Sonntag, 24. Oktober 2010

Knapp daneben ist auch vorbei.

Boah. Hilfe. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Nicht zu fassen. Das hätten wir. MÜSSEN. Kann doch nicht wahr sein. Also mindestens. Mit zwei, drei Toren. Maaaan. Warum? WARUM? Eins, wenigstens eins dieser Dinger kannmuss doch rein gehen. Haareraufundindentischbeiß. Arrrrrrrrrrrrrrrrrgh.

Es ist kalt. Nebelschwaden hängen über dem Stadtwald. Es nieselt, erste dicke Tropfen fallen. Kein Zweifel: Es ist Herbst. Als wir gegen Sechs noch einmal beim Fantreff Black&White Station machen und vor uns eine Currywust dampft (Brat, Rind ist schon aus) haben wir uns soweit sortiert, dass wir uns auch mit der Stimmungslage der gegnerischen Fans beschäftigen können und zu dem erstaunlichen Ergebnis kommen: Sie ist gut. Viele sind es, sehr viele, die mit nach Frankfurt gekommen sind und auch jetzt stehen noch viele blaue Trupps mit Bierbechern und Bratwurst um uns herum. Sie wirken entspannt, lachen, scherzen. Kann man das verstehen? Also wenn ich Schalker wäre (was der Himmel verhütet hat), dann hätte ich den Ort des Geschehens gestern tief deprimiert verlassen. Da nützt auch nix, dass Felix Magath ein paar Stunden später im Sportstudio das Ganze augenzwinkernd in ein freundliches Licht taucht. Nö nö. Das war gar nix. Die Innenverteidigung wackelig (Christoph Metzelder wirkt nicht wie jemand der außer Form ist, sondern wie jemand der erst seit kurzem Fußball spielt und nicht besonders viel Talent mitbringt), die Außenbahnen ohne richtigen Druck, nach vorne Stückwerk, keine mannschaftliche Geschlossenheit. Nur ganz, ganz vereinzelt blitzen sie auf, die überragenden fußballerischen Fähigkeit, am ehesten noch bei Raul. Sonst nichts zu sehen von herausragenden Einzelleistungen, die ein Spiel entscheiden können. Einzig Farfan.... Aber was interessieren mich eigentlich die Schalker? Wir haben unsere eigenen Probleme. Ich bin geneigt zu sagen: Aber auf anderem Niveau.

Fangen wir vorne an, also vor dem Spiel.  Heute drei Punkte holen und wenn es gut läuft sind wir Vierter. Vierter. Unser eigentlich vierköpfiger Adlertrupp ist heute an verschiedenen Stellen im Stadion und in der Welt verteilt. Abklatschen. Aufmunternde SMS aus der Ferne. Erwartungsfroh, kämpferisch. Hey, wir machen das! Ganz anders die Stimmung bei uns im Block. Die DK-Nachbarin in der Reihe vor uns war auch auswärts in Stuttgart und Lautern dabei und schimpft und zetert. Der Altintop (kann nix). Die Ultras (sowiesoanallemschuld). Der Gekas (stachelt die auch noch auf). Das Spiel (schlecht). Der Sieg (vollkommen unverdient, in der ersten Halbzeit hätten wir den Arsch vollkriegen müssen). Und der Skibbe. „Lässt de Ama nur zwo Minute spiele.“ Hey – Ama war angeschlagen. "Trotzdem." Gar nix positives? Doch: „Oka!“ Na dann. Die Seele eines Eintracht-Fans ist unergründlich.

Erfreut registriere ich, dass Meier doch mit aufläuft. Schad, Tzavellas ist wohl doch noch zu grippegeschwächt. Stattdessen also Benny einmal mehr als LV. Direkt vor uns machen sich die Schalker warm. Wow. Das da – das ist wirklich Raul.

Schwarz und weiß wie Schnee. Noch in den Gesang hinein ertönt der Anpfiff und das Spiel rollt an. So ein bisschen hatte man ja befürchtet, die Schalker würden mit dem Champions-League-Erfolg im Rücken jetzt auch in der Bundesliga aufdrehen und hier bei uns damit anfangen. Aber, nein, so sieht es nicht aus. Sie haben zunächst zwar mehr vom Spiel, sind torgefährlicher, Oka rettet ein, zwei Mal in höchster Not – aber so richtig zwingend ist das alles nicht.

