Sonntag, 21. August 2016

Der Prozess

Gleich geht es los. Vor ein paar Tagen hätte ich noch weit von mir gewiesen, dass ich aufgeregt bin – jetzt weiß ich wieder: „Es“ ist stärker.  Skepsis und Zweifel am alternativlosen Konzept sind ausgesetzt. Die Minuten vor dem ersten offiziellen Pflichtspiel einer Saison sind eine Art Verheißung. Alles ist neu.  Ok, ok - es kann schief gehen, die ganze Fußballwelt ist schief und der Weg, den die Eintracht da geht, will mir nicht gefallen, aber hey: Alles kann auch gut werden, richtig gut. Alles ist möglich. Der Funke wird springen. All die vielen Neuen werden sich von jetzt auf nachher in unsere Herzen katapultieren. Wir sind Mascarell, Hrgota und Blum, Tawatah und Hector, Varela und Rebic. Meier, Hradecky, Ozcipka, Russ. Und und. Und Kovac. Eintracht? Eintracht.

Kann gut sein, dass wir schon in wenigen Wochen (vielleicht sogar in wenigen Stunden) wieder geerdet sind, wieder nur noch von Spieltag zu Spieltag denken und uns darin bestätigt sehen, dass das alles so nicht funktionieren kann, Spieler eben nicht beliebig ausgetauscht werden können und ein Trikot mit dem Adler auf der Brust nicht ausreicht, um aus einem Spieler einen Eintrachtler zu machen. Kann gut sein, dass es spielerisch einigermaßen läuft und sich trotzdem falsch anfühlt. Oder dass wir wieder jeden Sieg und jedes Pünktchen zählen und uns damit über Wasser halten, dass wir uns gegenseitig versichern, dass das zähe Ringen um Glück doch viel erfüllender und weniger langweilig ist als immer und immer einfach nur zu gewinnen.

So what? Jetzt, in diesem Moment ist die Welt weit und die Karten werden neu gemischt. Into the great white open. Noch ist kein Ball getreten, unsere Bilanz ist makellos. Kein von Statistiken genährter Realismus, der überschwängliche Erwartungen im Keim erstickt. Über 21%  der vom Kicker befragten Fans sehen die Eintracht als direkten Absteiger? Ha. Prognosen können sich irren, weggefegt und ad absurdum geführt werden. Noch sind unsere Chancen auf große Titel genauso groß wie die des FC Bayern München.  Vielleicht, vielleicht erleben wir mit dem Pokalspiel in Magedeburg gleich den Anfang einer Saison, durch die wir wie auf Flügeln getragen werden. Nach den Sternen greifen. Großartigen Fußball sehen. An glorreiche Zeiten anknüpfen. Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin. Europa. Warum eigentlich nicht? Warum?

Unser Trainer sieht das vor dem ersten Spiel naturgemäß etwas sachlicher: Keine Wunder erwarten, wir wissen, wo wir herkommen. Es ist ein Prozess, dem wir Zeit lassen müssen.  Und ganz sicher wird es Zeit brauchen, um herauszufinden, ob Hrgota und Co mehr sind als Spieler, die kommen und gehen. Und wie sie sich im Alltag anfühlt, die neue Eintracht.

Also dann: Die Spiele sind beendet, lasset den Prozess beginnen. Auswärtssieg!

Kommentare:

  1. Das war ernüchternd.
    Nicht vielversprechend.
    Und die Entgleisungen/Ausschreitungen unserer "Problemfans" haben mir alles noch mehr vermiest.
    I'm not amused.

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  2. Ja, da ist er schon wieder, der Boden der Tatsachen. Wenn das da heute in ungefähr unseren aktuellen Leistungsstand wiederspiegelt und der Anfang eines Prozesses ist, dann haben wir einen elend langen Weg vor uns.

    Ich wollte wissen, wie die "neue" Eintracht sich im Spielbetrieb anfühlt. Erst ein Spiel und schon wieder so ein Gefühl von Mutlosigkeit und sich Bestätigtfühlen in den Vorahnungen. Ich. Will. Das. Nicht. Aber das war definitiv keine Mannschaft, die da auf dem Platz gestanden hat.

