Montag, 12. April 2010

Alles nach Plan?

Freitag nachmittag. Vor dem Spiel der Eintracht in Gladbach. Hoffnungs- und erwartungsfroh. Europawitzelnd. Von fern einige Stimmen, die mahnen und unken.

Freitag abend. Nach dem Spiel der Eintracht in Gladbach. Die, die geunkt haben, haben recht behalten. Das war gar nix. Sang- und klanglos. Saft- und kraftlos.

Samstag morgen. Wirr durchträumte Nacht. Duschen, anziehen, immer noch nicht richtig wach. Draußen ist die Welt. Suche mir hinterm Haus einen Klappstuhl und einen Sonnenfleck und sitze eine ganze Weile einfach nur so da. Wind weht. Wolken ziehen. Nein. Kein Grund hier einen auf fix und fertig zu machen. Ok – die Eintracht hat verloren gestern in Gladbach. Aber so what? Konnte ja nicht immer so weitergehen. Und was haben wir in den letzten Wochen für Spiele gesehen. Spannend, aberwitzig, durchgeknallt, alles war Glück und Hüpf und Träum. Und heute ist eben Nicht-mehr-Hüpf und nur noch ein bisschen Träum. Beobachte ein Rotschwänzchen, das ein paar Meter entfernt von mir mit dem Schnabel in der frisch geharkten Erde pickt. Es hüpft weiter. Na also, zumindest einer.

Sonntag nachmittag. Ich blättere in der Zeit und stoße auf ein Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht – einem renommierten Literaturwissenschaftler und bekennenden Fußball-Fan. Er spricht über Kreativität im Fußball, also über etwas, dass es – so findet er – eigentlich nicht mehr gibt. Warum ist das so? Folgt man Gumbrecht, liegt das an der immer weiter fortschreitenden Systematisierung des Fußballs, die sozusagen das Pendant zur Standardisierung im Wirtschaftsleben ist. Alles nach Plan, alles nach festgelegten Abläufen. Fußball, eigentlich eine spontane, „auf individuellem Niveau improvisierende“ Sportart wird heute „einstudiert“. One-Touch-Fußball ist das Ziel, je höher das technische Niveau, je ausgeglichener der Standard der Spieler einer Mannschaft, desto perfekter läuft der Ball durch die eigenen Reihen. Idealtypisch so lange bis ein Abwehrspieler falsch steht, sich eine Lücke auftut – und ein einzelner Spieler (sozusagen der systemimmanente Überraschungseffekt) diese Lücke nutzt und ein Tor erzielt. Die Kreativität, das Ausnahmekönnen des Einzelnen ist eingebunden in das System, sie wird benötigt, ja - aber nur, um die systematisch erarbeitete Lücke durch einen kreativen Moment auszunutzen. Die Folge: Fußball wird immer perfekter, aber auch immer schematischer, immer langweiliger und unkreativer. Aber es gibt Hoffnung. Wer sich einmal mit Systemtheorie beschäftigt hat, weiß: Geschlossene Systeme neigen dazu, ihre systemischen Fähigkeiten immer weiter zu treiben, so lange bis sie an einen dialektischen Wendepunkt geraten: Um sich weiter zu erhalten, müssen sie sich auflösen. „Energie für die nächste Revolution“ nennt das Gumbrecht. Der Fußball, so wie er jetzt ist, muss also vielleicht einfach immer nur perfekter werden, damit er sich traut, die Grenzen seines Systems aufzulösen.

Mmh. Klingt irgendwie zutreffend. Und bis dahin? Genießen wir die Momente des Glücks ungeplanter Siege und ...mmh... freuen uns (na ja: in einem höheren Sinn) daran, dass wir…mmh… ab und zu verlieren. Ungeplant.

Kommentare:

  1. Das mit der Systemtheorie ist so eine Sache - es besteht immer auch die Möglichkeit, dass das System einfach gesprochen implodiert oder der Einzelne das System als (feindliche) Umwelt wahrnimmt, und dann ist es Essig mit der Revolution. Revolutionsmäßig sollte man sich also auf das Dialektisch- doch- irgendwie-Gute nicht verlassen, sondern was tun - auch im Fußball. Es wäre schon viel gewonnen, wenn einige in der Zunft und bei den Fans den Mut hätten, dieses im Fußballalltag eher hohle Systemgequatsche in Frage zu stellen. In der Regel werden da eh nur Einfallslosigkeit, spielerische Defizite und die Angst vor dem Risiko kaschiert. Daraus entsteht aber kein System, sonder lediglich systematischer Zwang zur Einfallslosigkeit. Woanders heißt das Projekt, Akkreditierung, Zertifikat etc. Die Gesellschaft bekommt - mit einiger Verzögerung - eben auch den Fußball, den sie verdient. Ist aber alltagsdialektisch erst mal egal, wenn wir Hertha schlagen. Unverdrossen und systemoptimistisch: Sieg!

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  2. Aua. Statt "scheixxe gekickt" schreib ich künftig nur noch "nivelliert im Kreativitätsparadox". Sei versichert, dem Prof sei Begriff die klau ich mir ;-)

    Hab Dank fürs Tagebuch, einmal mehr!

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  3. Ja, nix mehr mit Hüpf erstmal. Wieder am Boden. Der Frühling ist ja auch wieder abgetaucht.

    Zu dem Systemspezialisten kann ich nicht viel sagen. Ich denke mal, dass das beim Fußball eh nie vollständig in Gänze abspulbar ist. Zu viele Spieler, zu viele unvorhersehbare Dinge, Gegner, die sich auf das irgendwann bekannte System einstellen und so weiter. Nein, da ist die Revolution, wie er das nennt, eh schon vorprogrammiert.

    Meinem Knie geht es besser, die Erkältung wird sich hoffentlich auch bald auskuriert haben und ich sammle neue Kräfte für Sonntag ;-). Rosa ist das eh schon wieder optimistisch. Obwohl sie als Nachwirkung vom Freitag ihre Stimme verloren hat *g*.

    Liebe Grüße
    Nicole

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  4. In den 90er Jahren habe ich ein Finale im Europacup der Landesmeister gesehen, das sich jeweils 20 bis 25 Meter von der Mittellinie abspielte. Damals dachte ich, das Ende wäre erreicht und der Fußball tot.

    Wenn man alte Bücher oder Zeitschriften liest, stellt man aber fest, dass der Tod des Fußballs ähnlich oft vorhergesagt wurde, wie der Untergang der Welt. Beides ist noch nicht eingetreten. :-)

    Catenaccio hier, foetball total dort. Für die einen ist der Rock'n Roll eine Revolution, für die anderen der Untergang der Musik gewesen.

    Am Ende geht es immer weiter. Irgendwie. :-)

    Danke und Gruß vom Kid

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  5. Alles nach Plan und doch planlos.
    so wie es ist-ist es gut so.*lächelt*
    LG
    (B).
    Es wird weitergehen-egal wie.

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  6. *g* Also: ich glaub ja – im Kern hat der Mann recht. Unterm Strich heißt das ja nix anderes wie: Weniger System = Mehr Fußball. Und statt "Energie zur Revolution" hätte Ernst Happel gesagt: „Geht’s raus und spielt's Fußball.“

    Weiter geht’s immer, nadierlisch. Hoffentlich mit Stimme. Und hoffentlich nicht paradox.

    Danke schön!

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