Sonntag, 28. Juli 2013

Der Kirschbaum

Ein  wichtiger Mittelpunkt meiner Kindheit und Jugend ist der Kirschbaum, der bei uns im Garten stand. Der Baum hatte für unsere Familie eine wichtige Bedeutung. Eigentlich waren es zwei Kirschbäume, einer im Hof, einer im Garten – zum Kirschbaum im Hof,  der direkt hinter dem Haus stand, hatten wir alle eine besondere, man kann sagen: eine innige Beziehung. Der Kirschbaum war gepflanzt worden als meine Oma und mein Opa das Haus gebaut hatten, er war ebenso alt wie mein Vater. Mein erstes Baby-Foto zeigt mich zusammen mit meinem Opa unter dem Kirschbaum. Als ich ein kleines Mädchen war, war der Baum bereits riesig, höher als unser Haus und er trug jeden Sommer eine große Fülle, kleiner, köstlich schmeckender schwarzer Kirschen.

Mein Zimmer – ich lebte bei meinen Großeltern – war im ersten Stock, über dem Wohnzimmer meines Vaters. Der Kirschbaum stand direkt davor, fast konnte ich vom Fenster aus nach den Zweigen greifen.  Mein Bett stand neben dem Fenster, so konnte ich vom Bett aus in den Baum schauen, den Regen und den Wind in den Blättern hören.

Ein, zwei Sommer lang lebte ich in dem Baum. Eine der unteren, kräftigen Astgabeln war Aufenthaltsort und Turngerät in einem. Ich dachte mir eine ganze Welt aus, während ich mit dem Kopf nach unten im Baum baumelte. Lebte einsam in der Wildnis, war Schriftsteller, Schauspieler, oder Artist und probierte die Turnübungen, die ich mir ausdachte, immer und immer wieder.

Auch zu meinen ganz frühen Fußballerinnerungen gehört der Kirschbaum. Ich sitze mit meinem Vater in seinem Wohnzimmer, der Fernseher läuft, die Flügel des Fensters sind weit geöffnet, es ist warm. Im Dunkel zeichnet sich draußen die Kontur des Kirschbaums ab. Im Fernsehen: Fußball. Vielleicht das Sportstudio. Zwischendurch klettere ich durchs Fenster – das Zimmer liegt im Parterre – nach draußen, um ein paar Kirschen zu essen. Von Innen die Fußballgeräusche aus dem Fernseher, leise, manchmal laute Stimmen. Wenn ich genug gegessen habe, stelle ich mich auf einen kleinen Mauervorsprung, mein Vater lehnt sich durchs Fenster und hievt mich wieder hinein.

Im Frühjahr und Sommer schien sich bei uns immer alles um den Kirschbaum zu drehen. Wie voll hing er in diesem Jahr? Wann können die ersten Kirschen geerntet - "abgemacht" -  werden? Wenn ich Bauchweh hatte, lag das daran, dass ich zu früh oder zu viele Kirschen gegessen hatte. Der Ertrag des Baumes war so groß, dass alle rundherum von uns mit Kirschen versorgt wurden und meine Oma trotzdem kaum mit dem Einmachen und Einfrieren nachkam.  Ein Korb für Tante Kätha, einer für Tante Elli, zwei für Tante Lisabeth. Ein Eimerchen für die Nachbarin rechts – Frau L. -, eines für die Nachbarin links (Frau D.). Eine Schüssel für Frau B., bei der meine Oma putzte: „Nur zum Essen.“  B.s waren zu fein, um Kirschen einzukochen. Die Tochter B. war früher, als junges Mädchen, Haustochter bei dem berühmten Schauspieler Paul Dahlke gewesen und hatte dann einen Herrn H. geheiratet. Das war ein schmaler Herr mit Brille, der irgendeine wichtige Position inne hatte und nie zu sehen war. Bei B.s lagen überall Teppiche und wenn ich – manchmal, sehr selten – meine Oma beim Putzen begleitete, traute ich mich kaum darauf zu treten. Neben B.s wohnte Frau Lotz. Hier war ich für die Zustellung der Kirchen zuständig, denn im Haus lebte auch meine Freundin Susi. Frau Lotz erhielt während der Kirschenzeit ein über den anderen Tag ein Schüsselchen Kirschen. Sie war schon sehr alt, hatte große gelbe Zähne und hieß mit Vornamen Appollonia.

