Sonntag, 10. Februar 2013

Unbewaffnet und in friedlicher Absicht: Impressionen rund ums Spiel gegen den Club

Keine Ahnung, was und ob da gestern im Waldstadion  tatsächlich etwas „verhindert“ wurde. Klar ist, dass das Setting des Spiels bestens dazu geeignet war, den Spaß am Besuch eines Fußballspiels auch bei wärmeren Temperaturen auf nahe Null herunterzukühlen.

Wir waren spät dran, dieses Mal nicht die (bei uns fast schon) übliche auf- den-letzten Drücker-Ankunft,  sondern bewusst geplant: Ein lieber Freund hatte zum Geburtstagsbrunch eingeladen und so starteten wir vormittags erst in Richtung Limburg, um von dort dann zurück ins Waldstadion zu eilen.  Idyllische Fahrt durchs verschneite Hinterland. Abseits der Autobahn geht es bergauf und bergab, weite Flächen,  kahle, vom Wind und Wetter merkwürdig verknorzte Bäume ducken sich in die Landschaft. Ab und zu wirbeln ein paar Schneeflöckchen. Mit Woody Guthrie fahren wir durch butzelige Dörfchen, vorbei Orten mit merkwürdigen Namen. Ennerich. Beselich. Niedertiefen- und Obertiefenbach. Lindenholzhausen. Schließlich Runkel, eine Bildermuchbühle, ein kleines Bächlein.  Lautes Hallo und Hoch-soll-er-leben. Das Buffet ist in einer umgebauten Scheune aufgebaut.  Überall bruzzelt und brodelt, dampft und duftet es lecker. Ein kleiner Junge wählt nach intensiver Inspektion der Lage ein hartgekochtes Ei und einen Schokoladepudding. Unter die Gäste mischen sich ein paar närrische Hüte, Indianer und Cowboys. Wir sind als Eintrachtler da, scharen uns  nach dem Essen noch wenig um das Feuer, das an der Feuerstelle im Innenhof flackert, schwätzen und  schauen in den blitzblauen Himmel, dann verabschieden wir uns.  "Schön, dass ihr da wart."„3 Punkte.“ „Viel Spaß.“ Und dann sitzen wir auch schon wieder im Auto, in Steeden ist an einem Fenster eine Eintracht-Fahne gehisst.  Hurra, wir kommen! 

Im Radio hören wir, dass Benni Köhler im Stadion war und verabschiedet wurde. Das hätte ich gerne miterlebt. Carlos Zambrano spielt, die Nürnberger Fans haben – wie angekündigt – aus Protest gegen das Zaunfahnenverbot ihren Block verlassen. Dirk Schmitt berichtet, dass angeblich 200 kg Pyrotechnik  von Nürnberg nach Frankfurt verbracht worden sein sollen. Zweihundert. Das sind 4 große Zementsäcke. Du liebes bisje, wer glaubt denn so was - vor meinem inneren Auge erscheint ein als betrunkener Clubberer maskierter Sack, der gestützt zwischen zwei leibhaftige Franggen am Eingang abgetastet und ins Stadion durchgewinkt wird.

Als wir kurz vor vier an unserem Parkplatz an der Mörfelder Landstraße ankommen, sind die Nürnberger noch immer nicht in den Block zurückgekehrt und auf dem Platz steht es nach wie vor 0:0. Ich rüste kleidungsmäßig noch ein wenig auf –  warme Socken, Fleece, matschfeste Stadionschuhe, Eintracht-Handschuhe – hoppla nur einer da, na gut. Wo es sonst rotundschwarz wuselt und wimmelt, ist jetzt alles wie leergefegt. Die Fahrer der Fanbusse halten ein Schwätzchen, lehnen rauchend an ihren Bussen oder trampeln sich ein bisschen warm.  Jetzt, wo hier alles kahl und leer und keine Eintracht-Seele weit und breit zu sehen ist,  scheint  der ohnehin nicht ganz kurze Anmarschweg zum Stadion noch ein bisschen weiter. Das zieht und zieht sich. Bei Bratwurst Walter steht ein Trüppchen mit Eintracht-Schals um einen Tisch herum. Die ziehen es anscheinend vor, das Spiel aus der Ferne vorbeirauschen zu lassen. 

