Mittwoch, 4. Juli 2018

WM- und Sommerschnipsel: Rollenspiele und Zeitmanagement

(Dieser Text wurde am Mittwoch, 4. Juli, verfasst und wird heute, am 8. Juli, rückwirkend und unverändert eingestellt, ist also auch ergebnis- und inhaltsmäßig auf Stand vom Mittwoch, ggf. trotzdem noch lesenswert - aktuelle Schnipsel folgen).

Was mer hat, das hat mer. Und wir haben den DFB-Pokalsieg und können  uns, wann immer uns danach ist, im Eintracht-Museum versichern, dass wir nicht geträumt haben. Da steht er, der Pokal, und wenn wir Glück haben und in der Oper in Frankfurt oder auf sonst einem schicken  Event sind, ist vielleicht auch Peter Fischer zugegen, hat den Pokal dabei und wir dürfen ihn berühren. So wie heute, beim Trainingsauftakt für die neue Saison, dessen Besuch man mit einem Besuch des Pokals verbinden konnte.

Wenn vor einigen Jahren im Fußballerischen Zusammenhang von einem Konzept die Rede war, hatte man vor allem die spielerische Ausrichtung einer Mannschaft im Sinn. Heute geht es um die Gesamtpositionierung einer Mannschaft, den Stil, in unserem konkreten Fall um den "Frankfurt Style", der auch schon mal ein "German Style" war.  Eine Mannschaft muss in jeder Saison neu erfunden werden - vom Mannschaftskader bis zur Fanausstattung, bis zum Label, dem Trikot und den Choreos, ggf. auch unter Einbindung des Hauptsponsors  - alles aus einem Guss für ein vollumfängliches Fußballerlebnis.

Der neue Intendant der Eintracht für die Spielzeit 2018/19 ist bereits an Bord. Adi H. trägt grau, was wahrscheinlich weniger seinem persönlichen Geschmack als der Nike-Trainerausstattung geschuldet ist. Der Spielplan steht bereits, auch wenn er für den Herbst inhaltlich noch einige Lücken - n.n. - aufweist. Klar ist, dass es ein Drei-Sparten-Programm geben wird -  noch nicht klar ist, in welchem Haus Schauspiel, Oper und/oder Ballet zur Aufführung kommen. Auch das Ensemble ist im Moment noch etwas dünn besetzt. Nach zahlreichen prominenten Abgängen müssen mehrere tragende Rollenfächer neu ausgeschrieben werden: allen voran der junge Wilde, der supercoole Draufgänger, der elegante Strippenzieher und - wie zu befürchten - auch die des eigenwilligen Heißsporns.  Die Nachbesetzung des sympathischen Schwiegersohns ist bereits geglückt, hier bleibt abzuwarten, ob der Neuankömmling dieses anspruchsvolle Fach ausfüllen kann. .  Fest steht, dass die Rolle der zurückhaltenden, treuen und ehrlichen Haut auf lange und unbestimmte Zeit nicht mehr besetzt werden wird. Der Verwaltungschef hat sie komplett aus dem Repertoire gestrichen hat, da sie weder dem Zeitgeist noch den hochgesteckten Ambitionen des Hauses ins Kalkül passen. Erst kommt die Idee, der "Style", danach die Spieler, die vor allem die Fähigkeit haben müssen, die Idee umzusetzen. Oder umgekehrt.

Soviel im Moment aus Frankfurt. Und im fernen Russland?  Auch da kristallisieren sich nach den Achtelfinals die Rollen immer deutlicher heraus. Wenn die Mannschaft Weltmeister wird, die fußnallerisch bisher am meisten überzeugt hat, dann werden es die Franzosen. Oder die Belgier, worüber gegebenenfalls bereits im Halbfinale eine Vorentscheidung fallen würde.  Wenn die es packen, mit denen nach wie vor ernsthaft keiner rechnet? Die Schweden oder die Russen. Die Urus schließe ich einfach mal aus, wohingegen die Engländer, die jetzt sogar 11er können, in einem höheren Sinn mal wieder dran wären.  Ein feiner Weltmeister wären auch die Kroaten, mit denen es die meisten Adler halten. Ob die Brasilianer nochmal wirklich aus ihrer Lumi-Rolle herauskommen? Neymar hat jedenfalls definitiv sein Fett weg, zu dem er selbst beigetragen hat  Heulsuse.  Drama-Queen. Mich erinnert erinnert er an die Blechbüchsenarmee der Augsburger Puppenkiste. Rollerollerolle.  Und die war doch eigentlich ganz putzig.

