Sonntag, 15. November 2009

Schutz suchen

Die Woche, in der Robert Enke sich das Leben genommen hat, wird mir in Erinnerung bleiben als eine Woche, die in unterschiedlichen Grautönen verschwimmt. Das Grau bildet einen verlässlichen, ruhigen Hintergrund für eine wirre Abfolge von Bildern und Geschichten. Ich bin per Auto unterwegs zu einem Geschäftstermin in Frankfurt - der Himmel ist blassgrau, eine bleiche Sonne steht hinter dünnen Wolken. Ich fahre zurück – der Himmel ist schwarz verhangen, die bunten Blätter der vorbeirasenden Bäume leuchten im Dunkel. Mit dem Auto unterwegs zu einem Termin in Frankfurt Höchst – der Himmel ist fahl, die Schweinwerfer spiegeln sich in der nass glänzenden Straße. Wo immer ich an- und hinkomme in dieser Woche, treffe ich merkwürdigerweise auf Menschen, Maschinen und Maßgaben, deren Aufgabe darin besteht, unsere Welt sicherer zu machen. Sicherheitsschleusen. Zugangsberechtigungen. Sicherheitsbeamte. Ein vor dem Betreten des Unternehmensgeländes zu absolvierender Sicherheitstest. Ein Fahrstuhl mit Sicherheitscode. Hier wird der Pass kontrolliert, dort für die Dauer des Besuchs einbehalten. Hier werden meine Kontaktdaten überprüft, dort mein Kofferraum. Rauchen ist verboten. Fotografieren auch. Handys bitte ausschalten. „Zu Ihrem Schutz, zu Ihrer Sicherheit“.

Zu Hause. An- und Innehalten. Ich bin hungrig. Vor mir auf dem Tisch dampft das Abendessen. Mein Blick fällt durch die Fensterscheibe in den nachtdunklen Garten. Schemenhaft erkenne ich im Grau die schwarzen Silhouetten der Bäume. Blätter wirbeln. Die Müdigkeit des Tages mischt sich mit den Bildern im Fernsehen. Der erste unmittelbare Schock. Hilflosigkeit. Die Menschen, die sich vor dem Stadion von Hannover 96 versammeln, Lichter und Kerzen anzünden und einen Ort, einen gemeinsamen Raum für ihre Gefühle suchen. Sicherheit im Zusammenhalt. „Halt das Himmelstor sauber.“ Durcheinander wirbelnde Gefühle und Gedanken. Bilder, die sich übereinander schieben und nicht zueinander passen. Das Gefühl hinschauen, aber auch kein Voyeur sein zu wollen.

Der Morgen. Grau, fast durchsichtig der Himmel. Das Eichhörnchen, das auf den dünnen, kahlen Zweigen des Nussbaumes balanciert. Telefon. Ein Konzeptpapier. Rechnungen. Ein Blick ins Eintracht-Forum. Vereinzelte Diskussionen. Gebabbel-Threads. Auch ich bemühe mich, dem Alltag Raum und der Normalität ihr Recht zu geben. Alles „as usual“. Kein falsches Pathos. Teresa Enke. Eine zierliche, schwarz gekleidete Person, die Schutz in der Öffentlichkeit sucht und uns mit zittriger Stimme eine ganz persönliche Geschichte erzählt, die wir für einen Moment mit ihr teilen. Nasse Fahnen, die traurig auf Halbmast hängen. Der weinende alte Mann mit 96-Schal im Trauerzug, dessen Worte in Tränen ersticken: „Alles vorbei.“ Endgültigkeit. Die aufblitzende, öffentlich greifbare Erkenntnis: Irgendetwas ist falsch in unserem Leben. Grundsätzlich falsch. Die Kraft des Augenblicks. Und genau in dem Moment in dem wir das begreifen, ist der Moment des Ergreifens schon wieder vorbei. Das ehrliche Mitgefühl kippt in den Überschwang. Emphase des Mitleidens. Es ist etwas geschehen – ab jetzt wird es vor allem auch "statt finden". Die Öffentlichkeit schlägt zurück.

