Sonntag, 7. Juli 2019

Sommer-Schnipsel (Teil 2): "Everybody moving, if they ain't already there. Everybody got to move somewhere"*

So ist das manchmal - es gibt viel zu erzählen und zu denken, das Notizbuch füllt sich, und der Blog bleibt trotzdem leer.  Viel Arbeit, viel Sommer, viel Garten sin die Gründe,  aber vor allem hindert mich im Moment ein fast anfallartiger Leserausch. Egal wann wie und wo, knappse ich mir eigentlich immer ein Eckelchen meines Tages fürs Lesen ab, aber im Moment nutze ich quasi jede freie Minute. Es fing wie so oft querbeet an - In diesem Fall von George Sand über Eduard von Keyserling über Enzensbergers Museum der moderneren Literatur bis zu Saša Stanišič und Francis Wyndham bis ich - später als offensichtlich viele andere - auf Elena Ferrante gestoßen bin, der ich seitdem nach Neapel und Ischia folge, und die mich im Moment nicht mehr loslässt. Bin mir noch nicht sicher, wie ich sie literarisch einschätzen soll - weiblicher Pynchon? Sicher nicht. Ein fesselndes und ungewöhnliches Leseerlebnis? Ganz sicher.

Als Sommeruntermalung läuft natürlich auch die Saisonvorbereitung der Eintracht immer mit. Und? Na ja - das bekannte Kommen und Gehen und ich ertappe mich dabei, dass ich noch gar keine Lust habe, damit anzufangen, mir Namen zu merken.

Rodrigo Zalazar ist noch gar nicht da und wird schon wieder verliehen. Immerhin konnte vor seiner Abreise noch eines der üblichen Vertragsunterzeichnungsgrinsebilder mit Fredi Bobic gemacht werden. ("Viel Erfolg, Rodrigo" vermeldet die Eintracht auf Instagram, von mir aus, aber ich kenn' den Mann doch gar nicht). Max Besuschkow (wie oft hat der nochmal bei uns gespielt?) wechselt nach Belgien, Daichi Kamada kommt von eben dort wieder zurück (und bereitet beim Testspiel in Bad Homburg gleich zwei Tore vor).  Nachwuchstalent Noel Knothe (er wurde, wenn ich mich richtig erinnere, im letzten Jahr wg. der Quote noch schnell mit einem Profivertrag ausgestattet) wechselt zum FC Pipinsried in die Regionalliga, Marc Stendera wechselt wer weiß wohin und für Felix Wiedwald hoffe ich wirklich, dass er mit dem  MSV Duisburg endlich wieder einen Verein gefunden hat, bei dem er auch spielt. Jovic ist weg, Rebic so gut wie. Mein Tipp ist, dass nicht nur Haller, sondern auch der Seppl Rode und Hinti uns noch verlassen.  Auf dem Haben-Konto registrieren wir Dijibril Sow, Dominik Kohr Eric Durm und Dejan Joveljic, der kein Jovic sein will. Schaun mer mal.  Wer auch immer noch kommt oder geht - das erste Testspiel ist bereits absolviert, das erste Trainingslager startet und nicht nur die Dauerkarte, sondern auch die Karte für den ersten europäischen Spieltag war schon im Briefkasten. Talinn oder Nis, auf dem Ticket heißt der Gegner  "1. Qualifikationsrunde" - der sollte zu packen sein.

Das Wetter wird vielleicht so oder auch anders, es ist zu heiß und in jedem Fall zu trocken, auch wenn es tagelang regnet, und die Temperaturen nicht über 20 Grad hinausgehen. So ist das halt. Und ganz ähnlich ist es auch mit den Zecken: Sie sind gefährlich.

In unserer Lokalzeitung lese ich (Überschrift),  dass es in diesem Jahr "womöglich" mehr Zecken gibt und dass dies eine Folge des Klimawandel sein könnte. Im Text wird berichtet, dass eine Hundebesitzerin den Eindruck hat,  dass ihr Hund nach Spaziergängen mehr Zecken aufweist als früher. Ein Arzt bestätigt, dass man subjektiv den Eindruck haben könnte,  dass es mehr Zecken gibt,  zumal die derzeitige Witterung - warm,  aber nicht zu heiß,   feucht - ideal für Zecken sind.  Auch seien in den vergangenen Jahren an einigen Stellen in Deutschland vermehrt ausländische Zecken registriert worden,  insgesamt 19, und es könne vermutet werden,  dass diese Zecken Art sich in den kommenden Jahren auch in Rheinland-Pfalz ansiedeln könnte. Im letzten Absatz des zweispaltigen Artikels mit Riesenfoto einer Killerzecke dann die Info, dass die bisherigen Zahlen für das erste Halbjahr noch keine Rückschlüsse zulassen. Bis jetzt seien die bekannten Zahlen an Zecken Infektionen gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr  niedriger als im Vorjahr (214 gegenüber 242). 