Und was ist das für eine Geschichte mit dieser großen Menge an Toren,  die in den letzten Minuten fallen und fast Spiele, die eigentlich schon entschieden sind,  noch einmal  auf den Kopf stellen?  Ähnliches haben wir in der letzten Bundesligasaison auffallend häufig erlebt und wie in der Bundesliga glaube ich auch jetzt, dass es sich hier nicht um Zufall handelt, sondern um den Ausdruck einer fußballerischen Veränderung. Ich denke, dass bei der taktischen (strategischen?) Planung eines Spiels nicht nur din Raumaufteilung, das Spielsystem und die Aufgaben der einzelnen Spieler im Fokus stehen, sondern auch die Spieldauer in einzelne Abschnitte  segmentiert wird, die dann spezifisch analysiert und ausgerichtet werden Bei manchen Eintracht-Spielen der vergangenen Saison schien es mir eindeutig,  dass - bewusst - nur während bestimmter Zeitabschnitte aktiv nach vorn gespielt und der Torabschluss gesucht wurde.  Im Extrem kann man sagen:In solchen Spielen geht es dann im Prinzip "nur" darum den Ball einen Großteil des Spiels lang möglichst sicher und gefahren frei im Spiel zu halten - ordentlich passen, konzentriert sein, immer wieder hinten herum und quer spielen, Ball vor dem eigenen Tor und in der Zone zwischen den beiden Strafräumen halten -  und nur während bestimmter Zeitabschnitte den Erfolg zu suchen. Die Mannschaft, die - gesteuert von dem vielköpfig- und ohrigen Team an der Seitenlinie - sich an die vorgegebene Dramaturgie hält, auch in kritischen Situationen diszipliniert bleibt und der es dann gelingt am entscheidenden Punkt - sozusagen an der Peripetie des Stücks - den Hebel als erste umzulegen und die fußballerischen Einzelkönner hat, die dann den Unterschied machen können, die geht als Sieger vom Platz.  Das funktioniert natürlich nicht immer, aber immer öfter - sozusagen die kalkulierte Überraschung.

Apropos Überraschung: Abends in den Weinbergen, ich laufe vorbei an einem Weizenfeld. Es raschelt und plötzlich bricht ein Reh aus dem Getreide hervor. Wir sind nur einen Meter voneinander entfernt, entsetzt schauen wir uns einen Moment an, dann flüchtet das Tier in Panik. Ich bleibe verdutzt zurück. Späterer Kommentar meines Mit-Adlers: "Zum Glück war es kein Wolf." Hehe.

Mein Lieblingszitat der bisherigen WM Berichterstattung stammt von Oliver Weltke, am vergangenen Sonntagabend, zum Abschluss der Zusammenfassung des Tages: "Und jetzt kommt Inspektor Barneby. Oder Horst Seehofer."

In diesem Sinne: Augen und Ohren immer gut offen halten - man kann nie wissen, was als nächstes kommt.

Fortsetzung folgt.

1 Kommentar:

  1. Ha, und hinter wie auch neben den Kulissen arbeitet das Personal der Commedia dell'Arte: der Avvocato (zugespitzt: Avvocato del diavolo), der Dottore, der Barbiere (unverzichtbar!)etc.
    Aus den Rollenbeschreibungen (ohne sie im Einzelnen zuzuordnen): "Er ist hinterhältig, immer etwas verschlagen und meistens skrupellos auf seinen eigenen Vorteil bedacht"; "verkörpert Gegensätze wie Komik und Tragik"; "Verkörperung des Wissens ohne wahres Wissen"; "Obwohl er viel Geld hat, ist er sehr geizig" ... Es ist angerichtet.
    Zum Reh - Wolf hätte es schlechterdings nicht sein können, der is ja wech.

    AntwortenLöschen