Pfiffe im Rund jedesmal, wenn der, dessen Namen man nicht nennt, am Ball ist. Der kleine Schalker ein paar Plätze neben mir, stubbst seinen Vater an und lächelt verklärt: „Pfeifkonzert.“ Auch ich werde heute dauernd gestubbst – von dem Schalker hinter mir. "Hinsetzen." Verdammt. Mir platzt der Kragen. Schon klar, lieber Schalker, dass du lieber teilnahmslos im Stadionstuhl hängst. Kann ich verstehen. Muss wohl daran liegen, dass Schalke einem nicht gerade vom Hocker reißt.

Unser Spiel nimmt Fahrt auf. Toooooor. Nein, Altintop verzieht knapp. Das, was sich gegen Lautern schon gezeigt hat, wird heute mehr als bestätigt: Wir sind immer mehr in der Lage unser Spiel durchzuziehen. Was vor ein paar Wochen noch aussah wie sinnfreies immer noch und noch mal Kurzpass kombinieren und sich selbst dabei einschläfern, hat jetzt deutlich mehr Speed. Die Fehlerquote ist geringer. Und: Wir können das Tempo wechseln. Langsamer, flüssiger Spielaufbau von hinten heraus - und dann - ab geht’s mit langen Bällen die Linie entlang, mit Doppelpass-Stafetten, mit durchgestellten Pässen in den freien Raum. Ich bin ja nicht so der Verfechter des Systemfußballs – aber vielleicht, vielleicht sollte ich das noch mal überdenken. In der Halbzeitpause bin ich mir jedenfalls sicher: Wir packen das.

Die zweite Halbzeit. Wow. Während Schalke immer mehr abbaut, wird die Eintracht immer stärker. Eine Mannschaft, die will, die fightet. Und die Fußball spielt. Benny Köhler ist überall. Ok ok. Am Strafraum unterlaufen ihm zwei, drei krasse Fehler, die beinahe (z.B. kurz vor der Halbzeit ...) fatale Folgen gehabt hätten. Aber zum Ausgleich klärt er kurz vor Schluss gleich zwei Mal in höchster Not am Strafraum, lässt Farfan kommen, spitzelt ihm den Ball vom Fuß. Unermüdlich im Spielaufbau nach vorn, allerdings nicht gerade berauschend die Ecken und Freistöße – gut wenn Tzavellas das wieder übernimmt.

Auch die Innenverteidigung steht heute gut.  Marco Russ macht sein bestes Spiel seit langem. Ordnend. Sehr präsent. Chris: Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld, Kämpfer. Impulsgeber. Treiber. Und bei all dem immer vor allem auch eins – ein feiner Fußballer. Ochs der kämpft, rackert, Druck aufbaut, immer noch eine Fußspitze dazwischen bekommt, um den Ball in den Strafraum zu spitzeln, einen flachen Pass scharf in den Lauf eines Mitspielers zu legen. Sebastian Jung auf rechts – was soll man sagen? Überragend. Diese außerordentliche Lernfähigkeit. Wirklich wahr: Er macht einen Fehler immer nur einmal. Lernt im Spiel und von Spiel zu Spiel. Leichtfüßig. Spielintelligent. Antrittsschnell. Alex Meier – leider nicht so überzeugend wie man es nach den überall geschilderten Trainingseindrücken erwarten durfte. Wär fast egal, wenn er nur eine von seinen gefühlten 100 Torchancen genutzt  hätte – z.B. den Kopfball ca. 20 Minuten vor Schluss („Der steht in der Luft. Der hat doch Zeit...“). Hätte hätte Fahradkette. Pirmin Schwegler leider immer noch ein ganzes Stück entfernt, von dem, was er kann und letztes Jahr gezeigt hat. Die Pässe kommen ungenau. Häufig eine Drehung zu viel. Der oft geschmähte Altintop macht dagegen ein richtig gutes Spiel. Ein sehr gutes Spiel wäre es gewesen, wenn, ja wenn. Nur den einen. Zwei Meter freistehend am linken Pfosten. Nur diesen einen. Leider. Er macht ihn nicht.

