Donnerstag, 16. Mai 2013

Spieler der Stunde: Der Russ, der Russ

„Schon widder der Russ…“  Zweieinhalb Jahre ist es her, dass dieser wütende Aufschrei während der TV-Übertragung eines Eintrachtspiels aus dem offenen Fenster eines Wohnhauses in Frankfurt-Oberrad  tönte und eine mit den Gegebenheiten bei der Eintracht nur rudimentär vertraute  Passantin ins Grübeln brachte: „Wie? Seit wann spielt denn eine Russe bei der Eintracht?“

Noch ein bisschen länger liegt eine Szene zurück, die sich in der Saison 2007/08 beim Spiel gegen Energie Cottbus  abgespielt hat und fest in meinem  All-Time-Lieblings-Eintrachtszenen-Gedächtnis abgespeichert ist.  Es war ein hektisches, aufwühlendes  Spiel inmitten des immer heftige dräuenden Caio-Funkel-Gedöns. Die Eintracht mit der Chance bei einem Sieg nochmal an die vorderen Plätze heranrücken zu können. Wir waren drückend überlegen, aber dennoch kein Durchkommen gegen tief stehende Cottbuser. Halbzeit. Dann nach Wiederanpfiff das Elend. Oka mit einem seiner Oka-Patzer – ein Aufsetzer, eigentlich muss er den haben. Er hat ihn nicht. Verdammt. Die Cottbuser führen. Die Eintracht stemmt sich gegen die Niederlage,  Cottbus jetzt weniger konzentriert.  In der 60. Minute Freistoß – ein Traumtor von Caio, sein erstes Bundesligator, der vermeintliche Durchbruch. Fünf Minuten später dann der Siegtreffer – der aufgerückte Russ zieht ab. Sieg. Sieg. Und dann die Szene, die sich mir eingraviert hat: Nach seinem Treffer dreht Marco Russ sich um, läuft über den ganzen Platz zurück zu Oka, klatscht ihn ab, umarmt ihn. Hey – dieses Tor – das war auch für dich!

Dann der Abgang. Von Pierre Littbarski wurde Russ beim ersten Zweitligaspiel der Eintracht direkt in Fürth abgeholt und nach Wolfsburg verbracht. Mmh. Auch du mein Sohn Brutus. Mit einer gewissen Schadenfreude haben wir ihn dann aus der Distanz bei seinem eher suboptimalen Gastspiel in Wolfsburg beobachtet, wo er immerhin – anders als Kollege Ochs – 24 Ligaspiele bestritt. Und seit dem Winter ist er also wieder da, der Russ. Etwas irritiert und skeptisch wurde seine  Rückkehr zur Kenntnis genommen, der Bub schließlich doch als eine Art verlorener Sohn  wieder in Frieden aufgenommen, bevor er irgendwo im toten Winkel zu verschwunden zu sein schien.  Und jetzt so was.  Marco Russ zurück auf dem Platz. Nicht wieder „der Alte“, sondern stärker als er jemals war - austrainiert, geschmeidig, konzentriert, kampfstark.  

Besonders überraschend und auffallend: Sein hartes und präzises Pass-Spiel und sein selbstbewusstes Auftreten.  Marco Russ scheint auf dem Weg zum Führungsspieler, zeigt all das und noch ein bisschen mehr von dem, was man einst in ihn hinein dachte, damals, als er auf dem Weg in Richtung Nationalmannschaft zu sein schien. Auf der zunächst ungewohnten 6er Position ist er gut aufgehoben, zwar weniger variantenreich als Pirmin Schwegler, ist er dort aber fast ein ebenso kongenialer Partner für Sebastian Rode. War immer die Rede davon, dass Seppl ohne Pirmin nicht „funktioniert“ – mit Russ funktioniert oder sagen wir besser: harmoniert er ebenfalls prächtig. Neben Russ, dem Defensiveren von beiden, kann Seppl Rode seine Dynamik besser ausspielen. Russ gibt dabei so etwas wie  die „hängende 6“ (falls es das noch nicht gibt, sollte man es schleunigst erfinden),  hält – konsequenter als Schwegler – die Position, während Rode  wie ein Flumi links, rechts, vor und hinter ihm rotiert.  Das war bereits im Spiel gegen Düsseldorf zu beobachten (bereits da lag Russ – zusammen mit  Seppl Rode – übrigens auch bei der - hier im Blog leider zunehmend holprigen - Wahl zum Spieler der Stunde ganz vorne), gegen Bremen jetzt noch einmal eine Steigerung. Der körperlich sehr präsente und hochgewachsene Marco Russ hält Rode sozusagen den Rücken frei – und nutzt die Lücken, die Rode reißt, für eigene Vorstöße.

