Montag, 28. Juli 2014

Testspiel in Sandhausen: Mit Überzeugung im Spiel

Wenn man der Berichterstattung der letzten Tage und Wochen gefolgt ist, konnte man ja durchaus seine Zweifel haben. Die gute Nachricht deswegen gleich vorab: Eintracht Frankfurt hat eine Mannschaft. Tatsächlich und wahrhaftig und das, was sie da auf dem Platz macht, sieht gar nicht so schlecht aus.

Für mich gibt es in jedem Jahr diesen einen Zeitpunkt in der Saisonvorbereitung, da muss ich selbst etwas sehen. Merkwürdig fern das alles, was da täglich durch Netz twittert, kommentiert, berichtet und gepostet wird. Fußball. Nach Sandhausen? Auf geht’s.

Am Horizont: Stadion in Sicht
Ich könnte euch jetzt erzählen wie die Anfahrt war (heiß und schwül), wo wir geparkt haben (in einem Spargelacker), wie die Sandhausener so sind (unglaublich pfälzisch, nett und witzig),  wie man das Stadion findet (ähnlich wie das kleine Schnitzel unter dem Salatblatt: am Ende doch) und wie unglaublich köstlich eine kalte Apfelschorle schmecken kann – aber ich bin sicher, dass euch hier und jetzt besonders interessiert wie das Spiel gelaufen ist. Deswegen ohne große Umschweife ein paar Betrachtungen:

Derzeit noch eine Baustelle (also:
das Stadion in Sandhausen)
Als ich die Spieler beim Warmmachen auf dem Platz sehe, fällt mir erst so richtig und vollumfänglich auf, was ich natürlich vorher schon wusste: Da steht er auf dem Platz, der leibhaftige Umbruch. Bei allen Wechseln in den vergangenen drei Veh-Jahren war da doch immer ein stabiles Gründgerüst vertrauter Spieler, jetzt muss man sich auch optisch erst mal neu orientiere und ich sehe rotundschwarz auf grün: Nein, das da gestern im Ligacup, das war keine optische Täuschung - das war Sebi Jung, der jetzt dort ist und nicht mehr hier. Und wo ist eigentlich Pirmin Schw… ja, ist ja schon gut: Er ist weg. Stattdessen also Makoto Hasebe. Die vielen Youngster. Das da ist der Neuzugang Lucas Piazon – hach, gibt es Liebe auf den ersten Blick? Im wirklichen Leben bin ich mir nicht sicher, fußballerisch schon. Yep, gibt es. Damals, vor zehn Jahren in Rüsselsheim bei Alex Meier. Heute in Sandhausen bei Piazon.. Mein Lucas ,-)

Jawohl, es ist erkennbar, das neue Spielsystem und ich verstehe jetzt auch, was Thomas Schaaf meint, wenn er (nach dem Spiel in Mannheim) gesagt hat, dass der Mannschaft „noch die Überzeugung“ fehlt und dass er (nach dem Spiel in Sandhausen) anmerkt, dass da jetzt schon „mehr Überzeugung im Spiel“ war.

Licht und Schatten
Die ganze Mannschaft arbeitet, um das Spiel zu verschieben – von hinten nach vorne, aber auch bei der Verlagerung des Spiels nach links oder rechts. Übrigens "arbeitet" auch Thomas Schaaf mit. Er sitzt sehr aufmerksam am Spielfreldrand, ruft, gibt Anweisungen.  Speziell das seitliche Verschieben funktioniert noch nicht immer, dabei entstehen Lücken im Zentrum, die auch die Sandhausener das eine oder andere Mal nutzen konnten. Was außerdem fehlt, ist der Mut resp.die Überzeugung, vielleicht im Moment auch einfach nur die Kraft, die Situationen von hinten heraus entschlossen durchzuspielen, das Spiel schnell zu machen, auch mal mit einem langen Ball die Seiten zu wechseln, das Mittelfeld schneller zu überbrücken. Das Spiel wirkt mitunter ein wenig unfrei, vielleicht einen Tick zu konzentriert. Durch die Spielverlagerung entstehen Räume auf den Außenbahnen – nur ganz vereinzelt ist es der Mannschaft gelungen, diesen Raum durch überraschende Aktionen zu nutzen.