Hauptkirschenpflücker war mein Opa, der überhaupt der weltbeste Pflücker von Obst jeglicher Art war und in die höchsten Gipfel der Bäume steigen konnte. Dabei aß er selbst keine Kirschen: „Noch kaa aa gegessen“, bekräftigte er immer wieder.  Mögliche Pflückhelfer – mein Vater, mein Onkel Heinz – mussten sich seinem Kommando unterordnen und konnten es doch nicht recht machen. Meine Tante Lisabeth, die zunächst ganz in der Nähe von uns wohnte, kam im Sommer regelmäßig auf dem Heimweg „vom Opel“ mit dem Rad  (alle fuhren Rad) bei uns vorbei.  Dann standen wir zusammen im Garten, unter dem Kirschbaum, und aßen Kirschen bis wir nicht mehr konnten. „Direkt vom Baum schmecken sie am besten.“

Unser Haus war ein altmodisches, unzeitgemäßes Haus. Rund um uns herum wurden Wintergärten angebaut, Terrassen betoniert, Leitungen verlegt, Gemüsegärten durch Rasenflächen ersetzt. Das Haus und der Kirschbaum fielen immer mehr aus der Zeit. Das blieb auch so nachdem ich ausgezogen war, nachdem zunächst meine Oma, dann auch mein Opa gestorben war, und schließlich auch dann als mein Vater allein im Haus zurückblieb. Er bewohnte zwei Räume im unteren Geschoss und nutzte oben die Küche. Die restlichen Zimmer im Haus blieben, bis auf einige Möbel, die ich bei meinem Auszug mitgenommen hatte, unverändert. Die Zimmer staubten ein, wurden zu Ablage- und Abstellräumen.

Jetzt war mein Vater ungehinderter Herr des Kirschbaums. Im Frühjahr und Sommer hatte  er die Fenster zum Hof, in dem der Kirschbaum stand, in der Regel geöffnet. Bei länger andauerndem schönen Wetter zog er ins Freie. Dann stand unter dem Kirschbaum ein kleines Tischchen, außerdem gab es zwei Stühle – einer für meinen Vater, einen zweiten für seinen Freund Jakob, der häufig zu Besuch kam, und der für alle Welt nur "der Jockel" oder (so sein Nachname) „der Wolf“, für meine Freunde und mich „der große Wolf“ war – mit Ironie, aber auch einem Hauch echter Bewunderung für die großartige Selbstgewissheit, die er bei einer gewissen Schlichtheit seines Handelns ausstrahlte. Mein erstes Spiel im Waldstadion habe ich als kleines Mädchen zusammen mit meinem Vater und dem großen Wolf erlebt. Mein Vater war Eintrachtler, der große Wolf war Kickers- und Bayern-Fan, konnte aber - je nachdem wie er gelaunt war - durchaus der Eintracht auch etwas abgewinnen. Sie hatten im Laufe der Jahre gelernt, sich damit zu arrangieren. 

Links wurde der Hof von einer Mauer begrenzt. Dort stand eine alte grün gestrichene Badewanne, in der Regenwasser zum Gießen gesammelt wurde. Die Wand um die Wanne herum hatte mein Vater dekoriert – da hingen Regale und ein altes Wagenrad, eine Sichel. Und überall waren Blumen, Mengen von Blumen. Fleißige Lieschen, über und neben der Wanne, überall im Hof, wo ein Platz war, um einen Blumenkasten aufzuhängen oder aufzustellen, über- und nebeneinander blühte und blühte es. Jetzt war mein Vater derjenige, der alljährlich die reiche Fülle an Kirschen erntete, auf seine Art. Nachbarn und Verwandte konnten sich auch jetzt auf regelmäßige Lieferung in Eimern, Körben und Schüsseln verlassen.

