Sonntag, 21. März 2010

So ein Tag

Wenn ich in einigen Jahren an diesen unfasslichen Samstagnachmittag im Waldstadion denken werde, werden mir viele Dinge einfallen: Zum Beispiel diese großartige, wunderbare, wahnsinnige Mannschaft, die fast 90 Minuten gegen einen frühen Rückstand angekämpft und angespielt hat und sich auch von einer und noch einer und auch von der nächsten vergebenen Chance nicht hat entmutigen lassen. An die überraschende Aufstellung werde ich denken und an die bärenstarke Leistung, die Sebastian Jung und Marcel Heller auf der rechten Seite geboten haben. An Chris. An Christoph Spycher, der den ach-so-gefährlichen-Arjen-Robben weitgehend abgemeldet hatte und dem im Notfall Marco Russ und Benny Köhler zur Hilfe geeilt sind. An diese aberwitzigen letzten 20 Minuten des Spiels – als es fast schon so aussah als würde das Ding am Ende doch genau so ausgehen wie Spiele der Bayern am Ende immer ausgehen und als Oka Nikolov ein Tor verhinderte, das eigentlich nicht zu verhindern war. Und die mutigen Auswechslungen unseres Trainers werden mir einfallen, der in den letzten 15 Spielminuten alles auf Sturm setzte und nacheinander Martin Fenin, Ümit Korkmaz und Juhvel Tsoumou brachte. Martin Fenin und Juhvel Tsoumou. Martin Fenin und Juhvel Tsoumou.

Vor allem aber werde ich mich an die Menschen erinnern, mit denen gemeinsam ich im Stadion dieses Spiel, diesen Tag erlebt habe. Das Stadion, das bebt und wackelt und wie ein Mann hinter den Jungs auf dem Platz steht, mit ihnen kämpft und leidet. Dieser unfassliche, unbändige, überbordende Jubel in dem Moment, in dem Alaba den Ball viel zu lässig auf Butt zurückspielt und Juhvel, Juhvel Tsoumou angespritzt kommt und den Ball ins Tor drückt. Ich schreie, schreie, schreie – und alle um mich her tun das selbe. Entfesselt. Abgehoben. Fassungslos. Wir hüpfen. Reißen die Arme in die Luft, können gar nicht mehr aufhören zu jubeln. Das Gefühl, dass das Spiel gelaufen ist. Jetzt haben wir ihn, den Punkt. Nur noch zwei Minuten, jetzt kann nichts mehr passieren. Und dann passiert doch noch was. Martin Fenin, ja, Martin Fenin hat den Ball, lässt Alaba aussteigen, legt sich den Ball nach rechts, treibt fast bis zur Torauslinie und zieht einfach ab – zimmert den Ball ins lange Eck. Und der ist drin, der Ball ist tatsächlich drin und auf einmal ist nichts mehr wie es war. Das ganze Stadion einfach nur noch ein seliger Haufen von vollkommen Durchgeknallten. Schreien. Lachen. Weit aufgerissene Augen. Mützen, Schals, Kappen, die fliegen. Ich klettere auf meinen Sitz, umarme, wen ich greifen kann. Trauben von Menschen. Hüpfen. Hilfloses Schreien. Lachen. Drücke mein Gesicht in eine mir unbekannte Lederjacke. Jemand greift von hinten nach mir, zieht mich zu sich, schreit. Der kleine Paul, der immer mit seinem Papa da ist, steht mit seiner Eintrachtjacke ganz klein und verklärt und fast ergriffen inmitten all der hüpfenden, schreienden, durchgeknallten Eintrachtler. Ich packe ihn, hebe ihn hoch, drücke ihn. Tor. Tor. Tor. Wir haben gewonnen. Tatsächlich. Wir haben gewonnen.

Und dann ist Schluss, wirklich Schluss. Abpfiff und wir lehnen an der Bande. Die Kurve, die Gegengerade. Keiner will sich trennen, keiner will gehen - na ja, die Bayern, die reichlich bedrippelt und fast ein wenig doof in ihrer Kurve stehen, die vielleicht schon. Von hinten, vorne, von der Seite, Menschen, die nach vorne drängen. Dem Spielfeld, der Mannschaft nah sein wollen. Wir schreien. Strahlen uns an. Aufgelöste, glückliche Gesichter. Haarwirbelweh. Verrutschte Jacken. Wir drücken uns. Lachen. Lachen. Lachen. Können gar nicht mehr aufhören zu lachen. Die Mannschaft, die irgendwann in der Kabine verschwindet. Und das halbleere Stadion, in dem die West noch einmal „Eintracht Frankfurt“ intoniert. „Eintracht Frankfurt“ antworten wir von der Gegengerade. „Eintracht Frankfurt“ von der West und wir, die Gegengerade noch einmal als Echo: „Eintracht Frankfurt“. Das war der Moment, in dem ich gedacht habe, dass ich es nicht aushalte, das Glück des Augenblicks, und vielleicht jetzt und hier und gerade in diesem Moment verrückt werde.