Der Spielaufbau aus der eigenen Hälfte ist breit angelegt und lebt vom präzisen, schnellen Pass- und Umschaltspiel  – so wie es während der WM auch viele Mannschaften praktiziert haben. Hasebe fordert die Rolle des Ballverteilers im defensiven Mittelfeld, die er fast klassisch interpretiert.  Währen der ersten dreißig Minuten funktioniert die Abstimmung mit dem davor platzierten Alex Meier noch nicht so richtig. Die beiden kommen sich häufig ins Gehege, die Aufgabenverteilung funktioniert noch nicht richtig. Danach wird Meier aktiver, pendelt  - aaaah ja – horizontal, das Spiel wird deutlich dynamischer und lebhafter.

Überhaupt: Vorne geht die Musik ab – man ahnt, wie das Spiel laufen soll und manchmal kann man es sogar bereits sehen. Auch hier WM-Style: Ball annehmen, direktes Kurzpassspiel oder schnelle Ballverarbeitung und dann den intelligenten, häufig ganz einfachen, flachen  Ball in die Lücke. Dazu braucht man vorne drin Spieler, die etwas mit dem Ball anfangen können – und da sehen wir gar nicht so schlecht aus. Kadlec kann das, Inui auch, Meier sowieso und Piazon – ja, der auch.

Einzelaufnahmen:

Timothy Chandler wird seine Sache auf rechts gut machen. Er ist sehr aufmerksam, in der Spielanlage weniger dynamisch als Sebastian Jung, sehr präsent, sehr energisch im Zweikampf mit viel Überblick. Ertappe mich trotzdem dabei, dass ich versucht bin, es ihm übel zu nehmen, dass er nicht Sebi Jung ist. Nein, das darf nicht sein.

Takashi Inui wirkt gegenüber den letzten Eindrücken aus der vergangenen Saison deutlich verbessert, wirkt selbstbewusster und ist besser im Spiel – auch deshalb, weil er weniger Ballverluste hat, sich weniger oft an seinem Gegenspieler festdribbelt.

Alex Meier habe ich in der ersten halben Stunde des Spiels überhaupt nicht gesehen, was erstaunlich genug ist, denn er war – neben Bamba Anderson – der einzige groß gewachsene Eintracht-Spieler auf dem Platz. Irgendwie schien er nach der ersten halben Stunde Lust auf Fußball zu bekommen, wurde aktiver und machte dann auch prompt das Tor. In der zweiten Hälfte spielte die Eintracht in unsere Richtung, da konnte ich den Spielaufbau und auch Alex genauer beobachten und habe einmal mehr entdeck, wie wichtig er für unser Spiel ist. Neue Erkenntnis: Das liegt vor allem auch daran, dass er nicht in Einzelaktionen, sondern  in Spielzügen denkt. Wenn er einen Angriff  in Strafraumnähe initiiert, spielt er ihn auch zu Ende. Nach meinem Eindruck hat er seine „Schleicher-Fähigkeiten“ weiter perfektioniert.  Links das kurze Anspiel auf Inui, der weiterpasst du Kadlec, der den Ball weiterschiebt auf – huch – Alex Meier, der fast körperlos jetzt bereits auf der anderen Seite des Strafraums steht.

Lucas, Lucas - gleich wird er kommen
Lucas Piazon – ein erstaunliches, unaufgeregtes und selbstverständliches Debüt. Spielfreudig, laufstark, leichtfüßig, wendig, mit hoher Aufmerksamkeit für seine Mitspieler, den Ball immer im Blick.  Er war erkennbar bemüht, sich in die Mannschaft einzufügen, war immer im Spiel. Keine Sekunde war zu merken, dass er erst einmal mit der Mannschaft trainiert hat - allein das spricht für sein fußballerisches Verständnis.  Zwei, drei schöne Einzelaktionen – dabei immer den Nebenmann im Blick. Wunderbar, das antizipative Durchlassen einer Flanke von Timothy Chandler zum besser Platzierten Vaclav Kadlec. Das vielleicht bemerkenswerteste „Finding“:  Kein Spieler für die Galerie, sondern einfach ein Junge, der - wie’s aussieht -  ziemlich gut Fußball spielen kann und Spaß an dem hat, was er tut.