Hätte alles anders kommen können, wenn Robert Enke früher den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hätte? Spätestens als wir gestern davon gelesen haben, dass heute, am Sonntag, fünf TV-Anstalten die Trauerfeier übertragen, der Sarg am Mittelkreis aufgebahrt wird, ahnen wir: Nein. Das wäre es wahrscheinlich nicht. Was bleibt, ist eine tragische, eine ganz persönliche Lebensgeschichte, die dann, als es zu spät war, den Nerv eines kollektiven Unbehagens getroffen hat und in der größten öffentlichen Trauerfeier mündet, die seit dem Tod Konrad Adenauers in Deutschland stattgefunden hat. Wir trauern um Robert Enke, wir trauern mit seiner Frau und seiner Familie und seinen Freunden. Und in den tiefsten Momenten eines ehrlichen Mitgefühls haben wir in dieser Woche vielleicht irgendwie auch um diese Welt getrauert. Und um uns selbst. Es könnte sein, dass wir Grund dazu haben.

PS: Ich habe keinen Moment auch nur in Erwägung gezogen, die Trauerfeier im Fernsehen zu verfolgen. Wie ich lese, war sie würdevoll und bewegend und hat vielen Menschen etwas gegeben. Ich hoffe, dass sie vor allem den direkt Beteiligten geholfen hat, mit dem Geschehen umzugehen. Vielleicht erwächst daraus Kraft für das Leben danach. Vielleicht.

PPS: War es im Vorfeld der Trauerfeierlichkeiten wirklich notwendig zu betonen, dass die Stadt Hannover und der Verein sich einvernehmlich darüber verständigt hätten, dass im und ums Stadion herum kein Alkohol ausgeschenkt wird? Was ist schlimmer: Die Vorstellung, jemand käme auf den Gedanken bei einer Trauerfeier Bier- und Bratwurststände zu erwarten – oder die Unterstellung, es könnte so sein?

Kommentare:

  1. Liebe rotundschwarz,

    unabhängig davon, dass ich nur temporär hier schreiben kann, Du sprichst ein Thema an, was mich, wie selten gespalten hat.

    es war Abend, als plötzlich der Graue Adler anrief und nur die 3 worte sagte:"Enke ist tod".

    Wie immer wenn ich mit unangenehemn Nachrichten konfrontiert werde, versuchte ich
    mich ins "witzeln zu retten".

    "Na der wir sich wegen Kind´s abgelehnten Antrag auf Abschaffung der 50+1 Rege umgebracht haben. Komisch, da wußte ich noch gar nichts von einem Suizid (ich hasse den Ausdruck, da kranke Menschen gar nicht in der Lage sind eigenbestimmt zu handeln).

    Gut, oder besser gesagt schlecht, ich kann nicht gut mit negativen Nachrichten umgehen.

    Heinz schrieb drüben im Blog-G bei einem Eintracht-Spieler mit gleichem (oder sogar selben) Schicksal, wäre er auch hingegangen.

    Ich nicht, ich mag das nicht.

    Aber was mich eigentlich umtreibt: ist das eigentlich noch normal, was rund um Enke passiert?

    Ich weiß es nicht, ich persönlich empfinde es als eher peinlich. Keine Ahnung, warum Enkes Tod bei mir eine dermaßen emotionale Reaktion herbeiführte, es war aber so.

    Nur fast schäme ich mich, dass den ca. 12 Menschen, die sich seitdem das Leben genommen, den ca. 20 Verkehrsunfalltoten seit dem, den ca. 25 Unfalltoten, von den verstorbenen Kranken ganz zu schweigen kein aber auch wirklich gar kein Platz zur normalen Anteilnahme bleibt.

    Vielleicht verstehe ich Vieles falsch oder gar nicht aber abseits der Betroffenheit, frage ich mich, ob solche Menschen nicht die selbe(!) Trauer verdient hätten:

    http://www.sport1.de/de/fussball/newspage_174808.html

    Oder ist der öffentliche Mensch der bessere? Wichtigere?

    Nur eins, was mich in der öffentlichen wahrnehmung stört. Standardsatz ist, dass Enke an der öffentlichen Intoleranz (bei Depression) gescheitert wäre.

    Das halte ich für sehr kurz gesprungen, denn ist das so? Weiß ich nicht. Enke hat es doch gar nicht versucht, so ich die Äußerungen richtig verstanden habe.

