Donnerstag, 7. März 2019

Incredibile

"Wie fühlt sich das an?" so lautete während der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Inter eine Frage an Martin Hinteregger;  "Eben noch in Augsburg - jetzt in der Europaleague gegen Inter Mailand...." Schon ein bisschen unwirklich, befand Hinteregger und wir alle könnten auf diese Frage vermutlich die gleiche Antwort geben. "Ein bisschen unwirklich - aber genial." Certo.

Ich liebe die zwei-sprachigen Eurocup-PKs. International und gleichzeitig eine putzige Mischung aus "Offizialität" und "Wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben-Laissez faire".  Wichtig: Die fremdsprachigen Statements müssen grundsätzlich mindestens doppelt so lang ausfallen wie das deutsche Original, alle lauschen interessiert und machen möglichst kluge Gesichter (Adi Hütter nach einer besonders ausschweifend anmutenden Übersetzung seiner Antwort. "Vielleicht sind ja damit auch bereits alle weiteren Fragen beantwortet?"). Und auf dem Podium sitzt dann  neben dem mild-nachsichtig und geduldig lächelnden Trainer immer auch ein leicht verlegen grinsender Spielervertreter (gestern Martin Hinteregger, im Stil eines braven Schuljungen). Das ist wunderbar.

Was erwartet uns heute? Things have changed, trotzdem denke ich bei Italien und Inter zuerst an Defensivkünstler und Catenaccio. Aber den gibt es ja zum Glück nicht mehr, stattdessen beschreibt Hütter die Milanesen als defensiv-, aber durchaus auch offensivstark, und das auch ohne den suspendierten Kapitän Mauro Icardi, dessen Geschichte an Bernd Schuster oder Raffael van der Vaart erinnert. Gaby heißt jetzt Wanda. O glückliche Eintracht, die du ganz ohne solches Gedöns auskommst. Die Wahrheit ist ja sowieso en campo.

Dieses Inter steht in der Serie A derzeit auf Platz 4 und fightet mehr oder weniger erfolgreich darum, den Anschluss nach oben zu halten. In der Champions League war in der Gruppe mit Barca und Tottenham nach der Gruppenphase Schluss. Für mich schwer einzuschätzen, ob sie Lust darauf haben, stattdessen im Europacup etwas zu holen? Der letzte europäische Titel von Inter ist (das hatte ich gar nicht mehr so auf dem Schirm)  noch gar nicht so lange her. In der Saison 2009/10 besiegten sie (damals mit José Mourinho als Trainer) im Finale Bayern München mit 2:0 und holten im gleichen Jahr das italienische Triple. Nicht schlecht.

Wie geht es mir bei alledem? Ich bin seit Tagen in einer Art Ausnahmezustand, den ich - zumindest bis heute  versucht habe, im Zaum zu halten.  Die Eintracht gegen Inter Mailand. Das ist so groß, das ich es mich kaum zu denken traue. Mit  viel Arbeit und einem bisschen Helau - alles immer mit Eintracht-Schal um den Hals, auch nachts im Bett - bin ich durch die letzten Tage gekommen.Neben meinem Schreibtisch habe ich den Europacup-Pappaufsteller platziert, der seit über 10 Jahren in unserem Meetingraum an der Wand lehnt. Er war in der UEFA-Cup Saison 2006/07 Teil einer Choreo (gegen Palermo? Oder Newcastle) und ich habe ihn mit nach Hause genommen und aufbewahrt.

Heute Nacht habe ich kaum geschlafen, aber dafür schon gestern Nacht vom Spiel geträumt.  Ich träumte, dass ich überraschend eine Karte für das Rückspiel in San Siro im Briefkasten gefunden habe und es dann keine Frage war, dass ich  mit nach Mailand fahre. Im  riesigen Stadion, das in mehrere Sektionen unterteilt war,  saß ich dann in einem etwas abgelegenen Block zwischen lauter Menschen, die ich kannte, aber seit langen Zeiten nicht mehr gesehen hatte - Schulfreunde, ehemalige Kunden und Geschäftspartner, Nachbarn.  (Leider konnte ich meinen verstorbenen Vater nicht entdecken, dabei hätte der sich sicher ganz besonders über einen Platz gefreut). Nachdem ich in alle Richtungen gegrüßt und hallo gesagt habe, werfe ich das erste Mal einen Blick auf das Spielfeld und  stutze: Da sind keine Spieler, stattdessen lange Reihen von weiß eingedeckten Tischen. Schlagartig fällt mir ein, was das bedeutet: Es ist angerichtet.