Vaclav Kadlec – sehr bemüht, sehr eifrig. Trotzdem leider nicht so auffällig, wie ich es mir erhofft und ihm gewünscht  hätte. Ähnliches gilt für Bastian Oczipka, der nicht richtig ins Spiel fand, ein wenig schwerfällig wirkte und auf der linken Seite keine Bindung an die Mannschaft hatte.

Erfrischend: Der kurze Auftritt von Joel Gerezgiher, der zwanzig Minuten vor Schluss für Kadlec kam. Ein bisschen übereifrig, aber nicht nur schnell auf den Beinen, sondern auch mit dem Kopf. Schöne Ballführung, technisch gut drauf - wie gesagt: ein bisschen übereifrig.

Schön war es, Bamba Anderson und Carlos Zambrano wieder als Dream-Team in der Innenverteidigung zu sehen. Zambrano wirkt noch ein wenig undynamisch, Bamba der derzeit deutlich stärkere der beiden. Ein ums andere Mal lief er seinem Gegenspieler den Ball einfach ab, ganz ohne zu Grätschen, so wie früher bevor er in die Vehsche Ungnade fiel.

Fazit: Ein überzeugender Sieg, bei dem die Sandhausener in der zweiten Halbzeit nichts Richtiges mehr entgegenzusetzen hatten und die Eintracht eher um spielerische Elemente als ums Tore schießen bemüht war.

Doch  noch ein bisschen drumherum? 

Auswärtssieg, Auswärtssieg ,-)
Absoluter Star der Mannschaft ist, nein – nicht Alex Meier, sondern Kevin Trapp. Kevin Trapp-Gesänge. Winken. Johlen. Kevin. Kevin.  Alex Meier wächst immer selbstverständlicher in die Führungsrolle, die er ohnehin hat, auch außerhalb des Platzes. Kommt nach Abpfiff herüber zum Absperrgitter, gibt Autogramme. Und: Nelson Mandela, der Junge, der vor ein paar Wochen die U15 der Eintracht zum süddeutschen Meistertitel geschossen hat,  war auch im Stadion. Nicole, die ihn bereits kennt, stellt ihn mir vor, ich schüttele ihm die Hand und  erinnere mich daran, dass ich vor vier, fünf Jahren am Rande des Eintrachttrainings schon einmal einem hoffnungsvollen Eintracht-Nachwuchsspieler die Hand gedrückt habe – Cenk Tosun. Ich hoffe sehr,  dass Nelson tatsächlich seinen Weg machen wird, bei und mit der Eintracht.

Auf dem Heimweg fahren wir durch ein Sturzbachgewitter und denken an Sabine, die mit ihrer Vespa hoffentlich rechtzeitig irgendwo einen Unterstand gefunden hat. Bei strahlendem Sonnenschein landen wir wieder am Waldstadion und verabschieden uns bis zum Saisonstart gegen Freiburg. Der Weg von Nicole , Rosa und co.  führt jetzt erst einmal in den wohlverdienten Urlaub, meiner vorbei an gemähten Feldern zurück ins rheinhessische Hinterland. Was immer die neue Saison bringen wird: Ich freu mich drauf!

Kommentare:

  1. „Für mich gibt es in jedem Jahr diesen einen Zeitpunkt in der Saisonvorbereitung, da muss ich selbst etwas sehen.“ Dafür ernenne ich dich hiermit ehrenhalber zur Enkelin meines Lieblingstrainers Dietrich Weise! Der hat im Februar 2008 zum Bloggerkollegen Stefan Krieger gesagt: „Ach wissen Sie, junger Mann, wenn man über Fußball reden will, muss man sich Fußballspiele anschauen.“

    Du hast geschaut. Und teilst mit uns deine Einblicke und Eindrücke. Danke dafür. Und dass es hier und heute um das geht, um das sich ja längst nicht mehr alles dreht: das Spiel.