    Die ersten zwanzig Minuten waren aus meiner Sicht ganz ordentlich - Raumaufteilung, Passgenauigkeit, Schnelligkeit im Spiel -, spätestens ab der zweiten HZ war es einfach nur ein schlimmes Gebolze. Hektor auf Zambrano-Spuren, nur dabbischer. Meier ohne Bindung ans Spiel. Mascarell überfordert. Gacinovic noch längst nicht da, wo wir ihn alle hingelobt haben. Oczipka mit den bekannten Stärken bzw. Schwächen. Hrgota mit zumindest diesem einen lichten Moment. Hasebe nach seiner Einwechslung eher in der Veh- als in der Schaaf-Verfassung. Castaignos mit einigen ganz netten Ansätzen. Hinten rechts immer noch ein Baustellengefühl. Bleiben der wunderbare Abraham und der als Torwart und Gesamtkunstwerk einfach großartige Lucaaas. Wollen wir mal hoffen, dass nach der Bobic-Transfermarkt-Ankündigung ("Da tut sich noch was.") keiner auf den Gedanken kommt, den - unverkäuflichen - Abraham abzugeben. Ich hab da ein komisches Gefühl.

    Und diese Shice nach der Halbzeit - ich kann das echt nicht mehr ab, will da auch kein Verständnis mehr haben und irgendwelche diffusen "gegen den modernen Fußball"-Sympathien aufbringen. Kriegsbemalung, blöde Machtspielchen. Einfach nur zum Kotzen.

    Ein Adler-Freund hat mir gerade erklärt, dass wir durch den Dann-doch-noch-Sieg zumindest verhindert haben, dass die Heribert-Gedächtnis-Abwärtsspirale schon vor dem ersten Spieltag einsetzt. So kann man das auch sehen ,-))

    Nehmen wir das Positive mit: Wir sind weiter. Das ist doch was. Und immerhin haben sich nach den ersten Eindrücken die Befürchtungen nicht bewahrheitet, dass zu viele, ggf. auch beliebige neue Spieler geholt worden sind: Vielleicht ist es einfach egal, wer bei uns kommt oder geht und wer am Ende auf dem Platz steht - wir spielen immer gleich schlecht ,-)

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  3. "Kann gut sein, dass wir schon in wenigen Wochen (vielleicht sogar in wenigen Stunden) wieder geerdet sind, wieder nur noch von Spieltag zu Spieltag denken"

    Isso ... :-)

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  4. Da hat die Saison endlich angefangen und macht kurz darauf schon wieder keinen Spaß mehr. Aber dieses Gefühl hält nicht an, denn schon im nächsten Spiel kann ja alles ganz anders sein und kommen. Es ist wahrscheinlich auch diese „Macht der Möglichkeit“, die mich bei der Stange hält, auf der dieser vergilbte Eintracht Frankfurt-Aufkleber hängt.

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  5. So wie es aussieht, hat Robert Musil den Begriff "Möglichkeitssinn" für den gemeinen Eintrachtfan geprägt. Alles ist möglich, nur ein Sieg gegen Bayern nicht, denn die stehen ja bekanntlich ja auch außerhalb des Wirkungsbereichs von Einsteins Relativitätstheorie: mir san mir -> exklusiv selbstreferentielles System, s.a. -> Singularität, s.a. -> Ereignishorizont.
    Es ist also dieselbe universale Macht, die Spieler an die rotierende Roulettescheibe und Eintrachtadicts in die Korv zwingt. Dass bei alldem ein vergilbter Adlerbäbber im Spiel bleibt, gefällt mir.


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    1. ... in die Korv oder mit feuchten Handflächen und stoßweisem Atem vor die Skymattscheibe.

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  6. Fasse zusammen:

    Wir denken von Spieltag zu Spieltag. Trotzdem ist alles möglich, solange der vergilbte Eintracht-Aufkleber hängt. Wenn alles möglich ist, ist möglicherweise alles nichts, es sei denn im singulären Ereignishorizont.

    Alla dann!

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