :-) Und: Ja. Ein paar Worte weniger wären gut gewesen. Und ein dicker Kratzer bleibt.

    @Celtix: Hihi. Ich sehe da zwar kein irres, aber ein zorniges Glitzern auch in deinen Augen... Meet you in the twilight - oder auf dem Dorfplatz um die Ecke. Wo auch immer. Und bestimmt auch im Waldstadion - beim Sieg gegen Leverkusen :-)

    @Kid: Meine Oma war eine tatkräftige, mutige und liebevolle Frau, die nicht klagte oder jammerte, auch wenn sie Grund gehabt hätte. Ihr Satz: "Was sind das für Zuversichten..." ist bei mir hängen geblieben als so etwas wie die Quadratur des Kreises. Ein bisschen traurig und gleichzeitig trotzig. Aufrecht.

    Bei der Alternative Perspektive vs. Zuversicht plädiere auch ich sehr für letzteres. Zuversicht ist etwas, was ich selbst habe, auf- oder mitbringen muss, kann mir keiner abnehmen, hab ich oder hab ich nicht - Perspektiven (vorhandene oder nicht vorhandene) lassen sich einfacher delegieren.

    Robbie Robertson :-) - nein, überrascht mich nicht :-)

    lg in alle Richtungen und herzlichen Dank fürs Lesen und Kommentieren, K.

    AntwortenLöschen
  5. Hab mir grad nochmal (in 2D) den Sonntags-Kick gegeben...

    75.min:
    Groß im Bild: Alex M.
    Reporter:
    *...und wir gratulieren gleich mal Marco Russ ,
    der ist Vater geworden -
    ABER DAS WAR MEIER...*

    :-)))

    Gelächter aus HB.

    AntwortenLöschen
  6. Die Niederlage hätte nicht passieren dürfen,ist aber passiert und ändern werden wir es nicht können.
    Dass unser Capitän das sinkende Schiff-nicht verlässt und mithelfen will wieder auf Kurs zu kommen ist nicht schlecht und was im Sommer passiert muss man abwarten.
    Zuversicht habe ich,dass es wieder aufwärts geht die nächsten Spiele und alles andere lassen wir perspektivisch auf uns zukommen.
    LG
    (B).

    AntwortenLöschen
  7. Zuversicht. Ja, das höre ich lieber. Perspektiven. Pah, genau, das überlassen wir anderen.

    Wie es auch immer ist, nach der sehr durchwachsenen Gemütslage der letzten Tage, wächst auch bei mir ein bisschen Zuversicht. Irgendwie geht es doch auch immer weiter. Wie im echten Leben ;-).

    Deine Oma hat so viele kluge Sachen gesagt.

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
  8. Zum Thema Oma und Zuversichten fällt mir spontan der Lieblingsspruch meiner damals schon über 90 Jahre alten Uroma aus dem Vogelsberg ein:
    Wer morgens pfeift, den holt abends die Katz.
    Am letzten Sonntagmorgen habe ich nicht gepfiffen, trotzdem hatte ich am späten Abend das Gefühl, die Katz hat mich geholt. Ich war ganz schön angekratzt.
    Und jetzt ist mir erst recht nicht mehr nach Pfeifen zumute. Nur was sind das für Zuversichten? :-).
    Wenigstens ist uns der Ochs geblieben, daran habe ich fest geglaubt, na ja, besser gesagt, ich habe es zumindest probiert und es hat geklappt.
    Und jetzt strenge ich mich mal an, daran zu glauben, dass alles gut wird.
    Gute Nacht
    Frl. Adler

    AntwortenLöschen
  9. @ Weserbembel: Hihi. Ich weiß überhaupt net, was du hast. Meier und Russ – ist doch fast dasselbe ,-))

    Du hast natürlich recht, liebe B – jajajaja, gut dass Patrick Ochs uns (noch eine Weile) erhalten bleibt – und vielleicht sollte man gar nicht so genau wissen wollen, warum und wie das dann am Ende doch so gekommen ist. Er ist geblieben, er wird uns helfen und gut is.

    Die Zuversichten haben es aufs Ganze gesehen in dieser Welt nicht leicht, aber wir wären ja keine Eintrachtler, wenn wir nicht grad erst recht und trotzdem zuversichtlich wären. Immer wieder. Perspektivisch *g

    Ja, liebe Nicole, das hat sie. Und zwar einfach deshalb, weil sie so war wie sie war. Zuversichtlich sein in einer Welt, in der es eigentlich wenig Grund gibt, zuversichtlich zu sein – ich glaub, das ist Kunst.

    @Frl. Adler: Oja. Die Katz hat uns am Sonntag geholt, aber den Patrick Ochs hat sie uns dann ja doch da gelassen ,-) Dein schwäbischer Landsmann, der bei mir wohnt , bittet mich, hier auch noch einen Satz seiner Oma zu ergänzen. Sie sagte immer: „Steig vom Kreuz und hilf dir selber.“ Und wenn die Jungs, die am Sonntag in Freiburg auf dem Platz stehen, sich diesen Satz zu Herzen nehmen – dann kann eigentlich nix schiefgehen.

    Hey :-) - vielen Dank für die feinen Anmerkungen und Geschichten – und lg in alle Richtungen!

    AntwortenLöschen