Mittwoch, 17. Dezember 2014

Hört nur, wie lieblich es schallt

Tannenzweige, Kerzen und die jetzt täglich eintrudelnden Weihnachtskärtchen sind untrügliche Vorzeichen dafür, dass Weihnachten schon in Sichtweite ist. Die letzten Wochen waren anstrengend. Viel Arbeit, wenig Schlaf. Nieselregen. Wind. Schmuddelwetter. Die Katze hat es sich auf dem Fensterbrett gemütlich gemacht, streckt sich und gähnt. Kein richtig verlockendes Fußballwetter. Und doch kribbelt es in mir und ich freu mich unglaublich auf das letzte Heimspiel in diesem Jahr. Hertha. Den fünften Heimspielsieg einfahren, dann noch ein Pünktchen in Leverkusen holen und auf einem Europacup-Platz überwintern. Yeah. Das wär doch was.

Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht. Thomas Schaaf will uns heute noch einmal etwas zeigen, der wieder aus Spanien zurückgekehrte Haris Seferovic postet gut gelaunte Selfies in Facebook und ich bin mir sicher, dass es eines heute Abend ganz bestimmt nicht wird: Langweilig. So wie für mich die gesamte Hinrunde, inklusive der holprigen Zwischenphase, an keiner einzigen Stelle langweilig war. Ein Neuaufbau, mit Ecken und Kanten, Spannungen, Höhen, Tiefen. Spielerische Ansätze, die erst zögerlich und dann immer deutlicher werden. Kampf. Eine Mannschaft, die auch an schlechten Tagen und nach Rückständen die Punkte nicht hergibt. Gemeinsam herausfinden, was geht und wohin es am Ende führt. Letzte, atemberaubende Minuten. Eine neu zusammengewürfelte Mannschaft, die sich immer besser aufeinander und auf ihren Trainer einstellt.

Ich kann mich nicht erinnern, innerhalb kürzester Zeit hintereinander so viele - fußballerisch höchst unterschiedliche - , aber torreiche, durchgeknallte, aberwitzige Spiele erlebt zu haben. Spannend, wie Mannschaft und Trainer mit und aneinander gearbeitet haben. Spannend, wie sich aus dem zunächst nur in Ansätzen erkennbaren Spielaufbau ein neues spielerisches Selbstbewusstsein entwickelte und – trotz immer wieder neuer Verletzungsrückschläge – sich eine Stammformation herauskristallisierte. Spannend zu beobachten, wie die Scharniere im Umschaltspiel immer besser ineinander greifen. Spannend, wie die Spieler sich von der Schaafsche Kopflastigkeit emanzipieren und deutlich machen: Hey, wir wissen schon wie das geht. Schaaf hat gelernt, dass man nicht alles bis ins letzte Detail erklären muss, die Spieler haben sich frei gespielt. Herz und Füße laufen wieder im Kompatibilitätsmodus. (Eine Chronologie der Ereignisse: Hier!)

Ist das neue System tatsächlich das alte System, also: das System, das wir auch unter Veh gespielt haben? Finde ich nicht. Während wir uns unter Veh (an guten Tagen, die in der letzten Saison äußerst selten waren) nach vorne kombiniert haben, spielen wir jetzt sehr viel direkter von hinten heraus. Das Mittelfeld wird schnell überbrückt. Lange, direkte Bälle, Seitenwechsel – Beschleunigung des Spiels über unsere wiedererstarkten rechten und linken Außenbahnen, aber auch gerne mal durch die Mitte. Oczipka wirkt wie befreit, Chandler gewinnt immer mehr Zutrauen in das, was er kann. Inui, der sich wieder traut. Bamba Anderson in alter Stärke. Marc Stendera, der aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken ist. Spieler, die sich überraschend in den Vordergrund spielen. Fast schon abgehakte Spieler, die plötzlich zeigen, was wirklich in ihnen steckt. Ein Fußballgott, der sich nachdrücklich behauptet und zeigt, dass er in den Jahren bei der Eintracht gerade auch an den Momenten gewachsen ist, in denen es nicht so gelaufen ist. Ein Kapitän und vielleicht in diesem Jahr auch der Torschützenkönig der Liga.

Kombiniert wird eigentlich erst in der Hälfte des Gegners, fast schon in Strafraumhöhe. Und das immer besser: Präzise, schnell, variantenreich. Die Laufwege stimmen. Der letzte, öffnende Platz kommt gut getimet. Seferovic und Meier ergänzen sich perfekt. Es ist, als ob der Plan des Trainers und die Stärken der Spieler jetzt ineinandergreifen und beide Seiten merken, wie sehr sie und – und dadurch wir alle – wechselseitig voneinander profitieren.

Im Europa-Jahr war der Fußball in den Hintergrund gerückt, die Liga nicht so wichtig, das von „Vorne festsetzen“ auf „Hauptsache nicht unter den letzten drei“ korrigierte Saisonziel wurde – mehr oder weniger - achselzuckend hingenommen. Europa als Traum, als Rausch, dem die eigentlich geplante Stabilisierung letztlich zum Opfer gefallen ist. Umso erstaunlicher, dass der Neuaufbau so schnell glückt und Europa schon wieder in Sichtweite ist. Ein klarer Fall von Zement: Genau da, ins vordere Drittel, da gehören wir hin ,-)

Kling Glöckchen klingeling: Heimsieg gegen Hertha und sonst gar nix!

Kommentare:

  1. Europa war in der letzten Saison tatsächlich einer Weiterentwicklung und sogar einer Stabilisierung im Weg. Wer seine besten Spieler an sich binden will, muss das Ziel haben, sich für die Europa League zu qualifizieren. Oder damit leben, dass diese Spieler nach und nach abwandern. Was ist sportlich von der Europa League geblieben? Ein furioses Rückspiel gegen Porto, in dem wir den Kürzeren gezogen haben und ein Klassenerhalt, der als das Größte seit der Geburt Jesu Christi verkauft wurde.

    Thomas Schaaf hat da keine leichte Aufgabe übernommen, er hat es sich auch meiner Sicht teilweise auch selbst schwer gemacht, aber die Ergebnisse in der Tabelle und zuletzt auch auf dem Platz können sich sehen lassen.

    Und dabei darf ich als Zwischenfazit auch Hübner bescheinigen, nicht den schlechtesten Job gemacht zu haben. Von dem Gegenwind, den der Sportdirektor von einigen Pressevertretern und aus den eigenen Reihen (schönen Gruß an die FAZ oder an Herrn Bender) bekommen hat, ist nichts übrig geblieben. Das kann sich alles wieder ändern. Fußball ist Tagesgeschäft. Doch ich freue mich, dasss es gerade so ist, wie es ist.

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  2. Ich denke schon, dass uns von Europa ein bisschen mehr geblieben ist. So viele Erlebnisse, Gefühle, Eindrücke, Überschwang und Nachdenklichkeiten. Womit ich immer noch hadere, ist, dass das Fußballerische, der Fußballalltag, irgendwie aus dem Blickfeld gerückt war - ich bin überzeugt davon, dass wir beides hätten haben können Europa UND die Liga-Perspektive nach oben. Aber, egal - Schnee von gestern.

    Wenn es nicht läuft und sich die Reihen der Kritiker formieren, kann man immer am besten die Risse im Gebälk identifizieren und erkennen, wer glaubt, mit wem ein Hühnchen zu rupfen zu haben oder vielleicht nur darauf gewartet hat, dem anderen an den Karren zu fahren. Insofern sind echte oder geühlte Krisen immer sehr aufschlussreich.

    "Doch ich freue mich, dasss es gerade so ist, wie es ist." Ich auch.

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