Freitag, 29. Juli 2011

Fremde Inder

Ungefähr 200 Facebook-Initiativen zum sofortigen Wiederaufstieg. Missionen. Ich-bin-dabei-Pages. Bebber, Blogs, Atomaufstiegsträume – und in dem Moment, in dem ich am Montag beim Spiel gegen Pauli unseren Block – Gegengerade, ziemlich dicht an der Gästekurve – betreten habe, wusste  ich wieder, was in den letzten Wochen hinter einem leichten Schleier verborgen war: Die Wahrheit is auffem Platz.

Die Mannschaftsaufstellung. Fast wie ein Schock. Klar. Umbruch. Notwendig. Habe mich - selbstverständlich *g - ausführlich mit den neuen Spielern beschäftigt, diskutiert, Meinungen ausgetauscht. Beim Spiel in Fürth einen ersten Eindruck gewonnen. Und doch jetzt, wo ich sie hier im Stadion auflaufen sehe, ist es fast wie zu WG-Zeiten, wo es öfter mal vorkam, dass man morgens noch im Halbschlaf und eher spärlich bekleidet ins Bad, in die Küche, ins Nachbarzimmer tapperte und erst mal zurückschreckte: Aaargs – ein fremder Mann/eine fremde Frau. Wer ist DAS denn?

Wo Eintracht drauf steht, ist auch Eintracht drin? Wir alle wissen: Das stimmt nicht. Trotzdem habe ich am Montagabend mein Herz über die Hürde geworfen – ich will, will, will daran glauben, das alles seine Richtigkeit hat - und habe all die neuen Namen in den Himmel geschrien als hätte ich nie etwas anderes getan. Würden sie von diesen Männern einen Gebrauchtwagen kaufen? Keine Ahnung – aber das Wohl und Wehe der Eintracht muss ich ihnen wohl oder übel in die Hand geben und darauf vertrauen, dass sie – wenn wohl kaum ein wie auch immer geartetes inniges Verhältnis zur Eintracht, dann doch zumindest ein Interesse daran haben, hier bei uns, für uns einen guten Job zu machen. Sogar vor dem Trainer-Namen schrecke ich nicht zurück. Skibbe und Daum sind in zwei Jahren kein einziges Mal über meine Lippen gekommen. "Armim" - "Veh" schreie ich mit und während ich rufe, denke ich: Falscher Film, oder? Und singe mir jetzt erst recht beim Europalied die Lunge aus der Brust.

Bei Licht und rational besehen halte ich fast jede unserer Neuverpflichtungen für sinnvoll oder zumindest für nachvollziehbar.  Von dem einen bin ich mehr (Matmour, Djakpa) , von dem anderen vielleicht etwas weniger (Hoffer) überzeugt, zu einigen habe ich noch keine richtige Meinung (Lehmann, Kessler, Schildenfeld), zu anderen kann ich nichts sagen (Bell, Schmidt). Und doch, wenn ich sie jetzt so nebeneinander lese und auflaufen sehe: Was für ein wild und bunt zusammengewürfelter Haufen.

Am tiefsten Punkt des Erschreckens, ertappe ich mich sogar dabei, wie ich Marco Russ vermisse. Maaan. Wasisdasdenn. Das liegt gar nicht mal an dem eher suboptimalen Auftritt von Gordon Schildenfeld (warum rückt der eigentlich nie mit auf?),  sondern einfach weil es sich merkwürdig anfühlt, dass Russ nicht da ist. Ein wenig hüftsteif, mit seinem Teddybärgesicht und seinen Hunde-Tattoos.

Alle im Stadion taten ihr Möglichstes, um mir die Umgewöhnung zu erleichtern. Die wenigen verbliebenen DK-Sitznachbarn waren bemüht, an die Leistungen der letzten Saison anzuknüpfen, indem sie schon nach wenigen Minuten, den gleichen Scheiß schwätzten wie im letzten Jahr. Die Mannschaft knüpfte nahtlos an die Rückrunde an und das Spiel sah genauso aussah, wie die vorerst letzten Erstligaspiele, die ich vor ein paar Wochen hier gesehen habe. Vergebene Liebesmüh. Nützte alles nix. Ich fremdelte.

Dann, am Donnerstag, die Verpflichtung eines weiteren, dringend benötigten Spielers. Wieder jemand, mit dem ich nur äußerst vage Vorstellung verbinde. Bamba Anderson. Heiliger Bimbam. Wer immer das sein mag, er wird jedenfalls schon mit dem Adler-Trikot auflaufen. Und er hat einen coolen Namen.

