Donnerstag, 24. Dezember 2020

Zuguterletzt: Corona-Schnipsel 2020

Jetzt hat es also doch nicht geklappt, den Blog auch während Corona regelmäßig zu befüllen, und der Blogfaden ist gerissen. Aber wenigstens vor Weihnachten gibt es noch einmal ein Lebenszeichen und ein paar Momentaufnahmen und Gedanken. Lesewarnung: Hier geht es nur am Rande um Fußball und um die Eintracht.

Ich laufe, laufe, laufe durch Weinberge, bei Wind und Wetter, im Sommer unter blauem Himmel mit immer wieder neuen, aberwitzigen Wolkenformationen, im Herbst durch Weinberge im Farbrausch und jetzt durch Matsch und kahle Äcker. Nachmittags, abends, gerne auch mal nachts. Oft am Rhein, noch häufiger irgendwo im Hinterland. Da, wo ich, wo wir laufen, ist die Welt leer und weit, und ab und zu begegnen mir Menschen. Im Sommer und bei schönem Wetter mehr, derzeit eher weniger. Manchmal wechseln wir ein paar Worte, meistens nicht. Einige dieser Menschen treffe ich immer wieder, ohne Corona wären wir uns vermutlich nie begegnet. Zum Beispiel die ältere Dame mit ihrem kleinen weißen Hund, der Bitzi heißt. Bitzi ist schon 17, aber noch recht munter, zuhause bei Bitzi gibt es auch noch eine Katze, die ebenfalls schon sehr betagt ist. Die alte Dame war früher Lehrerin für Sport und Englisch, ist lebhaft, freundlich und sanft,  und ich habe sie in mein Herz geschlossen. Da ist der mittelalte Mann mit seinem Mops, mit dem ich lange Zeit kaum ein Wort gewechselt habe. Jetzt weiß ich, dass er früher Flugbegleiter war, herzkrank ist und sich während Corona mit seinem Partner selbstständig gemacht hat, mit einer Schneiderei für Fastnachtsuniformen. So was. Und da sind die drei Jungs, die für mich fast so was wie ein Symbolbild in diesen Corona-Monaten geworden sind. Sie sind vielleicht 15 oder 16 Jahre alt. Im Sommer haben sie sich ein kleines Lager am Rande eines Weinberges gebaut, saßen da, blödelten, rauchten. Jetzt sitzen sie im Nebel und bei Nieselregen auf einem Bänkchen. Manchmal haben sie eine Pizza dabei. Oder etwas zu trinken. Oder sie rauchen. Und wenn jemand vorbeikommt, grüßen sie betont höflich und aufmerksam. „Hallo“, „Guten Tag“… ich vermute, sie befürchten, dass jemand sonst auf den Gedanken kommen könnte sie zusammenzustauchen oder der örtlichen Corona-Polizei zu übergeben.

Zu einem weiteren Fixpunkt in diesem Jahr ist für mich das Radio geworden, gerne auch als Internetradio. Das Beethoven-Jahr habe ich auf diese Weise sehr intensiv erlebt – Kammerkonzerte, alle Symphonien, Lieder – und ich habe viele mir bis dato unbekannte Komponisten entdeckt – Poulenc zum Beispiel. Oder Larsson. Bei einem der in diesem Jahr raren und kostbaren Theatermomente habe ich mich in einen englischen Komponisten verliebt, von dem ich vorher noch nie gehört hatte – vermutlich auch deshalb, weil ich mit moderner klassischer Musik bisher nicht so richtig viel anfangen konnte. Richard Ayres heißt der Mann, der mit seinen so genannten „NONcerti“ Geschichten erzählt. In  The Garden No. 50 zum Beispiel mit einem Mix aus Shakespeare, Dante und eigenen Texten und einem furiosen musikalischen Mix, in dem sich ein Mensch immer tiefer in seinen Garten vergräbt und dabei verschiedenen Erdbewohnern begegnet – einem Wurm, einem Basilisken, einem toten Soldaten, Figuren aus Dantes Inferno und (sic!) einem Wangee. Das ist witzig, zauberhaft, ironisch, klug und berührend.

Das Radio führt mich zum Fußball und zur Eintracht. Denn im Moment ist Fußball für mich eher hören als sehen. Die Spieltagskonferenz im Radio ist für mich, wie früher, wieder zu einer festen Größe geworden. Wenn ich – selten genug – Spiele auch anschaue, habe ich den Eindruck, dass ich 11 bzw. 22 Männern dabei zuschaue, wie sie ihrem Job professionell und ernsthaft nachgehen, mal mit mehr, mal mit weniger Spaß.  Der Spielaufbau, die Aktionen einzelner Spieler, scheinen mir klarer und strukturierter als normalerweise. Das ist dann wohl der vielzitierte Matchplan, der jetzt quasi aseptisch unter Laborbedingungen umgesetzt wird: Analysieren,  neue Varianten einüben, Strategien umsetzen – ganz ohne äußere Störfaktoren. Ähnlichkeiten mit der Virologie sind zufällig (aber sozialwissenschaftlich vielleicht eine Überlegung wert). Es ist als sei der Fußball von allem entkleidet, das ihn ausmacht. Er wird sachlich abgearbeitet, ernsthaft und intensiv. Die Spieler gehen ihrem Tagwerk nach und wir sehen ihnen dabei zu. Auch der Diskurs über Fußball hat sich, finde ich, weiter verselbstständigt. Fast befremdet höre ich ab und zu in die Vor- und Nachberichterstattung der Eintracht-Spiele im Podcast 2000 hinein, der - allen voran Basti Red - eine neue, fast schon artifizielle Form authentischer Fanberichterstattung präsentiert.  Da platzen Kragen, schwellen Adern, da wird hochemotional mitgezittert und gemeckert, da gibt es nach einem Unentschieden Wutausbrüche und aufgeregte, detaillierte Spieler- und Trainerkritik – das alles ist mir im Moment höchst fremd.