Der fränkische eigentlich Bayern-aber-jetzt-auch-Eintracht-Fan in der Reihe vor uns hat heute Frau und Kind dabei – sie ist Tschechin und hat jetzt, zehn Minuten vor Schluss, doch noch die Gelegenheit, die mitgebrachte Fahne in den Landesfarben zu schwenken. Wann habe ich zum letzten Mal gesehen, dass Fenin, Martin  sich im 1:1 gegen seinen Gegner durchsetzt, ihn ausspielt? Gestern hat er es getan. Gleich zweimal während seines kurzen Auftritts. Vielleicht, vielleicht wird das ja doch noch eine Happy-End-Geschichte. Das wär schön.

Das Spiel ist aus. Nullnull. Nicht zu glauben. Torlos. An der Bande, seitlich des Schalker Fanblocks drängen sich die Blaugewandeten. Fotografieren. Die Schalker drehen derweil  im Stadion ihre Runden. Auslaufmodell? Ein kleiner Trupp im Eintracht Fanblock begleitet das Treiben mit freundlichen Anfeuerungsrufen: „Absteiger, Absteiger.“

Wir trollen uns allmählich, stoßen hinter der Haupttribüne wieder auf unseren dritten Mann. „Es war ungefähr in der 60. Spielminute“, erzählt er, „da isses dem Raul langweilig geworden.“ Wie bitte? In der 60.? Da ging doch grad der Bär ab. „Ja, echt. Er wackelte, hibbelte, quengelte, wollte nicht mehr.“ Hä? Ach so – Raul. Die Rede ist nicht vom Superstar der Schalker, sondern von dem kleinen Sohn der netten Eintrachtlerin, die heute neben meinem Mit-Adler saß. Ätsch. Reingefallen.

Rückfahrt durch den Nebel. Regen fällt, die Scheibenwischer knarzen. Im Radio spielen die Greatful Dead. (Echt!) Ok. Kein Grund enttäuscht zu sein. Aber hadern dürfen wir schon noch ein bisschen. Maaan. Das wär’s gewesen. Aber ein gutes Spiel gemacht. Richtig gut. Und am Mittwoch, im Pokal, da werden wir dann auch treffen.

Jerry Garcia singt „I don’t care cause it’s allright“ und wir reimen: „Frankfurts Stolz – der Sebi und der ...ähem.... Ochs.“

Sag ich doch: Knapp daneben ist auch vorbei.

(Mehr zum Spiel, inklusive spannender Analyse, wie immer, bei Kid Klappergass)

Kommentare:

  1. Wie Jung&Ochs gestern die rechte Seite beackerten, immer mal wieder unterstützt von einem furchtlos in jeden Zweikampf fliegenden Chris - das hatte schon was. Und Fenin kann noch dribbeln, oh ja:) Es ist wirklich wunderbar, dass bereits in drei Tagen das nächste Spiel dieser Eintracht ansteht!

    Danke für deinen schönen Bericht!

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  2. Spiel war okay, obwohl ich nicht ganz so viel Licht und ein bißchen mehr Schatten gesehen habe. Wenn wir gegen den HSV aus einem Meter das leere Tor treffen, dann wird's noch besser.

    Die Grateful Dead im Radio - den Tag muß man sich ja fast im Kalender anstreichen! C.

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  3. Toll dein Bericht,o man nach der Niederlage von Vizekusen und dem Remis von Hoppenheim könnten wir auf Platz 4 stehen.Wenn,wenn nur der Altintop getroffen hätte.

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  4. Ja. Mittwoch. Gut, dass es gleich weiter geht. Alles genau so und noch besser machen = treffen. Bin jetzt schon hibbelig (wie Raul *g). Wär das eine Geschichte, wenn "ausgerechnet" Altintop am Mittwoch den entscheidenden Treffer macht? Wär das was? Aber gern auch ein (oder zwei) andere...