Vor ein paar Tagen auf der Fahrt nach Mainz entdecken wir an einer Ampel auf der linken Seite einen Mann, der exakt so aussieht wie Homer Simpson. Der gleiche ei-förmige kahle Kopf, die leicht gebeugt Körperhaltung,  der etwas plumpe Körperbau mit breitem Hinterteil und gewölbtem Bauch. Allerdings: er ist nicht gelb.

120 Jahre ist die Eintracht am 8. März 2019 geworden und Ende Juni wurde der Geburtstag groß gefeiert - das ist dann wohl so ähnlich wie bei Queen Lisabeth, die ja auch im Sommer nachfeiert, weil da das Wetter besser ist. Ich hatte eine Karte - war dann aber doch nicht im Stadion, vielleicht ein Fehler. Aber es war sehr heiß und irgendwie hatte ich keine Lust, am Ende des Abends einem neuen Trikot zuzujubeln. Vielleicht war auch der Traum ausschlaggebend, den ich ein paar Tage vor der Feier hatte und direkt danach aufgeschrieben habe. Ich hatte am Tag vorher mit einem Adlerfreund über das Pro (er) und Contra (ich) von Trikotpräsentationen im allgemeinen und im besonderen (z.B. im  Rahmen einer 120-Jahrfeier) diskutiert. Danach hatte ich folgenden Traum.

Ich befinde mich bei der 120 Jahrfeier im Waldstadion.  Durch einen Zufall sitze ich im Stadion - huch - direkt neben Fredi Bobic, der sehr redselig und charmant ist.  Merkwürdigerweise sind unsere Plätze mit Blickrichtung aus dem Stadion hinaus,  aber immer wenn ein neuer Programmpunkt kommt drehen sich die Sitze und wir fahren wie auf Schienen ums Stadion herum. Dabei sehe ich, dass die Ränge nur zu einem Drittel gefüllt sind. Die Veranstaltung ist fast beendet und ich will gehen, fast hätte ich vergessen, mir das neue Trikot anzuschauen. Ich drehe mich um und sehe auf dem Platz zwei Menschen mit schwarzen Shirts und ausgebreiteten Armen, damit man die großen weiten Fledermausärmel gut sehen kann. Ich bin entsetzt und springe auf. "Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht", rufe ich laut in Richtung Bobic. "Es geht dir nur ums Geld. Mit diesen Trikots kann man ja gar keinen Fußball spielen."

Am Morgen nach dem Traum habe ich mich wirklich fast gefürchtet, die echten Trikots zu sehen. Und ich verspreche, dass ich mich ernsthaft darum bemühe, meine Bobic-Skepsis besser unter Kontrolle zu bekommen. Ist ja fast schon peinlich.

Am Tag nach der 120 Jahrfeier feiern wir bei über 40 Grad im kleinen Kreis und ich werde - yeah! - als Vize-Meister unserer Rheinhessenliga geehrt. Seit mehr als 25 Jahren gibt es unsere Managerliga jetzt schon und mit der neu erstarkten Eintracht strahlt auch der - zwischendurch etwas sinkende -  Stern von Turbokuh Selzen (meine Mannschaft, die aus bekannten Gründen immer recht eintracht-lastig zusammengestellt ist), wieder heller. Letztes Jahr war ich Dritter, dieses Jahr deutlicher Zweiter - bin wildentschlossen, meinen Höhenflug im nächsten Jahr fortzuführen und noch etwas drauf zu setzen.

War letztes Jahr bei vielen Menschen noch Urlaub möglichst weit weg angesagt, sind es in diesem Jahr im Sinne der neuen Nachhaltigkeit eher Reisen in die nähere Umgebung.  Der GAU: Jemand erzählt beim Metzger, dass die Familie eine Reise nach Neuseeland, inklusive Kreuzfahrt plant. Nicht genug damit: unter den missbilligenden Blicken seiner Miteinkaufenden verlangt er zum Verstauen seines Wurstpakets nach einer Plastiktüte. Er verlässt den Laden und zündet sich eine Zigarette an. Mütter nehmen ihre Kinder fester an die Hand, ältere Menschen weichen erschrocken zurück. Was ist das bloß für ein Mensch? 

Noch vor zwei Jahren war es zumindest hier in Mainz noch einfacher seine Mitmenschen zu erschrecken: Einfach mit einem Eintracht-Trikot durch die Stadt laufen.

Apropos Mainz und apropos "laufen" - heute ist es soweit: Bob Dylan macht einmal mehr Station in Mainz und wir werden dann also demnächst in Richtung Volkspark moven  und dem Song and Dance Man dann auch noch ein Stück weiter in Richtung Erfurt folgen.