Theater, Kunst, Bücher, Bilder waren für mich immer sehr wichtig und haben in diesem Jahr einen noch viel größeren Stellenwert erhalten. Kunst ist Raum, Kunst öffnet Räume und ich merke, das mir – fast noch mehr als Treffen mit Freunden und lieben Menschen -  genau das besonders fehlt: Räume, in denen sich Menschen miteinander aufhalten und gemeinsam Dinge miteinander erleben, essen, trinken, reden, sich zunicken, frei bewegen, lachen, Geräusche machen unterschiedliche Dinge denken und fühlen, aber trotzdem einen gemeinsamen Ressonanzraum finden. Räume, an denen man teilhaben und aus denen man sich zurückziehen kann, wenn einem danach ist. Das geht natürlich nur dann, wenn es diese Räume gibt. Auch Fußballstadien sind Räume. Oder können es irgendwann vielleicht wieder sein. 

Immerhin: Es gibt ein Draußen und draußen waren wir in diesem Jahr viel und ausgiebig. Draußen war Schwimmen, draußen war und ist Garten Zu allen Tageszeiten, bei jedem Wetter, nachts auf dem Bänkchen hinter dem Haus habe ich so viele Sternschnuppen gesehen wie noch nie. Draußen war auch unterwegs sein. Und unterwegs war für uns vor allem Rheinhessen. Kirchen, Weinberge, Ausblicke, Seen, Brücken, Denkmäler, Dörfer, Hügel, die wir in diesem Jahr neu entdeckt haben. Wir sind keine großen Wanderer, aber ins Blaue-Losfahrer – fahr, fahr, fahr, schauen, anhalten, loslaufen, entdecken. Das war schön und bereichernd.

Bei uns hier auf dem Land ist es nie besonders laut, aber in diesem Jahr ist es still, sehr still. Im Sommer war es etwas belebter, aber derzeit fährt kaum ein Auto, kaum mal ein Mensch, der am Haus vorbeigeht, sich mit einem anderen unterhält. Es ist so still, dass Geräusche als etwas Ungewöhnliches auffallen. Neulich nachts bin ich gegen Morgen davon aufgewacht, dass laute Flugzeuggeräusche zu hören waren. Nicht nur ein Flieger, viele, hintereinander, eine halbe Stunde lang. Ich war regelrecht erschrocken. Ich glaube, wenn alles vorbei ist, müssen  wir uns erst wieder an den normalen Lebens-Lärmpegel gewöhnen.

Ich habe eine Weile gebraucht, um innere Ruhe zu finden, aber dann sehr viel gelesen in diesem Jahr – sehr vieles wieder, Klassiker von Goethes Werther über Fontane zu George Elliot,  den Brontés und Thomas Harding, aber auch viel abseitiges und – ungewöhnlich für mich – viel Gegenwartsliteratur. Sally Rooney hat mir zum Beispiel auf diese Weise zwar kein uneingeschränktes Lesevergnügen, aber viele, wie mir scheint, wahre Einblicke in zeitgenössische Denkwelten vermittelt.  Ich habe gemalt, gezeichnet, Neues ausprobiert und sehr viel geschrieben, zum Beispiel - traue mich kaum, es hinzuschreiben – ein szenisches Theaterstück. Noch ruht es in meiner Schreibtischschublade bzw. auf meinem Laptop, aber wer weiß.., mal sehen…   - das wäre dann also einer der Träume, die ich mit ins neue Jahr nehme.

Das klingt nach viel Zeit – in echt, war nicht wirklich mehr Zeit. Wir sind selbstständig, haben unsere eigenen Büros im oberen Stockwerk unseres Hauses, und konnten also auch in Lockdown-Zeiten ganz normal weiterarbeiten, eher mehr als weniger. Vollgepackte, wirbelige Tage mit calls, Videokonferenzen, sozialen Netzwerken. Abgabeterminen und überall verstreuten zum Glück sehr netten Kollegen. Die Zeit, die dann blieb, war dann zwar nicht mehr als vor als Corona, aber wohl anders, konzentrierter, wohl auch intensiver gefüllt.

Ich könnte euch jetzt auch noch von meinen Nachtgedanken berichten. Von Zweifeln und von Angst, die ich nicht haben will.  Von Zorn über die Schwarz-weiß-Denkerei, vom Hadern mit Informationen und Kommunikationsstrategien und von echter Wut, auf den Ausverkauf der Wissenschaft, der für mich mit der derzeitige Hochkonjunktur des Wissenschaftsbegriffs einhergeht. Von der Beklemmung, die mich manchmal im Supermarkt erfasst, wenn sich Menschen furchtsam aneinander vorbeischlängeln. Oder davon, wie schrecklich ich es finde, dass wir uns immer mehr misstrauen, einander Schuld zuweisen. Wir, die wir alles richtig machen, die anderen, die schuld sind. Aber das führt zu weit weg. Es ist ja Weihnachten. Und gleich singt Shane.




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