Irgendwie muss Armin Veh meine Schwingungen empfangen haben. Morgen, in Halle, wird Oka Nikolov im Tor stehen. Und wird in diesem Jahr nun also noch einmal die Rolle übernehmen, die er letztes Jahr bereits verkörperte: Ein Bindeglied zwischen nicht mehr und noch nicht. Veh verdeutlicht: Keine Entscheidung gegen Kessler (was perspektivisch auch nicht richtig wäre),  sondern eine für beide Torhüter und pro Oka. „Oka wird im Pokal im Tor stehen. Er hat eine super Vorbereitung gemacht und ist ein toller Kerl. Er hat es verdient zu sielen, er ist viel zu schade für die Bank.“ Und: „Oka ist am ältesten und am längsten dabei, deswegen wird er morgen Kapitän sein.“ Knitz, der Herr Veh, wirklich knitz.

Nach wie vor bin ich mir nicht sicher, was ich von Armin Veh als Trainer halte, ob er wirklich durchhalten wird, wenn’s schwierig wird und ob er am Ende wirklich derjenige sein kann, der die Eintracht wieder ins Gleis und zurück in die erste Liga bringt. Aber über seine Äußerungen und Entscheidungen der letzten Tage und Wochen habe ich schon öfter und mehr zustimmend in mich hineingegrinst als bei allen Trainer-Äußerungen der letzten beiden Jahre zusammen.

Alla fort. Ihr Ivorer. Kroaten. Österreicher. Algerier. Brasilianer. Schweizer. Ex-Stuttgarter und Ex-Hamburger. Tschechen. Türken. Hessen. (Fast) griechenlose Bembeltownianer. Lasst es uns zusammen versuchen. Fremde Inder Nacht können ja schließlich zu Freunden werden.
***

PS: Mehr Eingewöhnungslektüre gibt es in der Klappergass. Zu Bamba Anderson, aber auch zu allen anderen Neuzugängen.

Kommentare:

  1. Ja, pfiffig ist er, der Armin Veh. Ich bin gespannt, wie die Presse und die Fans mit ihm umgehen werden, wenn es mal - punktemäßig - schlecht läuft. Meine Prognose ist, dass Veh sich dann nicht ändern wird, die ohnehin vorhandenen Ansätze zur Ironie werden sich nur verstärken, doch die Stimmung in den PK wird dann nicht mehr so locker sein. Wie die Berichterstattung wohl dann ausfallen wird - nachdem er auch dem einen oder anderen Journalisten verbal auf die Füße gestiegen ist?

    Freundschaften braucht es indes für mich auch in dieser Patchwork-Truppe nicht (mehr). Hätten sich die Ich-AGs in der letzten Rückrunde lediglich zu einer verschworenen und entschlossenen Zweckgemeinschaft zusammen gefunden, würden wir heute nicht in der 2. Liga kicken. Mehr als diese entschlossene Zweckgemeinschaft, die ein gemeinsames Ziel hat, erwarte ich nicht für die neue Saison - aber mehr braucht es auch nicht.

    Anderson allerdings, so sieht es zumindest für mich aus, braucht mehr. Wenn es Veh gelingt, dem jungen Mann den Rücken zu stärken, werden wir viel Freude an ihm haben. Wenn. Wenn nicht, dann nicht.

    Gruß vom Kid, der sich für den anregenden Eintrag sehr bedankt

    PS: Ich werde jetzt aber doch mal Sinatras Strangers in the night auflegen. :-)

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  2. Fremde Inder :-)

    Identifikation geht anders, das war einmal. Wir. Jetzt sollen die halt nur noch gewinnen. Immer. Geht Veh, kommt ein anderer: Das Beste ist, er würde lange bleiben, dies bedeutet: Erfolg.

    viele Grüße

    Beve

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  3. Oh danke Kerstin, du sprichst mir aus der Seele... Eigenartig ist das alles gerade. Es fällt mir noch schwer, mich zu gewöhnen...

    Abwarten.

    Wir sind noch da. Das ist doch die Hauptsache ;-).

    So ein richtiger Inder tät uns noch fehlen... Aber Fußball ist nicht so deren Sportart, glaube ich.
    Japan ist aber auch out bei uns. Könnte man da nicht noch mal einen finden?

    LG Nicole

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  4. @Kid: Und ich danke dir für den anregenden Kommentar :-)

    @Beve: Ich kann nicht anders. Wider besseres Wissen hoffe ich immer wieder.

    @Nicole: Gibt es überhaupt einen Inder in der Bundesliga?? Die Japaner haben sich bei uns anscheinend wirklich noch nicht rumgesprochen.

    Abwarten. Und wir sind da. Sowieso.

    Danke euch! lgk

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