Guter Anlass, um noch einmal den Faden der Überschrift dieses Eintrags  aufzugreifen:

"Everybody moving, if they ain't already there.
Everybody got to move somewhere.
(...)
Only one thing I did wrong
stayed in Mississippi a day too long." *

Eine Aussage, die ein Eintracht-Spieler im Jahr 2019 so sicher nicht machen kann.

PS: Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag, lieber Jürgen Grabowski.

*Bob Dylan, Mississippi (lyrics)

Kommentare:

  1. Sachen wie grassierender Bobiophobie treten wir, liebe Kerstin, kalt lächelnd mit dem Wörtchen "gefühlt" entgegen. Überhaupt, das ultimative Vademecum. Zecken, Sturm-Baby Jovelic (C Enkhaamer), der Wursteinkäufer - gefühlt ... (Zutreffendes bitte einfügen).

    Natürlich gibts auch, was hammerhart Fakt ist. Grabi, his Bobness, Deine Vize-Meisterschaft (chapeau!). Oder sollte am Ende gar ...?! Nein, das wäre allzu hart. Die Welt als Wille und Vorfühlung - das ginge eben gerade noch so.

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    1. Um nochmal Bob aus einem meiner Lieblingslieder zu zitieren: "it's all just a dream, babe/ a vacuum, a scheme, babe/that sucks you into feeling like this." Und ohnehin: "I don't know if I am really real." Für Wurstkäufer, Zecken und Sturm-Baby (fein!) würde ich meine Hand ggf. nur bedingt ins Feuer legen, auf meinen Vizemeister-titel bestehe ich jedoch mit Nachdruck. Die Medaille hängt hier neben meinem Schreibtisch.

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  2. Oh, gerade fällt mir auf: auch Bobic ist ein Bob! Das könnte eine dramatische Wende geben.

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    1. Da sprichst du etwas an. Oops. Würde Bob bei der Eintracht spielen, wäre er zweifelsfrei ein Bobic. Das muss ich erstmal verdauen und intensiv darüber nachdenken. ;)

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  3. Ich war in Braunschweig, es hat mir sehr gefallen. Er singt jetzt wirklich in den letzten Strophen von "Tryin´ to Get to Heaven",
    ..I tried to get to Heaven, but they closed the door. Fand ich bewegend.
    Bei "Simple Twist of Fate" kam am Ende schelmisch: I had a date ... that couldn´t wait... that was another Twist of Fate.
    Viel Spaß in Erfurt.

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  4. But they have closed the door.. Mein Mit-Adler hat es auch in Mainz so gehört und uns geht es wie dir: das ist sehr berührend. Auch das Konzert in Mainz war wunderbar, rockig, folkig, bluesig, zart, auch wenn ich zunehmend von der merkwürdigen Atmosphäre der Konzerte abstrahieren muss - eine Art Theaterpublikum, das angemessen freundlich applaudiert und sich kaum regt. Auch deiner simple twist of fate-Beobachtung kann ich nur beipflichten. Mir scheint, dass ein leicht selbstironischer, sanft resignierter Faden sich durch die aktuelle setlist zieht.

    Vorhin hab ich einen richtig schönen Review des Konzerts in Hamburg gelesen. Bemerkenswert, weil er offensichtlich von einem noch recht jungen Journalisten stammt, der zum ersten Mal bei einem Bob-Konzert war und sehr unbefangen und "fresh", trotzdem sachkundig darüber schreibt. Ich verlink das hier einfach mal: http://www.testspiel.de/bob-dylan-in-der-barclaycard-arena-hamburg-handys-weg-und-keine-angst-for-his-bobness/353504

    Freu mich auf Erfurt und werde berichten.

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    1. Mainz war großartig, Erfurt war besser - in der Halle noch intensiver und kraftvoller als beim Open air. Statt don't think twice dieses Mal die puristische Version von "girl from the north country", zum weinen schön, auch wenn wir auf "boots of Spanish leather" gehofft hatten, das wir noch nie live gehört haben. In der Halle Unmengen von security, die auch einzelne "Fotografen" rausgefischt haben, aber insgesamt finden, glaub ich, es immer mehr Leute auch cool, dass nicht dauernd Handys hochgehalten werden. Jede Zeit kämpft ihre eigenen Kämpfe.

      Neben den vielen zarten, anrührenden Momenten freu ich mich in diesem Jahr besonders über die vielen rockigen Elemente (umso doofer, dass komplett bestuhlt ist...) Das geht richtig ab, die Band ist dermaßen gut. "Gotta serve somebody" hatte ich bisher nie so richtig auf dem Schirm - wow, hebt richtig ab.

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  5. Freut mich, Stuttgart wird auch sehr gelobt. In Braunschweig konnten wir wenigstens zum letzten Zugabensong vor zur Bühne, die Halle stand da ohnehin schon. Mein kurzer Konzertsommer ist vorbei, jetzt ist der Weg frei für schöne Fußballspiele!

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