Donnerstag, 14. Februar 2019

Go East!

Heute also. Die nächste Etappe in Europa. Donezk bzw. Charkiw. Schon beim Aufwachen macht mich der Gedanke an das Spiel heute Abend hibbelisch. Achtelfinale - es wär so schön, so schön. 3000 Adler sind vor Ort, großartig, wunderbar, gigantisch und doch habe ich, wie in letzter Zeit fast immer inmitten des Eintracht-Jubels, auch heute wieder so ein merkwürdiges "aber" im Hinterkopf, das ich aber schnell wieder verdränge. Mein Mit-Adler und ich machen uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg in Richtung Speyer, wo wir am Rande eines Termins auch der Marylin Monroe-Ausstellung, die derzeit im historischen Museum zu sehen ist, einen Besuch abstatten wollen. Mit der Diva im Herzen zur Diva. Und die Autofahrt nutzen wir, um uns gegenseitig zu erzählen, was wir über die Ukraine und den heutigen Gegner der Eintracht so  alles wissen. Es kommt wenig systematisches, aber querbeet doch einiges zusammen.

Nachtrag am 15.2:
Wie konnte ich nur diese wunderbare  Landkarte "Ukraine auf einen Blick" vergessen, die ich dann jetzt also nachträglich ergänze. (Sorry, dass nicht alles gut lesbar ist. Das Original-Buchformat ist A3.)

Aus: ALLE WELT. Das Landkartenbuch. Von Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski, Moritz Verlag, Frankfurt
(enthält noch viele weitere wunderbar inspirierende Landkarten aus aller Welt)

Dass die Ukraine  - gelinde gesagt - kein sehr freundliches Verhältnis zum Nachbarn Russland hat, ist bekannt. Aber wo hat das alles seine Wurzeln?  Die Ukraine war früher so etwas wie die Kornkammer des russischen Reichs und später dann auch der Sowjetunion, ein fruchtbares und wohlhabendes Land, das dadurch immer Begehrlichkeiten weckte und häufig in Konflikte und Bürgerkriege verwickelt war.  (Nestor Machno, wirft mein Mit-Adler ins Gespräch - den dürfen wir nicht vergessen - ein ukrainischer Anarchist, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Bürgerkrieg gegen die Russen gekämpft hat.) In den zwanziger Jahren im Zuge der stalinistischen Zwangskollektivierung verarmte das Land dann jämmerlich verarmte und wurde in eine jahrelange Hungersnot mit unzähligen Toten getrieben.    Für die Ukrainer eine ähnlich tiefsitzende Erfahrung wie die große Hungersnot des 19. Jahrhunderts für die Iren.  Die anti-russische Stimmung war latent wohl immer vorhanden, wurde aber nach der Auflösung der Sowjetunion immer dominierender. Orangene Revolution, Westorientierung, Liebäugeln mit der Nato und schließlich die Anexion der Krim durch die Russen. Weiß Gott, keine schöne Situation und nicht das schönste Szenario für ein Fußballfest.

Gibt es eigentlich einen bekannten ukrainischen Schriftsteller? Uns fällt auf Anhieb keiner ein. Per Whats app funke ich einen Freund an, der seit Jahren seinen Sommerurlaub on the Road in Osteuropa verbringt und fern des Touri-Stroms vieles entdeckt, was man nicht so unbedingt vermutet. War der nicht auch schon in der Ukraine? Ja, mehrmals -. vermeldet er zurück -  aber immer von Polen in Richtung Krim unterwegs,  bis Donezk oder Tschernobyl (stimmt, das ist da ja auch gleich um die Ecke und gab's ja auch noch, armes Land)  ist er nie vorgedrungen. Schade, dann beschränken wir uns auf das, was wir wissen - Donezk - Bergarbeiter- und Stahlstadt, grau, trist - und hoffen auf mehr Infos aus den Bildern und Reiseberichten der mitgereisten Eintrachtler.

Und der Verein Shaktar Donezk? UEFA-Cup Sieger vor ein paar Jahren, vielfacher ukrainischer Meister. Und sonst? Gestern habe ich mir den aktuellen Kader von Shaktar angeschaut und zwischen lauter gelbblauen ukrainischen Länderfähnchen auch einen ganzen Pulk von grünundgelb entdeckt. Tatsächlich: In Donezk spielen insgesamt insgesamt 11 Brasilianer. Stimmt, da war doch was mit einem schwer reichen Investor, der aus Donezk ein europäisches Spitzenteam machen will. Schlag nach bei Google. Schon 2011  berichtete die FAZ vor dem Champions League-Spiel gegen Barca von der "brasilianischen Künstlerkolonnie" im fernen Osten und diese Konstellation hat sich bis heute erhalten. Donezk geht jedes Jahr in Brasilien auf Einkaufstour, die Spieler hängen sich rein, kommen mit Glück schnell groß raus und wandern dann ab zu anderen europäischen Spitzenklubs. Douglas Costa kam zum Beispiel aus Donezk zu den Bayern. Klingt  fast so als hätten die Ukrainer ein ähnliches Geschäftsmodell wie die Eintracht - nur das dene ihrn Fredi Bobic in einem anderen Teich fischt und das ein vorübergehender Aufenthalt für Spieler in Frankfurt deutlich wärmer und auch sonst angenehmer ist als im fernen Donezk.