Eintracht Frankfurt gegen Internazionale Milano. Doch, wir können sie packen, wir werden sie packen -bleibt uns ja gar nix anderes übrig, wenn wir nach Baku wollen.

Dawei dawei,  avanti, avanti - Stadtwald, ich komme!

Kommentare:

  1. In der ersten Hälfte hatten wir Glück und Kevin, daas wir nicht hinten gelegen haben. In der zweiten müssen wir ein Tor machen ind einen Elfer bekommen. Am Ende dieses Mal kein rauschendes Fußballfest, aber unterm strich ein starkes gegen einen richtig starken Gegner, den ich (my god wir reden von Inter Mailand, was sag ich da) nicht so stark erwartet hätte.

    Als der elfmezerpfiff in der ersten Halbzeit kam, dachte ich: Wenn der jetzt drin ist, kann das schon der Moment sein, an dem Alles vorbei ist und an den wir uns später erinnern. Er war nicht drin und der Jubel unbeschreiblich (fühlte sich an wie ein Tor für uns). Alles offen, alles drin für Mailand. Aber leicht wird das nicht. Inter ist definitiv unser bisher stärkster Gegner und extrem abgezockt.

    Ansonsten: Herzlichen Glückwunsch zum 120.Geburtstag, liebe Eintracht. Sind gar nicht so wenige Jahre davon, die wir gemeinsam verbracht haben...

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  2. Die erste Halbzeit war besorgniserregend. Da war die Präsenz der Exkursionsmilanesen derart erdrückend, dass die Unsrigen beständig in Verlegenheit sich befanden und forced errors serienweise produzierten. Ob's zusätzlich auch noch an der Nervosität gelegen hat, mer waaß es net.

    War jedenfalls äußerst gespannt, ob Hütter die nötigen Stellschrauben finden würde, um das Team verbessert in die zweite Halbzeit zu schicken. Kurz gesagt: er hat sie gefunden, aber hallo. Irgendwie war auf einmal die Raumaufteilung so, und auch die Intensität beim Draufgehen, dass die Eintracht Zugriff auf's Geschehen bekam. Und das höchst eindrucksvoll. Liefen in HZ1 bei Gegenstößen locker mal so eben 5, 6 oder 7 Interisti (?) aufs Frankfurter Tor zu - und die hatten mit Skriniar, Brozovic und Perisic wirkliche fußballerische Schwergewichte auf dem Platz - , so waren es nun über weite Phasen hinweg 2 oder 3, die sich vorwagten. Mit dem Ergebnis, dass Trapp in der zweiten Spielhälfte keinen einzigen Ball auf sein Tor bekam.

    Klar, ein Tor hätten wir schließlich machen können, sogar müssen (Hinteregger!, Jovic). Aber auch so ist die Ausgangslage für's Rückspiel so übel nicht. Ein frühes Tor, und der Rest ist Popkorn. Okay, vielleicht nicht ganz. Aber fast. Inter hat zwei Stammspieler gesperrt, bei den Adlern flattert vielleicht schon wieder Rebic auf. Mal schauen. Wir wissen jedenfalls nach gestern: da könnte was gehen.



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    1. P.S. Fand übrigens Donezk keinesfalls schwächer als Inter.

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  3. rotundschwarz9. März 2019 um 20:58
    Deiner Einschätzung des Spielverlaufs (Danke!) stimme ich weitgehend zu, fand jedoch die erste Halbzeit weniger desaströs und die zweite etwas weniger überzeugend als du. Die Löcher in der ersten Hälfte waren erschreckend. Da hat bei uns wenig zusammengepasst, auch die sonst vorhandene Power hat gefehlt. Inter sehr straight, sehr kraftvoll, technisch sehr sauber, auch im 1 gegen 1 - da sahen wir manchmal nicht gut aus. Ich finde, wir haben zwar eher tief, aber unorganisiert gestanden in der ersten Hälfte, und wenn dann unsauber gespielt wird, Ballverluste dazu kommen, dann brennt es ganz fix vor dem eigenen Tor. Den Führungstreffer, wäre der Elfer denn drin gewesen, hätten wir bei diesem Spielverlauf am diesem Abend schwer kompensieren können. Obwohl - bei uns weiß man ja nie :)

