Freitag, 21. Juni 2013

# "Ich bin schon da."

Der arme Hase, kann sich abjappeln so viel er will, wohin er auch rennt und hechelt: Der Igel ist schon da. Du hast etwas Brandneues gehört? Du denkst das ist Neuland? Mach dir nichts vor: Für den Rest der Menschheit, zumindest der im Netz befindlichen,  ist das alles schon Hashtag von gestern. Manche haben es schon gestern gewusst und eine Facebook-Gruppe gegründet. Wir überholen uns immer öfter selbst.  

Im Fernsehen gibt es keine Nachrichten mehr. Stattdessen einen informativen Überblick darüber, wer die originellsten Tweets zu was-auch-immer abgesetzt hat. Hallo Welt, bist du noch da? Möglicherweise ist längst ein Zaun um alles gezogen. Was oder wer dahinter ist? Keine Ahnung. Existent ist nur, was von sich reden macht und über das geredet wird. Das System explodiert. Alles schnell mal losgetreten, tausendfach kommentiert, hunderttausend Mal geliket und auf geht’s zum nächsten Witz, zum nächsten Event, zum nächsten Aufstand.  Möglichst schnell, bevor ein Gedanke aufkommen könnte und sich verfestigt. Noch witziger. Noch schneller. Noch origineller. Kritischer. Pointierter. Yippee, I’m a poet hope I don’t blow it.  

In Ungarn wird der staatliche Rundfunk kontrolliert? Das ist ein Eingriff in die Pressefreiheit. In Griechenland werden öffentlicher Rundfunk und Fernsehen gleich komplett abgeschaltet? Macht ja nichts, geht ja ums Sparen, geht um die Rettung Europas, sowieso alles korrupt da, bei den Griechen – da wollen wir es mal nicht so genau nehmen. Gegen was ging es noch gleich bei Blockupy?  War da nicht letztes Jahr irgendwas in Ägypten? Stimmt: Frühling.  Vielleicht könnte  sich schnell mal jemand stumm auf den Tahir-Platz stellen und fotografieren. In Irland hat in diesen Tagen der G8-Gipfel stattgefunden und im Vorfeld wurde ein nach der Immobilienkrise halbverlassenes Dorf geräumt und wieder neu  und lebensnah ausstaffiert. Sogar die Würste im Schaufenster der Pleite gegangenen Metzgerei wurden stilgerecht in putziges Lokalkolorit  getaucht – Fotokulisse. Schnell noch mal gegoogelt: "Potemkinsches Dorf: Oberflächlich wirkt es ausgearbeitet und beeindruckend, es fehlt ihm aber an Substanz." Mmh. Hauptsache Feed. Oder handelt es sich hier um ein Sinnbild? Je mehr Hype, desto mehr ist alles Wurst. Eben noch weg, schon sind wir da. Oder umgekehrt?

Warum und wogegen auch protestiert wird: Am liebsten ist es uns, wenn die Menschen, die da protestieren, so sind wie wir oder wie wir gerne sein wollen, dann stören sie nicht so: Gut ausgebildet, jung,  vernetzt, originell, demokratisch, ökologisch. Hurra, da bin ich solidarisch mit. Yes, you scan. Wo sind sie denn die Armen, Geknechteten, Ausgebeuteten, Schmutzigen, Verlumpten. Die Menschen mit Turbanen, Tüchern, Ziegen, Kühen?  Aha. Deswegen gibt es Navis, damit wir nicht vom rechten Weg abweichen und möglicherweise entdecken, dass es in der Welt ganz andere Probleme gibt.  Immer hübsch der Reihe nach. Wird schon noch dran kommen. Wir sitzen ja im Trockenen (zumindest ein Teil von uns). 

Wer hat die meisten Likes? Die ersten Bilder? Der schweigende Mann vom Taksimplatz. Jetzt schweigen wir alle (aber bitte nicht vergessen, es vorher zu twittern).  # Ohne Worte. Und  alles wird zu einem Massenphänomen. Immer. Sofort. Wir waren schon immer alle für mehr Demokratie in der Türkei (vielleicht ja deshalb, weil wir darin eine Bestätigung für unser Bild vom rückständigen, islamistischen Türken in unserer Nachbarschaft bestätigt sehen?).  In Frankreich protestieren Hundertausende gegen die Schwulenehe – obwohl  (oder weil?)  sie noch nie einen Schwulen aus der Nähe gesehen haben? Wir feiern uns selbst. Wir, die wir gerecht, offen, demokratisch und zukunftsorientiert sind. Wir haben eine Meinung. Und am liebsten alle die gleiche. Oka Nikolov wechselt in die USA? Innerhalb von wenigen Stunden ist  von ihm hier bei der Eintracht nicht viel mehr übrig als ein albernes Abziehbildchen. Wenn er schon weg ist, unser Oka, dann haben wir wenigstens viel Traffic. 15.000 Likes für ein Abschiedsspiel (ja, eines davon ist auch von mir). Oka-Poster. Oka-Statuen. Okas letztes Hemd. OMG. Weg. Wegger. Am wegsten. Wir finden uns gut. Ich heile mich selbst. Seufz. Ach, Oka! Ach, Welt!

Vorgestern wurde „Das kommunistische Manifest“ von Karl Marx von der UNESCO als dokumentäres Weltkulturerbe anerkannt. Gregor Gysi findet: Jetzt könnte endlich Schluss sein, mit den Berührungsängsten und Politiker aller Couleur könnte ruhig dazu übergehen, auch mal ein paar Blümchen im Gedenken an Marx niederzulegen.  Mir wäre lieber, sie würden es auch künftig lassen.  Weil: Achtung, Igel!