    Ansonsten muss ich mich wohl darauf einrichten, dass ich dereinst in der ewigen Rockhölle schmoren werde. Ich habe doch tatsächlich Grateful Dead falsch geschrieben. Asche auf mein Haupt. Leider kann ich im Moment an bereits eingestellten Einträgen keine Korrekturen vornehmen, ohne den Text komplett zu zerschießen. Keine Ahnung woran das liegt...mmh... da müssen die falschen Deads also leider, leider erst mal so stehen bleiben...sorry!

    Danke euch sehr für das nette Feedback!

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  5. Sehr schöne Nachbetrachtung des zwar torlosen aber in der zweiten Halbzeit-sehr rassigen Spieles-unserer Mannschaft.Dass war dass beste Spiel unserer Mannschaft -diese Saison und die letzte viertel Stundeschwäche-scheint jetzt auch überwunden.
    Schade,dass die Mannschaft sich nicht mit einem -Dreier-belohnt hat,aber wie sagte Patrick Ochs dem Sky Reporter-weiterhin kleine Brötchen backen und bescheiden bleiben-übrigens ein sehr schönes Interview von-Paddy.:-)
    Am Mittwoch wird getroffen-gewonnen-gejubelt und wie sagte Skibbe gestern,dass sie die Form von der 2.Halbzeit mit rüber nehmen müssen im Pokal gegen den HSV.
    Danke Kerstin-hat Spass gemacht zu lesen.
    LG
    (B).
    Weiterhin ein Platz an der Sonne,auch wenn die Lederhüte nochmal kräftig zugeschlagen haben-auf dem Transfermarkt-*lächelt.*
    Habe es an den Tippgruppenranking-gesehen,aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.

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  6. Grateful Dead im Radio? Sollte es noch Hoffnung geben, eine Realität abseits der Quote?

    "Out on the road today I saw a Deadhead sticker on a Cadillac", höre ich Don Henley in "the Boys of summer" singen und frage mich wie vor 30 Jahren Wolf Maahn, "wo ist die Grenze der Besonnenheit, wenn du einkaufst
    und John Lennon durch den Supermarkt hallt?"

    Früher einmal war das Radio - wie der Plattenladen meines Vertrauens - eine Fundgrube, in die man eintauchen und Perlen entdecken konnte. Das war aber in einer Zeit vor der "Null-Quote", in der - "statistisch nachgewiesen" - "20.000 bis 40.000 Hörer nicht mehr wenige, sondern (..) keine Hörer mehr" sind.

    Und so sage ich danke für den Link in die Klappergass, den schönen Eintrag und die Inspiration mit einer schönen Version von Wild Horses: Klick. Gruß vom Kid, nach Art von Jerry Garcia: "Old and in the way", aber Platz machen wir nicht. :-)

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  7. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  8. Egal was Jerry gemacht hat, es war großartig. Danke für den Link Kid! Ich muss ja immer grinsen, wenn einem die Dead als ewige Hippie, Love & Peace Band angedient werden. Hier ist einer meiner Favoriten

    Was die Minderheit ohne Quote angeht: Da weiß man wenigstens, wo man hingehört und wer einen für was abkassiert. Kann man wenigstens nicht mehr rumjammern von wegen "repressiver Toleranz" oder so. C. (der heute schon ein wenig mit Mississippi John Hurt Auto gefahren ist)

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  9. Ich hatte am Samstag mit mir innerlich einen Handel abgeschlossen: Ok, zwei Punkte verschenkt - dafür dann auf jeden Fall Sieg am Mittwoch. Hat geklappt **gg

    @C-Willi: Ächt wahr? Die Lederhüte haben sich verstärkt? Gell, abber du lässt dich bitte nicht abwerben?? Geht ja gar nicht, bist ja kein Lederhut :-)) Dann verspreche ich auch, dass ich vollkommen ruhig aus der Tiefe des Raumes ganz allmählich zu euch Dreien da vorne aufschließe!

    @Kid und Celtix: Vielen Dank für die feinen Links und Anmerkungen. Die Grateful Dead im Radio waren anscheinend wirklich ein Zeichen.

    Als Buße für die falsche Schreibweise habe ich übrigens schon 100 hundertmal geschrieben:

    Du sollst Grateful Dead nicht falsch schreiben.
    Du sollst Grateful Dead nicht falsch schreiben.
    Du sollst......... *g

    Danke für eure bunten und kenntnisreichen Kommentare!

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