Ein vollkommen neuer, generalüberholter Marco Russ? Das dann doch nicht. Ein paar Dinge sind gleich geblieben.  Zum Beispiel die ein (zwei, drei) Patzer pro Spiel, für die Marco Russ – ähnlich wie good old Oka – pro Spiel gut ist und die, wenn’s dumm läuft, schon mal schwerwiegende, auch Spiel entscheidende Folgen haben können. Toi toi toi – auch das ist neu: Bisher hat Russ die Patzer, die ihm unterliefen meist selbst wieder gut gemacht. Uff. Ebenfalls erhalten geblieben,  ist – trotz noch und noch mehr  wilder Tattoos – sein etwas unbeholfener Teddybär –Charme und  zunächst auch sein traumhaft sicheres Talent für Interviews nach dem Motto „Knapp daneben trifft trotzdem voll ins Schwarze.“  

Wir erinnern uns an seine Bewunderung für Maik Franz, der im Abstiegskampf so wichtig für die Mannschaft war, weil er „auch mal“ 100 Prozent gegeben hat. Oder an die Stammplatzgarantie unter Michael Skibbe, bei der man sich ja nicht wundern muss, wenn das nicht besonders motivationsförderlich ist.  Bei seiner Rückkehr aus Wolfsburg zeigte Russ sich entschlossen, dieses Mal nicht den Hut einzuziehen.  Er hat Wort gehalten und sich sukzessive vom Nicht-Einmal-Reservisten-Dasein über den Lückenfüller  auf die Bank und von dortfast schon zu einem Stammplatz in der Mannschaft vorgekämpft. Auch wenn Schwegler am Samstag wieder einsatzfähig wäre, wäre es mir gegen Wolfsburg trotzdem lieber Russ auf der zweiten 6 zu sehen. Hab ich das jetzt wirklich gesagt? Ja, ok. Hat so schon seine Richtigkeit.

Thomas Kilchenstein hat in der Frankfurter Rundschau am vergangenen Wochenende – zu recht - darüber spekuliert, was gewesen wäre, wenn Sebastian Jung den Pass von Lakic einfach verwandelt und das Tor zum 2:1 und für Europa gemacht hätte. Hätte er damit schon den Sprung in Richtung Eintracht-Legende – in einer Reihe mit Alex Schur – geschafft?  Hätte er sich „unsterblich“ gemacht?  Ja, vielleicht irgendwie schon. 

Seitdem Marco Russ mit dem Adler auf der Brust wieder regelmäßig und erfolgreich auf dem Platz steht,  gibt er weniger Interviews. Aber vor dem Spiel am Samstag gegen Wolfsburg haben Statements von Marco Russ ebenso wie die von Schrdschan Lakic - das liegt in der Natur der Sache - Hochkonjunktur.  Druck? Endspiel?  Angst vorm Scheitern? Marco Russ will sich gar nicht groß mit negativen Gedanken oder Ängsten belasten. „Wir machen das Ding klar.“

Ja, das wär...ähem... gut.  In der Tat. Also: Klar machen das Ding, aber so richtig.  Und vielleicht ist es dann am Ende nicht Sebi Jung, sondern Marco Russ, der das Tor nach Europa aufstößt  und „unsterblich“ wird.  Ausgerechnet gegen Wolfsburg. Ausgerechnet Marco. Das wär ein Ding!