Kommentare:

  1. Einmal gelesen, heftig geschluckt. Zweimal gelesen, heftig gelacht, weil: als digital immigrant in dieses Neuland wäre auch ich fast in diese hetzhechelschnaufrennweiter-Schleife geraten. Die Verlockungen allzeit und überall verfügbarer Informationen sind groß, nur, was bleibt? Halbes, Unverdautes, Oberfläche. Je mehr wir zu wissen glauben, desto weniger wissen wir. Das brauche mer net, weil nicht ungefährlich für uns alle. Nicht SCHON da sein wäre der hashtag der Wahl, sonder DA SEIN. Macht halt eben (Denk-)Arbeit.

    Danke für diesen "Zeigefinger". Hoffe, er hat nicht nur mir einen Moment der Selbstreflexion geschenkt.
    LG, BB

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  2. "Existent ist nur, was von sich reden macht und über das geredet wird. Das System explodiert. Alles schnell mal losgetreten, tausendfach kommentiert, hunderttausend Mal geliket und auf geht’s zum nächsten Witz, zum nächsten Event, zum nächsten Aufstand. Möglichst schnell, bevor ein Gedanke aufkommen könnte und sich verfestigt."

    Texte, die zum Nachdenken anregen, laden immer auch zum Verweilen ein. Nicht zum Weg- und Weiterrennen. So wie dieser hier.

    Respektvoller Gruß vom Kid

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  3. Skandalös, dass dieser Text hier auch noch Zustimmung findet *schnapp* ... oder *schnappi* ... #schnappi ... ?

    Egal. # , das ist doch dieses niedliche Sprachgitter vom Celan Paule, der's wiederum vom Paule Jean abgekupfert hat. Der's von den ma Klöstern in den Zettelkasten ... Verstummen und so. Ha, wer's glaubt. Nämlich, die Welt ist schlecht. Und Wahrheit kann man nicht besser als an der Oberfläch verbergen, behauptet auch so ein Kumpel. Deppen allesamt, morgen ein Haschee-Tag. Endlich.

    Igel sollten übrigens zu jedermanns/fraus *Korv* Lieblingstieren zählen, so wie auch Schildkröten. Die einen sind immer schon, die anderen immer noch da. Summa summarum: da. So wie auch Kazzn, mit Ausnahme der Schroedingerkazz, bei der: mer waaß es net.

    Auch wissen net, ob jetzt #Aufschrei oder *Unnerhemd weg* #masmen. Vielleicht #Marsmen? Max & Engel, die neue Anwalts-Reality-Show?

    Ach, verwahre mich eventuell einfach mal gegen ... oder für? Yep, verwahre mich für ; - )

    Saludissimos ...














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  4. # Da Sein? Yes, we can. Und im Zweifelsfall beauftragen wir das Anwaltsbüro Max & Engel, unsere alleinige, individuelle Daseinsvertretungsberechtigung einzuklagen :)

    Freu mich sehr übers Feedback und eure Gedanken zu diesem Eintrag, grad auch weil er ein bisschen aus der Reihe fällt.

    lg in alle Richtungen, K.

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  5. Das ist ja alles richtig, aber auch das Gegenteil vom Richtigen ist nicht falsch. Siehs mal so: Wer sind wir denn, um dem Antihashtag vom Hashtag die Existenzberechtigung abzuklagen? Die Welt ist die Summe all dessen was geht. Oder gerade nicht geht, nicht en vogue ist etc. Was aber noch kommen wird, genauso gewaltig, wie das Vergessene einmal gewaltig war und irgendwann, wir werden es erleben, wieder aus der Mottenkiste springt wie Jack out of the box. Wenn wir es am wenigsten erwarten. Ich freu mich schon drauf, wenn das EBook gegen das gemeine Buch im Kampfesring der Bevorzugung stehen wird. Not und Elend und karges Brot werden nie überholbar sein, Stachel bleibt Stachel im Fleisch. Recht und Unrecht werden Kontrahenten bleiben, auch wenn die Tünsche der Beliebigkeit drüberschwappt und sich Zynismen drum reißen, wer denn denn nun zu Unrecht auf der Seite des Rechts steht und umgekehrt. Himmel nochmal: Ungewissheiten gibt es nur auf der Ebene der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie. Der ganze Overkill der Meinungsinflationen hat sich immer noch an Brecht zu orientieren: Erst kommt das Fressen, dann erst die Moral. Siehs nicht so eng: Mir ist allemal lieber vom Völkermord stante pete zu hören, noch bevor die Buschtrommeln geschlagen werden.

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  6. Ich seh's gewiss nicht eng. Ob die Twittermeldung ein wirksameres Mittel gegen Mord, Totschlag, Hunger und Elend ist als die Buschtrommel - ich wage es zu bezweifeln. Je mehr wir wissen und hören, desto scheißegaler wird es uns. Nach dem Motto: Gut, dass wir da mal drüber geschwätzt haben... ,-)

    Die Welt ist wie sie ist und wir sind Teil von ihr, man muss hinkucken und hinhören. Wie gesagt: Ich seh's gewiss nicht eng. Im Gegenteil: Still going strong :)

    Danke dir sehr für deinen Kommentar, lieber Achim.

    lg nach Freiburg, K.

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