Dann leert sich das Stadion doch allmählich und auch wir gehen die Stufen der Treppe hinauf. Langsam, ganz langsam. Ich bleibe stehen, schaue noch einmal zurück ins Stadionrund und stapfe dann die Treppe nach oben. Da steht ein mittelalter Mann, im Eintracht-Trikot. Sieht mir entgegen. Reißt die Arme nach oben. Wir lachen uns an. Ich hab den Mann noch nie gesehen. Aber als ich oben bin, fallen wir uns einfach um den Hals, drücken uns, drücken uns so fest, als wollten wir die Welt aus den Angeln heben. „Endlich“, sagt er an meinem Ohr, „Endlich. Da is sie wieder, unsere Eintracht.“

Vor der Rückfahrt wollen wir noch eine Bratwurst essen, aber es dauert eine Weile bis wir am Bratwurststand ankommen. Umarmungen. Zurufe. Gesänge. Freudenschreie. Wir bleiben stehen, einer fängt an, alle stimmen ein „Schwarz weiß wie Schnee“ singen wir, singen alle. Hinter der Haupttribüne. Vor dem Hauptausgang. Rufen, lachen. Auch im Zelt am Fantreff Black & White wird gesungen. „O wie ist das schön“ schallt es uns entgegen. Und alle, die draußen vorbei laufen singen ganz laut mit. Wir auch.

So also war es an diesem unfassbaren, wundervollen Samstagnachmittag im Waldstadion. Dem Tag, an dem wir in den letzten beiden Spielminuten das Spiel gegen die Bayern gedreht und mit 2:1 gewonnen haben. So ungefähr jedenfalls. Oder vielleicht war es auch einfach so:

Danke, liebe Eintracht!

Kommentare:

  1. Sehr schöne Nachbetrachtung des Spieles und der Stimmung-am Samstag-im Stadion.
    Ja,dass habe ich auch schon alles erlebt.
    Wildfremde Menschen-Fans-liegen sich in den Armen,es wird gedrückt-geherzt-gesungen-geweint und gelacht.
    Einfach nur den Gefühlen freien Lauf lassen-*Emotion pur*.
    Ja,Stadionluft und Atmoshäre(live)hatte ich zum letzten Mal im Pokalspiel gegen Aachen.
    War ein wunderschöner-melancolischer Abend-der mit einem furios beginnenden Spiel unserer Jungs begann.
    Werde diese Saison-gegen Hertha noch mal Live-vorort sein und ab nächste Saison-wieder mehr Spiele-live verfolgen.
    Habe mich so für dich gefreut und gelächelt,als ich daran dachte-warum ich auf einen 2:1 Sieg für die Jungs tippte.
    Auf sky-habe ich einige bekannte Gesichter gesehen,wie sie sich nach dem 2:1 unserer Jungs
    umarmt und gefreut haben.
    War glaube ich ein schöner Moment-für die Fans-die im Stadion waren und so soll es sein.
    Deine Nachlese-war und ist ein wunderbarer Wachmacher gewesen und ich bedanke mich sehr herzlich-für diesen-emotionalen Gefühlsausbruch.
    Hab eine schöne Woche.
    LG
    (B).

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  2. Ja, da isse wieder, die Eintracht. Die Diva. Endlich.

    Danke und Gruß vom Kid

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  3. Wir waren ausnahmsweise einmal auf der Haupttribüne. Die Menschen haben geweint. Tränen der Freude wegen einer Leistung der Eintracht. Das hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Grossartig. Gut dass dies beschrieben und festgehalten wird. Danke dafür.

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  4. Gänsehaut pur!
    Schöner Text =)
    SGE!

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  5. Da hast Du Dich mal wieder selbst übertroffen. Ganz toll ge- und beschrieben. Das ist beim Lesen Gänsehaut pur.

    Danke
    Uli

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  6. Sehr schöner Bericht über ein außergewöhnliches Spiel; und dazu noch knapp gehalten. ;-)
    Ich habe mich zu Hause riesig gefreut, meine Frau hat mich für verrückt erklärt. Wie gerne wäre ich im Waldstadion gewesen!
    Ich kriege das Grinsen immer noch nicht aus dem Gesicht.