Kommentare:

  1. Der Marco Russ. Du hast das schon gut beschrieben, Kerstin. Kann mich auch noch gut an das Spiel gegen Cottbus erinnern, jetzt wo du es erwähnst.

    Am Samstag wird er hochmotiviert sein, wie die ganze Zeit schon. Irgendwie passt es wieder. Er hat seine Chance genutzt. Würde mich gar nicht wundern, wenn er tatsächlich ein Tor macht.

    Herrje, ich bin so gespannt auf Samstag!

    LG Nicole

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  2. Du bringst es auf den Punkt Kerstin. Respekt, das er Wort gehalten hat, ich war für seine Rückkehr, und finde es toll was er leistet.
    Aber mal ne Frage die mich beschäftigt, und die mich vor ein großes Fragezeichen stellt.
    Warum gibt es das, das ein Spieler seinen Vertrag aus Überzeugung bis 2015 verlängert, um dann 2013 kurz vor Saisonende bekannt zu geben, das er sich "noch nicht entschieden" hat? Also ich mag Pirmin, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob er überhaupt bleiben sollte.

    Ich würde auf jeden Fall mal gerne Meinungen hören.

    Vg

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  3. @Nicole: Russ. Lakic. Alle, alle werden hoch motiviert sein. Und am Ende ist es egal, wer das Tor macht. Ich hoffehoffehoffe, dass wir nicht bis zur letzten Minute zittern müssen, 85. Minute... es steht 1:1...hiiiiiiiiiiilfe.... Einfach gleich vor der Halbzeit die Dinge klar stellen und dann...

    @Horst: Ich versteh's auch nicht. Grade als Kapitän, grade jetzt, wo er mit "seiner" Mannschaft Großes erreichen kann. Das ist alles so widersprüchlich - Zumal Pirmin - was man von Marco Russ nicht immer behaupten kann ,-) - ziemlich genau weiß, was er sagt und wie er es sagt. Ich denke, er ist ein kluger, nachdenklicher Mensch, keine Ahnung, warum ihm "so was" immer wieder passiert - hatten wir ja schon mal, in der Tasmanenrückrunde hat er sich auch so merkwürdig indifferent verhalten. Damals war ich mir sicher, dass er schlussendlich auch in der zweiten Liga bleiben würde. Ich mag ihn, gerade weil er so ist wie er ist. trotzdem geht es mir jetzt so ähnlich wie dir - ich bin mir nicht mehr soooo sicher, ob ich mir unbedingt wünsche, dass er bleibt. Wenn ja, freue ich mich. Wenn nein: Wenn er ernsthaft Wolfsburg der Eintracht vorzieht - dann soll er gehen.

    Morgen! Einträchtliche Grüße, K.

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  4. Reisende soll man nicht aufhalten. Auch wenn es zuweilen schwer fällt. Manchmal sieht man sich ja wieder. Und entschließt sich dann, dort zu bleiben, wo man zuvor weg wollte. Das Leben birgt viele Überraschungen und unerwartete Wendungen für uns. :-)

    Für Russ freue ich mich. Das war eine sinnvolle Verpflichtung in der Winterpause. Sie wäre es aber auch gewesen, wenn er nun zum Ende nicht zum Einsatz und solch eindrucksvollen Leistungen gekommen wäre.

    Es wäre besonders schön, würde ihm heute noch mal ein Treffer gelingen!

