Sonntag, 4. Januar 2015

Wann fängt das neue Jahr an?

Wie lange dauert eigentlich die Zeit „zwischen den Jahren“? Sind es die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr? Bezieht „zwischen den Jahren“ – je nachdem an welchem Wochentag Weihnachten war - auch noch das Wochenende nach Neujahr bis hin zu Dreikönig mit ein?  Für mich ist „zwischen  den Jahren“ vor allem ein Gefühl. Wenn du Pech, viele Verpflichtungen und Termine hast, es dir ohnehin grade nicht gut geht, die Arbeit dich nicht los lässt und Weihnachten eher Last als Lust ist – dann fällt dir „zwischen den Jahren“ irgendwann die Decke auf den Kopf, du möchtest am liebsten wegrennen oder kneifst die Augen fest zu und hoffst, dass ganz schnell alles vorbei und wieder normal ist. Wenn du Glück hast, ist zwischen den Jahren ein Flow. Du lässt dich einfach in die Zeit fallen und gleitest wie auf einer Wolke durch die Tage. Sonntag? Montag? Nachmittag? Nacht? Irgendwann spielt das keine Rolle mehr.

In den vergangenen Jahren ist es mir oft schwer gefallen, von jetzt auf nachher in den Weihnachtsmodus zu schalten. 2014  war  ein sehr anstrengendes, sehr erfülltes und vollkommen urlaubsloses Jahr. Und: Ich habe Glück, der Übergang klappt nahtlos. Ich falle einfach aus der Zeit. Und es ist erstaunlich wie viel man denkt, fühlt und erlebt, wenn man nichts tut oder zumindest nur das, was sich ergibt und worauf man Lust hat. 

Es ist, als ob die Chronologie der Ereignisse aufgehoben ist und stattdessen entsteht eine kunterbunt durcheinandergewirbelte Collage von Gefühlen, Gedanken, Büchern, Bildern, Musik, Filmen und Erlebnissen.  Durch meine Tage galoppieren D’Artagnan und Aramis und vereiteln die Pläne des intriganten Kardinals Richelieu.  Unterwegs begegnen sie Jessica Mitford, die Hals über Kopf ihr konservatives Upperclass Zuhause in London verlässt,  in den spanischen Bürgerkrieg zieht und in Amerika landet. Mit Paul Dahlke baue ich einen Schneemann, mit Loula Grace Erdmann jage ich Prariehühner im Panhandle, in Cranford leide ich mit Miss Matty und von Keith Richards erfahre ich wie das damals war, als er von seinem Opa Gus Gitarre spielen gelernt hat. Dunka Plink. Ist es dem Mensch gegeben eine Bratwurst zu malen? Welchen Einfluss hatte Hölderlin auf Hegel und was könnte das bedeuten? Gläser klirren.  Leonard Bernstein dirigiert die „Ode an die Freude“ und Bob besingt den Santa Claus, der in die Stadt kommt. „O du fröhliche“ klimpert es (oder ich?) auf dem Klavier.  Die mächtigen Tannen auf dem Friedhof in Rüsselsheim schwanken im Wind und die Glocken der kleinen Kirche hier bei uns im Ort läuten. Via Facebook winkt Bamba Anderson in Badehose von einem sonnigen Strand in Brasilien. Hier schmurgelt der Weihnachtsbraten  im Ofen. Die schwarzundweiße Katze streckt auf meinem Schoß die Beine in die Luft und ich knabbere Nussplätzchen. Überraschungspäckchen und liebe Grüße in und aus der Ferne. Post vom Eintracht-Museum bringt mein Herz zum Hüpfen. Überall wird abgestimmt und gewählt: Lucas Piazon hat das schönste Tor der Hinrunde erzielt. Alex Meier wird zum Stürmer der Stunde gekürt. Hiltrud aber  ist das alles ziemlich piepegal: Sie schickt Schnee. Unser Kater schlittert mit allen vier Pfoten voran durch die weiße Pracht im Garten und ich stapfe und schlittere durch die Felder und Weinberge. Erst durch Schnee, dann durch Schneematsch, dann durch Regen. War das gestern? Vorgestern? Oder doch heute?

Irgendwo zwischen noch nicht und nicht mehr scheint auch der kurz vor Weihnachten verstorbene Udo Jürgens zu schweben. Immer, wenn man den Fernseher anmacht, ist er irgendwo zu sehen. Die Zeitebenen vermischen sich:  Sendungen, die ohnehin zum Weihnachtsprogramm gehörte hätten und als Nachtrag zu seinem achtzigsten Geburtstag ausgestrahlt werden sollten, zusätzlich ins Programm genommene Erinnerungen und Nekriloge, Showaufzeichnungen, die wenige Tage vor seinem Tod gemacht worden sind und jetzt „live“ ausgestrahlt werden. Irgendwann nach Weihnachten lese ich in der Zeitung eine kleine Notiz mit der Überschrift „Udo Jürgens bereits eingeäschert“ und habe Probleme die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf die Reihe zu bekommen.

Apropos Probleme: Als  wir am Silvesterabend kurz vor Zwölf zum Silvestercountdown den Fernseher einschalten, gefriert mir fast das Blut in den Adern. Auf einer riesigen Bühne steht  tatsächlich David Hasselhof und unten hüpfen überwiegend junge Menschen und singen irgendetwas von (sic!) „Rock’n Roll“.  Kann das wahr sein? Hunderttausende zu Silvester am Brandenburger Tor  und David Hasselhoff als „Top Act“ ? David Hasselhoff? Da ist es also, das ohnehinige scheißegal  Sein von allem und jedem. Oder ist das Dada?

