Sonntag, 4. April 2010

"Schwebst du noch oder läufst du schon wieder?"

Eine halbe Stunde nach Abpfiff lehnen wir immer noch an der Bande. Nein. Heute werden wir das Stadion nicht verlassen. Nein. Überhaupt nie mehr. Wir bleiben jetzt einfach hier stehen, immer, lächelnd, leicht, froh. Werfen uns ab und zu ein Wort zu. Und kucken. Kucken, wie die Ränge sich jetzt doch allmählich leeren. Beobachten Maik Franz, der vor der Haupttribüne entlangläuft, jetzt in Trainingsjacke, sein Trikot ist irgendwo im Block gelandet. Er hat wohl Bekannte unter den Zuschauern entdeckt. Geht an der Bande entlang. Hands up. Umarmungen. Er schreibt Autogramme. Schwätzt hier und da noch ein bisschen. Ihm geht es wohl wie uns. Noch hängt der Zauber des Spiels über dem Stadion. Verweile doch. Er, wir können uns noch nicht trennen.

Momentaufnahmen der zurückliegenden drei Stunden.

Ein Riesenpulk vor den Eingangstoren, schleppende Einlasskontrollen. Nur noch eine halbe Stunde bis Anpfiff. Wir sind hibbelig, ungeduldig, über uns hängt eine dicke schwarze Wolke. Tut der guten Stimmung aber keinen Abbruch. „Mach voran.“ „Alles harmlose Eintrachtler hier.“ „Dafür leg ich die Hand ins Feuer – hundert Pyrozent.“ Der Regen setzt ein, kurz, heftig. „No rain, no rain.“ Und da ist sie auch schon wieder, die Sonne.

Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Wir hecheln zusammen mit einem Trupp Eintrachtler Richtung Stadion. Im Laufschritt hinter der Haupttribüne, Höhe der Trainingsplätze. Aus dem Stadion klingt das Europa-Lied. Wir singen lauthals mit. „Du sollst heute siegen.“ Die Aufstellung. „Mit der Nummer 1 Oka...“Nikolov“ schallt es aus dem Stadion und wir unterstützen den Chor von außen.

Endlich. Im Stadion. Das Spiel läuft bereits. Kurzes Nicken, abklatschen mit denen, die immer da sind. „Eine dicke Chance hatten die Leverkusener schon.“ „Und?“ „Oka!“ Kurzes Orientieren. Ah ja. Alles wie erwartet. Franz in der Innenverteidigung neben Russ. T-Bär für Schwegler. Benny hinten links, davor Ümit Korkmaz. Patrick Ochs trägt heute die Kapitänsbinde – das freut uns. Das freut uns sehr.

Von Beginn an ein Spiel ohne großes Abtasten. Beide Mannschaften wollen es wissen. Das Spiel wogt hin und her. Leverkusen hat spielerische und körperliche Vorteile. Die Eintracht heut ein bisschen holpriger, weniger kombinationssicher als gegen Bayern und Bochum. Da fehlen halt doch Chris und Schwegler. Die Wege im Mittelfeld sind weiter als sonst. Missing link. Trotzdem. Trotzdem. Das sieht nicht schlecht aus. Wir halten mit. Schon eine Viertelstunde gespielt und noch kein Gegentor. Köhler macht hinten links ein bärenstarkes Spiel. Vor ihm wuselt und wirbelt Ümit Korkmaz, reißt Löcher, holt verlorene Bälle wieder zurück, geht weite Wege. Dafür muss er auch ganz schön was einstecken. Zimperlich sind sie nicht, die Leverkusener.