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  5. Man darf insbesondere bei Fußballern eines nicht vergessen: Ihre Karriere ist zeitlich begrenzt, da wiegt die Möglichkeit, sportliche Erfolge zu erreichen, neben dem finanziellen Aspekt noch mehr. Nun ist nicht unbedingt gesagt, dass Schwegler mit Wolfsburg mehr sportliche Erfolge feiern könnte. Mitunter könnte sich die Eintracht sogar bei weiteren Schritten in Europa dauerhaft oben und vielleicht sogar in Europa festsetzen, während Wolfsburg unter ferner liefen irgendwo im Mittelfeld der Bundesliga verkümmern könnte. Für einen Erfolg der Eintracht auf diesen Ebenen bedarf es eines weiteren Schrittes, der mit der jungen Mannschaft und dem gewachsenen Teamgeist möglich ist. Schalke, wenn auch nicht so attraktiv, ist schon etwas weiter: Die Chance, endlich Champions League spielen zu können, verbunden mit dem sicheren Einzug in die Gruppenphase der Europa League, sind gute Argumente.

    Seien wir fair: Schwegler würde bei Schalke vermutlich deutlich mehr verdienen. Es ist legitim, sich finanziell besser stellen zu wollen. Jeder Arbeitnehmer sollte dabei bedenken, wie die Balance zwischen Arbeitsklima, Arbeitsort und Gehalt aussieht. Für mich persönlich wäre das Leben in einer Stadt wie Frankfurt deutlich attraktiver. Es gibt inzwischen einen verbesserten sportlichen Anreiz (Europa), der mit kontinuierlicher Arbeit nun auch kontinuierlich bleiben könnte, setzt man einen Einzug in die Gruppenphase und die damit verbundenen Mehreinnahmen voraus. Die Fanbewegung ist groß und wird langsam, aber sicher, vernünftiger. Das "Revier" würde ich nicht vorziehen, für mich hat diese Gegend Deutschlands wenig Attraktives. Doch Schalke ist ein Arbeitgeber, der sich in einer Fußballervita durchaus gut lesen lässt. Verbunden mit einem deutlich höheren Gehaltsscheck ein attraktiver Arbeitgeber. Dass es bei der Eintracht so rosig bleibt wie zur Zeit, kann zudem niemand garantieren.

    Summa summarum spricht vieles für die Eintracht, recht wenig für Wolfsburg und einiges für Schalke. Doch jeder priorisiert anders. Schwegler hat das Recht, sich seinen Arbeitgeber auszusuchen, und ich hoffe, dass er bleibt. Sollte er aber gehen, wäre das aller Voraussicht nach keine Entscheidung des Herzens, sondern eine der Vernunft. Wobei mit dem Einzug in die Europa League die sportlichen Argumente der Eintracht nun besser wurden. Schalke ist schließlich auch noch nicht sicher in der Champions League vertreten. Nicht jeder zieht ein geliebtes Arbeitsumfeld einem hohen Gehaltsscheck vor. Doch manchmal sind Umfeld, Freunde, Lebensqualität wichtigere Komponenten. Wir werden sehen, wie sich Schwegler entscheidet. Respektieren werde ich die Entscheidung auf jeden Fall.

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  6. Danke dir sehr für deinen ausführlichen und genau abwägenden Kommentar. Das ist alles richtig und nachvollziehbar - von wegen Profigeschäft, keine Illusionen machen, Fußballromantikm, ja sicerh... Und natürlich muss sich jeder seine Gedanken machen, Schwegler gehört jetzt auch nicht mehr zu den ganz Jungen. Wenn er für sich noch einmal einen Sprung machen will, das abschließen, was man einen "großen Vertrag" nennt - dann wohl am ehesten jetzt. Trotzdem frage ich mich immer, ob der Unterschied zwischen sehr viel und sehr, sehr viel Geld sich am Ende tatsächlich rechnet. Mir fällt es - Profigeschäft hin oder her - zudem schwer den Zeitpunkt nachzuvollziehen. Schwegler ist der Kapitän dieser Mannschaft - jetzt Europa - da müsste man doch dabei sein WOLLEN.

    Ich glaube, dass Schwegler sich - egal in welche Richtung er sich entscheidet - sehr mit der Entscheidung quält und es sich - vielleicht ja ohne Not - schwer macht. Bei der Feier am Samstag war er irgendwie sehr blass um die Nase. Fast glaube ich, es war ihm unangenehm, sich feiern zu lassen.

    Wir werden sehen.

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