    Übrigens: Ich freu mich auch auf die neue Saison. Endlich wieder Fußball. Denn Fußball, sagt Kid Groupie ja immer, ist nur, wenn die Eintracht spielt. :-)

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    1. Ich mag Dietrich Weise auch sehr. Und da ich weiß, wie hoch du ihn schätzt, freu ich mich ganz besonders über die ehrenhalbe Ernennung - und darüber, dass du den Text genauso verstanden hast wie er gemeint war :)

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  2. Wunderbar, Kerstin, besten Dank. Endlich das, wonach die Seele lechzt: Fußball, Eintrachtfußball, mit Wittgenstein: wie er der Fall ist, mit Frankfurter Schule: kat' exochen. So spekulations- wie drumherumlos. Die Charakterisierung von Alex Meier, ein einziges Vergnügen: ein schleichend schwarmintelligent-horizontalpendelnder Fußballgott. Hat sonst keiner, gibt's nur bei der Diva. Einfach nur eine Freude und Bal(l)sam auf die sommerpausengeschundene Seele. Daher völlig zurecht: d e i n Lucas.

    Gruß aus dem Wilden Süden - Matthias

    P.S. Gute Besserung, Kid!

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    1. NIcht nur der schleichend-schwarmintelligent-horizontalpendelnde Fußballgott ist ein Vergnügen - deine Kommentare sind es ebenso. Auf das die Eintracht-Seele bald wieder aufblüht. Was hat der Herr Veh heute zu Protokoll gegeben: Mindestens vor der Eintracht will der VFB landen? Na, darauf würde ich, wenn ich Veh hieße, nicht wetten ,-)

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  3. Da hast du schön unsere Eindrücke zusammengefasst, liebe Kerstin.

    Wie wahr: Fußball ist nur, wenn die Eintracht spielt. Das ist Fakt, da bin ich ganz bei Kid Groupie.


    Ich lasse mir meine Zuversicht auf die neue Saison jetzt nicht mehr nehmen. Ich freue mich auch drauf!

    War wieder eine schöne kleine Reise mit dir, Kerstin. Die Gegebenheiten dort vom Parkplatz, den Weg zum Stadion, die kleine Baustelle, die netten Einheimischen ;-) und eine Eintracht, die durchaus Hoffnung auf eine gute Saison macht. Auch (oder gerade weil) vieles neu ist, neue Spieler, neues Trainerteam, neues Spielsystem. Bei mir ist jetzt Aufbruchstimmung. Und Thomas Schaaf hat mein volles Vertrauen.



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    1. Ja, schön war's - die Fahrt, das Drumrum, das Spiel und das Fachsimpeln. Ich weiß nicht, was die Saison bringt, aber ich habe das sichere Gefühl, dass sie sehr "fußballig" sein und der Fußball wieder mehr im Mittelpunkt stehen wird. Wir müssen ja nicht gleich Bäume ausreißen - aber vielleicht können wir es versuchen? .. so irgendwie. Freu mich!

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  4. Schöner Bericht!!
    Ich habe mir erlaubt, ihn bei Blog-G zu verlinken, da ich der Meinung bin, dass er von mehr Leuten gelesen werden sollte.

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  5. OT
    Herzlichen Glückwunsch zum 77 777ten Besucher deiner Seite! :-)))

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    1. Das ist ja nett :) ... und mindestens ein paar hundert dieser Klicks verdanke ich deinen Links zu Blog G. Danke!

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  6. Piazon. Piazon. Piazon. Piazon. Piazon. Piazon. Piazon.
    So, jetzt sitzt es. Ohne "Accent aigu" auf dem "o" bzw. ohne "Duddel" wie man im Hessischen schon mal sagt. Vielen Dank an Kid für den Hinweis. Wenn schon "mein Lucas", dann sollte ich ihn wenigstens richtig schreiben ,-)

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