    Auch ich hab in der Halbzeit überlegt, ob Adi es wohl richten wird. Das ist schon erstaunlich wie er immer genau am richtigen Punkt ansetzt. Trotz der vielen Chancen, die wir dann hatten, standen aber auch die Italiener nach wie vor hinten sehr stabil. Ja, Donezk war stark, Mailand aus meiner Sicht trotzdem ein ganzes Stück stärker. Mehr überdurchschnittlich gute Einzelspieler und als Team körperlich noch präsenter. Was den Ausschlag für uns geben kann: sie wirken auf mich leicht überheblich, so, als wären sie sicher, dass sie sich gegen uns durchsetzen werden.

    Was sich immer wieder bestätigt: Rode und Hinteregger sind in dieser kurzen Zeit unentbehrlich geworden, nicht mehr wegzudenken. Das ist eigentlich ein bisschen erschreckend - was, wenn sie nicht geholt worden wären (und bei Hinteregger war es ja doch eher überraschend und ungeplant). Rebic hat gefehlt, mehr als mir das vorher klar war, mit seinem Ungestüm und seiner Wucht und Eigenwilligkeit ist er halt doch derjenige, der noch und nochmal einen draufsetzen und die anderen mitziehen kann. Kostic in der ersten Hälfte, Haller während des ganzen Spiels nicht richtig auf dem Platz. Und ewig schade, dass Gacinovic, der wuselt und rennt und macht, sich am Ende immer wieder verhaspelt und Bälle verliert. Der könnte so gut sein, wenn, ja, wenn. Wer niemals nicht ausfallen darf, ist unser Hase B. Das Thema hatten wir ja schon öfter. Was der alles rausreißt, grad noch dazwischenfährt, immer aufmerksam, immer konzentriert. (Was ich nicht verstehe: warum ist er im Moment so dünnhäutig....?)

    Da könnte was gehen. Da wird was gehen. Wenn Inter ins Viertelfinale will, wir wollen es mehr. Und das kann am Ende den Unterschied ausmachen.

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  4. Ich übertreibe. Immer.

    Physische Präsenz, Inter: ja. Donezk hingegen hat mit seinen Ukraino-Brasilianern phasenweise ein Kombinationsspiel aufgezogen, das mir als Eintrachisto fast schon furchterregend schien. Bin auch jetzt für das Rückspiel in San Siro optimistischer als ich es vor dem Heimspiel gegen Donezk war (dessen Ergebnis die Kräfteverhältnisse auch ein wenig verzerrt widerspiegelt). Klar, der schiere Wille reisst so manches. Und auch mir scheint: wir wollen es stärker als Mailand.

    Wenn ich mir bei Inter einen Spieler für die Eintracht raussuchen dürfte, es wäre Milan Skriniar. Ein traumwandlerisch sicherer Innenverteidiger mit einem technischen Vermögen und einer Übersicht im Spielaufbau - einfach sagenhaft.



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    1. Auf Skrinjar werde ich am Donnerstag auf jeden Fall mal besonders achten - muss gestehen, dass er mir im Stadion nicht so sehr ins Auge gestochen ist (aber das kann an der allgemein hüpf-/Fähnchen wedel-Situation gelegen haben.

      Mein Optimismus für Donnerstag ist so groß, dass ich mich grad selbst irgendwie ein bisschen einfangen muss. Die Adlerwelle Richtung Mailand rollt auch bereits....

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  5. Habt ihr ihn einfach weggewedelt, den Skriniar : - ) Ja, ich krieg grad auch Nachrichten von Eintrachtlern zu Zug und zu Flieger - alle wohlauf und voller Zuversicht. Da schließ ich mich einfach mal an.

    Komisch: ich kann mir zwar durchaus theoretisch vorstellen, dass Inter heut (!) gewinnt. Aber keinesfalls, dass wir heut (!) verlieren. Riecht mithin nach einem knappen Sieg für die Adler. Wer sonst soll die Bundesliga im internationalen Bewerb repräsentieren? Sehe niemanden.

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