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  7. Aha, liebe Kerstin, das ist jetzt dein Bericht. Wunderbar, so war das, auch im Block 42E. Was habe ich geschrien: wir gewinnen, wir gewinnen. Unfassbar! Nach dem Unentschieden war doch schon alles gut gewesen und dann Tor von Martin Fenin noch obendrauf.

    Die Frau vom ollen Meckerer hinter mir und ich, wir lagen uns 3 x in den Armen, nach jedem Tor und nach dem Abpfiff. Schon zur Halbzeit haben wir zum ersten Mal in all den Jahren (man stelle sich das mal vor...) nett miteinander geplaudert, voll einer Meinung.

    Die Leute vor mir und neben mir umarmt. Beinahe hätte ich Rosa auf's Feld geworfen vor lauter Freude. Ein unvergesslicher Sieg, der mich auch heute noch strahlen lässt.

    Unsere Eintracht!

    Danke Kerstin, ich habe immer noch Gänsehaut nach der Lektüre deines Berichts, mir kamen richtig die Tränen.

    Liebe Grüße

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  8. Kerstin das ist sooooo schön geschrieben,mit viel Herzblut,Danke Dir,habe Tränen in den Augen.

    LG Dieter

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  9. Genau so wars! Und das überall, in jedem Block:) Sehr sehr schön:)

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  10. Boah…*staun*… Bin vollkommen baff, auf wie viel Resonanz mein Bericht zum Siiiiiiiiiieg gegen die Bayern gestoßen ist.

    Ganz herzlichen Dank an Grabi 65, der den Text ins Eintracht-Forum verlinkt hat, und an alle anderen, die andernorts auf ihn hingewiesen haben. Ich wollte erst gar nix schreiben, sondern (ähem…leicht angeschlagen wie – wohl nicht nicht nur ich- war) einfach weiter vor mich grinsen, aber dann musste es doch irgendwie raus - und deshalb freu ich mich um so mehr, dass ich die Stimmung zumindest irgendwie einfangen konnte und dass wir alle tatsächlich tatsächlich tatsächlich das gleiche erlebt haben. Es war einfach nur genial.

    Danke schön fürs Lesen, fürs Vorbeischauen, für das Ergänzen eurer eigenen Erlebnis-Schnipsel :-) und für das überaus nette Feedback – freu mich sehr! Eintracht!

    PS @ c-Willi: Du bekommst von mir Pudding auf Lebenszeit. Freu mich, dass du bald wieder öfter im Stadion dabei sein willst!

    PS @Nicole: Rosa aufs Feld werfen? **gnihihihi** Das arme Kind…,-)

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  11. Als mich meine Frau nach der sonst eher -unüblich-verspäteteten Stadion Rückkehr fragte: " Na wie war Euer Sieg heute ?" hätte ich ihr geren genau das Wort für Wort so erzählt. A) fehlten mir immer noch die Worte und B) hatte ich keine Stimme nehr vlom vielen Singen und jubeln....Ich werde es Ihr heute noch zum lesen geben und villeicht versteht Sie warum ich seit ca 30Jahren (start 1979 :ürigens ein furioses 6:0 gegen den MSV) mit Herz und Seele zu "meiner" Eintracht gehe.......Danke, es war schön dabei gewesen zu sein und zu lesen, dass es anderen genauso ging!
    VG Attila

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  12. Wer den Bericht so emotional rüberbringt(aufs Papier)-der hat sich den Zuspruch auch verdient,*lächelt*
    Pudding esse ich bis Freitag noch-für einen Sieg-in Bochum.
    An Attila-unvorhergesehene Ereignisse -erforden besondere Massnahmen und da du keine Stimme mehr hattest-hast Du bestimmt ordentlich gefeiert und ich glaube,dass deine Frau-diese Situation verstehen wird.
    *Eintracht 2-Bayern-nuuuuuuuulllllllll.*Lächelt.

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  13. Vielen Dank, lieber Attila, für das nette Feedback. Jajaja - Es war wunderbar, dabei gewesen zu sein und es ist wunderbar, dass wir das alle miteinander teilen - deine, meine, unsere Eintracht. Back again :-)

    Uuuuuund - was sagt deine Frau jetzt?

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  14. PS @ Barbara: Au ja mach das: Iss, so viel du kannst - und setz dich dabei in die Sonne :-)

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  15. Was für ein grandioser Tag, was für ein grandioser Bericht. Yep, die Diva ist zurück & einmal mehr liege ich ihr zu Füssen & kann nicht anders. Danke für den tollen Bericht, danke für den tollen Abschluß, Kerstin. Großes Kino, ganz großes Kino!

    Viele Grüße & Auswärtssieg,
    Fritsch.

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