Der Elfmeter. Russ im Strafraum. Umgerissen. Das Stadion steht. Klare Sache. Wer wird schießen? Altintop? T-Bär? Ich drehe mich mit dem Rücken zum Spielfeld. Will, kann nicht hinsehen. „Es wird doch nicht wirklich Teber...?“ Doch. Er wird. Leicht verzweifelte Gesichter wohin ich schaue. Warum? Heute hat er eigentlich bisher ganz ordentlich gespielt. Hab trotzdem auch kein gutes Gefühl. Aufgerissene Münder und Augen. Jetzt, jetzt läuft er an. Schießt. Mein Mit-Adler reißt mich herum. Umarmt mich, dass mir fast die Luft wegbleibt. 1:0. Wir führen. Kann das gut gehen? Prompt fällt der Ausgleich...Halbzeit. Trotzdem. Trotzdem. Wiederanpfiff. Der dabbische Fehlpass von Sebi Jung. Ausgerechnet. Schon alles vorbei? Ümit der sich nicht unterkriegen lässt, einen Ball zurückerwuselt, Schwaab setzt nach, kommt zu spät, erwischt Ümit hinten an der Ferse. Schrecksekunde. Bitte nicht wieder Korkmaz. Nein, durchatmen. er kann weiterspielen. Dafür geht Schwaab. Zu recht.

Jetzt drängt die Eintracht. Patrick Ochs. Caio, ja wirklich, Caio, der mit zurück geht, der hinten aushilft, nicht alles klappt. Macht nichts. Halil Altintop, der heute versucht, die Mitte zu halten. Stärker als zuletzt. Fenin kommt für T-Bär. Auch Marco Russ taucht jetzt immer häufiger vorne auf. Sebi Jung, der sich zerreißt, seinen Fehler wieder gut machen will. Alex Meier, der vor allem in der Defensive eine starke Leistung bietet.

Aber auch Leverkusen bleibt stark, bleibt torgefährlich. Immer wieder Kießling. Immer wieder die lang gezogenen Freistöße oder Flanken über die Abwehr hinweg, wo Manu Friedrich oder Sammy Hyypiä – oft unbehelligt – warten. Trotzdem. Trotzdem. Jetzt packen wir sie, einen Punkt behalten wir hier. Einen mindestens. Das Tor von Halil Altintop. JubelTaumelErnüchterung. Er gibt es nicht. Aber jetzt vielleicht. Jetzt hat Caio den Ball, kurz hinter der Mittellinie. Er hat Platz. Was macht er? Ein, zwei Schritte mit dem Ball und dann – fast ansatzlos – tatsächlich. Er schießt. Scharf und doch gefühlvoll. Der Ball hebt ab, flirrt ein wenig, fliegt in hohem Bogen, nimmt eine Kurve, dreht sich dabei um die eigene Achse, scheint immer schneller zu werden, schlägt noch einen Haken und dann mit voller Wucht direkt unter der Latte ein, springt hinter der Linie auf. Einen Moment lang ist es still im Stadion - glaube, das habe ich so zum letzten beim Tor von Jay-Jay Okocha gegen den KSC erlebt – und dann bricht er los, der Wahnsinn. Was e Ding. Was hat der Bub denn da gemacht? Nicht zu fassen. Ich glaub’s net. Unglaublich. Der Hammer. Der Caio. Unser Caio. Strahlt. Strahlt. Strahlt. Genau so wie der kleine Paul in der Reihe neben uns. Mindestens.

Die letzte Viertelstunde des Spiels. Wie eine Woge. Ein Rausch. Bebe nicht nur außen, sondern auch innen. Kann das sein? Kann das wirklich wahr sein, dass wir auch dieses Ding, dieses Spiel noch einmal drehen? Lass es weitergehen. Einmal noch. Dream on dreaming on. Noch zwei, drei Minuten. Getümmel im Strafraum. Rote, weiße Trikots, Arme, Beine. Wo ist der Ball? Adler wirft sich dazwischen, Spielertraube fünf, sechs Meter vorm Tor... ...und genau in diesem Moment schaltet mein Augenmodus auf Zeitlupe. Ganz genau sehe ich den Ball. Und ich sehe Maik Franz. Der Ball, der sich Maik nähert. Fast höre ich es in seinem Kopf ticken... „Jetzt...gleich…den mach ich...wie nehm ich den Ball?... Soll ich...” Er steht mit dem Rücken zum Tor, lässt sich in die Bewegung fallen, erwischt den Ball voll mit dem Span. Fallrückzieher. Dieser Wahnsinnige nimmt den Ball tatäschlich als Fallrückzieher...