"Last Exit Sossenheim" heißt ein Buch von Chlodwig Poth, "Last Exit Donezk" heißt es dann wohl für junge brasilianische Fußballer, die den Sprung nach Europa schaffen wollen und sich dann  notgedrungen erstmal in der Ukraine die nötige Härte für den weiteren Weg aneignen. Sie frieren sich  einen Winter lang den Hintern ab bevor die Angebote anderer großer Klubs aus wärmeren Gegenden eintrudeln. Und es funktioniert auch umgekehrt: Am Ende der Karriere, wenn sonst nichts mehr geht oder noch einmal eine letzte Chance genutzt werden soll (ha, schon wieder eine Parallele zur Eintracht, man denke an Prince) - in Donezk kann sich immer noch ein Plätzchen finden. So wie für Taison und Marlos, die beiden schon etwas älteren, flügelstürmenden Stars der aktuellen Mannschaft. Und wieder sehe ich vor mir einen frierenden Brasilianer, der seinen Koffer packt und in Eis, Schnee und Ruß abwandert. Tschüss, Samba.

Brasilianer hin oder her: Shaktir Donezk gehört in meiner Fußballwelt sozusagen automatisch in die Kategorie "schwierig" und unangenehm so wie z.B. Steaur Bukaresr. Auch wenn man über die Mannschaft wenig weiß und sie null Glamour versprüht,  hat man Respekt vielleicht sogar so ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Man hat da so ein Bild von kantigen, hageren Jungs vor Augen,  die nicht zimperlich sind. Und in mir keimt der Verdacht, dass das vielleicht auch ein bisschen was mit im Kopf verfestigten Ostblock Stereotypen zu tun haben könnte. Jedenfalls: Portugiesisch-brasilianische Spielkultur kombiniert mit einem festen - ukrainischen - Spielerstamm und osteuropäischer Härte - das klingt als könnte der Abend nicht nur temperaturmäßig unangenehm werden. Immerhin, Shaktir ist eigentlich noch in der Winterpause. Und unser Adi hat mit seinen früheren Teams schon erfolgreich gegen Donezk und Kiew gespielt und weiß also, wie es geht. Shaktar ist stärker als Marseille und Rom? Na, und! Spielt so ähnlich wie Borussia Dortmund? Mmh.

Ich bin gespannt, so was von. Setze auf ein Unentschieden, hoffe auf mehr - und wenn es ganz anders kommt, haben wir ja immer noch das Rückspiel. Wird schon werden!

PS: Die Marylin Monroe-Austellung ist übrigens absolut großartig - sollte Europa euch Zeit lassen und ihr vor April in Speyer vorbeikommt - anschauen lohnt sich!


Kommentare:

  1. In der Halbzeitpause wollte ich hier einen Kommentar einstellen, den ich dann doch unterlassen habe, weil ich nix beschreien wollte. Das war der Text:

    "Gebt uns doch endlich mal einen richtigen Gegner. Wenn es in dem Europa keine besseren Mannschaften gibt, bleibt uns am Ende ja gar nix anderes übrig als den Pokal zu gewinnen."

    Nach dem Abpfiff war ich mir nicht mehr ganz so sicher...

    AntwortenLöschen
  2. Der Kommentar war sicherlich nicht ganz ernst gemeint, denn in vielen Momenten vermisste ich die nötige Ruhe und Abgezocktheit am Ball, oder auch den unbedingten Willen, das(!) Tor zu machen. Da ist wohl maximal das Halbfinale drin, wenn's gut läuft.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nicht ganz erst, aber auch nicht ganz unernst. In der ersten Hälfte habe ich zwar einige Schwächen bei uns gesehen, aber nicht gedacht, dass Donezk stark genug ist, um uns gefährlich zu werden. Da hatte ich mich getäuscht. Ich bin unsicher, ob unsere Unkonzentriertheiten und Ballverluste tagesformabhängig waren, oder ob sich da wirklich grundsätzliche Probleme abzeichnen. Die Schwächen hinten sind auch durch Hinteregger nicht einfach weg, was vielleicht schwerer wiegt, ist, dass es im Moment nach vorne nicht mehr rund läuft und irgendwie die letzte Konsequenz fehlt, obwohl ja durch Rode mehr aus dem Mittelfeld kommt. Merkwürdig, dass nach dem Spiel fast unisono alle einig waren, dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht reicht. Mal abgesehen vom Spielverlauf: Unentschieden, zwei Auswärtstore viel besser geht nicht. Warum sollten wir sie zuhause nicht schlagen? Vielleicht wissen wir nach dem Spiel morgen mehr.

      Halbfinale? Na gut. Und wenn wir ins Halbfinale kommen, dann schaffen wirs auch ins Finale. :)

      Löschen
  3. Schachtar hat da eine gute Truppe beisammen, vermutlich die beste, auf die wir bislang auf unserer Road to Baku getroffen sind. Dämonisieren sollte man sie allerdings nicht. Es ist eine kompakte, gut eingespielte Mannschaft mit 2, 3 wirklich feinen Kickern in ihren Reihen, v.a. offensiv.

    Ihre Abwehr inkl. Goalie ist durchaus verwundbar. Dies aufzuzeigen sollte am Donnerstag im Stadtwald durchaus möglich sein. Nicht vergessen: mit dem 2:2 vom Hinspiel sind die Unsrigen, sobald sie den Fuß (die Füß!) auf den Waldstadionsrasen setzen, bereits weiter - Stand der Dinge momentan. Daran keine Änderung zuzulassen, ist schon die ganze Miete. Und das vor voller Kapelle Eintrachtgemeinde. Das geht.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, eine gute Truppe hat es, dieses Schachtar. Aber nicht gut genug :)

      Löschen