    Wer ist denn über Deisler hergefallen? in der Presse habe ich überwiegend Respekt zu dessen Schritt wahrgenommen, hätte diesen Enke nicht vielleict auch bekommen?

    Ach rotundschwarz, Du hälst mir den Spiegel vor. Fragen über Fragen aber nur wenige Antworten.

    Ich komme ins Schwafeln, lass uns mal bei einem Schoppe drüber schwätze, im Moment sind soviel widerstreitende Gedanken in mir, dass ich fürchte, wirres Zeug geschrieben zu haben.

    LG
    Uli

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  2. Lieber Uli-Ieschel,
    erstmal vielen Dank für deinen sehr persönlichen Kommentar. Ja, so ähnlich wie dir ging/geht es mir auch. Auch ich wurde von einem Mit-Adler angerufen, und hab den Anruf erstmal für einen blöden Witz gehalten. Das war so unfassbar, so unwirklich – ist es auch jetzteigentlich noch. Ich, jeder mit dem ich gesprochen habe, war geschockt und aufgewühlt. Da schien mir das alles noch etwas Individuelles. Und dann dieser unfassliche, öffentliche Widerhall. Diese Welle an Gefühlen und Trauermärschen, Kondolenzlisten. Ich denke: Es wäre zu einfach, wenn man das jetzt als Medienhype abtun würde. Das war (sicher nicht bei allen, aber bei den allermeisten) echt. Der Tod von Robert Enke hat offensichtlich in den Menschen etwas angerührt, was weit über diese traurige Geschichte, über den einzelnen Menschen und seine Familie hinausgeht. Irgendein unbestimmtes Gefühl, dass vieles falsch und elend und hohl und garstig ist in dieser Welt und das in diesem Einzelschicksal offenbar wird und uns irgendwo ganz im Innern berührt. Wie oben schon geschrieben – ich glaube wirklich: Wir haben um Robert Enke, aber auch um die Welt, in der wir leben, und um uns selbst, um den Verlust unserer Träume, getrauert. Warum genau dieses Ereignis, genau dieser Mensch zum Auslöser wurde? Ich weiß es nicht. Einer meiner jungen Mit-Adler hat in diesen Tagen zu mir gesagt: „Das mag jetzt vielleicht naiv klingen – aber irgendwie hab ich erst jetzt begriffen, dass der Fußball auch zur Welt gehört.“ Vielleicht ist/war es das?

    Wg. „Was würde ich tun, wenn ein Eintrachtler…“ , die Frage hab ich mir in dieser Woche auch gestellt. Vielleicht würde ich an einer öffentlichen Trauerfeier teilnehmen – auch um irgendwo in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, und aus dem Gefühl heraus, etwas zurückgeben zu wollen. Vielleicht auch – und das spielt bei den Ereignissen der letzten Tage sicher auch eine Rolle – weil ich nicht stark genug wäre, einem öffentlichen Druck zu widerstehen – nicht nur allein traurig und elend sein wollte, sondern auch allen zeigen, wie traurig man ist, wie sehr man 96er, Eintrachtler, leidender Mensch ist. Ganz sicher bin ich mir allerdings, dass ich an keiner Trauerfeier im Stadion teilnehmen würde, bei der der Sarg am Mittelkreis aufgebahrt wäre. Auch wenn die Feier, wie alle berichten, würdevoll und anrührend war - da ist von Ansatz her etwas schief, da ist etwas falsch. Du sagt peinlich, mein erster Gedanke als ich es las, war: Obszön. Es gibt nichts endgültigeres, nichts intimeres, nichts einsameres als den Abschied von einem geliebten Menschen. Wiewohl alle im Stadion trauerten, unglücklich waren, Anteil nahmen, wiewohl es ja auch der Wunsch von Teresa Enke war – die Situation bleibt trotzdem so, dass das 30.000 Menschen durch dieses „Setting“ vor allem Zuschauer sind und von den Rängen herunterkucken auf eine Frau, die verzweifelt um Fassung ringt, auf weinende Eltern. Eine Art Besitzergreifen, Festhalten, von etwas, das einem nicht einmal zu Lebzeiten gehört hat. Viele Menschen, die im Stadion oder am Fernsehen dabei waren, sagen, dass Ihnen die Feier etwas gegeben hat. Das hat, denke ich, auch etwas damit zu tun, dass jeder für sich einen Weg gesucht hat, die Ereignisse dieser Woche zu verarbeiten, „abzuschließen“., Loyalität zum Ausdruck bringen wollten. Trotzdem…ach, ich weiß auch nicht.