Beame mich zurück in die Jetztzeit. Tor. Toooor. Tooooooooor. Schreie, reiße die Arme hoch, der Himmel über mir blinkt. Wirversinken in staunendem Glück. Gegen Bayern war lautes, lachendes Durchgeknallstein. Ausgelassenheit. Jubel. Heute ist... Glückseligkeit. Staunen. Ungläubigkeit. Umarmungen. Halt suchen. Was machen die denn da mit uns? Sich gegenseitig versichern: Ja, wirklich. Wahr, alles wahr. Schalalalala. Jaaaa. Yep. Hüpf. Irgendjemand schleudert den kleinen Paul - hallo Rosa :-) - durch die Luft. Die Leverkusener noch einmal gefährlich vor unserem Tor. Russ, Jung, Köhler dreschen die Bälle jetzt einfach nach vorn. Raus. Raus. Das Stadion steht. Abpfiff.

Samstag, 3. April, 18.00 Uhr. Ok. Irgendwann müssen wir dann doch gehen, drehen ab zur Treppe. Die Ränge sind fast leer; im Block neben uns, Reihe 8 sitzt noch der Uralt-Eintrachtler, der dort immer sitzt und leidet. Heute strahlt er. Er strahlt selig. „Jetzt könne die Ostern komme,“ ruft er uns zu. Ja jetzt kann Ostern kommen. Und um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ich habe vor, die kommenden Tage genau so zu verbringen, wie ich den gestrigen Abend beendet habe: Schwebend!


Kommentare:

  1. Ach ja Kerstin, so war es. Ungläubig waren wir auch, baff, einfach baff.
    Meine Sitznachbarin und ich scherzten auch anfangs, ob wir im richtigen Stadion sind. Zum einen hatten viele DK-Besitzer irgendwie Vertretungen geschickt, viele unbekannte Gesichter um uns rum. Dann zeigte der Videowürfel bei der Mannschaftsaufstellung erst keine Namen, dann die Ersatzbank der Gäste... Dann gingen wir auch noch in Führung... Sind wir hier richtig?
    Wegen Teber ging es wohl den meisten so. Oh nein, nicht gerade er. Was, wenn der nicht reingeht? Dann kann der gleich vom Feld, dem verzeiht das ja niemand... Meine Nachbarin hatte sich auch umgedreht ;-)

    Rosa glückselig wie Paul, ein Bekannter weiter unten schaut immer nach ihr, weil sie nach der Schalke Niederlage bitterlich weinte. Gestern natürlich wieder nur Freude, Fahne schwenken. "Ja, so will ich dich sehen, Mädsche!"

    Momentan macht es einfach nur Spaß. Und ich bleibe dabei: wir haben das verdient! Nach dieser gruseligen Vorsaison, nach der schweren Phase in der Mitte der Hinrunde. Jetzt werden wir belohnt. Jawoll! Danke Mannschaft, danke Trainer.

    Diese Momente kann uns ja keiner mehr nehmen, egal was noch kommen mag.

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
  2. Also, soweit es mich betrifft, liege ich wieder. Das allerdings schwebend. :-)

    Wie du, genieße ich einfach nur den Augenblick. Im Stadion oder wo auch immer. Solange es eben geht.

    Gruß vom Kid

    AntwortenLöschen
  3. Vielen Dank,Kerstin-für diesen emotionalen Rückblick-von Dir.
    War auch-mit einem Freund-bei diesem Spiel in der Ostkurve und die Stimmung war wahnsinnig schön.
    Auch ich,stand direkt-hinter dem Tor von Adler-als der Teber zum Elfmeter anlief und ja,auch ich drehte mich weg und dabei wollte ich noch mein neues Handy ausprobieren-wollte Aufnahmen machen-kam nicht dazu-so spannend war das Spiel.
    Als Caio dann noch dieses Hammertor zum 2:2 erzielte,wurde nur noch gesungen.
    Aber ich konnte auch sehen,dass Nikolov-heute in der zweiten Halbzeit zweimal sehr- sehr Glück hatte und er in 2.Situationen-sehr unsicher wirkte.
    Der Franz,der kanns-wie ich schon schrieb-wir haben jetzt noch einen Franzinio-Abwehrspieler und so ein schönes Tor-(Fallrückzieher).
    Bereue es nicht,nach langer Abstinenz wieder mal im Stadion gewesen zu sein und ganz ehrlich-es lenkte mich ab und ich hatte hinterher irgendwie ein schlechtes Gewissen,aber ich habe es mal gebraucht-90Min-*durchatmen-loslassen-und die Gedanken,einfach mal verdrängen.
    Ganz herzlichen Dank-für diese Zeilen,
    LG
    (B).