Jeden Morgen, wenn mein Vater in den Garten ging, umarmte er den Kirschbaum – der Stamm war so dick, dass er ihn nur zum Teil umfassen konnte – und drückte ihn so fest er konnte. Er war davon überzeugt, dass die Kraft des Baumes auch ihm Kraft geben würde.

Vor ein paar Jahren starb auch mein Vater. Für mich gab es kein Zurück mehr ins alte Zuhause. Wir haben das Haus, unser Haus, verkauft. Es dauerte drei Jahre bis ich mich getraut habe, wieder am Haus vorbei zu fahren. Modern und gepflegt steht es da. Den Kirschbaum gibt es nicht mehr.

Mein Mit-Adler und ich bewohnen heute ein eigenes Haus. Bei uns im Garten wachsen Äpfel und Pflaumen, Johannisbeeren und Himbeeren. Nach dem Tod meines Vaters hatten wir einen Kirschbaum gepflanzt, der leider nicht wachsen wollte. Vor zwei Jahren ein neuer Versuch, in diesem Jahr die ersten Früchte, nur zwei Hände voll. Ein Anfang. Vor ein paar Tagen stand ich zum ersten Mal seit Jahren wieder unter einem Kirschbaum und habe Kirschen direkt vom Baum (na ja: Bäumchen) gegessen.  Da schmecken sie nämlich am besten. Es war ein glücklicher Moment.

Kommentare:

  1. Das ist wieder ein wunderschöner, bittersüßer Eintrag, Kerstin. Poesie, mitten im Leben. Diese Geschichte gehört in etwas, das man anfassen, halten und bewahren kann - in ein Buch. Mit Papier, vielleicht aus (Kirsch-)Baum gemacht. Auch Worte kann man umarmen. Und manchmal geben sie einem auch Kraft. Bis zum nächsten glücklichen Moment.

    Herzliche Grüße

    Rüdiger

    AntwortenLöschen
  2. Solche Geschichten brechen mir das Herz. Du hast nicht nur den Blues, Kerstin, du bist der Blues. Eine wunderbare Geschichte!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

    AntwortenLöschen
  3. War ich mal wieder blind? Hatte ich gar nicht gesehen, dass du den Kirschbaum wirklich eingestellt hast. Oder der Zahnschmerz hat meinen Blick getrübt...

    Wunderschön, liebe Kerstin. Du hast einfach eine große Gabe!

    LG Nicole

    AntwortenLöschen
  4. Kann mich nur meinen Vorrednern anschließen. Jeder hat so seinen Kirschbaum:-)

    AntwortenLöschen
  5. Ja, so einen Kirschbaum kenne ich auch. Am Eckardtsberg. Er hat mich immer erwartet, auch später, als ich in den Sommerferien von Frankfurt aus anreisen musste. Ich bin ihm im Film 'Padre Patrone' der Gebrüder Taviani wieder begegnet, obwohl er da kein Kirschbaum mehr war. Da ging es um die Vergewisserung eines Ortes, auch natürlich um Selbstvergewisserung. Schließ die Augen. Die Leinwand wird schwarz und still. Höre. Ein leises Brausen wird vernehmbar in der Schwärze, die Leinwand wird nächtlich und zeigt einen im Wind sich bewegenden Baum. Dann versinkt das alles wieder im Dunkel und in der Stille. Es war aber da. Und ist es im Geist immer noch. Wie man hört, sollen auch Indianer Bäume umarmt haben, Berühungen der Kraft. Nur: ein Indianer weint nicht. Sagt man.

    AntwortenLöschen
  6. Was für ein wunderschöner Text voller Erinnerungen. Danke für's Teilen, liebe Kerstin. Da kommen auch bei mir Erinnerungen an die Häuser und Gärten meiner Großeltern (mit Kirschbäumen) wieder hoch...

    AntwortenLöschen