    …sorry, auch noch mal gebrabbelt und offensichtlich doch auch noch nicht „abgeschlossen“. Ja, lass uns mal was zusammen trinken. Und wenn du dich öfter auch mal hier zu Wort meldest – da würde ich mich sehr darüber freuen.

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  3. Nachtrag: Auch ich bin mir ziemlich sicher, dass es Enkes Ruf oder Reputation als fußballer oder wie man es auch nennen mag, nicht geschadet hätte, wenn er seine Angst öffentlich gemacht hätte. Aber ich frage mich, ob das „Öffentlich machen“ überhaupt immer die richtige Lösung ist? Auch wenn er auf Verständnis getroffen wäre – die Normalität, die Selbstverständlichkeit des äußeren Rahmens, der Alltag, die täglichen Abläufe, die wären in jedem Fall weg gewesen – und damit auch die Möglichkeit, sich einfach wieder einzuklinken, Ängste vielleicht auch dadurch zu überwinden, weil man sich darauf verlassen kann, dass es das „Äußere“ weiterhin gibt.

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  4. Fragmente eines in die Welt Geworfenen:

    Mich hat der Tod von Robert Enke erschüttert, noch bevor das unumgängliche und wohl unvermeidbare Pathos der Öffentlichkeit meinen Verstand demoliert hat.

    "Die aufblitzende, öffentlich greifbare Erkenntnis: Irgendetwas ist falsch in unserem Leben. Grundsätzlich falsch." Es ist so wahr.

    Ohne Verstand weile ich.

    An- und Innehalten.

    Realitätsprinzip.

    Lösungen.

    Trauer.

    Arbeit.

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  5. Lieber UK,

    möglicherweise ist genau das ein Kennzeichen unserer Zeit, dass Dinge und Ereignisse nicht mehr Fragment sein dürfen = als Einzelnes wahr genommen und "ausgehalten" werden können. Alles wird sofort eingemeindet, bedeutet etwas, wird erklärt, vereinnahmt, besprechbar, ist Ausdruck von oder für etwas. Als sei das, was (noch) Einzeln ist, irgendwie bedrohlich. Erst dadurch, dass es seine Teilhabe an einem Allgemeinen offenbart, gewinnt es Bedeutung. Vielleicht wäre es viel wichtiger und "sinn-stiftender", die Lücke, die Differenz zu erkennen und stehen zu lassen.

    ...oops... oder ist das jetzt alles doch ein bisschen zuuuu philosophisch-verschwiemelt?

    Jedenfalls danke ich dir sehr fürs Mit-Teilen :-)

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  6. Hallo Kerstin,
    habe mir die Trauerfeier angesehen,ein Vater-unser mitgebetet und ich habe geweint.
    War eine sehr emotionale,aber trotzdem einfache Trauerfeier.
    Sicher würde ich auch nicht ins Stadion gehen,sollte dass mal bei einem Adler passieren,dass fand ich schon bemerkenswert und ich finde,Frau Enke,hat nicht nur da sondern am Tag nach dem Selbstmord,sich als sehr starke Frau,präsentiert.
    Es war bestimmt nicht im Sinne von Robert Enke,dass so ein Hype gemacht wird,aber Frau Enke selbst,ist von diesem ganzen Hype überrollt worden,dass es garnicht mehr anders ging,den Fans die Möglichkeit zu geben,sich von ihrem Idol zu verabschieden und dass rechne ich ihr hoch an und zeigt wie stark sie ist und über Jahre war und sie hat meinen vollen Respekt,dafür.
    Ich hoffe,dass Robert Enke,dass jetzt findet und dort findet,wo auch immer er ist,was er hier so vermisst und gesucht hat und auch seine kleine Familie,nicht geben konnte und der Fussball auch nicht.
    Meine Sichtweise und ,ja,bin immer noch traurig über einen so sinnlosen Tod!!!
    LG
    B.

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