    AntwortenLöschen
  4. Schön geschrieben, liebe Kerstin :-) Auch ich schwebe immer noch selig grinsend durch die Gegend. Erst dieses Wahnsinnstor von Caio, dann von Maik ein Kabinettstückchen, das man ihm kaum zugetraut hätte - einfach toll. Es macht derzeit wirklich Spaß wie lange nicht, genießen wir's einfach.

    Liebe Grüße, Kine

    AntwortenLöschen
  5. Jawohl, wir haben das verdient. Ob wir och mehr davon aushalten können? Vielen Dank, liebe Nicole, dass du einige deiner Stadion-Erlebnisse hier ergänzt und festgehalten hast, schööööööööön, mei Mädsche :-) ... wg. Teber: Da hast du vollkommen recht - dem hätten "die" das nie verziehen, wenn er verschossen hätte. Das wär dann genau die umgekehrte Situation gewesen, wie damals gegen Rostock: Wenn schon verschossen, dann zum Glück von Caio - man stelle sich vor es wäre Meier gewesen...

    @Barbara: Hurra hurra - Freu mich, dass du jetzt doch nicht erst gegen Hertha (wie du's vorhattests), sondern schon am Samstag im Stadion warst und dieses besondere Spiel miterlebt hast. Nein, da brauchst du ganz bestimmt kein schlechtes Gewissen haben. Trau dich wieder froh zu sein - das nimmt ja niemandem etwas weg!! Und wg. verpasstem Handy-Foto macht auch nix: Leben ist besser als hinterher die Fotos vom Leben ankucken :-)

    @Kid: Oje... ich hoffe sehr, dass der Schwebezustand zumindest ein bisschen was von den Schmerzen weg nimmt ?!

    Danke fürs Lesen und Kommentieren - wenn wir jetzt schon baff sind - wie wird das dann erst am nächsten Freitag?? Vielleicht ja: Bum-Baff **gg

    AntwortenLöschen
  6. Fast zeitgleich :-) - Auch dir vielen Dank, liebe Kine, fürs Vorbeischauen - freut mich sehr! Ja, der Maik hat immer noch was in petto... Ein Fallrückzieher bei dem Spielstand. Unglaublich. Und jetzt grinsen wir uns einfach bis nach Europa... Darf gar net dran denken. Oder doch!

    AntwortenLöschen
  7. Logo! Und das ganz ohne Packungsbeilage und Nebenwirkungen. :-)

    AntwortenLöschen
  8. "Verweile doch"

    Liebe Kerstin, ich hoffe Du willst damit nicht andeuten, wir könnten einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sein. Obwohl, so unglaublich, wie die Spiele im Moment verlaufen...*g*

    Vielen Dank für die emotional zutreffende Beschreibung, wobei ich natürlich beim Elfer zusehen musste, ich kann da nicht anders.

    Bei Caios Schuss dachte ich nur: "was ein Depp, sinnfrei aus der Entfernung abzuziehen" der Depp war aber ganz offensichtlich meinereiner.

    Den Rest haben wir genau so wahrgenommen, wie Du.

    LG
    Uli

    AntwortenLöschen
  9. Ab jetzt kein Weglaufen, Tanne umkreisen, Umdrehen mehr. Keine Sekunde. Ab jetzt kuck ich nur noch mit offenen Augen und Ohren, damit ich auf keinen Fall auch nur eine Sekunde von diesem Wahnsinn verpasse. Mehr weiß ja net, was denen noch so alles einfällt. Magic, in der Tat. Und von wegen "Pakt mit dem Teufel" - Teufelsjungs **gg sind die, die da auf dem Platz stehen. Ach, was sag ich, Teufelsjungs? Schlimmer: Frankfurter Jungs, Frankfurter Jungs...wir sind alles... :-)

    Danke euch schön!

    AntwortenLöschen