Samstag, 3. Dezember 2016

Ein guter Zug

Ich spiele Schach, mehr schlecht als recht, aber sehr gerne. Obwohl die Nähe zwischen Schach und Fußball spätestens seit Otto Rehhagel ("schachbrettartige Kombinationskonter") und Felix Magath (passionierter Schachspieler) als verbürgt gilt, hat sich mir - vielleicht wg. einer vorurteilsbehafteten Systemfußball-Antipathie - der Zusammenhang nicht oder nur rudimentär und widerwillig erschlossen - bis jetzt.

Mein Mit-Adler und ich haben in den vergangenen Tagen nach getaner Arbeit, in der Regel zu fortgeschrittener Abendstunde, die eine oder andere Partie der Schach-WM nachgespielt, die gerade zuende gegangen ist, und dabei ist mir aufgefallen, wie sehr sich das Schachspiel verändert zu haben scheint. Und siehe da: Diese Veränderung verläuft analog zu vielen Veränderungen im Fußball .

Im Stadion stehen immer noch 22 Spieler auf dem Platz und versuchen Tore zu verhindern bzw. zu erzielen. Und auf dem Schachbrett wird immer noch klassisch spanisch, manchmal auch mit dem Damenbauer eröffnet oder (so Herausforderer Sergej Karjakin im entscheidenden WM-Tiebreak) sizillianisch verteidigt. Aber der Weg zum Sieg führt - auch bei offensiv geführten Spielen - immer über ein grundständig defensives, äußerst filigranes Spielsystem. Es geht - für beide Spieler - m ersten Schritt nicht vorrangig um den Sieg, sondern um die Dominanz auf dem Spielfeld. Ziel ist es die Null, das Remis, zu halten und  also zunächst die Offensivbemühungen des Gegners zu verhindern.

Die Abwehr steht eng - und: sie steht gestaffelt, ziehharmonikaförmig. Die Bauern sind wichtiger als je. Man kann sagen: Alle Spieler auf dem Feld sind gleichberechtigt und werden so eingesetzt, dass sie wechselseitig die spezifischen Stärken der anderen unterstützen. Die Bauern sichern nicht nur den Weg durch die Mitte, sondern werden so positioniert, dass sie jederzeit für Nadelstiche nach vorne sorgen können, häufig überraschend früh auch über die Außenbahnen.

Wichtig ist es, Lücken für mögliche Überraschungspässe (Diagonalen)  zu schließen, Figuren werden häufig doppelt gesichert und gleichzeitig doch so platziert, dass sie aktiv ins Geschehen eingreifen und Tempo aufnehmen können. (Aha: Schnelles Umschaltspiel). Das erfordert eine sehr strukturierte und bis ins Detail durchdachte Ordnung auf dem Spielfeld, die im Idealfall gleichzeitig die Vorbereitung für einen Angriff ist - z.B. sperrt ein einfacher Bauernzug den Weg für einen langen Pass frei.

Auch die Offensiven (Läufer, Springer) arbeiten intensiv nach hinten mit.  Alle Figuren gehen lange Wege - auch horizontal -,  häufig wird das Spiel einfach durch filigrane Positionswechsel hinten herum am Laufen gehalten und  die Situation auf dem Feld geduldig millimeterweise verändert. Magnus Carlsen (der alte und neue Weltmeister) arbeitet häufig sogar  mit einer Doppel-6 (manövriert seine beiden Springer direkt nebeneinander - und zwar hinter der Angriffsformation), sogar eine Raute zur Beherrschung der d-Linie glaube ich schon einmal beobachtet zu haben. Auch der König (Torwart!) spielt in diesem System mit, statt nach der Rochade auf seiner Grundlinie zu verharren. Er ist beweglich, wartet nicht ab, bis ein Ball aufs Tor kommt, sondern antizipiert Angriffe, fängt sie ab und hilft bei Bedarf dabei, das Spiel zu verlagern. Es geht nicht darum, ihn zu verbarrikadieren, sondern ihm Freiraum zu schaffen, ihn mit dem ihm möglichen, begrenzten Aktionsradius -  aktiv ins Spiel einzubinden.

Erst wenn die defensive Ordnung steht, werden einzelne Attacken nach vorne gestartet, um den Gegner aus der Reserve zu locken. Dabei gilt es, das Spiel möglichst breit zu machen - das Mittelfeld zu beherrschen, über die Flanke zu kommen oder den Gegner durch einen No-look-Pass aus der Tiefe in den freien Raum zu überraschen. Generell kommen die Angriffe häufig wie aus dem Nichts - eine einzelne Figur  (z. B. die Dame, mitunter auch ein Turm oder Springer), löst sich und dringt in den gegnerischen Strafraum ein. Dies hat nicht immer den Sinn, unmittelbar den gegnerischen Torwart/König in Gefahr zu bringen, sondern Druck zu erzeugen und die Ordnung des Gegners zu durchlöchern.  Die Defensiv- und die Offensivabteilungen verschieben sich dabei nicht nur nach vorne, sondern jeweils auch nach links oder rechts.

Unter Druck steigt die Fehlerhäufigkeit, das heißt: der Gegner öffnet seine Deckung und muss sich auf einen offenen Schlagabtausch (Austausch von Figuren) einlassen. Jetzt gilt es Ruhe zu bewahren, konzentriert zu bleiben und auch in scheinbar äußerst kritischen Situationen und bei veränderter Spielsituation immer wieder zurück in die eigene Ordnung zu finden, geduldig bleiben, hinten herum zu spielen und das Spiel neu aufzurollen. Im entscheidenden Moment kommt es auf Mut und eine geglückte Einzelleistung an. Der entscheidende Punch kann häufig erst dann gesetzt werden, wenn dem Gegner zuvor ein Fehler unterläuft. Wem es gelingt einen Angreifer so freizuspielen, dass er sich nur noch im 1:1 durchsetzen muss, um den Torwart zu überlisten, der geht am Ende als Sieger vom Brett bzw. Platz.

Keine Ahnung, ob Niko Kovac ebenfalls Schach spielt. Vielleicht ist meine Beschreibung des modernen Schachspielens auch überhaupt nicht zutreffend. Und möglicherweise hat Fußball immer noch nichts mit Schach zu tun - aber vielleicht umgekehrt: Schach mit Fußball. Und was soll ich sagen? Seit ich das verstanden habe, spiele ich besser Schach.


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