Ich werde jetzt doch hibbelig und will möglichst schnell ins Stadion, mein Mit-Adler hat keine Lust zu hetzen – sind sowieso nur noch ein paar Minuten bis zur Halbzeit. Ich hechele also vorne weg. Am Stadion-Eingang vier Ordner, die sich freundlich und ausführlich um mich kümmern, jetzt bin ich schon auf dem Waldweg Richtung Stadion, erste Stadiongeräusche schwappen zu mir herüber und da fällt es mir wieder ein: Scheiße. Risikospiel. Unser Block auf der Gegengerade ist dicht neben dem Gästeblock. Ob ich da überhaupt auf normalem Weg durch komme? Die Ordner an der Treppe stehen dicht gestaffelt, einer verkürzt meinen Laufweg, ich versuche es über die Außenbahn. Umdribbele ein erstes Polizeikordon, dahinter reiht sich ein dichter Abwehrriegel aus Polizeifahrzeugen. Vor den Gittern steht keine Viererkette, sondern eine weitere Hundertschaft Polizisten mit herunter geklapptem Visier, dahinter im Käfig die aus dem Block ausgewanderten Nürnberger. Die Bilder ähneln denen von unserm Spiel in München. Ok, hier ist also kein Durchkommen, ich versuche es oben herum. „Nur Versorger und Polizisten", raunzt ein kräftiger Herr in Gelb. Mann, verdammte Hacke. Ich will das Spiel sehen, ich will zu meinem Platz. Versuche es mit einem weiteren kurzen Anspiel. „Nur Versorger und Polizisten.“  Ach so, der kann gar nicht sprechen.  Und jetzt? Inzwischen hat die Halbzeit angefangen. Ein leicht angedüdelter Clown hoppst vor einer Reihe Polizisten herum. Er hat den Fotoapparat gezückt und singt. „Huhu, winke e mol.“ Die Polizisten finden das gar nicht lustig. Jetzt aber. Gehen Sie So. Fort. Zurück. Lassen. Sie. Das. Sonst konfisziere ich das Gerät. Stei Polizopp.

Ich trete den Rückzug an, mehr oder weniger eleganter Seitenwechsel. Versuche über die andere Flanke einen neuen Anlauf zu nehmen. Zurück, Treppe runter, rund ums Stadion herum. Treppe auf der anderen Seite wieder rauf. Mit Blaulicht sind jetzt auch Krankenwagen unterwegs. Ein weiterer Polizeitrupp ist im Laufschritt unterwegs zur Grenze.  Was auch immer angekündigt wurde oder befürchtet werden musste: Das hier sieht schwer nach einem Entlastungsangriff der Eintracht aus. Von wegen:  wir lassen uns nicht mehr nachsagen, dass wir nicht hart genug durchgreifen.

Als ich an meinem Platz ankomme, hat die zweite Halbzeit bereits begonnen. The last one now will be later the first - mein Mit-Adler ist  schon da, er hat sich den Durchgang durch die Besatzungszone durch energisches Nachsetzen erzwungen: „Ich komme unbewaffnet und in friedlicher Absicht.“ Da musste sogar der Polizist grinsen und ließ ihn durch. Schnell nochmal zur Toilette in der Sperrzone  ging leider nicht – dort  waren alle Toilettentüren  durch Ordnungskräfte verstellt und ich frage mich, wie die Nürnberger  das während der  zwei- bis dreistündigen Aufenthalts geregelt haben?  Kann man dann trotz ohne Klo fürs Wildpinkeln bestraft werden? Das sind so Fragen.

Zum Spiel. Es war eines der Sorte, wie man sie schon hundertfach gesehen hat und die einem ein wenig ratlos zurücklassen.  Für mich - trotz M1 und Düsseldorf - uneingeschränkt das schwächste  Spiel, das wir in dieser Saison von unserer Mannschaft gesehen haben.  An diesem Tag war nichts, aber auch gar nichts zu erkennen, von unserem so spektulär präzisen und variantenreichen Offensivspiel.  Das war nicht nur wenig, das war nichts und zwar von (fast) jedem  Einzelnen und von allen zusammen. Spielwitz, Kreativität -  perdu, wie weggefegt. Fehlpässe. Eine Riesenlücke zwischen Abwehr und Mittelfeld, wobei umgekehrt auch die Nürnberger uns durch die Mitte einigermaßen viel Raum ließen.  Viele Ballverluste bereits direkt  bei der Ballannahme. Unkonzentriertheiten. Oczipka, Schwegler, Rode, Aigner, Inui wirkten fast ein bisschen genervt. Lässt sich das allein durch die dezimierte Trainingsgruppe in der zurückliegenden Woche erklären? Mmh.