Nichts wie weg hier und raus in den Garten. Über den Dächern der Nachbarhäuser sprüht  es Funken und immer noch ein und noch ein bunter Glitzerregen steigt in den Himmel. Ich stehe mit einem Glas Sekt und einer Wunderkerze im Nieselregen, bin inmitten des Trubels ganz bei  mir und denen, die mir wichtig sind. "Über uns leuchtete der Himmel, und unter uns leuchtete die Stadt." * Dankbar für das Jahr, das hinter uns liegt, voller Vorfreude, Zuversicht und Tatkraft mit Blick auf das, was kommt.  Dran bleiben. Nicht locker lassen. Ja. Machen wir. Hallo Welt, hallo 2015!

Untrügliches Zeichen, dass „zwischen den Jahren“  sich allmählich dem Ende zuneigt ist das Neujahrsskispringen. Alle Jahre wieder treten die Adler mit großen Hoffnungen an, alle Jahre wieder landen sie irgendwo im Niemandsland. Jede Ähnlichkeit mit den einzig wahren Adlern ist selbstverständlich unbeabsichtigt und rein zufällig.

**stischindiebraut* raunt das Rippchen mit Kraut, das an Neujahr vor mir auf dem Teller liegt. Ich fange an, mir Termine in meinen neuen Kalender einzutragen. Die erste Januarwoche ist schon ziemlich voll, aber – hey – noch scheint alles in weiter Ferne. Haris Seferovic postet lustige Silvestereierfotos, Martin Lanig grüßt mit Schlitten aus dem Schnee und Kevin Trapp freut sich im coolen schwarzen T-Shirt und Modell-Pose über 100.000 Likes in Facebook. Yeah. 

Dicke, nasse Schneeflocken schweben über dem Rhein und ich bin pitschnass und beobachte die Möwen. Die Meldungen rund um die Eintracht nehmen Fahrt auf. Ob Alex Meier tatsächlich auch nur einen Moment darüber nachdenkt, nach Istanbul zu wechseln?  Was wird aus Vaclav Kadlec und Johannes Flum? Bleibt Jan Rosenthal? Kann sein, dass Felix Wiedwald und Nelson Valdez vielleicht schon mit ins abudabbische Trainingslager fliegen können. Heute tritt die Eintracht im Hallenturnier  in Mannheim an. Mit lauter Youngstern.  Überflüssiges Spektakel, klar. Trotzdem klar, dass ich da heute Abend per Fernseher mal reinschaue.

Um die oben gestellte Frage zu beantworten:  Jetzt! Zwischen den Jahren ist vorbei. 2015 hat angefangen. Alla dann – let's begin with the beginning!

Nachtrag - Angaben zu zumindest einigen der im Text erwähnten Bücher:
Mitford, Jessica: Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert, Berenberg/Berlin 2014
*Richards, Keith: Gus und ich, Heyne/München 2014
Zizek, Slavoj: Weniger als nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus, Suhrkamp/Berlin 2014

Kommentare:

  1. Ähem. So richtig bin ich anscheinend doch noch nicht im neuen Jahr angekommen. Der Harder Cup kommt gar nicht im TV, oder doch zumindest nur im Pay TV. Und von wegen Adler im Niemandsland - stattdessen ganz oben! Das will ich dieses Jahr noch öfter lesen!

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  2. Plötzlich begann es draußen zu knallen und wir wussten, das alte Jahr ist vorbei und das neue hat begonnen. In diesem Moment war zwischen den Jahren vorbei. Zumindest für mich. :-)

    Bei der Frage, ob scheißegal oder Dada, ist meine Antwort: weder noch. Was aber daran liegt, dass ich Scheiße erkenne und Dada nicht. ;-)

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  3. Ok. Das ist dann die pragmatische Version. So kann man es auch sehen ,-)

    Dada? Mmh.... Dada ist das, was scheinbar dem Gewohnten entspricht, es aber gleichzeitig parodistisch verfremdet - aber vielleicht ist Dada einfach das, was du zu Dada erklärst :) In allem steckt ein Hauch von Dada *g.

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  4. Eigentlich ist es noch viel einfacher: nur in Dada ist der Dadist dadaistisch ^^

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  5. Genau so ist das. Und wird durch eine Frage im "Quizduell" nachhaltig bestätigt:

    Wie nennt man die Kunstrichtung, in der man z,B. der Mona Lisa einen Schnurrbart anmalt:
    - Surrealismus
    - Dadaismus
    - Kubismus
    - Realismus

    Na???

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    1. Kapitalismus. Der ist auch auf Wachstum ausgerichtet.

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    2. Nur net hudle ... also ich nehm das hellgelbe Schweinderl : - )

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  6. :)
    http://chaiyo.blog.de/2008/08/29/dada-ideen-vorn-4654801/

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    1. Die sind n o c h glücklicher, und schon ihr Name ist Dada: Pirahâ http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/mein-weg/daniel-everett-freund-der-gluecklichen-indianer-11086580.html Daniel Everetts 'Das glücklichste Volk' ist ein heißer Tipp.

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  7. Hallo! Hast du Interesse an einem Linktausch? Setz dich doch bitte mit mir in Verbindung! Auf Twitter: @privatetizian oder per Mail an neunundfuenfzig@posteo.de! Danke! :)

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