Taktisch agierten die Nürnberger ähnlich wie die 05er vor ein paar Monaten:  Unsere  Mittelachse wurde konsequent  von den Außenbahnen, und die Außenbahnen wurden von der Mittelachse abgeschnitten.  Kurzpassspiel war so kaum möglich und wir sind um die Erkenntnis reicher, dass  wir anscheinend doch noch nicht so richtig darauf eingestellt sind, wie die Gegner sich auf uns einstellen.  Wenn doch einmal ein Angriff über die Außenbahn annähernd bis zum Strafraum kam,  wurde die direkt attackiert, die Gegenseite konsequent zugestellt, lange Seitenwechsel waren kaum möglich.  Sowohl die Flanken von Bastian Oczipka, wie auch die von Stefan Aigner, kamen gestern zudem ungenau und  Hauptsache hoch,  in den Strafraum , in der zweiten Halbzeit hätte das zwei Mal -  einmal per Meier-Kopf, einmal per Meier-Fuß  – auch fast geklappt.  In unserem Angriffsspiel war wenig Bewegung, keine Spur von horizontalem Pendeln. Am erfolgreichsten noch die Angriffe durch die Mitte,  bezeichnenderweise häufig durch Sololäufe. Pirmin Schwegler konnte das ein oder andere Mal  mit dem Ball am Fuß fast über den gesamten Platz laufen, ohne eine Anspielstation zu finden. Srdan „De“ Lakic versuchte sich die Bälle von hinten zu holen und durch die Mitte nach vorne zu schleppen. Das gelang selten,  bei Ballbesitz attackierten die Nürnberger früh und aggressiv. Aus unseren Ballverlusten resultierten umgehend gefährliche Gegenangriffe. 

Der Club überzeugte nicht durch große spielerische Finesse, dafür mit direktem Vorwärtsdrang und straightem Spiel. Sie waren erkennbar nicht nur in Frankfurt, um ein Unentschieden zu holen  - sie wollten gewinnen. Und wenn wir mit Kevin Trapp nicht so einen überragenden Torwart hätten, wäre ihnen das auch gelungen.  Nix passiert, alles  immer noch im grünen Bereich. Immerhin ein Punkt, damit muss man auch mal zufrieden sein.  Ja, ja. Trotzdem wird man ein wenig unbescheiden. Chance verpasst. Wir hätten tatsächlich zweiter werden können. ZWEITER. Aber weiterhin vorerst ungefährdeter Vierter ist ja auch ganz schön.

„Die große Pyro-Show im Stadion ist verhindert worden.“  So, so. Jedenfalls ist das Spiel jetzt aus. Der Tag nimmt ein putziges Ende. Obwohl ich im Stadion grundsätzlich auf clever payen verzichte, habe ich auf Umwegen in den letzten Wochen zwei Meier-Becher ergattert. Einen Rode-Jung-Becher hätte ich gern auch noch – wer weiß, wie lange es den noch gibt ,-). Kaufen geht nicht. Macht aber nichts, auf dem Rückweg weiche ich einem Poller aus, stolpere über ein Dingsda im Matsch – ein Stadionbecher und tatsächlich: Rode-Jung, hurra.

Mein Mit-Adler erzählt mir eine Anekdote aus seiner schwäbischen Heimat:  Ein Ladenbesitzer hat seinen Kassenschlüssel verlegt, sucht und sucht und fleht in seiner Verzweiflung den Himmel an. Tatsächlich: Wenige Minuten später findet er ihn - und außerdem einen Handschuh, den er schon vor längerer Zeit verlegt hatte. „So ist er, unser Herrgott, wenn man einen Kassenschlüssel sucht, legt er einem gleich noch einen Handschuh dazu.“  Was soll ich sagen:  Nach einem langen Tag wieder zu Hause angekommen, finde auch ich meinen fehlenden Handschuh, der mir beim Öffnen der Autotür entgegenfällt. Na, so was. Wie hat doch mein Grundschullehrer mir dereinst in mein Poesiealbum geschrieben: "Denn wer sich kann im Kleinen freuen, der kann sich freuen oft und viel." Und wenn das mit Kassenschlüssel bzw. Becher und Handschuh so 1a funktoniert, dann kann der für die Fußballabteilung zuständige Engel  nächste Woche beim Wiederfinden der verlorenen Form sicher auch gleich noch 3 Punkte dazu legen.

Kommentare:

  1. Also gestern hatte ich so für ein paar Momente schon das Gefühl: Verdammt nochmal, ich habe keinen Bock mehr darauf, alle paar Wochen mit vierzigtausend Anderen die Kulisse für ein Bürgerkriegsmanöver abzugeben. Außerdem kalt und Spiel recht mau. Gab schon bessere Tae im Waldstadion.

    Besser spielen werden werden wir auch mit himmlischer Unterstützung wohl selber müssen. Was den blöden Rest angeht, kann man wirklich nur noch auf den Hergott hoffen. Gruß, C.

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  2. 2. ? dann hätten wir das Skandalspiel Gladbach noch toppen müssen mit einem locker flockigem 15:0 - sorry für die trockenen Trauben - dacht ich auch erst, aber ´s Torverhältnis ist einfach zu schlecht...

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  3. Zweiter,dafür hätten wir aber mit einer Differenz von 15 Buden gewinnen müssen ;-)

    Die Ursach für den flauen Auftritt kann ich leicht benennen: Besuch aus dem Forum war hier, allesamt Dauerkaddebesitzer, die ganz genau wussten: sie gehen mal nicht ins Waldstadion, guggen die Partie stattdessen in einer schwäbischen Skykneipe - kann ja garnet gut gehn. Und so kam's dann auch. Hab die ganze Bagage sofort wieder haamgeschickt.

    Der gewohnt souveräne Auftritt unseres Trainers im ASS konnte nur sehr partiell über den tristen Kick hinwegtrösten.

    Hier mitzulesen, ist allerdings stets ein Vergnügen.

    Grüßle!

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  4. Ich komme auch in friedlicher Absicht. Und habe deiner Analyse nichts hinzuzufügen. :-)

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  5. Oje. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil. Ich meinte natürlich moralischer Zweiter...ach quatsch Zweiter der Herzen...oder so...**wirr**

    Länderspiele? Kein geregelter Trainingsbetrieb? Pah. Ich finde allmählich kommen wir in der Ursachforschung doch weiter.1)Die Forumler im Schwäbischen. Das ist sehr einleuchtend. Und 2) Bei mir war es exakt das zweite Mal, dass ich nach einem Geburtstagsbrunch erst zur zweiten Halbzeit im Stadion eingelaufen bin. Das erste Mal war beim Hinspiel gegen den SC Paderborn. Und wie endete das Spiel? Klare Sache: Wer immer mich noch einmal vor einem Spiel zum Frühstücken einladen will - keine Chance ,-)

    Huhu Kid - ich seh dich - du schwenkst die (schwarzund)weiße Fahne!

    Freu mich über eure Kommentare - lg in alle Richtungen!

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  6. Schön,dass du über einen Rode-Jung gestolpert bist.Dachte erst beim lesen,du wärst den beiden vor die Füss gestolpert,lacht.
    Ja,in der tat war ein starkes Polizeiaufgebot da und dass zu Recht,denn wie die Nürnberger Fans ins Stadion gestürmt sind(Gästeblock) ab der 25.Min,war schon heftig-die armen Ordner.

    Schön,dass der Horst da war und verabschiedet wurde und seine neue Frisur-echt schick.aber mit seiner braunen Lederjacke und den Jeans,sah er schon sehr schmächtig aus.
    War auch in der Halbzeitpause noch mal im Innenraum zum Interview-so wie ich dass sehen konnte.
    LG
    (B).die erbärmlich fror,nach solanger Abstinenz.

    Wähle diesmal den Kevin.

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  7. Hab die erste Halbzeit ja leider verpasst und konnte also auch bei der Benni-Verabschiedung nicht dabei sein. O ja, es war saukalt, zumal einem beim Spiel auch nicht so richtig warm ums Herz wurde. Freu mich, dass du wieder im Stadion dabei bist!

    lgk

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